Imago Luxemburgi in Prag
Impressionen und Verwirrungen eines imaginären Prager Ausstellungsbesuchers
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Im April 1994 gastierte die in Luxemburg von Regierungsseite zusammengestellte und hochgelobte Ausstellung "Imago Luxemburgi" in Prag. Unser dortiger Korrespondent verließ sie mit eher gemischten Gefühlen. "forum" ist darüber nicht besonders überrascht, wurde sie doch dem Vernehmen aus Museumskreisen nach am Telefon konzipiert, nach dem Motto: "Hallo, ich bräuchte noch einen Gegenstand von 25 cm Höhe, der aber nicht tiefer als 10 cm sein darf." In Prag wurde ein Handzettel verteilt, dessen tschechische Übersetzung voller Druckfehler war, weil der wahrscheinlich luxemburgische Computer die Sonderzeichen nicht geschluckt hatte; er wurde bis zum Schluß der Ausstellung nicht ersetzt.
Ende April dieses Jahres hat die Tschechische Republik und ihre Hauptstadt Prag einen bedeutenden Besucher empfangen – Ihre Königliche Majestät, den luxemburgischen Fürsten Jean. Anläßlich dieses seltenen Staatsbesuches wurde eine Ausstellung eröffnet, die den Bürgern der Tschechischen Republik sowie auch den zahlreichen Besuchern von Prag ein Bild der Geschichte und Gegenwart des Großherzogtums Luxemburg präsentieren sollte. Diese Ausstellung, die unter dem Titel "Imago Luxemburgi" als eine durch die Mitgliedsländer der EU reisende Präsentation konzipiert wurde, füllte also vom 27. April bis zum 29. Mai 1994 eine der Ausstellungsräume der Prager Nationalgalerie – die ehemalige frühbarocke Reitschule des Wallensteinpalais auf der Kleinseite, in unmittelbarer Nähe der Prager Burg.
Luxemburg wird in den tschechischen Ländern traditionell vor allem durch die Mittlerrolle unseres gemeinsamen Herrschers wahrgenommen – des Grafen von Luxemburg und König von Böhmen Johann (1296-1346), der zweifelsohne eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte des 14. Jahrhunderts war. Von der jüngeren luxemburgischen Geschichte und besonders der Gegenwart dieses Landes wissen die Tschechen im allgemeinen leider relativ wenig. Gelegenheiten zu gegenseitigen Kontakten oder gar zu touristischen Reisen gab es in den vergangenen Jahrzehnten ja nicht gerade im Überfluß, und so konnte sich die Ausstellung des Interesses der Prager Besucher sicher sein. Wie war es nun den Veranstaltern gelungen, dieses "entfernte und naheliegende" Land der tschechischen Öffentlichkeit vorzustellen?
Gleich beim Eingang fühlte sich der nicht hundertprozentig sachverständige tschechische Besucher überrascht: der luftige Raum des ausgedehnten Saales der Reitschule, der sich durch hohe Fenster zu den anliegenden Parks öffnet, verleiht den hier veranstalteten Ausstellungen traditionell eine prächtige Harmonie und gibt ihnen die endgültige Form. Diesmal war er aber buchstäblich bis zum Rande durch "Architekturen" gefüllt, die der Besucher nach einer kurzen oder längeren Überlegung als Anspielung auf gallo-römische Häuser und kleine Tempel identifizierte. Nach einer weiteren Überlegung war er imstande, zwischen diesen "Häusern-Objekten-Tempeln" noch einige "Wege-Straßen" sowie auch größere "Gelände-Plätze" zu entdecken, wo sich sogar Bänke und Säulen mit Poster befanden. Der Besucher fing langsam an zu begreifen, daß dies wohl die imaginäre Stadt Luxemburg darstellen soll, und daß man hier einen Spaziergang durch die Geschichte des Landes für ihn vorbereitet hat. Die imaginäre Stadt hatte auch eine "via triumfalis" oder eine Hauptpromenade (sie bestand aus einer Durchgangsgalerie mit Porträts der Herrscher an den Wänden und einer Kopie des Sarkophags des Königs Johann auf dem Boden), die ihren Höhepunkt wohl in einem hohen Turm in ihrer Achse bekommen sollte. Der Besucher, aufgemuntert dadurch, daß er sich endlich mal orientiert fühlte und den Schlüssel zur Ausstellung gefunden hatte, konnte nun seine Aufmerksamkeit darauf verwenden, was diese städtischen Interieurs und öffentliche Gelände eigentlich zur Ansicht boten. Es war sehr bunt und verschiedenartig: Kuriositäten, Requisiten, Souvenirs, Modelle, Rekonstruktionen, Dokumente, hie und da auch Kunststücke, das Fahrrad des siegreichen Tour-de-France-Rennfahrers Gaul, ein Modell des Scriptoriums aus dem Kloster
die
Ausstellung
lädt zum
geistigen
Weg durch
Luxemburg
ein, sie will
den Besucher
jedoch nicht
führen,
sondern
möchte ihm
die Freiheit
des Irrgangs
durch die
Ausstellung-
Stadt gönnen .
