Gustis erstes Mal

Oder: Der Esel muss weg!

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Oder: Der Esel muss weg!

Francis Kirps

Im Jahr 2013 stand es um die Agrikultur nicht mehr zum Besten. Heuschreckenplagen und eine Wirtschaftspolitik der verbrannten Erde ließen weltweit Bauernhöfe vor die Hunde gehen und blühende Landschaften verdorren. Nur Farmville, der kleinste und reichste Bauernhof der Welt, war davon nicht im Geringsten betroffen. Während es mit der Morgenthau-Farm im Osten stetig bergab ging, seit eine rot-grüne Regierung die soziale Landwirtschaft durch Massentierhaltung ersetzt hatte, und die verlotterten Domaines Camembert im Süden langsam von der Natur zurückerobert wurden, lief im beschaulichen Farmville alles perfekt. Seit Schweinsgedenken wurden die Tiere der Farm von der CSV (Christlich-Soziale Viehbestände) in wechselnden Koalitionen mit LSAP (Legehennen, Suppenhühner, Anatidae, Paarhufer) oder DP (Die Pferde) regiert. Die Beziehungen der Regierung zum Patronat, also Farmerfamilie Strohmann, waren seit jeher herzlich.

Seit Schweinsgedenken wurden die Tiere der Farm von der CSV (Christlich-Soziale Viehbestände) in wechselnden Koalitionen mit LSAP (Legehennen, Suppenhühner, Anatidae, Paarhufer) oder DP (Die Pferde) regiert.

In diesem Sommer war jedoch eine handfeste politische Krise ausgebrochen, die alle Bewohner dieses Paradieses auf Erden gänzlich unvorbereitet getroffen hatte. Die CSV war in eine Geheimdienst-Affäre verwickelt, wie sie absurder nicht hätte sein können. Die Regierung um Premierminister Jumbo Gruntzer (CSV) und Außenminister Hoss Griebenspeck (LSAP) war daran zerbrochen.

Und jetzt standen also Neuwahlen an. Die CSV hatte selbstverständlich Jumbo Gruntzer als Spitzenkandidaten aufgestellt. Sie hatte zwar die meisten Mitglieder, aber nur einen einzigen Kopf. Die anderen hohen Partei-Tiere fielen da kaum ins Gewicht: Piggy Polter galt selbst unter Freunden nicht als das hellste

Licht im Stall und war eher der Mann fürs Grobe, z. B. um missliebige Journalisten einzuschüchtern. Die Ministerin für Justiz, Injustiz und Monokultur, Septima Octavert, eine farblose Weinbergschnecke, rangierte nur so hoch in der Hierarchie, weil sie sich nie bewegte und niemanden störte. Das Roh-Material für ihre drolligen Reden klaubte sie aus Enid-Blyton-Büchern zusammen.

Und Finanzminister Lurch Seitenwinder, eine von Ehrgeiz verzehrte Ringelnatter, hatte eine neue Affäre am Hals. Eine aufstrebende junge Brillenschlange, die von ihm gefördert wurde, hatte so viele unvereinbare Ämter angehäuft, dass selbst das Ausland darauf aufmerksam geworden war, und die Opposition mal wieder eine willkommene Zielscheibe hatte. Sogar der possierliche François Flausch, ein pausbäckiges Merino-Schaf und Spitzenkandidat der Grünen, hatte zaghaft Kritik angemeldet und gemeint, dass diese Geschichte dann aber doch eventuell vielleicht möglicherweise dem Ansehen des Finanzplatzes im Ausland Schaden zufügen könnte – also nichts für ungut, aber das wolle er halt nur mal gesagt haben.

Wie man hieran unschwer erkennt, hatten die Grünen ein klitzekleines Problem: Sie hatten überhaupt keinen Kopf. Ihre Präsidentin war Pam Polo, ein junges Pony aus bestem Stall, von dem niemand wusste, warum es nicht bei der DP war, wie die meisten seiner Klasse. Die Pferdchen und Ponys lebten

Francis Kirps lebt und arbeitet in Lintgen. 2000 und 2001 gewann er jeweils den zweiten Preis beim Concours Littéraire National. Im März 2012 erschien der Erzählungsband Planet Luxemburg (und andere komische Geschichten) im Verlag Andreas Reiffer.

