Intro

Liebe Leserin, lieber Leser,

Die Zeiten sind verwirrend. Gestern noch wurde unser Land als Inbegriff des europäischen Gedankens gefeiert. Mit Bech, Werner, Santer, Juncker und Reding haben wir mehr gefeierte Europäer hervorgebracht als Deutschland und Frankreich zusammen. Wir sind kollektive (und einzelne von uns sogar individuelle) Karlspreisträger. Wir haben den Maastrichter Vertrag erfunden und Schengen zu einem europäischen Wallfahrtsort gemacht. Und â?? wir haben uns als einzige nie über die Europäische Union beklagt. Nie!

Und jetzt das. In einem kleinen, unsinnigen Pamphlet eines viel zu jungen französischen Wirtschaftswissenschaftlers, der noch dazu in London lehrt (sic), und das hier niemand gelesen hat (das wäre ja noch schöner!) wird tatsächlich der Ausschluss unseres Landes aus der EU verlangt! Diese Forderung wurde von einem Teil der bekanntermaÃ?en völlig unseriösen französischen Presse übernommen und geistert jetzt durch die internationalen (und luxemburgischen) Medien. Diese absurde Drohung zielt darauf, uns aus der Geiselhaft der internationalen Finanzmafia zu befreien. Luxemburg wäre demnach schon lange kein Nationalstaat mehr, sondern nur noch eine Plattform für die weltweiten Finanzdealer, die sich für ihre unlauteren Steuervermeidungsstrategien unser kleines Land praktisch gekauft hätten. Der luxemburgische Vertreter im Ministerrat der EU sei folglich auch nicht mehr der Vertreter einer Nation, sondern nur ein Lobbyist, im Dienste der Superreichen dieser Welt bzw. ihrer Finanz- und Steuerlakaien. Unser schönes GroÃ?herzogtum wäre so etwas wie ein Parasit der Parasiten, ein wahrer Superparasit und hätte somit auch seinen Platz am Tisch der europäischen Nationen verwirkt.

Die einfachste Erklärung für alle diese Gemeinheiten wäre, dass wir so klein sind und uns nicht wehren können und das Unglück haben, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich zu liegen. Und die Franzosen sind neidisch auf uns. Die würden alle gerne in Luxemburg wohnen oder doch zumindest ihr Geld hier verdienen. In Paris verdient ein Banker wahrscheinlich einen Hungerlohn und muss in einer Einzimmerwohnung mit Blick auf den Péripherique leben. Und das MUDAM hat er auch nicht.

Vielleicht ist es auch komplizierter. Finanz- und Steuerfragen sind immer kompliziert. Deswegen haben die französischen Ã?konomen und Steuerbehörden unsere Position, die sich an den Menschenrechten inspiriert, nicht verstanden. Dieser junge Wissenschaftler (der sicherlich noch nie eine Bank von innen sah!) hat eigentlich auch nur ausgerechnet, welche Summen in den Bilanzen der Nationalstaaten fehlen und dann einfach die nirgendwo versteuerten Gelder (das werden scheinbar immer mehr) auf die Offshore-
Finanzplätze verteilt. Und da kommen wir ziemlich gut weg. Hinzu kommt, dass er alle seine Behauptungen irgendwie wissenschaftlich belegt, verständlich argumentiert und (wahrscheinlich um uns zu provozieren) akribisch seine Berechnungsmethoden angibt. Wenn wir uns die Zeit nähmen, könnten wir seine Argumente überprüfen und so die Behauptungen zweifelsfrei widerlegen.

Doch â?? wir sollten uns nicht so schnell beirren lassen. Wenn es den Franzosen (oder all den anderen Neidern) tatsächlich einmal ernst wird, können wir ja immer noch sehen.

Dann fällt uns bestimmt etwas ein. Wir könnten etwa – falls wir tatsächlich zu lange auf die falschen Pferde gesetzt haben – unsere Regierungsform zur Disposition stellen; wie nach dem Ersten Weltkrieg. Wir könnten auch Abbitte leisten und wirkungsvoll die Kollaboration mit dem Finanzplatz historisch aufarbeiten lassen. Naja, ist nur so ein Gedanke …

Es soll auch in Luxemburg jetzt Leute geben, die den Finanzplatz kritisieren. Die haben, so wird erzählt, ein schlechtes Gewissen. Schrecklich.

In diesem Sinne müssen wir allen unseren Lesern für 2014 eine einwandfrei funktionierende seelische Verfassung wünschen! Lassen Sie sich nicht unterkriegen!

Zum Jahresanfang grüßt Sie herzlich, Ihre forum-Redaktion

Gabriel Zucman, La richesse cachée des nations, Enquête sur les paradis fiscaux, Seuil, Nov. 2013, 113 S., 11,80â?¬