Frau, Mann oder keins von beidem

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forum befragte vier intersexuelle Menschen über den Umgang mit ihrem Körper, ihr Selbstverständnis und ihre Forderungen auf juristischer und gesellschaftlicher Ebene

Können Sie die Erfahrung schildern, als Sie sich zum ersten Mal bewusst wurden, dass Ihr biologisches Geschlecht nicht in die binäre Aufteilung Frau/Mann passt? Wann war das in Ihrem Leben?

A: Das Gefühl anders zu sein als andere Mädchen war sehr früh vorhanden, auch wenn ich dafür keine Erklärung hatte. Je älter ich wurde, umso mehr kam meine männliche Seite zum Vorschein, obwohl meine Erziehung gnadenlos weiblich war. Damals, wie auch noch zum Teil heute, gab es die Vorstellung, dass Geschlechtsidentität durch Erziehung geformt werden kann und Kleinkinder „Neutren“ sind.

B: Im Verlauf meines fünften Lebensjahres etwa, wurde mir klar, dass wohl etwas anders ist. Dies wurde durch das etwas verheimlichende Verhalten meiner Eltern deutlich und dadurch, dass das Rollenverhalten meiner Geschwister toleranter bemessen wurde. Evidente körperliche Unterschiede waren in der Grundschule noch kein Thema. Ab dem 12./13. Lebensjahr wurden Unterschiede sichtbarer und mit dem 16./17. Lebensjahr waren die Unterschiede im Verhältnis zu den Mitschüler_Innen/Freund_Innen auffällig. Doch bereits ab dem 14. Lebensjahr habe ich bei längeren Schulausflügen mit Übernachtungen oder nach dem Sportunterricht das gemeinsame Duschen vermieden.

D: Ich selbst erlebe mein Sein nicht so, dass ich nicht ins binäre Geschlechtersystem passe.

Welche Erklärungen gab man Ihnen, um beispielsweise medizinische Behandlungen zu begründen?

A: Ein großer Teil der OPs wurden schon im Kleinkindalter durchgeführt, so dass ich keine direkte Erklärung bekommen habe. Später wurde auf Nachfrage wegen der Narben nur gesagt, dass die Eingriffe nötig waren, weil ich unter Leistenbrüchen litt. Um die Hormonbehandlungen zu begründen, hieß es, dass eine Unterfunktion der Keimdrüsen bestehe und dies für meine Gesundheit wichtig sei. Die OPs als Teenager wurden auch mit schleierhaften Begründungen durchgeführt. Ich habe diesen vertraut. Ich muss dazu sagen, dass ich damals ein „Gottvertrauen“ in die Ärzte und meine Mutter hatte.

B: Meine Großeltern haben mich schützen können. Der Ausspruch einer Großmutter, dass sich „das noch auswachsen könne und es auch dieses schon in der Familie gegeben habe“, reichte zumindest aus, um die Eltern von weiteren Handlungen abzuhalten.

Die Sorge um etwaige „Entartungsrisiken“ trieb mich in Fünfjahresabständen zu Untersuchungen. Man las soviel davon; es gab keine andere, weniger pathologisierende Literatur. Die erste Untersuchung endete mit großen runden Augen und dem Hinweis auf weitere Untersuchungen, die nötig wären. Die zweite Untersuchung endete in einem Fiasco. Ich wollte eine Chromosomenanalyse und ein Screening der inneren/äusseren Organe plus Laparoskopie nicht machen lassen. Eine eingewilligte Laparoskopie hätte die Entnahme von Organteilen oder Organen zur Folge haben können. Worauf dem Arzt nach einem Moment des Schweigens herausrutschte: „Wir wollen ‚es‘ ja nicht auch noch züchten…“ Dieser augenscheinliche Verweis in Richtung Eugenik

„Ein Hineinwachsen in das vorgegebene Geschlecht war nicht möglich. Ich wurde nicht als dieses wahrgenommen und empfand mich auch nicht unbedingt so.“

Screenshot aus dem Dokumentarfilm Orchids: My Intersex Adventure / © hartflicker Moving Pictures

hatte einen zehnjährigen Abbruch weiterer Untersuchungen zur Folge.

