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Go to the libraries!
Warum wir moderne öffentliche Bibliotheken brauchen
Bibliotheken kämpfen mit ihrem Image. Alt, verstaubt, langweilig … So werden sie bis heute in Filmen, Serien oder Videospielen dargestellt. Von der Klischee-Bibliothekarin mit Brille und Dutt ganz zu schweigen. Dabei sehen die realen Anforderungen an eine Bibliothek des 21. Jahrhunderts ganz anders aus.
Öffentliche Bibliotheken haben in den letzten Jahrzehnten einen immensen Wandel durchlebt. Von den Anfängen als Büchersammlung und Schalterbibliothek bis zur Freihandbibliothek in den 80er Jahren, vom Zettelkatalog zum Online-Katalog bis hin zum landesweiten Bibliotheksverbund. Von reinen Printmedien zu E-Books, Streamingdiensten und Online-Zugängen zu Zeitungen und Zeitschriften. Heute verstehen sich öffentliche Bibliotheken nicht mehr als Bücherhort, sondern vor allem als Ort der Begegnung. Ein Treffpunkt unabhängig von Alter, Geschlecht, Sprache und Herkunft. Ein Ort für jeden in der Gesellschaft.
Dieser Mentalitätswandel macht sich bemerkbar: In Luxemburgs öffentlichen Bibliotheken reicht das Medienangebot heutzutage von Tonie-Figuren, Tiptoi-Stiften, Büchern in Leichter und Einfacher Sprache bis hin zu E-Books (ebooks.lu) und einem Video-on-demand-Angebot (MéNuLu ‒ Médiathèque numérique du Luxembourg). Das Sprachangebot ist breit gefächert und die Veranstaltungen ebenso vielfältig: von Erzählstunden und Lesungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Schreibwerkstätten, Manga-Workshops, Fotografie-Events, Dungeons and Dragons-Spielabenden, Stricknachmittagen, Ausstellungen und Konzerten bis hin zu Informationsabenden über Künstliche Intelligenz. Die Bibliothek lädt nicht nur zum Entdecken, Ausprobieren und Ausleihen ein, sondern auch zum Verweilen. Sie wird zum „Dritten Ort“ inmitten der Gesellschaft.
Heute verstehen sich öffentliche Bibliotheken nicht mehr als Bücherhort, sondern vor allem als Ort der Begegnung.
Im Ausland wird dieser Gedanke von der modernen öffentlichen Bibliothek des 21. Jahrhunderts noch konsequenter weitergedacht: So kann man in Hamburg in der Bibliothek zum Beispiel Akkuschrauber, Hängematte, Mini-Beamer, Teleskop und Ukulele ausleihen. Das mutet zunächst vielleicht seltsam an, aber die Bücherhallen Hamburg1 bieten eine so genannte Library of Things, also eine „Bibliothek der Dinge“ an. In einer Welt, deren Ressourcen begrenzt und in der Nachhaltigkeit und Circular Economy wichtiger sind denn je, sind Bibliotheken Experten auf diesem Gebiet. Der Bestand der Bibliothek steht der breiten Allgemeinheit zur Verfügung und Ressourcen werden geschont. Will man zum Beispiel ein neues Hobby ausprobieren oder einen Gegenstand nur vorübergehend nutzen, muss man diesen nicht erst käuflich erwerben, sondern kann ihn für einen bestimmen Zeitraum ausleihen. Die Bücherhallen Hamburg zählen insgesamt 34 Zweigstellen, die über die ganze Stadt verteilt sind. Somit ist die Bibliothek für jeden kurzläufig erreich- und nutzbar.
Die Hoeb4U, die Jugendbibliothek der Bücherhallen, befindet sich im Untergeschoss der Zentralbibliothek und ist speziell auf die Bedürfnisse ihrer jugendlichen Zielgruppe zugeschnitten. So findet man hier eine Gaming Area mit Spielkonsolen und Brettspielen, sowie thematisch passende Medien und E-Medien. Des Weiteren stehen Tablets zur Nutzung vor Ort, Musik-Stationen zum Streamen von aktuellen Titeln, VR-Brillen und ein Kreativraum zur Verfügung. Auch die Veranstaltungen passen zu dem Medienangebot und der jugendlichen Zielgruppe.
Ein umfassendes Bibliotheksangebot findet man ebenso im B3 ‒ Centre de ressources et de créativité de la Province de Liège2. Dieser moderne Bibliotheksbau – ausgerichtet auf die Bedürfnisse und Herausforderungen von morgen – hat 2023 seine Türen geöffnet. Das Gebäude ist groß angelegt, einladend und bietet nicht nur Platz für einen vielfältigen Medienbestand, sondern auch Veranstaltungsräume, Coworking Spaces und Kreativwerkstätten ausgestattet mit 3D-Drucker, Lasercutter und Plotter. Das Angebot geht von DIY-Workshops über Coding-Kurse bis hin zu Roboter-Ateliers für Kinder. Das B3 versteht sich als „tiers lieu dédié au savoir et à la création“ und soll jedem in der Bevölkerung von Nutzen sein.