Eine Szene aus dem Animationsfilm Animal Farm – Aufstand der Tiere, nach dem Roman von George Orwell (© Winkler Film)

ja im Schatten der Villa von Bauer Strohmann, weit weg von den Nutztieren, in hochherrschaftlichen Luxusställen, und mischten sich nur unter das gewöhnliche Vieh, wenn es unbedingt nötig war – z. B. um politisch Karriere zu machen.

Die DP ihrerseits schickte vier Spitzenkandidaten ins Rennen: ihren Jungstar, Rennschwein Xavier Rüssel; das desillusionierte aber kampferprobte Brauereipferd Charel Blümchen und das blonde Gift Peggy Piggel. Hab ich vier gesagt? Ach ja, da war natürlich noch Claude Claude, der keinen Schatten warf, dafür aber zwei Spiegelbilder hatte. Niemand wusste genau, um was für ein Tier es sich bei ihm eigentlich handelte. Inoffiziell war das DP-Zugpferd der beliebte Xavier Rüssel, der 2005 zum Milchferkel des Jahres gewählt worden war und seither eine steile Karriere hingelegt hatte.

Und die LSAP, die traditionelle Partei der eierlegenden Tiere? Sie gruppierte sich um Hoss Griebenspeck, der bereits zwei Regierungen mit Gruntzer hinter sich hatte und als schlauer galt, als er aussah, sowie den jungen Prachterpel Etienne Eider, dem viele – nicht zuletzt er selbst – eine glorreiche Zukunft voraussagten.

Die anderen Parteien spielten nur eine Nebenrolle: Da war die alte KP, die nur noch ein einziges Mitglied hatte: Der „Großherzog“, ein monströser Fleisch- und Fettberg von einem Eber, uralt und verbittert, der seine letzten Tage fern von den anderen Tieren verdämmerte. Dass man ihn noch nicht in den Ruhestand (lies: zum Abdecker) geschickt hatte, lag einzig daran, dass er als abschreckendes Beispiel für die Jugend gute Dienste leistete.

Die Linke war ein rotes Bollwerk des Anti-Kommunismus und wurde freundlich geduldet. Mit nur einem Sitz im Parlament war sie nicht relevant und somit ein gutes Ventil für einige unzufriedene Jungtiere, die sich ein wenig die Hörner abstoßen konnten, bevor der Ernst des Tierlebens begann.

Dann gab es noch die „Schlümpfe“, den jungen Naseweis unter den Parteien, die mit dem Motto „Politik ist doof: Wählt uns!“ durchgestartet waren. Jedoch, sie hatten noch größere Mühe als die etablierten Parteien, klarzumachen, wofür oder wogegen sie standen. Und was die AdR (Allianz des Rüssels) nun eigentlich darstellte, wussten wahrscheinlich nicht mal ihre Mitglieder.

Der Wahlkampf kam schnell auf Touren und Gusti Grillinger, ein junger CSV-Kader, war mittendrin. Er war total stolz, es zum ersten Mal auf die Kandidatenliste geschafft zu haben, und entschlossen, sein Bestes zu geben. Zusammen mit altgedienten Parteischweinen machte er die Runde über den Hof, klebte Wahlplakate, verteilte Leckerli und Streicheleinheiten an die Wahltiere und fand das alles ausgesprochen spannend. Die Wahlplakate der Parteien waren allesamt von den Kreativ-Raben der Agentur Nimmersatt & van Kolk entworfen worden und wirklich unverwechselbar, vor allem die Slogans: „Fair und feudal“ (CSV) „Fit und fidel!“ (LSAP) „Nur die Besten wählen uns“ (DP) „Mehr Grün, mehr Heu“ (Die Grünen) „Hoppla!“ (Die Linken) „Hurtz?“ (AdR).

Sancho, der einzige Esel des Hofes, hatte sich zu Gusti gesellt, und sie machten sich auf einen Rundgang.

Bei der CSV ging es um Zukunft, Zukunft und wieder Zukunft. Mit der Vergangenheit, vor allem der jüngeren, wollten die Konservativen sich am liebsten gar nicht mehr befassen.