Wie empfanden Sie das Hineinwachsen in das Ihnen vorgegebene Geschlecht? Was hat sich im Erwachsenenalter geändert?

A: Trotz strenger weiblicher Erziehung (Spielzeug, Bekleidung, Mädchenschule, usw.) bin ich in dem Sinne niemals hineingewachsen und bin meinen eigenen Weg gegangen, auch wenn dies viel Stress mit der Familie und meinem sozialem Umfeld verursacht hat. Diskriminierungen wegen meines Auftretens und meiner sexuellen Orientierung waren an der Tagesordnung. Direkte Konsequenzen waren depressive Phasen, die auch mit Selbstmordgedanken verbunden waren. Das Vertrauen in die Ärzteschaft ist bis heute gestört. Meiner Mutter jedoch habe ich verziehen, weil ich heute weiß, das Sie nur auf Anordnung gehandelt hat und dies inzwischen bereut.

B: Ein Hineinwachsen in das vorgegebene Geschlecht war nicht möglich. Ich wurde nicht als dieses wahrgenommen und empfand mich auch nicht unbedingt so. Erst spätere Hinweise auf Osteoporoseprobleme u. a. und spätere berufliche wie juristische Probleme in Bezug auf den ursprünglichen Geschlechtseintrag hatten zur Folge, dass ich mich der Thematik noch einmal intensiv stellen musste. In der Zwischenzeit hatte sich die Umgehensweise verbessert und ich hatte umfassendere Kenntnisse, so dass differenziertere Entscheidungen möglich waren. Ich suchte Ärzte bewusst aus und konnte

differenziert mit „Ratschlägen“ umgehen bzw. auf gewisse Empfehlungen wie Gonadektomie und anderen Operationen persönlich wie naturwissenschaftlich fundierter reagieren. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich für eine Hormonsubstitution entschieden, die sich rundheraus als gut und richtig erwies. Den ursprünglichen Geschlechtseintrag habe ich ändern lassen. Dies war dann, nach den vielen vormaligen, persönlichen und beruflichen Auseinandersetzungen (inklusive Mobbing und Gewalterfahrungen) auch der richtige Weg und eine Erleichterung.

C: Je ne me retrouve pas dans les définitions binaires stéréotypées du sexe. Souvent les soi-disant spécialistes du corps médical confondent les parties génitales (aussi dites « sexe ») avec les identités de genres et les orientations sexuelles. C’est pourquoi, j’ai eu le besoin de créer une association pour expliquer au grand public ainsi qu’aux médecins ces différentes notions.

Welche gesundheitlichen Folgen haben bei Ihnen die medizinischen Behandlungen?

A: Die Folgen sind vielfältig. Die weibliche Hormonbehandlung hatte viele Nebenwirkungen: Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen, Gewichtszunahme mit Wassereinlagerung, Libidoverlust … Deshalb habe ich diese nach ein paar Jahren abgebrochen. Es ging mir daraufhin besser. Mir war damals nicht bewusst, dass Spätfolgen wie Osteoporose möglich sind. Dies wurde mir erst klar durch

Screenshot aus dem Dokumentarfilm Orchids: My Intersex Adventure / © hartflicker Moving Pictures

Berichte, die ich im Internet gefunden hatte. Also habe ich versucht, eine alternative Behandlung mit Testosteron zu bekommen, was mir zunächst verwehrt wurde und ich musste mich deshalb auf dem „Schwarzmarkt“ bedienen. Heute geht es mir viel besser, und sogar der Arzt ist vom Erfolg beeindruckt und verschreibt mir Testosteron. Von den OPs sind natürlich noch Narben da. Doch das größere Problem ist die sensitive Empfindung der äußeren Geschlechtsorgane die durch wiederholte Operationen an Sensibilität verloren haben. Deshalb ist das Geschlechtsleben stark eingeschränkt. Psychische Probleme wie Minderwertigkeitsgefühle, Esssucht und das Risiko, dem Alkohol zu verfallen, sind die Folge.

B. Da die „Hormonbehandlungen“ dann letztendlich aus einem informed choice heraus stattfanden und zu meinem sonstigen Selbst sowie erotischer Orientierung passten, waren sie in diesem Sinne – und nur deswegen – positiv.

