„Jesus stünde auf Boffs Seite“

Luise Rinser schreibt an Johannes Paul II.

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Luise RINSER schreibt an Johannes Paul II

Anfang Mai 1985 wurde der 40jährige brasilianische Franziskaner und Befreiungstheologe Leonardo BOFF vom Vatikan auf unbestimmte Zeit dazu verurteilt, sich jeder öffentlicher Äusserung zu enthalten. Diese Massnahme kam umso überraschender als ein Kolloquium in Rom im September 1984, bei dem Boff der Glaubenskongregation unter dem Vorsitz von Kardinal Josef Ratzinger für sein Buch "Kirche: Charisma und Macht" Rede und Antwort stehen musste, eher freundlich verlaufen war. Eine am 20.3.1985 veröffentlichte Verlautbarung derselben Kongregation hatte wohl einige Optionen Boffs als "die gesunde Lehre des Glaubens gefährdend" bezeichnet (mit übrigens zweifelhaften Argumenten: vgl. "Publik-Forum", Nr. 10/17.5.85, SS. I-VIII), doch die Glaubenskongregation hatte es bei ihrer Kritik bewenden lassen, keinen Widerruf verlangt und keine Massnahmen verhängt. Die Schweizer Jesuitenzeitschrift "Orientierung" (Nr. 10/31.5.85) vermutet, dass die neuerliche Verschärfung vor allem auch die brasilianische Bischofskonferenz treffen soll, die noch Mitte April auf ihrer Vollversammlung zur Weiterentwicklung der Befreiungstheologie und pastoraler Praxis aufgerufen hatte und deren drei bekanntesten Kardinäle (Arns, Lorscheider, Lorscheiter) sich im September 1984 erdreistet hatten, Boff nach Rom zu begleiten und ihm zu seiner Verteidigung vor der Kurie beizustehen.

Leonardo Boff hat erklärt, er nehme das Schweigegebot in christlichem Gehorsam an. In der Weltkirche hat die Massregelung aber Empörung und Betroffenheit ausgelöst. Als besonders eindrucksvolles Beispiel solcher Betroffenheit drucken wir den Brief ab, den die deutsche Schriftstellerin Luise RINSER an den Papst gerichtet hat (in: "Publik-Forum", Nr. 11-12, 31.5.85). "forum" wird im Herbst an Hand neuerer Werke auf die Befreiungstheologie zurückkommen (vgl. auch "forum", Nr. 78, SS. 13ff.).

Sie, Herr Papst, werden diese Zeilen gewiß nicht zu lesen bekommen. Ihr geistliches Berufsbeamtenheer beschützt Sie vor solchen Reden und beraubt Sie damit des lebendigen Kontakts mit denen, deren Hirte Sie sein wollen. Ein Hirte, von seinen Schafen getrennt durch theologische Aufpasser, kugelsicheres Glas und schwer bewaffnete Polizisten. Ein Hirte, den man vor seinen Schafen schützen muß. Ein Hirte, der seine treuen Schafe für Wölfe hält und die echten Wölfe zu Verbündeten wählt. Was für eine schlimme Lage, in die Sie sich hineinmanövriert haben, schlecht beraten von Männern, denen es weit mehr um die Erhaltung des alten Gebäudes geht als um die lebendigen Menschen, die darin wohnen. Keiner Ihrer Vorgänger in unserem Jahrhundert brauchte ein derartiges Aufgebot an Polizei wie Sie. Daran

ist nicht nur und nicht vordringlich die verschärfte politische Weltlage schuld. Daran sind Sie selber schuld mit Ihren undifferenzierten Antikommunismus, geboren aus dem alten polnischen Ressentiment gegen Rußland, dieses Ihnen verständlicherweise hartnäckig anhaftende Relikt aus Ihrer polnischen Jugend, das Ihnen den echten Dialog mit dem Osten und den Linken verbietet, den Ihr großer Vorgänger Papst Johannes XXIII. eröffnete – in prophetischer Voraussicht auf das Notwendige: auf den Abbau des Feindbildes vom bösen Linken, von der absoluten Unvereinbarkeit zwischen Christentum und Marxismus. Er hätte den Franziskaner Leonardo Boff verstanden und geliebt, so wie er den von Ihnen ungeschätzten Karl Rahner schätzte und zum Konzilsberater machte. Wer hier so zu Ihnen spricht, auch wenn

