- Gesellschaft
Karriere-Booster oder echte Teilhabe?
Was Jugendvereine wirklich sein sollten
Luxemburg ist das reichste Land der Welt nach dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Das ermöglicht uns das, was eigentlich Standard sein sollte: Investitionen in die Jugend und deren Freizeitangebote. Besonders Vereine sind dabei ein zentraler Punkt, denn sie sind ein Ort des Zusammenkommens und der Wertebildung.
Die Möglichkeiten sind zahlreich: ob Sportvereine, Jugendparteien, Musikclubs oder z. B. das Jugendparlament. Ein Paradies – so scheint es zumindest. Doch der Schein trügt. Denn obwohl die Auswahl an Vereinen beeindruckend ist, stellt sich die Frage: Wie viel echte Mitbestimmung haben junge Menschen dort wirklich?
In diesem Artikel möchte ich untersuchen, wie die Struktur von Vereinen für die Jugend Einfluss auf deren Engagement und Beteiligung nimmt. Doch wer ist das genau? Es gibt keine international einheitliche Definition der „Jugend“, weshalb ich mich in diesem Text auf die Interpretation der Vereinten Nationen berufen werde, die alle Personen zwischen 15 und 241 miteinbezieht. Angebote, die sich speziell an dieses Publikum richten, sehe ich damit als Jugendvereine an.
Der unsichtbare Luxus der Vereinsarbeit
Abgesehen davon, welche Angebote es gibt, braucht es auch die Menschen, die daran teilnehmen. Dabei vergisst man häufig: Nicht jeder hat die Möglichkeit dazu. Ein Jugendlicher, der neben seiner Schulzeit arbeiten geht, da seine Eltern vielleicht nicht ganz so viel Geld haben wie die seiner Freunde – wie soll er die Zeit finden? In Luxemburg arbeiten laut LUSTAT etwa 30 % der 15- bis 24-Jährigen.2 Das ist ein sehr großer Anteil. Genauso geht es auch denen, die ihre Geschwister von der Schule abholen und sich um sie kümmern müssen, da die Eltern nachts arbeiten oder denen, die ältere Familienmitglieder pflegen. Diese gesellschaftlichen Unterschiede beschreibt der Soziologe Jonathan Gershuny in seinem Aufsatz „Changing Times: Work and Leisure in Postindustrial Society“.3 Er argumentiert, dass Zeit (und besonders die Freizeit) nicht für alle gleich zugänglich ist. In seiner Forschung zur Verwendung von Zeit analysiert er, wie soziale Klassen unterschiedlich mit ihr umgehen: Während wohlhabendere Menschen mehr Kontrolle über ihre Freizeit haben und diese für Bildung, Hobbys oder freiwilliges Engagement nutzen können, sind Jugendliche aus finanziell schwächeren Familien oft in feste Zeitstrukturen eingebunden. Gershuny spricht hier von einer ungleichen Verteilung von Zeit als Ressource, die dazu führt, dass nicht alle Jugendlichen dieselben Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe wahrnehmen können.
Zeit ist ein Luxusgut und Vereins- und Freiwilligenarbeit werden damit zum Privileg.
Karriere statt Leidenschaft
Doch selbst die Jugendlichen, die die zeitlichen und sozioökonomischen Möglichkeiten haben, um sich in Vereinen zu beteiligen, werden in ihrer Entfaltung eingeschränkt. Von der Gesellschaft, den Lehrern und Eltern hört man immer wieder die gleichen Phrasen: Das macht sich gut auf deinem Lebenslauf! Wie ein Mantra habe ich das so oft gehört, dass Gleichaltrige und ich selbst es übernommen haben. Junior Ambassador von XY – „das hört sich doch gut an, wenn du dich auf Universitäten bewirbst“. Und keine Frage: Sie haben Recht! Es wird mir und all den anderen bei den verschiedensten Bewerbungen helfen. Dabei geht diese Denkweise komplett daran vorbei, was Vereine eigentlich sind. Sie sind weit mehr als Freizeitangebote – sie sind soziale Lernräume, in denen junge Menschen wesentliche Kompetenzen für ihr weiteres Leben erwerben. Robert D. Putnam beschreibt in seiner Theorie des sozialen Kapitals, dass Vereine und gemeinschaftliche Aktivitäten das Fundament für eine funktionierende Gesellschaft bilden, weil sie soziale Netzwerke, Vertrauen und Engagement fördern.4 Für Jugendliche bedeutet das konkret: In einem Verein zu sein heißt nicht nur, einem Hobby nachzugehen, sondern auch, Verantwortung zu übernehmen, gemeinsam mit anderen Ziele zu verfolgen und gesellschaftliche Teilhabe zu erleben.
