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Obwohl ich kein Kirchgänger bin, möchte ich mit einem Nachruf achtungsvoll den Hut vor einem Geistlichen ziehen, der kürzlich das Zeitliche segnete: Mgr. Jean Bernard, ehemaliger Direktor der Bistumszeitung "Luxemburger Wort". Er zeichnete sich an der Spitze der mächtigsten Zeitung Luxemburgs durch seine Fairness aus.
Mgr. Bernard hatte im Kriege als Kazettler patriotisch seinen Mann gestanden. Er wusch mit seinem persönlichen Opfer, wie auch J.B. Esch und Jean Origer, die schwarzbraunen Flecken der anfänglichen Nazisympathien seiner Zeitung wieder rein. Vor allem bewährte sich der Verstorbene in seinen unterschiedlichen Ämtern als Mensch und Meinungsbildner nicht minder, denn als Christ und Priester.
Ihn innerhalb der damals noch nicht von der "Wort"-Redaktion gespaltenen Journalistenvereinigung kennen und schätzen gelernt zu haben, war mir, über die Ehre hinaus, ein wahres Vergnügen. Niemals wich Abbé Bernard kontradiktorischen Diskussionen aus, sondern setzte sich verständnisbereit mit uns jüngeren und rebellischen Kollegen auseinander. Er achtete unsere Meinung, wie wir die seine achteten, und wir kamen gut miteinander aus.
Freilich hatten im "Wort" auch zu Abbé Bernards Direktionszeiten, eher als er, die obskuren Hintermänner des "Opus Dei" das Sagen, die Drahtzieher des Bistums, die Parteiführer der CSV und der Kammerfraktion, die Werbeabteilung und die Buchführer der Druckerei. Doch er stand als beidseitig anerkannter und geschickter, toleranter Vermittler zwischen ihnen und der Öffentlichkeit. Er wollte selber von einem persönlichen Eingreifen oder Dreinreden in die Politik dieser Exponenten der Rechten nichts wissen und erhielt sich damit das volle Vertrauen weiter Kreise in Staat, Wirtschaft und Kultur dieses Landes.
Als Filmkritiker saß er einmal in einer Pressevorführung neben mir in einem besonders gewagten, kirchenaggressiven, für Bernard sicher blasphemischen Film, "The Devils", von Ken Russell (1971).¹ Der Grundton des Films, vor allem die mit ungemein erotischen Nonnenbildern dargestellten Besessenenszenen, erregten natürlich Bernards Ablehnung. Seine innere Entrüstung war in heftigen Körperreaktionen bis auf meinen Nebenstuhl spürbar. Er hat in diesem Film gelitten. Als der hervorragend gestaltete, aber selbst für mich als Ungläubigen harte Streifen zuende war, sagte Bernard: "Wi gutt, datt een endlech erëm opotme kann!" Ich antwortete, es wundere mich, daß er nicht einfach aus dem Saal gegangen sei. Das hätte er sich nicht verzeihen können, erwiderte er, einen Film in seiner Kritik zu verreißen, ohne ihn ganz gesehen zu haben. "Et hätt jo zum Schluss nach können e Wonner geschéien," meinte er. Sollte er seinen Russell so schlecht gekannt haben? Immerhin, Wunder, mußte ich zugeben, sind filmisch in der Tat ohne weiteres möglich.
"Wort"-Direktor Bernard setzte berufsethische Maßstäbe, deren Verwässerung man heute bedauern muß. Die Journalistenmannschaft, die er nach dem Kriege mit älteren oder jüngeren Redakteuren im "Wort" zusammenstellte, wurde uns – obwohl er bei diesem oder jenem "epurativ" etwas härter hätte vorgehen können, und obwohl wir oft mit den "Wort"-Kollegen die Federn kreuzten – zu guten Berufskameraden. Wir schätzten als Freunde Mathias Guillaume, Jean Wolter, Benny Stoos, Paul Weitz, Jean Evrard, Arthur Colpach und manche andere. Sie pflegten eine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen unserer ärmeren Zeitungen, auf die Dauer auch mit dem ewig kritischen "d’Letzeburger Land". So stand z.B. ohne viele Umstände das unausschöpfbare "Wort"-Archiv bei freundlich-kollegialer Anfrage und redlicher Rückgabe der Dokumente auch mir gelegentlich offen, was ich den Leuten der Bistumszeitung bis heute zu danken weiß.