Sie nicht hören, ist eine Frau Ihrer Generation, älter als Sie, die in der Nazizeit, gleich Ihnen, Hitler Widerstand leistete, deren Bücher auch in Ihrem Vaterland gedruckt, in Ihrer polnischen Muttersprache gelesen und geschätzt werden, die nicht wie ihre Schriftstellerkollegen Ihre Kirche verließ, sondern in ihr aushält, obgleich sie diese Kirche kaum mehr ertragen kann; zumal sie, dicht bei Rom wohnend, die Vatikanskandale aus nächster Nähe miterlebt, so jenen des betrügerischen Bankrotts der in Mafia und Waffenhandel verstrickten Banca Ambrosiana, deren Bankier, ein Priester, Sie nicht der Justiz übergaben, sondern zum Erzbischof erforderten. Schwer machen Sie es uns, Herr Papst, in dieser Ihrer schuldbeladenen Kirche zu bleiben. Warum bleibt die Ruferin dennoch Glied dieser Kirche, obgleich sie deren Grenzen

erkannt und überstiegen hat? Warum nicht im kugelsicheren Auto und mit kugelsicherer Weste und ohne Polizeischutz die Slums aufsuchen, zu Fuß, und dort bleiben, nicht nur im Glaswagen rasch durchfahren, die Armen gar nicht sehend, weil man, wie in Spanien, vorher rasch die armseligen Hütten der Slumbewohner abriß. Weil Männer wie Boff nicht nur schön predigen, sondern das Evangelium durch ihre einfachen, konkreten Liebestaten verkünden. Weil Männer wie Boff den armen Menschen des riesigen Kontinents Südamerika zu jener Freiheit verbleiben gleich ihr viele andere, die auf der Schwelle zwischen Bleiben und Gehen zögern? Nicht weil es einen Papst Johannes Paul II. gibt, sondern weil es einen Franziskaner Leonardo Boff gibt. Weil es die Befreiungstheologie gibt, diese Theologie der Hoffnung für alle. Weil es nicht nur die römische Amtskir-

che gibt mit ihrem universellen Machtanspruch und ihren Gewaltmitteln, wie Diskriminierung der nach vorne Offenen, wie Berufsverbote und Redeverbote. Weil es die charismatische Basiskirche gibt mit Männern wie Boff. Weil Menschen, wie der von Ihnen so unbegreiflich schwer und tief ungerecht gemaßregelte Boff, helfen wollen, die Sie, Herr Papst, für Ihr polnisches Volk fordern: ein menschenwürdiges Leben in Freiheit von Unterdrückung in jeder Art. Weil, wenn Jesus heute in greifbarer Gestalt käme, er auf seiten Boffs stünde, so wie er auch an der Seite Ihrer armen Polen stünde wie an der Seite aller Unterdrückten und Entrechteten, nie aber auf seiten von Recht- und Machthabern, Dogmatikern und Ideologen aller Art, nie auf der Seite jener, die sich fürchten vor dem Wehen des Heiligen Geistes, der für Konservative so herrlich unbequem ist. Was, wenn nicht das

Wehen des Heiligen Geistes, ist es, das Menschen treibt, die Kirche nach vorne zu öffnen und eine Menschenkirche zu werden statt eine Kleruskirche? Bitte, Herr Papst, lesen Sie die Enzyklika Pacem in terris, in der Johannes XXIII. sagte: „Ich kann mich nicht vom Beispiel des Herrn trennen, der Gedanken des Friedens um sich verbreitet hat und mehr auf dem Ja als auf dem Nein bestand.“ Um mit Friedrich Schiller zu reden: „Geben Sie Gedanken- (und Rede-) Freiheit, Sire!“ Sie werden sehen, wie überflüssig dann Ihr Polizeischutz wird und wie Sie wieder zu Ihren Schafen gehen können, so wie der Meister ungeschützt ins aufgestörte Jerusalem ging.

Ein Wort zu Ihnen, lieber marxismusverdächtiger Bruder Boff: Auch wenn Sie im Gehorsam schweigen, werden Steine schreien. Und wir, die wir an Ihrer Seite stehen, werden an Ihrer Stelle reden. ☐

Après la sanction infligée à Leonardo Boff

DIX ÉVÊQUES BRÉSILIENS CRITIQUENT LE SAINT-SIÈGE

Dix évêques brésiliens viennent de protester contre la réduction au silence du théologien de la libération Leonardo Boff par le Saint-Siège. « Comme évêques de l’Eglise catholique au Brésil, écrivent-ils dans une déclaration publique, nous avons le devoir de faire savoir publiquement notre désaccord sur la punition infligée par la Congrégation pour la doctrine de la foi du Vatican à notre théologien Leonardo Boff. Tant la mesure en soi que la procédure utilisée pour l’appliquer nous semblent peu évangéliques, attentatoires aux droits de l’homme comme à la liberté d’investigation

du théologien, contraires au témoignage de liberté et de charité chrétiennes, perturbatrices de la marche de nos Eglises et nuisibles à la coresponsabilité de notre conférence épiscopale ».

Les dix signataires sont : NN. SS Fernando Gomes (Goiania), Augusto Alves da Rocha (Picos), Pompeu Bezerra Bessa (Crato), Antonio Possamai (Ji-Parana), José Gomez (Chapeco), Pedro Casaldaliga (Sao-Felix do Araguaia), Tomas Balduino (Goias Velho), Celso Pereira de Almeida (Porto Nacional), Antonio Baptista Fragoso (Crateus) et Aparecido Jose Dias (Registro).

(Le Monde, 11/6/85)

D’après "La Croix" un million de Brésiliens ont en outre signé une pétition de protestation adressée au Vatican.

„So Bruder Leonardo, nun geh‘ hinaus in alle Welt und verkünde die frohe Botschaft.“

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