Sie vergessen, was es eigentlich bedeutet, Mitglied in einer Vereinigung zu sein:
Es birgt die Möglichkeit, selbst mitzugestalten und Entscheidungen zu treffen.
Doch Vereine sind nicht nur Orte der Vernetzung, sondern auch Schulen der Demokratie. Der Philosoph Jürgen Habermas argumentiert, dass gesellschaftliche Räume, in denen Menschen miteinander diskutieren, Ideen austauschen und Entscheidungen treffen, essenziell für eine lebendige Demokratie sind.5 Vereine können genau solche Orte sein: Hier können Jugendliche lernen, wie Mitbestimmung funktioniert, Konflikte gelöst und eigene Interessen formuliert werden. Dies ist besonders wichtig, weil politische Partizipation nicht erst mit dem Wahlrecht beginnt, sondern viel früher – in Vereinen, Initiativen und Gruppen, in denen junge Menschen erstmals erleben, dass ihre Stimme zählt.
Der eigentliche Kern von Vereinen sollte also nicht nur darin bestehen, ein Angebot für Jugendliche zu schaffen, sondern ihnen auch die Möglichkeit zu geben, selbst mitzugestalten. Stattdessen werden Jugendliche durch den Karrierefokus zu passiven Konsumenten der Angebote, da es nicht mehr um das Projekt selbst, sondern um den Titel oder das Zertifikat geht.
Paradox
Abgesehen davon, dass Vereine durch diese Entwicklung viel von ihrer Wirkung verlieren, verursacht diese Passivität und schlichter Konsum von Vereinen noch ein ganz anderes Problem. Viele Jugendliche sehen Vereine als fertige Produkte. Sie selbst sehen die Möglichkeiten gar nicht, die direkt vor ihnen liegen. Sie vergessen, was es eigentlich bedeutet, Mitglied in einer Vereinigung zu sein: Es birgt die Möglichkeit, selbst mitzugestalten und Entscheidungen zu treffen. Eltern und Lehrer spüren eine Frustration, wenn sich ihre Kinder und Schüler bei den zahlreichen Angeboten für nichts zu interessieren scheinen. Dabei sollte man ihnen viel eher vor Augen führen, dass sie nicht den perfekt passenden Verein finden müssen. Stattdessen sollten sie einfach anfangen und sich so einbringen und die Strukturen verändern, dass es passend wird. Denn genau das ist der große Mehrwert von Vereinen. Sie regen dazu an, kreativ zu werden und gemeinschaftliche Lösungen zu finden.