Die Grünen waren ein ulkiger Haufen. Gerade debattierten sie über einen zentralen Programmpunkt: Den Veggie-Day. François Flausch hatte die topgeniale Idee von den Grünen der Morgenthau-Farm ausgeborgt. Bei der Diskussion ging es offenbar darum, an welchem Wochentag der Veggie-Day stattfinden sollte:

„Also Montag geht echt gar nicht“, meckerte eine magersüchtige Bergziege, „da bring ich unsere Große zum Chinesisch-für-Hochbegabte-Kurs, allein findet die den Weg nie dahin.“

„Dienstag gehe ich mit meinem kleinen Butz zum Soziale-Kompetenz-für-Säuglinge-Training“, wieherte Pam Polo.

„Mittwoch hab ich ein Model-Casting“, grunzte Christian Ehrenspeck.

„Donnerstag ist mein Tangokurs, den kann ich auf keinen Fall ausfallen lassen“, sagte Cosmo de Populi, ein in die Jahre gekommener Gockel, der schon so viele Tangostunden gehabt hatte, dass er nur noch seitwärts gehen konnte und statt Kikeriki immer Cucaracha krähte.

„Freitags hab ich Mädelsabend, da passt es ganz schlecht“, schnatterte eine Lehramts-Waldschnepfe mit Gary-Larson-Brille.

„Am Samstag bin ich mit dem Premier auf eine Partie schwarzgrünes Versöhnungs-Golf verabredet“, ließ François Flausch sich vernehmen und streichelte das Fahrrad, das er überallhin mitnahm, obwohl noch niemand ihn darauf hatte fahren sehen.

„Und sonntags?“ fragte Pam Polo in die Runde und stampfte mit einem grün lackierten Huf auf, um Führungsqualitäten zu demonstrieren.

„Tatort!“ riefen alle wie aus einem Mund. „Liebe Leute“, sagte die Präsidentin lachend, „wir müssen da irgendwie einen Kompromiss finden, vielleicht nur eine Veggie-Stunde oder Veggie-Sekunde…?“

Sancho verdrehte die Augen und marschierte weiter zu einem Trümmerhaufen, der sich als LSAP-Stand entpuppte, der gerade zum dritten Mal eingestürzt war. Das tat der guten Stimmung aber keinen Abbruch. Aus einem Ghettoblaster donnerte Hoss Griebenspecks neuster Techno-Hit „Bohnen (mit einem Stück Fleisch)“.

„Wir brauchen mehr handwerklich Begabte in dieser Partei“, grunzte Griebenspeck und rief: „Etienne, wo bist du denn jetzt schon wieder?“ Nicht dass Etienne Eider ein geborener Handwerker gewesen wäre, aber er war mal wieder verschwunden. Er hatte einen so schlechten Orientierungssinn, dass er sich ständig bei der falschen Partei aufhielt. Dafür konnte er aber Kopfrechnen wie kein Zweiter. Fröhlich kam er vom DP-Stand herbei geflattert und packte gleich mit an,

was zu einem neuerlichen Zusammenbruch der Rednertribüne führte.

Beim DP-Stand herrschte eitel Langeweile. Viele der Fohlen, die von ihren Eltern hierhergeschleppt worden waren, um was für die Karriere zu lernen, waren zum ersten Mal auf dem Hof und hatten noch nie andere Tiere gesehen. Nervös kichernd scharrten sie mit den Hufen und zeigten sich gegenseitig die Freaks: Kühe! Schweine! Hühner! Igit! Und stellten tausend Fragen: Wann begann denn eigentlich das Gratisbuffet? Wo blieb der Champagner? Hallo? Hatten die hier keine Dienstboten?

Sancho und Gusti eilten schnell weiter. Bei der CSV ging es um Zukunft, Zukunft und wieder Zukunft. Mit der Vergangenheit, vor allem der jüngeren, wollten die Konservativen sich am liebsten gar nicht mehr befassen. Wozu im Dreck der Vergangenheit wühlen, wenn es gilt, das Gold der Zukunft zu schmieden. So hatte Gusti es in seinem Blog „Gusti’s Gedanken“ formuliert und dafür über 20 Likes bekommen. Bevor Sancho über die überlebensgroßen Aufsteller lachen konnte, die Jumbo Gruntzer in diversen Heldenverkleidungen zeigten (als Chuck Norris, Mahatma Gandhi, der unglaubliche Hulk, Mutter Teresa, Wladimir Putin…), zog er ihn schnell weiter, in eine stillere Ecke des Hofes.

Keine gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Denn hier schnarchte der Großherzog in seinem Koben. Auch er hatte ein Wahlplakat aufgestellt. Das vom letzten Jahr: „Erst das Tier, dann der Mensch“, nur der Spruch war mit Edding durchgestrichen und durch „Erst das Tier, dann der Profit“ ersetzt.