in Echternach, durch Polychromie und Ergänzungen verbesserte Gipsabgüsse der Porträtbüsten des Kaisers Karl IV. und seiner Familie aus dem Triforium des Prager St.-Veits-Domes, Pastell-, Öl- und Aquarellgemälde von Landschaften sowie auch zeitgenössische nichtfigurative Malerei, ein Modell des historischen Kerns der Stadt Luxemburg sowie der Burg Vianden, photographische Aufnahmen von Steichen, einige Exemplare historischer Möbel und vereinzelte Porzellanstücke, eine Büste der Großherzogin Charlotte usw. Auf den Objektbeschreibungen las man meistens nur das, was man ohnehin schon selber sehen konnte; ab und zu war auch die Datierung falsch. Was aber ganz und gar fehlte, war die Erklärung, welche Ereignisse, Kunstströmungen, Auftraggeber oder Bereiche durch diese Exponate vertreten sind und wodurch sie interessant sind (Ikonographie, Datierung, Stilrichtung u.ä.).
Kleine Broschüren, die man an der Kasse kaufen konnte, erklären zwar (mit vielen Fehlern und in kurzgefaßten allgemeinen Begriffen) die luxemburgische Geschichte. Die begleitenden Illustrationen hatten jedoch keine Beziehung zu den Ausstellungsstücken. Solche Beziehung fehlte auch in der für die verschiedenen Präsentationsorte
vorbereiteten "umfangreichen" Publikation (46 Seiten), die übersetzt und speziell für Prag mit einem Vorwort des Premiers und Kulturministers Jacques Santer versehen worden war. In diesem Buch wurde wenigstens die Rede von Herrn Prof. Gilbert Trausch abgedruckt, die dieser am 18. April 1989 anläßlich des 150. Jahrestages der luxemburgischen Unabhängigkeit gehalten hatte, in der von den wichtigsten geschichtlichen Momenten und Ereignissen gesprochen wird, die bei der Geburt der Nation und des heutigen Staates ihre Rolle gespielt haben. Und zuletzt findet man hier einige Paragraphen, die die Illustrationen begleiten, auch das poetische Credo der Veranstalter: nämlich daß die Ausstellung kein allgemeines oder offizielles Porträt von Luxemburg liefern soll, sondern daß sie konzipiert wurde als: "… Reflexion des Geistes, die die Landschaft und Orte des Großherzogtums zeichnet, seine wichtigsten Denkmäler und Artefakte…" und auch als "… Spiegel der Gedanken, als Reflexion des Landes und Projektion seiner Ideale und Aspirationen…" Man sagt dort weiter, daß die Ausstellung zum geistigen Weg durch Luxemburg einlädt, den Besucher jedoch nicht führen will, sondern
dem ihm die Freiheit des Irrgangs durch die Ausstellung-Stadt gönnen möchte.