Top-Down-Strukturen
Diese fehlenden Visionen Jugendlicher haben meiner Meinung nach einen einfachen Grund: Vereine sind häufig von Erwachsenen für Jugendliche nach dem Top-down-Prinzip angeordnet. Mit der natürlichen Autorität, die der Altersunterschied mit sich bringt, werden die Räume für Ideen der Jugendlichen verkleinert. Dabei muss klar gesagt werden, dass das nicht unbedingt aus einer negativen Absicht heraus kommt. Viele sind vom Prinzip her sehr offen, sie wollen da sein für die Jugend und ihnen zuhören. Doch schon dieser Gedanke ist eigentlich eine Reproduktion dieser Autorität. Sie hören zu, um es dann umzusetzen. Echtes Mitwirken ist Freiheit – ohne das Zuhören, um zu bewerten und abzuschätzen, ohne die Kontrolle der Älteren. Durch diese Strukturen kommen Jugendliche niemals an den Punkt, selbst in Aktion treten zu müssen. Man ist nie mit der Situation konfrontiert, dass Proaktivität gefragt ist, um das zu erreichen, was man möchte. Nun könnte man sagen, dass es diese Hilfestellung der Erwachsenen braucht. Sie haben mehr Erfahrung, mehr Wissen. Doch die Lösung ist nicht, dieses Top-down-Prinzip beizubehalten. Wenn Jugendvereine wirklich im Sinne junger Menschen funktionieren sollen, müssen sie auch von ihnen selbst gestaltet werden. Und ja, dabei wird es zu mehr oder weniger großen Herausforderungen kommen. Aber es braucht diese Erfahrungen, um lernen zu können. Wenn man als junger Mensch bei allem an die Hand genommen wird, ist es schwer alleine laufen zu können. Natürlich hat diese Forderung ihre Grenzen, denn ein Verein muss beispielsweise von einer erwachsenen Person gegründet werden. Allerdings sind junge Erwachsene auch noch Teil der Jugend, es gibt Überschneidungen zwischen den verschiedenen Altersgruppen und die Übergänge zwischen den Altergruppen sind fließend. So können auch „Mischformen“ an Vereinen entstehen, in denen das Alter nicht über Einfluss bestimmt.
Wenn man als junger Mensch bei allem an die Hand genommen wird, ist es schwer alleine laufen zu können.
Doch viele Vereine sind nach wie vor streng hierarchisch organisiert, oft mit Erwachsenen in Leitungspositionen, die zwar wohlwollend agieren, aber dennoch die Strukturen bestimmen. Das führt dazu, dass junge Menschen eher als Teilnehmende und weniger als Entscheidende auftreten. Diese Problematik, zusammen mit dem Paradox, das sich in den Köpfen junger Menschen festgesetzt hat, verwandelt sich in einen Teufelskreis. Der Konsumgedanke führt zu Ideenlosigkeit, was wiederum Erwachsenen das Gefühl gibt, selbst aktiv werden zu müssen, anstatt den Jugendlichen Raum zu geben.
Bottom-Up-Lösung
Dabei gibt es Alternativen, die zeigen, dass es auch anders geht. Ein Beispiel ist das European Youth Parliament (EYP) Luxembourg. Sie sind Teil eines europaweiten Netzwerks, das junge Menschen dazu ermutigt, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren – und das in einem vollständig von Jugendlichen geführten Rahmen. Hier sind es Jugendliche selbst, die Veranstaltungen organisieren, Debatten moderieren und strategische Entscheidungen treffen. Sie lernen nicht nur, Verantwortung zu übernehmen, sondern erleben echte Mitbestimmung. Denn sie selbst sind diejenigen, die im Vorstand sitzen und die tagtäglichen Aufgaben und Geschäfte erledigen.
Das Modell des EYP zeigt, wie erfolgreich eine Bottom-up-Struktur sein kann, wenn jungen Menschen Vertrauen entgegengebracht wird. Es beweist, dass sie in der Lage sind, eigene Visionen zu entwickeln und umzusetzen, wenn sie die richtigen Werkzeuge und Freiräume erhalten. Doch um solche Initiativen entstehen zu lassen, braucht es mehr als nur den guten Willen – es braucht eine gesamte Gesellschaft, die bereit ist, ihnen Raum, Ressourcen und vor allem Vertrauen zu geben. Der erste Schritt muss dabei sein, dass junge Menschen dieses Vertrauen in sich selbst wieder zurückfinden – doch dabei müssen alle mit anpacken.
Schlussendlich ist es eine Frage des Zutrauens: Wollen wir Jugendorganisationen, die nur auf dem Papier jugendlich sind, oder geben wir jungen Menschen wirklich die Möglichkeit, ihre eigenen Strukturen zu gestalten? Was es dazu als allererstes braucht, ist, dass die Jugend selbst an sich glaubt und ermutigt wird in ihren Ideen.
Zoë Nastasi ist Deutsch-Niederländerin und wohnt seit drei Jahren in Luxemburg. Sie engagiert sich im European Youth Parliament Luxembourg und freut sich auf das anstehende Studium in den Niederlanden.
1 https://www.un.org/en/global-issues/
(alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 27. Februar 2025 aufgerufen.)
3 Jonathan Gershuny, