Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Einer der letzten „öffentlichen Intellektuellen“ in Deutschland ist tot. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat großartige, erhellende Bücher geschrieben. Seine Wissenschaftskollegen waren von der Verständlichkeit seiner Texte oftmals irritiert und es kam vor, dass man ihm unterstellte, er hätte besser Journalist werden sollen. Beck beließ es nicht bei der sterilen Analyse und scheute keinen Streit im Feuilleton. Er belebte die Debattenkultur und war noch dazu gut gelaunt.
Es wirkt geradezu ironisch, dass Beck, der große Optimist, mit Risikogesellschaft, einem ausgesprochen lesbaren Buch, das schon 1986, kurz vor Tschernobyl erschienen war, seinen größten Erfolg verbuchte. Beck beschreibt dort, wie die Industriegesellschaft von einer „reflexiven Moderne“ abgelöst würde. Der Modernisierungsprozess produziere demnach Risiken, denen sich niemand entziehen könne, er wird „sich selbst zum Thema und Problem“. Neben Klimawandel, Finanzkrise, Migration und Arbeitslosigkeit ist die Atomenergie eine gute Illustration für diese Risiken, die im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos sind – aus einem nationalstaatlichen Blickwinkel lassen sie sich weder analysieren noch lässt sich ihnen begegnen.
Die Verteilung von Jodtabletten und einer Info-Broschüre durch die Behörden im vergangenen November war uns Aufhänger genug, um noch einmal einen Blick in Richtung Cattenom zu werfen. Cattenom ist neben dem Finanzplatz der zweite blinde Fleck im öffentlichen Leben Luxemburgs. Es ist tatsächlich verwunderlich, wie wenig die unmittelbare Nachbarschaft von vier der störanfälligsten Reaktoren Europas bei uns ein Thema ist. Das Gefühl von (politischer) Ohnmacht, die Abstumpfung gegenüber einer nur abstrakt empfundenen Bedrohung, schließlich Gleichgültigkeit als Überlebensstrategie, so könnte man sich das Phänomen erklären. Für Beck kommt noch „Nichtwissen“ hinzu, das zu einem „clash of risk-cultures“ führt: Neben jenen, die „wissen“ und sich demzufolge auch absichern (und die Ressourcen dazu haben), gibt es all jene, die den Folgen der Risiken weitgehend schutzlos ausgeliefert sind.
Ein größerer Unfall in Cattenom wird neben den unmittelbaren Strahlenschäden an Mensch und Natur und dem folgenden Chaos der Flucht (der von der Regierung verwendete Begriff der Evakuierung dürfte ein Euphemismus sein) dazu führen, dass das Land, das wir kennen, ganz einfach aufhört, zu existieren. Alle internationalen Unternehmen und Institutionen werden das Land verlassen, viele Grenzgänger werden auf ihre dann sowieso nicht mehr finanzierbaren Renten verzichten und nicht zur Arbeit erscheinen, Landwirte und Winzer werden auf das Label „marque nationale“ verzichten, einen Immobilienmarkt wird es nicht mehr geben, jene die es sich leisten können, werden endgültig an die Côte d’Azur ziehen, Regierung und Großherzog werden sich von der belgischen Küste aus an die Bevölkerung wenden (und zur Ruhe ermahnen).
Aber auch ohne Katastrophe vor der Haustür verspricht das Jahr 2015 unruhig zu werden. Eine erhellende Lektüre und einen guten Jahresanfang wünscht Ihnen
Ihre forum-Redaktion
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!