Glück und Kritikfähigkeit

Einige Gedanken zu unserem Umgang mit Kritik

Das Phänomen, um das es hier gehen soll, können wir überall beobachten: in den Parlamenten und in den Talk-Shows, auf wissenschaftlichen Konferenzen und in Kneipen, am Familientisch und auf der Straße. Da, wo denkende Menschen mit spezifischen Standpunkten und Weltbildern zusammenkommen, ist die Auseinandersetzung vorprogrammiert. Und das ist gut. Einigkeit, ob authentisch oder vorgespielt, herrscht nur in autoritären Systemen, dort, wo Abweichung von einer politisch vorgeschriebenen Haltung mit Angst behaftet ist und mit Strafe geahndet wird. In Demokratien ist die Auseinandersetzung die Bedingung der Möglichkeit des Fortschritts. Debatte gehört zur Demokratie wie Gewaltenteilung, unabhängige Presse und Meinungsfreiheit. Das Phänomen, um das es hier gehen soll, ist die ubiquitäre Kritikunfähigkeit von Politiker*innen und Personen des öffentlichen Lebens, von Akademiker*innen und Kneipenbesucher*innen, von unseren Familienangehörigen und Mitbürger*innen, es ist die fehlende Kritikfähigkeit von uns allen. Die Hypothese, die im Folgenden begründet werden soll, lautet: Wir alle wären glücklicher, wenn wir mehr Kritik zulassen könnten, Kritik von anderen und auch Selbstkritik. Wenn wir stärker zweifeln würden, auch an fest etablierten Gewissheiten, mit denen wir seit Jahren die Welt wahrnehmen. Eine solche Haltung des Selbstzweifels könnte nicht nur zu mehr individuellem, sondern auch zu mehr gesellschaftlichem Glück führen.

Ich wage zu behaupten, dass jede*r das Phänomen aus beiden Perspektiven kennt: als Beobachter*in von Personen, die auf ihrem Standpunkt beharren, und als der*diejenige, der*die den Zweifel an der eigenen Position selbst nicht zulässt. Jedem*r Leser*in kommen sicherlich zahlreiche Beispiele in den Sinn. Oft schon gehen wir in eine Auseinandersetzung mit dem festen Vorsatz, nun unsere Meinung durchzuboxen. Wir haben uns im Vorfeld Gedanken über ein Thema gemacht, glauben, zu einem abgesicherten Standpunkt gekommen zu sein – und nun, in der Debatte, kontert ein Gegenüber vom entgegengesetzten Standpunkt aus. Bisweilen verteidigen wir die eigene Position sogar wider besseres Wissen. Wir überlegen uns fiese Zusatzargumente, verbiegen Statistiken zugunsten unserer These, wählen nur die Teile eines Zusammenhangs aus, die unsere Behauptung stützen. Und warum? Um Recht zu behalten. Und zwar aus Prinzip.

Kritik und Strafe

Ende Juli berichteten Jeff Schinker und Sascha Dahm im Tageblatt über organisatorische Probleme beim Rammstein-Konzert auf dem Herchesfeld in Roeser, das vom Atelier organisiert worden war. „Der blitzschnelle Ausverkauf“ der Tickets „verleitete zu Verschwörungstheorien, die Getränkepreise und Warteschlangen zu Frustausbrüchen – und das unendliche Warten auf den Busshuttle wirkte fast wie ein kollektives Beckett-Theaterstück.“1 Und auch auf Facebook brachten zahlreiche Besucher*innen des Konzertes ihren Frust zum Ausdruck. Die Folge der vom Tageblatt vorgebrachten Kritik aber war nicht etwa eine öffentliche Antwort des Atelier-Direktors Laurent Loschetter, sondern die stillschweigend vorgenommene Streichung des Tageblatts von der Akkreditierungsliste für Atelier-Konzerte. Die Dünnhäutigkeit, die sich hinter dieser Reaktion verbirgt, ist erschreckend. Noch erschreckender ist es, dass das Atelier, anstatt aus der Kritik zu lernen und deutlich zu machen, in Zukunft eine bessere Organisation zu gewährleisten, bockig zu einer Strafaktion greift, die denjenigen, der einen Missstand aufdeckt, zurechtweisen soll. Das Atelier hat deutlich gemacht, dass es unter keinem Umstand dazu bereit ist, mögliche Fehler einzusehen und einzugestehen.

Indes, wer durch die Welt geht und immer davon ausgeht, Recht zu haben, muss zwangsläufig unglücklich werden. Der Grund: Wir stoßen mit unseren Äußerungen immer wieder an Grenzen, kommen nicht weiter, fühlen uns missverstanden. Wir können dann am Abend meckern über die vielen inkompetenten, dummen Menschen, die uns während des Tages begegnen, lösen aber die Probleme nicht. Wir alle könnten glücklicher sein, wenn wir den Gedanken zuließen, falsch zu liegen. Individuell glücklicher, weil wir nicht immer Diskussionen führen würden, die bloß im Streit enden, gesellschaftlich glücklicher, weil sich vielleicht mal etwas bewegen würde, wenn jemand nachgibt oder öffentlich einen Fehler einsieht.