„Das ist der erste Slogan, mit dem ich etwas anfangen kann“, sagte Sancho zu Gusti.

Der sah ihn entgeistert an: War das jetzt ein Witz? Doch Sancho schien es ernst. „Das macht doch Sinn“, sagte er. „nach all diesen hohlen Phrasen und flotten Sprüchen“.

Jetzt ärgerte sich Gusti aber wirklich: „Als ob du je etwas anderes als schlaue Sprüche geklopft hättest. Wenn du es ernst meinst und wirklich etwas bewirken willst, dann engagier dich. Geh selbst in die Politik und mach es besser, statt immer nur zu kritisieren.“

Es war doch wahr. Gusti hatte in den letzten Wochen bei mehr Betriebsbesichtigungen und Oktoberfesten mitgemacht, als er sich erinnern konnte. Fleißig las er den Wirtschaftsteil der Zeitung, täglich postete er in seinem Blog zukunftsweisende Einfälle wie „bessere Perspektiven für unsere Jungen“, „Ausbildung, gerüstet für kommende Herausforderungen“ oder „kleine und mittelständische Betriebe

fördern“. Sancho dagegen? Der war im Tourismus-Segment der Farm angestellt, ließ sich von Kindern reiten und schob ansonsten eine ruhige Kugel, während er davon träumte, als Stand-Up-Comedian durchzustarten.

„Eigentlich hast du recht“, sagte Sancho und grinste so breit, wie nur Esel es können. „Ich sollte in die Politik gehen.“

Gusti hüpfte begeistert auf und ab. „Echt jetzt? Das wäre so cool“, rief er, „dann machen wir zusammen Wahlkampf und werden die jungen Wilden der Partei, die Boygroup! Ich kenne schon viele wichtige Leute, denen stell ich dich vor …“

Doch der Esel beachtete ihn nicht. „Großherzog“, rief er „Hey, Genosse Großherzog!“

Das Riesenschwein öffnete ein Äugelein und rülpste. „Wer wagt es mich zu wecken? Ich hab grad so schön von den elfenbeinerten Türmen Nordkoreas geträumt … oder war es Shangri-La?“

„Ich würde gern der KP beitreten“, sagte Sancho, „und für die Wahl kandidieren.“

Der Großherzog öffnete ein zweites Auge. Dann lachte er, lachte so laut und dröhnend, dass die DP-Pferdchen scheuten.

In dieser Nacht fand Gusti lange keinen Schlaf. Sein bester Freund war Kommunist geworden und er war schuld. Er solle sich politisch engagieren, hatte Gusti ihm gesagt, und was hatte der Esel gemacht? Er war der KP beigetreten! War das jetzt diese Ironie, von der immer alle redeten? Egal, gleich am nächsten Morgen musste er mit Sancho reden und ihn von diesem Unsinn abbringen.

Als Gusti am nächsten Tag in den Hof kam, waren alle Tiere in hellem Aufruhr. Überall standen sie in Grüppchen und diskutierten erregt. Schnell hatte Gusti in Erfahrung gebracht, was vorgefallen war. In den frühen Morgenstunden war Würstel Strohmann, der verzogene Sohn des Bauern, betrunken mit seinem Auto in den Hühnerstall gebracht. Daraufhin hatte er das Dach des Landrovers erklommen und eine flammende Rede gehalten, in der es darum ging den Index abzuschaffen, um den Hof wettbewerbsfähig zu halten. Und die Mindestfuttermenge in Farmville sei höher als der Durchschnittslohn bei den Camemberts. Und die Schlachtquote niedriger. Und bei den Chinesen, also die Chinesen … Als Bauer Strohmann endlich eintraf und seinen Sohn wegschaffte, war das Unglück schon geschehen. Die sonst so braven Tiere waren wütend auf die Menschen, der soziale Frieden war in Gefahr. Alle machten sich Sorgen: Was würde aus ihnen werden, wenn diese Luftpumpe irgendwann die Farm erben sollte?