Romain Hoffmann
Diese Anweisung zum richtigen Begreifen der Ausstellung ist sehr rücksichtsvoll und demokratisch. Der Besucher nimmt also ein buntes Kaleidoskop von oberflächlichen Eindrücken mit nach Hause, ohne begriffen zu haben, wie dieses Land in der Vergangenheit war und warum es so ist, wie es heute ist. Warum hat man gerade diese Exponate ausgesucht und wozu wurden sie in ihrer Zeit verwendet? In welchen historischen und kunsthistorischen Zusammenhängen sind sie entstanden und wer hat den Anlaß zur Entstehung gegeben? Um ihre Bedeutung zu begreifen, sei es auf symbolischer, historischer oder kunsthistorischer Ebene, wird es wohl nicht genügen, sie irgendwo im Rahmen der Ausstellung-Stadt zu plazieren, hinzulegen oder zu hängen, ohne daß dabei eine sichtbare Beziehung zur Architektur entsteht, die eine Art Kulisse für sie bilden soll. Wie soll man die in einer Nische auf dem Rand "abgelegte" Büste einer denkwürdigen Persönlichkeit der neuzeitlichen Geschichte, der Großherzogin Charlotte, verstehen oder eine vor dem dominanten Tempel-Turm in der Achse des "triumphalen Weges" plazierte Säule mit
Und dem zufriedenen Besucher tritt der wahre Name dieser Ausstellung in Erscheinung: Imago Leoni.
Postern interpretieren? Der Besucher, zum Teil verwirrt, zum Teil beunruhigt, daß er auf die Beantwortung der entstandenen Fragen wohl vergebens warten wird, geht weg, fest entschlossen, daß er die durch den Katalog proklamierte "Reflexion des Geistes des Landes" auf eigene Faust in Fachbüchern über Geschichte und Kunst von Luxemburg nachlesen wird.
Aber nach einer Weile eigener Reflexion findet er doch seine eigenen Schlüssel zu dieser repräsentativen Ausstellung: es handelt sich ja um keine konventionelle, mit ästhetischen Gliederungskriterien belastete Vorführung der Kultur und Kunstschätze dieses Landes, sondern um eine imaginäre Stadt des Architekten Léon Krier. Und wer Léon Krier ist, weiß man in Prag genauso gut wie anderswo in Europa, und so kommt der imaginäre Besucher zurück, um endlich zu begreifen: hier, vor seinen Augen, befindet sich die erste Realisierung einer gesamten Luxemburger Stadt von Léon Krier, mit seiner in der Antike verankerten Inspiration sowie auch einer ausklingend "postmodernen" Relativierung der traditionellen ästhetischen Werte. Es ist eine wunderbare Stadt mit klar formuliertem Urbanismus – sie hat einfach identifizierbare Hauptachsen, die die wichtigsten öffentlichen Plätze der Stadt verbinden, sie hat monumentale Plazzas, aber auch magische Winkel, panoramatische Dominanten, die ihrer Bedeutung für das städtische Gemeinwesen entsprechen. Die Häuser und Tempel sind weiß, solide, aus der tiefen Vergangenheit des Landes gewachsen. Was sich in ihnen
gerade verbirgt, ist unwichtig. Sie verfehlen ihren temporären Inhalt – die Objekte, die man in sie ad hoc für die Zeit der Ausstellung installiert hat. Es ist eine Stadt, die für das Leben, für einen neuen luxemburgischen Bürger vorbereitet ist. Und dem zufriedenen Besucher tritt der wahre Name dieser Ausstellung in Erscheinung – Imago Leoni.
Noch eine Randbemerkung: Es ist gut und mehr als nutzbringend, architektonische Visionen auszustellen. Und es ist wohl auch nützlich, den Mitgliedsländern der EU ein informatives Bild von Luxemburg vorzustellen. Aber wenn wir im Rahmen vom "neuen vereinigten Europa" zusammenarbeiten wollen, müssen wir uns vor allem gegenseitig begreifen, und das wird mit Hilfe eines wahllos zusammengestellten Mosaiks, das darüber hinaus noch außerhalb seines Kontextes vorgestellt wird, dem tschechischen Publikum wohl nicht gelungen sein. Der imaginäre Prager Ausstellungsbesucher freut sich also schon auf ein nächstes Treffen mit Luxemburg: entweder mit den urbanistischen Projekten von Léon Krier, die er beim Besuch Luxemburgs in Wirklichkeit entdecken und sich deren unverwechselbaren Stils er sich erfreuen wird, oder mit einer fachlich fundierten Ausstellung, auch wenn sie nur einem Stück der Geschichte dieses Landes gewidmet werden sollte – dafür aber mit einer Konzeption, die der Sache auf den Grund geht.
Jan Sulc
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