Politik als Schauspiel

In der Politik ist das Phänomen der Rechthaberei besonders auffällig. Zugegebenermaßen, und das ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung, gelten dort spezifische Regeln: Sie heißen Parteiräson und Inszenierung. Wenn es Leute gibt, die gegen den Parteikonsens verstoßen (in Deutschland etwa Friedrich Merz oder Kevin Kühnert), reagiert die Partei extrem empfindlich. Was schade ist, da man Vorstöße von eigenständig denkenden Parteikolleg*innen ja auch als wertvolle Anregung raus aus der Routine betrachten könnte. Die andere Regel: die Inszenierung. Dass Politik ein Schauspiel ist, haben viele kluge Historiker*innen, Soziolog*innen und Politolog*innen nachgewiesen. Aus dieser Perspektive wird das Parlament zur Bühne, die Abgeordneten zu Schauspieler*innen und die echten Entscheidungen werden in den Hinterzimmern ausgehandelt.

Indes, wäre es nicht auch erfrischend, wenn mal jemand in einer politischen Debatte sagen würde: „Oh, ja, da haben Sie aber einen interessanten Punkt angesprochen, lassen Sie mich kurz nachdenken. (Pause) Ja, doch, da muss ich Ihnen Recht geben, da habe ich mich wohl verrannt. Es war wohl die Parteiräson, die mich dies und das hat behaupten lassen. Aber eigentlich ist ihr Argument sehr zutreffend. Es war wohl mein Wunsch, Recht zu haben, es war wohl meine Rolle in diesem Schauspiel, aber nicht das bessere Argument, das mich hat auf meinem Standpunkt beharren lassen.“ So eine Stellungnahme in Bezug auf die luxemburgische Teilnahme an der Expo 2020 in Dubai zu hören, um nur ein Beispiel zu nennen, wäre ein Traum. Und ein Traum wird es wohl bleiben. Es ist ja nicht so, dass nicht bekannt wäre, wie die Menschenrechtssituation dort aussieht. Amnesty International und Human Rights Watch erinnern uns in ihren Berichten jährlich daran. Meinungs- und Versammlungsfreiheit werden in den Vereinigten Arabischen Emiraten massiv eingeschränkt, die Situation der Wanderarbeiter ist skandalös und häus­liche Gewalt gegen Frauen ist erlaubt. Ein Ehemann entscheidet über das Schicksal seiner Frau, kann sie vergewaltigen, wann und wie es ihm gerade passt. Das Anti-Diskriminierungsgesetz berücksichtigt Diskriminierung aufgrund von „sex“ oder „gender“ nicht.2 Maggy Nagel, verantwortlich für den luxemburgischen Pavillon auf der Expo 2020 in Dubai, wird all dies wissen. Aber anstatt sich ernsthaft mit der Kritik an der Menschenrechtssituation in den Vereinigten Arabischen Emiraten auseinanderzusetzen, stellt sie die Ohren auf Durchzug und sagt im Interview mit dem Luxemburger Wort: „Zuweilen haben wir aber ein falsches Bild oder verwechseln die Emirate mit anderen Ländern, denn viele Frauen in dem Land sind in führenden Positionen“.3 Vielleicht verwechselt auch nur Maggy Nagel die Vereinigten Arabischen Emirate mit Schweden? Wie anders ist zu erklären, dass sie und die Regierung stoisch an der luxemburgischen Beteiligung an dieser zynischen Veranstaltung festhalten? Nun, das luxemburgische Kollektiv Richtung22 hat einen Erklärungsansatz präsentiert (siehe den Auszug seines rezenten Informationsspektakels ab Seite 59 in diesem Heft). Der Umgang mit Kritik an der Expo ist ein weiteres Beispiel für die Kritikunfähigkeit von Akteuren, die sich aus ihrem Rollenzwang und übergeordneten finanziellen Interessen nicht mit fundierter Kritik auseinandersetzen.

Digitale Debatten

Zurück zum grundlegenden Gedanken: Statt sich gegenseitig festgefahrene Überzeugungen entgegenzuhalten, wäre allerorten offene Debatte wünschenswert, in der jeder Teilnehmende die Möglichkeit des eigenen Irrtums in Betracht zieht. Eine solche Debatte aber braucht Zeit, da Argumente nicht nur ausgetauscht, sondern auch abgewogen werden müssen, weil eben jede*r Zeit benötigt, über die vorgetragene Gegenposition nachzudenken. Und eine solche Debatte ist eben nicht möglich, wenn jede*r seinen Standpunkt in 140 Twitter-Zeichen vorbringt. Der Zusammenhang von Digitalisierung und Debattenkultur wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag. Nur so viel: Ich will nicht sagen, dass die Digitalisierung per se verantwortlich sei für den Verfall unserer Debattenkultur. Auch wenn das Kollektiv #LikeEverything, das in diesem Heft über Facebook und Unglück nachdenkt, das sicherlich so sehen würde. Ich würde eher argumentieren, dass die Art, wie wir mit den zur Verfügung gestellten digitalen Werkzeugen umgehen, häufig echte Debatte verunmöglicht. Stichwort: Die Till-Schweigerisierung der Meinungsäußerung (damit ist die Ersetzung des Arguments durch den massenhaften Gebrauch des Ausrufezeichens gemeint). Und unter der Perspektive, wie wir argumentieren, komplex oder knapp, laut oder bedacht, auf Skandalisierung oder Wahrheitsfindung zielend, erscheint es mir als Demokratieproblem, wenn sich die Kommunikation zwischen Politik und Öffentlichkeit so sehr von der klassischen Pressekonferenz hin zu Twitter verlagert hat. Ein Twitter-Verbot für Politiker*innen könnte helfen (und damit sei explizit nicht nur die Tweeterei eines Donald Trump angesprochen). Komplexe Sachverhalte lassen sich eben nicht auf Twitter darlegen. Punkt. Wer das anders sieht, möge sich bitte melden. Ich muss ja in Betracht ziehen, dass ich mich irre.

