- Natur
Human-Animal Studies
Ein ganzheitlicher Ansatz zum Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung
Wie reagieren Sie auf nichtmenschliche Tiere in Ihrer Umgebung? Ist Ihnen eine Hausspinne zuwider oder bewundern Sie ihre Fähigkeit, kunstvolle Netze zu weben? Empfinden Sie Faszination oder Ekel beim Anblick einer hin- und herfliegenden Straßentaube? Freuen Sie sich über die Rückkehr des Wolfs in unsere Gegenden oder halten Sie es eher mit dem Wolfsbild aus den Märchen und Sagen? Sehen Sie im wochenalten Kätzchen ein süßes kleines Ding oder einen zukünftigen Biodiversitätskiller? Werden Dermoplastiken in einem naturhistorischen Museum der wahren Natur dieser Tiere gerecht?
Nun, es gibt keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen. Ob wir Ökolog*innen, Tierschützer*innen, Zoolog*innen, Museumskurator*innen oder einfach nur Tierlieberhaber*innen sind, wir denken alle anders.
Wie die obigen Beispiele zeigen, sind nichtmenschliche Tiere mitnichten nur biologische Wesen, sondern auch in ihrer Beziehung zum Menschen sozial konstruierte Geschöpfe. Obwohl sie auf einer Ebene sicherlich in der Natur existieren, werden sie, sobald sie in die menschliche Gesellschaft integriert sind, menschlichen Kategorien zugeordnet – oft basierend auf ihrem Nutzen für den Menschen – und es sind diese Kategorien (Versuchstier, Haustier, Nutztier, Kuscheltier, Schädling), die nicht nur die Sichtweise auf die Tiere prägen, sondern auch unseren Umgang mit ihnen beeinflussen.
Wie die Gender Studies und die Race Studies, die parallel zum Feminismus bzw. zur Bürgerrechtsbewegung entstanden, haben sich die HAS parallel zur Tierschutzbewegung entwickelt und lehnen sich stark an diese Bewegung an.
Was sagt uns dieses Klassifizierungsschema? Dieses System, wie viele der Klassifizierungssysteme, die wir heute verwenden, sagt uns, dass das Dasein als Tier in der menschlichen Gesellschaft wenig mit Biologie und fast alles mit menschlicher Kultur zu tun hat. Darüber hinaus sind diese Klassifizierungen nicht neutral – sie sind politisch aufgeladen, da sie einige Arten (Menschen, einige Tiere) gegenüber anderen (andere Tiere) bevorzugen.
Das Fachgebiet, das sich seit nunmehr vierzig Jahren in der akademischen Welt sowohl multidisziplinär als auch interdisziplinär mit den Interaktionen und Beziehungen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren auseinandersetzt, ist heute unter der Bezeichnung der Human-Animal Studies (HAS) bekannt. Mit anderen Worten: HAS-Wissenschaftler*innen kommen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Disziplinen (interdisziplinär) und die HAS-Forschung nutzt Daten, Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse aus einer Vielzahl von Disziplinen (multidisziplinär).
Wie es feministische Wissenschaftler*innen in den 1970er-Jahren mit den Kategorien „Frau“ und „weiblich“ taten, haben HAS-Wissenschaftler*innen „das Tier“ in die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften eingeführt. Da die Abhängigkeit des Menschen von nichtmenschlichen Tieren zunimmt und sich unsere Beziehung zu ihnen im 21. Jahrhundert drastisch verändert, erschien es seltsam, diese Beziehung nicht im akademischen Kontext zu untersuchen – insbesondere angesichts der zunehmenden Präsenz von Tierschützern in unserer Welt. Wie die Gender Studies und die Race Studies, die parallel zum Feminismus bzw. zur Bürgerrechtsbewegung entstanden, haben sich die HAS parallel zur Tierschutzbewegung entwickelt und lehnen sich stark an diese Bewegung an. (Die Critical Animal Studies [CAS] sind jedoch viel expliziter mit der Bewegung verbunden.)
Die Veröffentlichung von zwei bedeutenden philosophischen Werken über Tiere – Peter Singers Animal Liberation (1975), gefolgt von Tom Regans The Case for Animal Rights (1983) – führte zu einem explosionsartigen Anstieg des Interesses an Tieren bei Akademiker*innen, Tierschützer*innen und der breiten Öffentlichkeit. Zu beobachten ist, dass der Aufstieg der HAS in der akademischen Welt – insbesondere in den zwei letzten Jahrzehnten – in direktem Zusammenhang mit der philosophischen Debatte darüber steht, dass Tiere einer ethischen Untersuchung würdig sind. Außerhalb der Philosophie begannen in den folgenden Jahrzehnten eine Reihe von Wissenschaftler*innen, über Tiere zu schreiben, darunter Historiker*innen, Anthropolog*innen, Soziolog*innen, Psycholog*innen, Geograf*innen und feministische Wissenschaftler*innen. Seit den 1980er Jahren wurden beispielsweise unzählige Bücher von Historiker*innen veröffentlicht, die sich mit der Geschichte verschiedener Praktiken oder Einstellungen gegenüber Tieren befassten.
