Intro ins Heft

Liebe Leserin, lieber Leser, es gibt Themen und Fragestellungen, die irgendwie zeitlos wirken, weil die Lebensspanne eines einzelnen Menschen gar nicht ausreicht, um die tatsächlich stattfindenden Veränderungen wahrzunehmen. Die Rollenbilder von Männern und Frauen, die wir in diesem Heft (erneut) untersuchen, gehören zu diesen „Verhältnissen“, die fast schon statisch erscheinen. Wirft man einen Blick auf all die Dossiers und Beiträge, die forum diesem Thema seit Ende der 70er Jahre gewidmet hat (u.a. die Ausgaben 327, 277, 253, 193, 87, 32) so scheint es tatsächlich, als ob sich nur wenig verändert hätte im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte.

Tritt man jedoch noch einen weiteren Schritt zurück und blickt in die Mitte oder den Anfang des letzten Jahrhunderts, dann wird deutlich, dass sich die Geschlechter- und Familienverhältnisse radikal gewandelt haben. Cathy Richard hat gerade in einer beeindruckenden Videoarbeit die Stimmen von Frauen eingesammelt, die sich an das Leben im Minett der 30er bis 50er Jahre erinnern. Eine der Frauen erzählt, wie sie in der Kirche in ihrem Heimatdorf in Italien mit einem Hut und einigen Papieren verheiratet wurde, die auf dem Stuhl neben ihr stellvertretend für den Mann lagen, mit dem sie von nun an – ohne ihn jemals gesehen zu haben – im fernen Luxemburg ihr Leben teilen sollte. Allein das Versprechen auf Dach, Tisch und Bett ersetzte damals unsere heutigen Vorstellungen von gegenseitiger Zuneigung und persönlicher Selbstbestimmung. Solche Geschichten lassen annähernd den Weg ermessen, der langsam und mühsam – aber doch – zurückgelegt wurde. Und nicht nur für Frauen hat sich unsere Welt grundlegend verändert – auch für Männer und Väter stellt sich das (Er-)Leben in der heutigen Zeit anders und reicher dar als für die Generationen vor uns.

Dass die Dinge sich weiter verändern müssen, steht außer Frage, wobei die Quote die nächste große Herausforderung darstellt. Insbesondere staatliche Einrichtungen, Parteien und „Staatsbetriebe“ sind gefordert – sie werden eine zukünftige Generation von Frauen in Führungspositionen aufbauen müssen. Während etwa 25, 30 Jahren wird dieser Generation die undankbare Aufgabe zuteil, als „Quotenfrauen“ die Gesellschaft zu verändern. Den „Makel“ in der öffentlichen Wahrnehmung werden sie hoffentlich zahlreich auf sich nehmen, um den darauffolgenden Generationen die Normalität und Sichtbarkeit zu verschaffen, die Frauen auch im Erwerbs- und Wirtschaftsleben zusteht.

Ob unsere eigene, im Verhältnis zum Tempo der Veränderungen doch relativ kurze Lebensspanne ausreichen wird, um das Ziel dieses langen Weges zu erleben, steht auf einem anderen Blatt …

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