In Aarhus in Dänemark (Dokk13) oder in Helsinki (Oodi4), der Hauptstadt Finnlands, wurde das Konzept Bibliothek von Grund auf neu gedacht: Hier werden nicht nur Bücher und andere Medien verliehen, hier findet das zentrale Stadtleben statt. Hat man eine Frage, geht man in die Bibliothek. Neben Kino, Restaurant und Café sind hier auch Tourismus-Info-Schalter sowie Auskunftsstelle für Bürger*innen zu Behördengängen zu finden. Die Mehrzweckgebäude bieten Räumlichkeiten an, die für Treffen, Veranstaltungen oder Versammlungen gemietet und genutzt werden können. Natürlich stehen auch Zugang zu Internet, Gruppen- und Einzelarbeitsplätze, schallisolierte Study Rooms und Platz für Familien und Kinder, die sich austoben möchten, zur Verfügung.
In Aarhus in Dänemark (Dokk1) oder in Helsinki (Oodi), der Hauptstadt Finnlands, wurde das Konzept Bibliothek von Grund auf neu gedacht: Hier werden nicht nur Bücher und andere Medien verliehen, hier findet das zentrale Stadtleben statt.
Die Oodi Helsinki Central Library bietet ein ganzes Stockwerk für Gaming, Musik und Handwerk an. So kann man E-Gitarren ausleihen, diverse vollfunktionsfähige Aufnahmestudios mieten, Fotografie- und Filmstudios nutzen oder auch bestehende Aufnahmen digitalisieren. Den Bibliotheksnutzer*innen stehen ebenfalls 3D-Drucker, Laser Cutter, Nähmaschinen und Großformat-Drucker zur Verfügung. Vor Ort an einem regulären Wochentag stellt man fest: Dieses Angebot wird genutzt, und das nicht zu knapp; nach der Eröffnung 2018 konnte am 17. März 2024 die zehnmillionste Besucherin gefeiert werden.
Die Zentralbibliothek Düsseldorf5 ist Bibliothek des Jahres 2023. Neben der Kibi-Kinderbibliothek mit Kreativwerkstatt finden sich hier außerdem ein LibraryLab und neben PS4-Games lassen sich auch Dungeons & Dragons-Sets ausleihen. „Bibliothek neu denken“ ist hier das Motto.
Für Kinder ist die OBA, die Openbare Bibliotheek Amsterdam6, ein echtes Paradies. Brav stillsitzen muss man hier nicht. Die Möbel laden dazu ein, auf ihnen herumzutollen und die Bibliothek spielerisch zu entdecken. Auch in der ZB Bibliotheek van Zeeland7 in Middelburg wurde die Bibliothek an die Nutzer*innen angepasst: Sie gleicht einem großen, einladenden Wohnzimmer, Klavier inklusive.
Die moderne öffentliche Bibliothek von heute ist vor allem inklusiv und zugänglich. Sie steht jedem offen, sowohl räumlich wie auch bestandstechnisch. Barrierefreiheit spiegelt sich nicht nur in den Räumlichkeiten, sondern auch in dem Veranstaltungsangebot und der Medienvielfalt wider. Sie ist ein „Dritter Ort“, der genutzt werden kann zum Verweilen, Lernen und Erleben. Sie ist ein zentraler Knotenpunkt in der Gesellschaft.
Brauchen wir solche Bibliotheken auch in Luxemburg? Ja! Die Nationalbibliothek8 (BnL) und das Luxembourg Learning Center9 (LLC) der Universität Luxemburg machen es vor: Die beiden Bibliotheksneubauten werden seit ihrer Eröffnung rege angenommen und genutzt, vor allem von jungen Menschen, Studierenden und Schüler*innen. BnL und LLC sind Vorzeigebeispiele moderner Bibliotheken, nur eines sind sie nicht: öffentliche Bibliotheken.
BnL und LLC sind wissenschaftliche Bibliotheken, sie richten sich mit ihrem Angebot und ihrem Bestand an eine entsprechende Zielgruppe. Kinderbücher oder Vorlesungen für Krabbelgruppen sucht man hier vergebens. Man kann sie zwar besuchen und von den Räumlichkeiten profitieren, eine Einschreibung, um z. B. PCs oder Working spaces nutzen oder Medien ausleihen zu können, setzt allerdings ein Mindestalter von 14 bzw. 16 Jahren voraus.

Öffentliche Bibliotheken kennen keine Altersgrenze. Sie stehen insbesondere Kindern offen und setzen sich für die Leseförderung und den gleichberechtigten Zugang zu Informationen und Bildung ein. Das beginnt mit Angeboten für die Allerkleinsten von 0-4 Jahren und reicht bis zu Lieferangeboten für ältere Bibliotheksnutzende, die die Bibliothek nicht mehr selbstständig aufsuchen können. Jugendliche und Schulen werden in Projekte eingebunden, Menschen in sozial schwächeren Situationen können von dem kostenlosen Angebot profitieren und Familien werden entlastet. Die öffentliche Bibliothek bietet einen offenen, unkomplizierten und niederschwelligen Zugang zu Kultur, Information und Wissen für alle Bevölkerungsschichten an.
