Intro ins Heft

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer heute in Westeuropa aufwächst, wird in der Regel wenig behelligt von der öffentlichen Präsenz der Kirchen. Zur Illustration kann ein Blick auf die religiösen Feiertage dienen, die weitgehend ersetzt wurden durch staatliche bzw. kommerziell umgedeutete: Statt einer Hundertschaft an Heiligen garantieren heute gesetzlich verbriefte Ferien die Ruhetage. In der Schweiz ist selbst der Begriff Weihnachtsferien mittlerweile unüblich, stattdessen heißt es Winter- oder Skiferien.

Ende des 19. Jahrhunderts und über weite Strecken des 20. Jahrhunderts wurden die fortschreitende Säkularisierung Europas und der scheinbar unaufhaltsame Sieg der Aufklärung als zentrale Frage der Moderne diskutiert. In Deutschland mündete Nietzsches Warnung vor der Unreife des Menschen in einer von Gott befreiten Welt einerseits in Kulturpessimismus, andererseits in Führerkult. Die großen Romane u.a. von Musil, Broch und Döblin, die der Moderne eine bis heute gültige literarische Form gegeben haben, zeigen keine Hoffnung auf. Horkheimer/Adornos Analyse in der „Dialektik der Aufklärung“ sieht in der Entzauberung der Welt sogar die eigentliche Ursache der Shoa.

Völlig konträr zu gesellschaftlichen Entwicklungen arbeitete man in der angelsächsischen Welt weiter an „Modernisierungstheorien“, die den Rückzug des Religiösen weltweit vorhersagten und als Normalität statuierten. Doch trotz aller Vorhersagen zeigte sich, dass das Religiöse im globalisierten Kapitalismus weiterhin seinen Raum beansprucht. In vielen Staaten der Peripherie erscheint nicht nur den Armen, sondern auch den perspektivlosen Akademikern Religion als letzte Zuflucht einer irgendwie gesicherten Identität. Doch sogar in den USA kann heute niemand gesellschaftliche Anerkennung erwarten (oder Präsident werden), der nicht irgendeine Form von Glauben deklariert.

In Luxemburg hat der Regierungswechsel von Ende 2013 die Chance eröffnet, die Situation zu klären, die in den letzten Jahrzehnten durch die historische Allianz zwischen katholischer Kirche und CSV blockiert war. Selbst die CSV war sich im Klaren (wie sich in den Wochen vor der Wahl zeigte), dass die Beziehungen zwischen Staat und Kirche insbesondere im Hinblick auf Religionsunterricht, Finanzierung und Tedeum nicht zu halten waren. Die institutionellen Arrangements hinkten der gesellschaftlichen Entwicklung zu weit hinterher.

Das Thema Säkularisierung ist enorm spannend – es zeigt im Brennglas, wie jeder einzelne von uns, wie unsere Überzeugungen und Werte eingebettet sind in eine historische Entwicklung und gesellschaftlichen Wandel. Wir bedanken uns wie immer bei unseren Autoren und wünschen Ihnen, unseren Lesern, viel Gewinn beim Lesen!

Es grüßt Sie herzlich Ihre forum-Redaktion

PS: Ein weiterer Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das Thema Intersexualität. Zu diesem Thema gibt es in Luxemburg kaum Informationen und die Politik interessiert sich nur sehr zaghaft dafür. Dabei scheinen politische Lösungen gegen die Fremdbestimmung intersexueller Menschen durch eine unflexible Gesetzgebung, überforderte Ärzte und Eltern unbedingt erforderlich – das zeigen die Beiträge und das Interview mit vier betroffenen Personen. Schaut man genauer hin, dann geht es auch hier letztlich um den bewussteren Umgang mit kulturellen Vorstellungen, die so sind, aber keineswegs so sein müssen. Bei den Aborigines im Westen Kanadas galten und gelten intersexuelle Menschen zum Beispiel als Two-spirit people, ihre gesellschaftliche Rolle ist anerkannt und positiv konnotiert.