Dumm zweifelt nicht

Dass es ein Zeichen für individuelle und gesellschaftliche Intelligenz sein könnte, wenn wir mehr Selbstzweifel zulassen würden, bestätigten übrigens die US-amerikanischen Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger in einem Artikel aus dem Jahr 1999.4 Sie fanden heraus, dass Menschen mit geringeren kognitiven Kompetenzen dazu tendierten, die eigenen Leistungen zu überschätzen. Die Ergebnisse basierten auf Tests in den Bereichen Humor, Grammatik und Logik. Demnach konnten Menschen mit höheren kognitiven Kapazitäten eher den Selbstzweifel zulassen, waren insgesamt kritikfähiger. Dunnings und Krugers These wurde zusätzlich dadurch gestützt, dass die Testpersonen nach spezifischen Trainingseinheiten in den drei Testbereichen den Selbstzweifel viel eher zulassen konnten. Kurz und gut: Diejenigen, die am wenigsten von einem Thema wissen, glauben zumeist am stärksten daran, dass sie Recht haben.

Folgt man diesen Ergebnissen, lassen sich auch die Reaktionen des US-Präsidenten oder die aggressiven Kommentare von Politiker*innen mit klar konturiertem Schwarz-Weiß-Weltbild auf komplexe wissenschaftliche oder journalistische Stellungnahmen erklären: Wer keine Ahnung hat, sondern nur Meinungen, erträgt es nicht, mit Wahrheiten konfrontiert zu werden, die nicht ins eigene Weltbild oder in die eigene politische Agenda passen. Wenn dies gepaart ist mit niedrigen kognitiven Kompetenzen bleibt nur eine Lösung: Dem „Feind“ muss mit Vorwürfen wie dem der „Fake News“ gekontert werden, nicht mit einer sachlichen Auseinandersetzung. Dann verbleibt der Streit auf dem Niveau von Kindergarten-Auseinandersetzungen und der Austausch von Argumenten wird verunmöglicht.

Für eine zivilisierte Streitkultur

Dass eine solche Streitkultur, bei der diejenigen gewinnen, die die größte sozial-mediale Reichweite haben und nicht die mit den besseren Argumenten, abfärben muss auf gesellschaftliche Verkehrsformen im Allgemeinen, ist klar. Allein aus Sorge um unsere Kinder, die in einem politisch-diskursiven Umfeld aufwachsen, das der Ausbildung ihrer Kritikfähigkeit nicht zuträglich sein kann, müssten wir wirklich für eine zivilisiertere Debattenkultur kämpfen. forum hat sich stets als ein Forum verstanden, in dem dies möglich ist. Und so soll es auch in Zukunft sein. Wenn Sie also Kritik an dem einen oder anderen (vielleicht auch diesem) Beitrag üben wollen, schreiben Sie uns bitte. Wir wären sehr glücklich.

P.S. Im letzten Heft habe ich einen Artikel zur Verwendung geschlechtergerechter Sprache in unserer Zeitschrift verfasst. Wir haben daraufhin viele Zusendungen bekommen, die sich sehr kritisch mit meiner Position auseinandersetzen. Darüber habe ich mich nicht nur gefreut, sondern auch begonnen, einige der von mir vertretenen Aussagen selbstkritisch zu hinterfragen. Im kommenden Heft werden wir Sie an dieser Debatte teilhaben lassen.

 

  1. http://www.tageblatt.lu/headlines/bierpreise-transportchaos-und-brachialer-sound-das-etwas-andere-gespraech-ueber-rammstein (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 30. Oktober 2019 aufgerufen).
  2. https://www.hrw.org/sites/default/files/world_report_download/hrw_world_report_2019.pdf
  3. https://www.wort.lu/de/business/bis-januar-wird-der-luxemburger-pavillon-errichtet-sein-5db6b37dda2cc1784e34e985
  4. http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.64.2655&rep=rep1&type=pdf; siehe auch dieses informative Interview: https://opinionator.blogs.nytimes.com/2010/06/20/the-anosognosics-dilemma-1.

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