In einer Gesellschaft, die geprägt ist von Informationsflut, Fake News und sozialer Isolation, sind Bibliotheken als Ort und die Kompetenzen von Bibliothekar*innen und Bibliotheks-Mitarbeitenden gefragt wie nie. Die Bibliothek als Bücherhort stirbt aus, die Bibliothek als Community Center, Safespace und Dienstleisterin wird umso wichtiger. Sie ist ein Rückzugsort, wo man ohne Konsumdruck verweilen kann, der einen demokratischen Zugang zu Fakten und Informationen sicherstellt und Hilfestellung im Informationsdschungel bietet.

Jedoch: Ein vergleichbares Pendant einer öffentlichen Bibliothek zu BnL oder LLC gibt es in Luxemburg (noch) nicht. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Vor allem im Norden, Osten und Westen fehlt es an lokalen, öffentlichen Bibliotheken. Der Bücherbus der BnL, der 15 wöchentliche Touren quer durchs Land fährt, um mehr als 80 Orte anzusteuern, deren Gemeinde keine öffentliche Bibliothek anbietet, kann sporadisch Abhilfe schaffen, aber nicht das umfangreiche Angebot einer lokal verankerten und täglich zugänglichen Bibliothek ersetzen. Währenddessen sehen sich die knapp 15 bestehenden öffentlichen Bibliotheken mit einer stetig steigenden Nachfrage konfrontiert. Neue Stadtviertel entstehen, die Einzugsgebiete der Bibliotheken wachsen, die Medien- und Informationslandschaft entwickelt sich rasant weiter und das Ausgabenfeld der Bibliotheken wächst mit. In einigen Regionen erstreckt sich das Einzugsgebiet einer One Person Library auf 10 Gemeinden mit 30 000 Einwohner*innen. Keine der bestehenden öffentlichen Bibliotheken hatte bisher die Möglichkeit, Zweigstellen in unterschiedlichen Stadtvierteln einzurichten und zu unterhalten. Dabei sollten gerade öffentliche Bibliotheken für das breite Publikum, insbesondere ältere Menschen und Kinder, nah, unkompliziert und selbstständig erreichbar sein. Abhilfe und Unterstützung verspricht der Gesetzentwurf, den Kulturminister Eric Thill am 4. April 2025 vorgelegt hat. Das neue Bibliotheksgesetz soll den modernen Anforderungen und Bedürfnissen der öffentlichen Bibliotheken Rechnung tragen und die Bibliothekslandschaft in ihrer Entwicklung vorantreiben.
Denn der derzeitige Bibliotheksmangel bringt unter anderem auch einen Fachkräftemangel mit sich: Jährlich werden um die 300-400 Stellen im so genannten BAD-Bereich (Bibliothekswesen, Archivistik, Dokumentation) ausgeschrieben, vermerkt der luxemburgische Studentenverband Jonk BAD. Jedoch gibt es weit weniger Studierende in diesem Fachgebiet: Die Jonk BAD zählt 2025 achtzehn Mitglieder, wobei pro Jahr 1-3 Personen ihre Studien abschließen und auf den luxemburgischen Arbeitsmarkt zurückkehren. Der Nachwuchsmangel liegt einerseits am Image, das den Berufen in Bibliotheken und Archiven anhaftet, andererseits erschwert der Bibliotheksmangel vor Ort es jungen Menschen, einen Einblick in den Beruf zu bekommen oder gar einen Praktikumsplatz oder Studentenjob in einer öffentlichen Bibliothek zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass Studien im BAD-Bereich bislang nur im Ausland möglich sind.
Abschließend kann man festhalten, dass das Potenzial, welches in Luxemburgs öffentlichen Bibliotheken schlummert, bislang oftmals unterschätzt wurde. Sie sind aber zentrale Akteure inmitten der Gesellschaft, die immer stärker gebraucht und gefordert werden. In sie zu investieren ist essentiell, um den Zugang zu Informationen, Kultur und Bildung zu gewährleisten und den sozialen, demokratischen Zusammenhalt zu stärken. Wir brauchen sie als Orte des Austauschs, der Begegnung und der gelebten Demokratie.
1 https://www.buecherhallen.de/
(alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen
wird, wurden zuletzt am 16. April 2025 aufgerufen.)
2 https://b3.provincedeliege.be/
3 https://www.dokk1.dk/english
5 https://www.duesseldorf.de/stadtbuechereien
6 https://www.oba.nl/english.html
8 https://bnl.public.lu/fr.html
Tamara Sondag ist Bibliothekarin, hat Bibliothekswesen an der TH Köln studiert und ist seit 2015 Leiterin der Escher Bibliothéik, Gemeindebibliothek der Stadt Esch an der Alzette. Seit 2023 ist sie Vorsitzende des Conseil supérieur des bibliothèques.
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