„Jumbo ist fuchsteufelswild“, sagte ein Parteikollege zu Gusti. „Wir wollten den Index still und leise abschaffen, so Stück für Stück, damit keiner was mitkriegt, und dann kommt der Idiot und vermasselt alles. Das könnte für einen Linksruck bei den Wählern sorgen …“ Gusti merkte es auch. Dass der Esel Sancho der KP beigetreten war, hatte schnell die Runde gemacht und Interesse geweckt. Und auch die Linke hatte gespürt, woher der Wind wehte, und neuen Schwung bekommen: Stallhase David Vulpes, der Parteisprecher, stand neben dem zerstörten Hühnerstall und redete vor einer Schar aufgeregter Gänse: „…uns dem sozialen Abbau entgegenstellen … der feine Herr verjuxte mehr Taschengeld am Tag, als ein Arbeitstier im Monat verdient … die Kommunisten sind nicht unsere Feinde, sondern unsere Kameraden … wir würden auch Regierungsverantwortung übernehmen, sofern unsere Positionen …“ Und mittendrin im Publikum Etienne Eider mit rotem Halstuch und Che-Guevara-Shirt, der sich eifrig Notizen machte. „Total interessante Konzepte haben die hier“, flüsterte er Gusti zu. „Sozial und so. Ob das dieser Sozialismus ist, von dem Lucien immer spricht?“

Gusti schüttelte verzweifelt den Kopf. Waren denn jetzt alle verrückt geworden? Und wo war Sancho?

Am selben Abend bekam er eine Textnachricht: „Treffen der KP um 20 Uhr in der Kapelle bei der Eselsbrücke. S.“

Die Kapelle. Ach Gott. Um die Hofkapelle am Nordende der Farm, wo die Eselsbrücke über den Eselsbach führte, hatte es zuletzt einigen Wirbel gegeben. Seit das Oberhaupt der wenigen verbliebenen Katholiken, ein Rabe namens „Erzbischof“, von seinem letzten Asienurlaub nicht zurückgekehrt war – offiziell war er als Missionar tätig, in Wahrheit war er so dick geworden, dass er nicht mehr heimfliegen konnte – war sie langsam verfallen. Schließlich hatte Bauer Strohmann sie renovieren lassen und den Tieren als Versammlungsraum zur Verfügung gestellt. Man hatte darüber abgestimmt, welche Figur den Kirchturm statt des Kreuzes zieren sollte und sich für den Esel entschieden. Aber da hatte man die Rechnung ohne Septima Octavert gemacht: Das Kreuz müsse auf die Kirche, diese sei nämlich nicht offiziell entkatholisiert, das dürfe nur der Erzbischof. Und der stehe bis auf weiteres nicht zur Verfügung. Die Tiere hatten sehr gelacht, doch die Schnecke hatte Ernst gemacht. Ein neues edelsteinbesetztes Riesenkreuz wurde bei einem Düsseldorfer Monumentalkünstler bestellt, und bis es fertig sein würde, hatte die Kulturministerin die Kirche von dem berühmten Verpackungskünstler Gusto verhüllen lassen, damit niemand den Schand-Esel sah.

„Die Wirtschaft ist heilig“, sagte Gusti mit Inbrunst. „Und die Märkte sind Gott. Wer sie herausfordert, den bestrafen sie.“

Eine Karriere als leckere Tapas war vielleicht gar nicht so schlecht, dachte Gusti. Hätte ja auch Hundefutter sein können.

Dort ein Treffen abzuhalten war ziemlich clever, fand Gusti.

Gegen Acht war Gusti bei der Kapelle. Durch einen Riss in der Verpackung konnte man hineinschlüpfen, es war alles ein wenig geheimnisvoll und verfehlte seine Wirkung nicht. Drinnen waren schon eine Anzahl Tiere, die aufgeregt durcheinander redeten. Sancho stand in einer Ecke. Gusti steuerte auf ihn zu, er musste mit ihm reden, die letzte Chance ergreifen, um eine Revolution oder Schlimmeres zu verhindern.

Sanchos Augen leuchteten. „Vergiss den Kommunismus“, sagte er. „Hat nirgendwo funktioniert, wieso sollte es hier klappen. Ich habe die Partei umbenannt.“

„Keine KP mehr?“ fragte Gusti hoffnungsvoll. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Sancho hatte aufgehört ein Kommunist zu sein. Alles würde gut werden.

„Doch doch, KP bleibt, nur dass das K nicht mehr für kommunistisch steht …“

„Sondern …?“, fragte Gusti.

„Für Keine. Die KP ist Keine Partei. Wie findest du das?“ grinste Sancho.