Die HAS definieren sich zum Teil durch ihr Thema – die Beziehungen und Interaktionen zwischen Mensch und Tier –, aber auch durch die verschiedenen Arten, wie wir Tiere selbst verstehen. Dabei geht es nicht darum, das Verhalten von Tieren zu verstehen (obwohl die HAS sich auch auf die Erkenntnisse der Ethologie stützen), sondern die Tiere im Kontext der menschlichen Gesellschaft und Kultur zu betrachten.
So untersuchen die HAS die Verwendung von Tieren in Werken der Literatur oder Kunst, die Beziehung zwischen Haustieren und ihren menschlichen Familien, Tiere als Symbole in Religion und Sprache, die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft oder biomedizinischen Forschung und Menschen, die mit Tieren arbeiten. Ihr Fokus liegt also darauf, Tiere dort zu betrachten, wo immer sie in der menschlichen Welt existieren. Bei der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung geht es zum Teil darum, den Kern unserer Vorstellungen von Tieren zu ergründen und zu verstehen, was es heißt, wenn wir Tieren Bedeutungen zuschreiben. Da Tiere den Menschen sehr viel bedeuten, ist es daher hilfreich, einen kurzen Blick auf jene Orte zu werfen, an denen Tiere existieren. Die räumliche Verteilung nichtmenschlicher Tiere ist eine Möglichkeit, Fragen aufzuwerfen und zu verstehen, wie Tiere in menschliche Gesellschaften integriert wurden, und die Auswirkungen dieser Integration nachzuvollziehen.

Tiere leben in unseren Häusern hauptsächlich als Haustiere. Die Haltung von Haustieren als kulturelle Praxis beinhaltet die Eingliederung von Tieren in menschliche Familien und den häuslichen Bereich des Menschen. Was kommt in diesen Beziehungen zum Ausdruck und was sagt uns das über menschliche Gesellschaften und Kulturen? Die Anwesenheit von Haustieren formt und beschränkt Beziehungen, bestimmt, wo wir leben, was wir tun, wo wir Urlaub machen, wer unsere Freunde sind und so weiter. In solchen Situationen fungieren Tiere oft als Ersatzmenschen. Der Anthropomorphismus (die Zuschreibung vermeintlich menschlicher Eigenschaften an nichtmenschliche Tiere) kommt in der Beziehung des Menschen zu seinem Haustier vielleicht in seiner komplexesten Form zum Ausdruck.
Tiere leben auf Bauernhöfen und zunehmend auch in Massentierhaltungsbetrieben, wo sie zu Fleisch verarbeitet werden. Eine der wichtigsten Beziehungen zwischen wilden und domestizierten Tieren und Menschen besteht darin, dass Menschen Tiere töten, um sie zu verzehren. Tatsächlich ist für viele Menschen die häufigste Interaktion mit anderen Tieren, dass sie sie essen. Alle Gesellschaften äußern auf unterschiedliche Weise Bedenken hinsichtlich dieser Beziehung. Nicht alle Tiere werden als geeignete Nahrungsquellen angesehen. Einige gelten beispielsweise als zu nah am Menschen, um als Nahrung akzeptiert zu werden, und andere gelten als zu ekelhaft, um gegessen zu werden. Warum sollte ein Tier in einer Gesellschaft „lecker“ sein und in einer anderen tabuisiert werden? Was genau bedeutet es, ein Lebewesen in „Fleisch“ zu verwandeln? Welche Tabus und moralischen Bedenken äußern menschliche Gesellschaften in Bezug auf das Töten und Essen anderer Tiere? Und was können wir über die Tatsache sagen, dass mehr als zehn Milliarden Landtiere pro Jahr ausschließlich gezüchtet werden, um für die Ernährung geschlachtet zu werden?
Tiere existieren in wissenschaftlichen Laboren. Tiere werden seit der Antike in der Wissenschaft eingesetzt, als Gelehrte Tierkörper sezierten, um zu verstehen, wie menschliche Körper funktionieren. Heute werden jährlich etwa zwanzig Millionen Tiere in der wissenschaftlichen und medizinischen Forschung eingesetzt. HAS-Wissenschaftler*innen, die sich mit diesem Thema befassen, untersuchen die Beziehung zwischen Forscher*innen und Tieren, die soziale Konstruktion von „Labortieren“, die sozialen und kulturellen Kontexte von Tierversuchen im Westen sowie den moralischen Status und die wissenschaftlichen Rechtfertigungen von Tierversuchen.