D: In Berlin habe ich oft Probleme, meine Hormone zu bekommen. Die Apotheken wundern sich immer, dass eine gesund aussehende junge Frau Hormone nehmen muss. Die rufen dann manchmal bei meinen Ärzten an. Deswegen habe ich oft Angst in Apotheken zu gehen. Auch das medizinische Personal

habe ich oft als nicht besonders sensibel erlebt. Eher unsicher im Umgang mit mir.

Wie war und ist die Akzeptanz Ihrer Intersexualität in Ihrer Familie, Ihrem Freundeskreis und Ihrem Arbeitsumfeld?

A: In der engen Familie wird sie akzeptiert, auch wenn sie nicht thematisiert wird. Freunde sind da offener und auch interessiert, mehr zu erfahren. Nur wenige haben sich abgewandt und ich bin überzeugt, dass dies auch durch meine Offenheit bedingt ist. Im Arbeitsumfeld wissen nur Personen Bescheid mit denen ich auch privat befreundet bin, und die Anderen halten mich eher für eine Hardcore Lesbe bzw. Trans*.

B: Meine Familie hat mit meiner Intersexualität nicht umgehen können. Der Kontakt ist letztendlich abgebrochen. Dies nehme ich als Erleichterung wahr. Im aufgeschlossenen, kreativ und akademisch orientierten Freundeskreis gab es kein Konfliktpotential. Die maßgeblichen Probleme im Arbeitsumfeld haben sich mit selbst gewählter Hormonsubstitution plus der früheren Nicht-Behandlung und mit der Änderung des ursprünglichen Geschlechtseintrags aufgelöst.

D: Ich bin eine Frau. Ob intersexuell oder transsexuell ist eigentlich nicht wichtig. Es handelt sich um eine sex-determinierte Problematik und nicht um eine gender-determinierte. Trotzdem oder gerade deshalb gibt es strukturelle Probleme. Ich fühle mich an einer Teilnahme an unserer Gesellschaft gehindert. Es ist eine Situation wie die von Frauen in früheren Zeiten.

Wie haben Sie Ihre Beziehungen und Ihre Sexualität erlebt?

A: Dies ist ein schwieriges Thema. Ich fühle mich eher von Frauen angezogen, aber im Umfeld der Lesben stoße ich auf Ablehnung, weil ich ihnen zufolge keine „Frau“ bin, sondern eher männliche Charakterzüge habe.

B: Erste Beziehungen und Sexualität waren trotz allem zunächst relativ unbeschwert möglich. Allerdings stellte sich der ursprüngliche Geschlechtseintrag mit zunehmenden Lebensjahren als großes Hindernis dar. Er passte weder zum gelebten Alltag, noch passte er zur Selbst- und Fremdwahrnehmung und er verursachte auf juristischer Ebene Diskriminierungen. Erst mit der Änderung des ursprünglichen Geschlechtseintrags hat sich dies für mich aufgelöst. Anzumerken wäre hier, dass ich „relativ klassisch“ innerhalb der binären Aufteilung Frau/

Mann körperlich wie persönlich bedingt wechseln konnte. Nur deswegen ist das so. Für viele andere Menschen jedoch, die als intersexuell klassifiziert werden, ist dies nicht unbedingt der Fall. Ihre Situation bleibt unzufriedenstellend und konfliktbeladen, weil ihnen körperlich und erotisch bedingt dieser „einfachere“ Weg weiterhin verschlossen bleibt.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken – welche Lösungen für und welchen Umgang mit Ihrer Situation hätten Sie sich gewünscht?