Gustis Schädel brummte. „Eine Partei, die keine Partei ist …“

„Keine Partei ist meine Partei. Keine Partei ist deine Partei.“ Sancho kicherte glücklich, „Was man damit alles machen kann.“

„Ganz großer Quatsch ist das.“

„Kein Quatsch“, widersprach Sancho. „Nur eben eine Gruppe von Individuen, die die Nase voll von der Partei-Politik haben, wie sie von diesen Politik-Parteien gemacht wird.“

„Wie soll Politik denn sonst gemacht werden?“

„Vielleicht so, dass sie dem totalitären Diktat der Wirtschaft, also den Menschen, etwas entgegengesetzt, statt sich anzudienen? Die den Wähler nicht bloß als Mittel zum Zweck des eigenen Vorankommens sieht?“

„Die Wirtschaft ist heilig“, sagte Gusti mit Inbrunst. „Und die Märkte sind Gott. Wer sie herausfordert, den bestrafen sie.“

Sancho schüttelte den Kopf.

„Freiheit statt Demokratie“, rief irgendjemand.

„Friede den Ställen, Krieg den Villen!“, hörte er Etienne Eiders Stimme.

Gusti fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Freund war ein Aufwiegler geworden, ein Dings, ein Misanthrop, ein Bauernfeind …

Er drehte sich um und rannte weg, Bericht erstatten. Das musste die Parteispitze erfahren.

Am nächsten Tag sprach er mit Jumbo Gruntzer, Hoss Griebenspeck und dem unvermeidlichen Seitenwinder bei Bauer Strohmann vor. So ernst war die Lage.

„Hm.“ Bauer Strohmann kniff die Augen zusammen: „Ihr wisst, ich bin ein toleranter Mann, und wir sind bisher gut miteinander gefahren. Aber Extremisten kann ich auf der Farm nicht dulden.“

„Soll ich die Hunde auf ihn hetzen?“, hechelte Würstel.

Sein Vater klebte ihm eine. „Klappe, Idiot.“

„Tatsächlich wäre das taktisch etwas unklug“, sagte Jumbo, „angesichts der rezenten Ereignisse. Die Tiere sind eh etwas unruhig. Das Letzte was wir jetzt brauchen ist so ein sozialromantischer Märtyrer. Eine diskrete Lösung wäre öffentlichem Spektakel in jedem Fall vorzuziehen. Hast du einen Vorschlag, Lurch?“

„Na, spendieren wir ihm doch eine Fortbildung“, zischelte Seitenwinder. „Smooth und smart.“

Eine Fortbildung. Gusti wurde kalt ums Herz. „Zur Fortbildung schicken“ war die politisch korrekte Umschreibung für das unschöne Wort „schlachten“.

Hoss Griebenspeck sah Gusti prüfend an: „Hast du ein Problem damit, Junge?“

Gusti schüttelte langsam den Kopf.

„Bestimmt wird er eine besonders schöne Eselswurst und endet in einer Tapas-Bar, wo lauter nette Menschen Rioja trinken und kultivierte Gespräche führen“, sagte Jumbo Gruntzer gütig.

„So was wünsch ich mir schon lange“, sagte Hoss Griebenspeck gemütlich.

Eine Karriere als leckere Tapas war vielleicht gar nicht so schlecht, dachte Gusti. Hätte ja auch Hundefutter sein können.

Er nickte bedächtig. „Ist wohl am besten so. Er hatte sich da in was verrannt. Eine neue Umgebung, neue Menschen kennenlernen, das wird ihm sicher andere Perspektiven eröffnen.“

„Eine reife Entscheidung“, sagte Bauer Strohmann anerkennend. Gusti errötete vor Stolz. Jetzt war er ein Realpolitiker.

Im frühen Morgengrauen hatten sie Sancho zu seiner Fortbildung abgeholt. Gusti hatte wenig geschlafen und den Wagen der Ets. Abattoir & Fils gesehen. Er hätte sich gern von Sancho verabschiedet, allein es fehlte ihm an Zeit. Er musste Telefonate führen, an seinem Internet-Auftritt arbeiten, Anfragen von Journalisten beantworten und und. Jetzt, wo die Partei-Oberen einen potentiellen Shootingstar in ihm sahen, konnte er sich nicht mehr mit Sentimentalitäten aufhalten. ♦

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