Jean Bernard schätzte vor allem die Freiheit des Journalisten höher, als die Staatsräson. Einmal unterstützte er, ohne Rücksicht auf die seiner Zeitung nahestehende Regierungsführung, im Journalistenverband meinen Protest gegen eine pressefeindliche
Maßnahme, die die Armee im Schilde führte. Es ging uns um das Verhindern einer ominösen Kontrolle und Zensur aller zur Veröffentlichung bestimmten Schriften von Gradienten der Pflichtarmee, auch von Reserve-Offizieren. Im ersten Vorprojekt des Disziplinreglements der Armee stand wahrhaftig drin, jeder gradierte Militärangehörige habe etwaige Texte, die er (auch nach der Entlassung aus dem Militärdienst!) veröffentlichen wolle, dem Oberkommando der Armee zur Begutachtung und Druckerlaubnis vorzulegen.
Als einziger, damals im Fall befindlicher Journalist und Reservvoffizier war ich den "Wort"-Kollegen unter Jean Bernard, u.a. auch dem späteren Armeeminister Marcel Fischbach, für ihre Unterstützung eines Einspruchs gegen diese beabsichtigte Einschränkung unserer Pressefreiheit dankbar. Später wäre übrigens der "Wort"-Redakteur Emile Burggraff nach mir der nächste Berufsjournalist und Reserveoffizier gewesen, der unter diese unerhörte, militärische Pressekontrolle gefallen wäre. Auf den, von den "Wort"-Kollegen mitgetragenen Protest des Journalistenverbands hin verschwand das undemokratische Hirngespinst hoher Offiziere und ihres juristischen Vordenkers im Armeeministerium im zweiten Text-Projekt kommentarlos vom Blatt.
Mgr. Bernards hohes Berufsethos als Zeitungsdirektor wurde noch ein zweites Mal eklatant auf die Bewährungsprobe gestellt. Der Fall bleibt mir auf immer in achtungsvoller Erinnerung. Es ging um eine Kindsmoot-Affäre im "Val Fleuri", in welcher einige Details des "Wort"-Berichts den Richtern wichtig genug erschienen, den betreffenden Journalisten als Zeugen zu verhören. Wer das war, wußten wir alle genau so gut wie die Richter selbst: unser leider früh verstorbener Freelance-Kollege Louis Clément, ein gewiegter Kriminal- und Gerichts-Chronist. Er schrieb seine Berichte in mehreren Zeitungen, anonym oder unter Pseudonym. Als der verantwortliche "Wort"-Direktor Jean Bernard vors Tribunal geladen und am Zeugenstand von den Richtern gefragt wurde, wer der Verfasser des betreffenden Berichts sei, verweigerte Bernard glatt die Aussage. Er sei nicht gekommen, um einen seiner Mitarbeiter zu verraten. Ihm sei das Pressegeheimnis so wichtig wie das Beichtgeheimnis. Unter keinen Umständen gebe er eine Nachrichtenquelle oder einen Autor preis, der gute Gründe habe, seinen Namen nicht zu nennen.
Das Gericht nahm Rücksicht weder auf Bernards KZ-Martyrium, noch auf seinen Stand und Rang. Wegen Verweigerung der Aussage wurde er verurteilt, meines Erinnerns auf mehrere Tage Gefängnis mit Bewährung. Daß diese, für die Geradheit des Verstorbenen symptomatische Episode, wie überhaupt sein immer mit Gleichgesinnten wie Andersdenkenden kollegiales und vermittlungsbereites Leiten der "Wort"-Direktion nach seinem Tode im Lebensbericht seiner eigenen Zeitung verschwiegen oder vergessen wurde, spricht – auch ohne Worte – Bände.
Senkrecht wie das Kreuz des Herrn, an den er glaubte, war Jean Bernard als Mensch, als Zeitungsdirektor und als Journalist. Seiner Obrigkeit gegenüber, dem Bistum, war er loyal, aber nicht um jeden Preis. Mitunter druckte er auf kollegiales Drängen im
"Wort" Thesen, die dem Bistum oder der Partei nicht gelegen kamen, notfalls mit einer Distanzierung seitens der Redaktion. Das bestätigten mir andere Alt-Journalisten, die ansonsten nicht gelinde über die konstant rechtslastige Dominante der Luxemburger Politik und Presse urteilen. Jos Anen weiß sich der aufrechten Haltung Bernards im "Val Fleuri"-Prozeß achtungsvoll zu erinnern und freute sich regelmäßig auf das Wiedersehen mit dem früheren "Wort"-Direktor bei den jährlichen Presseempfängen des Staatsministers. Armand "Mac" Schleich sagt von Jean Bernard: "Hie war immer offen an e gudde Kolleg". Henri Koch-Kent erwähnt stolz die Widmung in Bernards Kazett-Buch "Pfarrerblock 25 487": "A mon ami Henri Koch, en souvenir inoubliable de nos jeux d’enfants heureux et sans problèmes, Jean Bernard".