Tiere sind „bei der Arbeit“. Seit der neolithischen Revolution, als Pflanzen und Tiere erstmals domestiziert wurden, arbeiten Menschen mit Tieren, und viele Menschen tun dies auch heute noch. Tatsächlich war der Hund das erste Tier, das als Jagdgefährte des Menschen domestiziert wurde. Einige tausend Jahre später entstand die menschliche Zivilisation zum Teil dank der Domestizierung großer Wiederkäuer – Tiere, die für den Menschen als Fleisch- und Milchlieferanten und vor allem als Arbeitskräfte wertvoll waren. Ohne große domestizierte Tiere wie Rinder und Pferde, die vor einen Pflug oder einen Wagen gespannt oder geritten werden konnten, ist es schwer vorstellbar, wie sich Gesellschaften so hätten entwickeln können, wie sie es taten.
Tiere leben in Zoos und an anderen Orten, an denen sie zur Unterhaltung der Menschen auftreten. Tiere werden dazu gezüchtet, Rennen zu laufen und gegeneinander zu kämpfen; einige werden in einer Vielzahl von Aufführungen und Sportarten geritten; einige werden dazu gebracht, in Zirkussen Kunststücke vorzuführen, einige werden von Menschen bei Veranstaltungen wie Stierkämpfen und Rodeos herausgefordert. Welche Bedeutungen werden in solchen Darbietungen ausgedrückt, und was können wir in diesen Zusammenhängen verstehen, wenn wir Menschen beobachten, die Tiere beobachten und mit Tieren derart interagieren?
Tiere existieren zunehmend in virtuellen Welten – im Fernsehen, im Internet und in Filmen. Für viele Menschen auf der ganzen Welt ist das Beobachten virtueller Tiere eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen. Tiere leben „in freier Wildbahn“ oder außerhalb der menschlichen Gesellschaft, obwohl es immer weniger Orte gibt, an denen Tiere wirklich in freier Wildbahn leben können. Selbst wenn Tiere in der Wildnis leben, ist ihr Einfluss auf unser Leben allgegenwärtig – bei unseren Aktivitäten im Freien, wie Wandern oder Picknicken, bei der Jagd, bei der Vogel- oder Walbeobachtung, wenn wir feststellen, dass Rehe oder Hasen einen Teil unseres Gartens abgegrast haben, oder sogar, wenn wir tote Tiere am Straßenrand finden. Welche Auswirkungen haben diese Begegnungen in der Wildnis auf die menschliche Gesellschaft und die Tierwelt?
Tatsächlich ist für viele Menschen die häufigste Interaktion mit anderen Tieren, dass sie sie essen.
Tiere kommen in Mythen, Legenden und Volksmärchen von Menschen auf der ganzen Welt vor. Die Religionen aller Gesellschaften beziehen Tiere (sowohl negativ als auch positiv) in ihre Kosmologien, Überzeugungen, Praktiken und Symbolik ein. Tiere werden verehrt, zum Gegenstand von Tabus gemacht, geopfert und mit Göttern, Geistern und anderen übernatürlichen Wesen in Verbindung gebracht. Tiere existieren als kulturelle Symbole und sprachliche Metaphern, Gleichnisse und Verunglimpfungen. Jede Sprache hat tierische Ausdrücke, die sich auf Menschen, Praktiken und Überzeugungen beziehen. Warum sind menschliche Sprachen so reich an Tierreferenzen und was sagen sie aus – über Menschen und Tiere?
Tiere sind auch in unserem Gerichtssystem und unseren Gesetzen präsent. Konflikte und Kontroversen zwischen Mensch und Tier werden oft vor Gericht verhandelt. Gesetze und Regelungen auf Landes- und kommunaler Ebene befassen sich mit allen möglichen Themen, von der Frage, wie man Tiere legal behandeln darf, über die Anzahl der Tiere, mit denen man zusammenleben darf, bis hin zu Hundebissen, Richtlinien zur Tierkontrolle, Jagdgesetzen und vielem mehr. Diese Gesetze können Menschen vor Tieren schützen (z. B. Gesetze gegen Belästigung durch Tiere) oder Tiere vor Menschen (z. B. Gesetze gegen Tierquälerei).
Wie die Anthropologie, die als ganzheitliche Wissenschaft bekannt ist, weil sie die Gesamtheit des menschlichen Daseins (Biologie, Kultur, Gesellschaft und Sprache) in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untersucht, verstehen auch die Human-Animal Studies sich daher aufgrund der Erforschung des beschriebenen allgegenwärtigen Mensch-Tier-Verhältnisses als ganzheitliche Disziplin.
Patrick Michaely ist Direktor des Nationalmuseums für Naturgeschichte Luxemburg. Er arbeitet zurzeit an einer Ausstellung über die Mensch-Tier-Beziehung. „animalECH“ wird ab Dezember 2025 im natur musée zu sehen sein.
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