Hiobsbotschaft vom arbeitslosen Staatsorchester
Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (21)
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Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (21)
Kostümierte Heimat
Hiobsbotschaft vom arbeitslosen Staatsorchester
Eine bescheidene soziale Absicherung wollten die luxemburgischen Künstler, einen staatlichen Schutz vor der größten materiellen Unbill. Seit Jahren wurde das Gesetzprojekt zum sogenannten "Künstlerstatut" hin und hergeschoben, von einer Instanz zur anderen zwecks Zwischenlagerung geschickt, in zahllosen Aktenordnern gut abgehungen und luftgetrocknet. Nun hat der luxemburgische Staatsrat plötzlich mit einem Donnerwort das eben zögerlich gesponnene soziale Netz zerrissen. Die hohe Körperschaft der weisen, alten Männer weiss nicht, was ein Künstler ist. Sie bezweifelt, ob eine Definition des Künstlers überhaupt möglich wäre. Ansonsten rät sie all jenen, die sich selber für Künstler halten, sich ihre Piepen doch irgendwo mit einer Lehrtätigkeit zu verdienen, und ihre künstlerischen Ergüsse als Feierabendhobby anzulegen. Dem Staatsrat will nicht einleuchten, warum der Staat die sozialen Lasten einer Menschengattung tragen soll, die beruflich weder einzuordnen noch leistungsmässig zu kontrollieren ist. Folgt die Regierung den Ansichten des Staatsrats, gelten die Künstler in Luxemburg fortan nicht mehr als eigenständig arbeitende Spezies. Das wäre dann eine wunderbar paradoxe Spätfolge des pompösen Kulturjahres 1995.
Zwar baut der gleiche Staat zur Zeit ein gnadenlos teures Museum für zeitgenössische Kunst, einen grandiosen Raum für die Arbeitserzeugnisse von Künstlern also, und der strenge Staatsrat hatte gegen diesen Bau prinzipiell wenig einzuwenden. Nach dem vernichtenden Urteil der Staatsratsmitglieder über das "Künstlerstatut" muss man den neuen Museumskomplex allerdings ganz anders einschätzen: es wird eine Art Armenhaus für Leute, die es laut Staatsrat gar nicht gibt, ein Luxusfriedhof für milde Irre, die sich in den Wahn verrannten, Kunst sei nicht nur eine Anschauung, sondern auch ein
lebenslanges Arbeitsziel. In den Museumsräumen werden die Werke von Zeitgenossen gezeigt, deren Existenzberechtigung der Staatsrat bestreitet. Das erinnert an katholische Caritas. Barmherzigkeit geht vor Vernunft, und die Barmherzigkeit lassen wir uns allemal etwas kosten.
Die hohe Körperschaft der weisen, alten Männer weiss nicht, was ein Künstler ist.
Aber das eigentliche kulturelle Erdbeben, das der ahnungslose Staatsrat mit seinem Zuschlaghammer-Gutachten über die Künstler auslöst, steht noch bevor. Plötzlich entsann man sich nämlich, dass es in Luxemburg den Staatskünstler seit geraumer Zeit gibt, und zwar in einer Edelausgabe, um die alle anderen Staaten der Europäischen Gemeinschaft uns nur beneiden können. Der luxemburgische Staatskünstler wird vom Staat nicht nur sozial über Wasser gehalten, ihm wird nicht nur beigeschlagen, wenn es in seiner Kasse lichterloh brennt, nein, er wird mit einem regelrechten Gehalt ausgestattet, er darf seine Kunst frei von allen finanziellen Sorgen praktizieren, auch Reisekostenzuschüsse werden ihm gewährt, Zulagen und Prämien, vielleicht sogar Schmerzensgelder wegen der landesüblichen kulturellen Lethargie in Luxemburg. Der Staat bezahlt auch die Arbeitsräume des Staatskünstlers, auch seine Arbeitsinstrumente, auch seine Transportkosten. Für Luxemburger Verhältnisse tritt der rundumversorgte Staatskünstler in erstaunlich hoher Zahl auf. Nicht ein paar Privilegierte dürfen sich den Titel Staatskünstler zulegen, gleich hundertfach und noch stärker
dürfen wir die prächtigen Exemplare der Staatskünstler bewundern. Der hochangesehene Verein der einheimischen Staatskünstler heisst Philharmonisches Orchester Luxemburg.
Das Dumme ist nur: seit der Künstlerabschaffungsaktion des Staatsrats ist dieses Orchester virtuell aufgelöst. So könnte jeder kommen: ein bisschen fiedeln und flöten, und schon darf man ungestraft die Goldreserven des Staates anzapfen! Die Damen und Herren der philharmonischen Gesellschaft sind nun gebeten, wie alle anderen nichtexistierenden Künstler in Luxemburg nach einer Lehrtätigkeit Ausschau zu halten, einem Brotberuf, damit sie sich am Abend in konspirativer Geselligkeit treffen können, um ihrer holden Freizeitbeschäftigung, dem Musizieren, nachzugehen. Es gibt viel zu tun im Solfeggenbereich, tausende Schüler lechzen in den Konservatorien nach fachkundiger Unterrichtung, und kein Mensch wird etwas dagegen haben, wenn die Damen und Herren der Philharmonie gelegentlich mal, statt in der Konservatoriumskantine ihre Pausen zu verbringen, heimlich ins Freie huschen, um ein bisschen an ihren privaten Instrumenten zu zupfen. Diese Art der Suchtbefriedigung wird sogar vom Staat ausdrücklich toleriert.
Sicher hat auch jeder Musik aus dem ehemaligen Staatsorchester eine Gattin oder einen Gatten, vielleicht auch eine Freundin oder einen Freund, die liebend gern mal in die Tasche greifen, um ihren musikverwarren Partnern karitativ beizustehen. Wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch das breite Feld der Strassenmusikanten. Eine europäische Hauptstadt wie Luxemburg braucht dringend qualitativ hochstehende Musik in den Fussgängerzonen.
SR2 Kultur 31.8.98
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