Probleme hat es für Jean Bernard im "Wort" mehr als genug gegeben. Nicht nur mit unbequemen Journalisten der Gegenseite. Vor allem das Bündnis seiner Zeitung mit der Christlich-Sozialen Volkspartei hat schwer auf ihm gelastet. Er war alles andere als ein Parteimensch, war selber als Kazettler zum Opfer einer menschenverachtenden Ideologie geworden, in der die Partei alles und der Einzelne nichts war.
Bernard glaubte nicht an Machtpolitik, kriegte sie aber als "Wort"-Direktor immer wieder zu spüren. Gerade während der stürmischen Nachkriegszeit stand er zwischen den Fronten einerseits der Kirche und der erneuerten Rechtspartei, und andererseits seiner Freunde aus Kazett und Widerstand. Auch wenn er kirchentreu die politische Ausnutzung seines katholischen Blattes mittragen mußte, so hat er doch nach besten Kräften versöhnlich und ohne jeden Eifer und Fanatismus gewirkt. Oft genug bedauerte er im Kollegenkreis, nicht alles verhindern zu können, was wir an heftigen und manchmal hinterhältigen Attacken des "Wort" zu bemängeln hatten.
In einem bin ich mir sicher: Nicht nur seine Krankheit als KZ-Nachwirkung, auch Überdruß mit der steten politischen Manipulation seines Blattes war Grund zu seinem Direktionsrücktritt im Jahre 1957, den er schließlich zum weisen Rückzug auf den beschaulicheren Posten seiner selbstgewählten Film- und Kommunikationsthemen gestaltete. In dieser speziellen Sparte sind seine einschlägigen Kenntnisse, seine redaktionellen Fähigkeiten, seine Exaktheit und seine Einsatzbereitschaft bis heute im "Wort" unerreicht geblieben und auch international anerkannt worden.
Einmal abgesehen von seiner geistlichen Einseitigkeit, die wir als Tendenz natürlich kannten und in Rechnung stellten, war Jean Bernard trotz, oder vielmehr: gerade w e g e n seiner Bescheidenheit und steten Vermittlungsbereitschaft ein vorbildlicher Direktor der auflagenstärksten Zeitung dieses Landes. Wo Zurückhaltung und Diskretion verlangt waren, ließ er sie gelten, zum Beispiel während der naiven Massenhysterie der "Kayler Muttergotteserscheinungen". Wo Konflikte anstanden, hat er sie immer so angegangen, daß die zwischenmenschliche Achtung, auch gegenüber Andersdenkenden, tunlichst gewahrt blieb.
Unter seiner Leitung wäre wohl kaum der abgrundtiefe, ideologische Separatismus möglich gewesen,
"Wort"-Direktor Bernard setzte berufsethische Maßstäbe, deren Verwässerung man heute bedauern muß.
den die "Wort"-Leitung später mit harter, machtmonopolistischer Faust durchsetzte, den sie sowohl ihren Lesern zumutete, wie gegenüber den Journalisten der übrigen Presse. Jean Bernard hätte sicher in seiner Zeitung die religiöse Absplitterung vom Luxemburger Volksganzen zu verhindern versucht, jenen neuen katholischen Integrismus, den das "Wort" nicht zuletzt angesichts des medialen Ausdrucksbedürfnisses der minoritären, kritischen Katholiken erzwang, die daraufhin mit beachtlichem Erfolg das "Forum" hervorbrachten.
Hätte es in Jean Bernards Macht gestanden, so wäre, wie wir ihn kannten, niemals den außenstehenden Meinungen, und noch viel weniger derjenigen von
aufrechten Katholiken und Priestern, im "Wort" – das Wort verboten worden.
Rosch Krieps
PS. Gewiß, es schickt sich nicht, über Toten und Gräbern zu streiten. Genau das aber hatte das "Wort" mit einer häßlichen Polemik Léon Kinsch nach dessen Ableben angetan. Dennoch es geht hier nicht um kleinliches Heimzahlen einer Peinlichkeit, sondern um "Wahrheit und Recht", die Jean Bernard mehr bedeuteten, als bloße Höflichkeiten übers Grab hinaus.
Ich weiß: er würde mir meine polemische Schwäche verzeihen. R.K.
1 Titel, Regisseur und Jahrgang verdanke ich den Angaben von Marc Scheffen von der hauptstädtischen Cinemathek.
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