A: Ich hätte mir gewünscht, frei und ohne Druck aufzuwachsen und natürlich auch über meinen Zustand aufgeklärt worden zu sein. Da medizinisch gesehen kein Behandlungsbedarf bestand, hätte man meine Entwicklung abwarten und mich mit in die Entscheidungen einbeziehen können. Ein schwellenarmer Wechsel des Geschlechtseintrags wäre von großem Vorteil gewesen und hätte einen leichteren Zugang zu geschlechtsspezifischen Behandlungen ermöglicht. Ich möchte diesbezüglich auch betonen, dass nicht allen intersexuellen Menschen Probleme mit ihrer Geschlechtszuweisung haben, aber ALLE bereuen die Art, wie damit umgegangen wurde, und hätten den OPs nicht zugestimmt. Mir ist bewusst, dass das Leben auch damit nicht unbedingt einfach gewesen wäre, wie bei vielen, die der sogenannten „Norm“ nicht entsprechen. Aber es wäre leichter handzuhaben und würde meinem Wunsch entsprechen.

B: Neben der Flexibilisierung der Geschlechtseinträge ohne langwierige Diagnosestellungen, die zumeist auf eine Pathologisierung ausgerichtet sind und Eingriffe begünstigen, sollte es auch möglich sein, einen Geschlechtseintrag zu verwehren. Zudem sollte die Ehe für Lebenspartnerschaften aller erwachsener Menschen, mit denselben Rechten wie auch Pflichten, möglich sein.

C: J’aurais souhaité moins de préjugés et plus d’ouverture de la part des médecins qui ont eu et ont encore une énorme influence sur les parents d’enfants intersexués. Je trouve que certains médecins outrepassent leur rôle en donnant des leçons de morale en proposant des traitements inhumains voire de la torture. Ils doivent se limiter à juger de la vie de l’enfant, un point c’est tout. S’il n’y a pas de danger ni de risque pour l’enfant intersexué, ils ne doivent pas proposer de traitement pour éradiquer l’intersexualité. L’intersexualité fait partie de la diversité de la race humaine et doit le rester.

D: Dass Menschen wie ich integriert werden und als „normal“ erachtet werden. Momentan erlebe ich es eher so, dass es gesellschaftliche Spannungen gibt,

auch in queeren und homosexuellen Kontexten, obwohl ich weder queer noch homosexuell bin, kann es mir passieren, in diesen Kreisen etwas fremdbestimmt interpretiert zu werden. Aber ich bin eine Frau and nothing more. Meine geschlechtliche Situation ist meine Normalität. Ich erlebe mich selbst nicht als krank. Die Gesellschaft geht aber nicht normal mit Menschen wie mir um. Mir ist wichtig zu sagen, dass transsexuelle und intersexuelle Menschen eine sex-determinierte (wie im engl. körpergeschlechtliche)Problematik haben. Ich möchte auch, dass andere verstehen, dass Intersexuelle von Transgendern differenziert werden müssen. Im Weiteren muss man dann jeden Einzelfall sehen. Eben diese Leute mit sex-determinierten Problematiken haben keine Gruppenspezifik. Das macht sie auch so anfällig für Fremdbestimmung durch LGBT, queers usw. LGBT ist immer transgender und schwullesbisch interpretiert. Queer ist auch gender-spezifisch und eher LGBT konnotiert. Auch die meisten Sexualforscher sind lesbischschwul mit einer Gender-Problematik und interpretieren sex-determinierte Problematiken nur durch ihre Genderbrille, weil sie nichts anderes kennen und verstehen. Ferner müssen wir sex-determinierten Leute verstehen, dass wir eine Art Migrantenproblematik haben, und von der Mehrheitsgesellschaft nicht verstanden werden, auch wenn sie es verstehen wollen. Und Betroffene verstehen es ja oft selbst auch nicht. ♦

A: Kris Günther (56 Jahre jung) aus Belgien, Zeitungsdrucker, Intersex-Aktivist bei Genres Pluriels und InterTransgender Luxemburg. Kontakt: kris@genrespluriels.be

B: Person B lebt in Deutschland und arbeitet als Naturwissenschaftler. Sie ist außerdem Gründungsmitglied von EIA (European Intersex Association).

C: Claude X (41 Jahre) aus Belgien, Informatiker.

D: Person D lebt in Berlin.

Das Interview wurde per E-mail geführt. Der Schwerpunkt wurde durch die Hilfe von Erik Schneider, Luc Heuschling und Kris Günther ermöglicht. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt!

„Ich hätte mir gewünscht, frei und ohne Druck aufzuwachsen und natürlich auch über meinen Zustand aufgeklärt worden sein.“

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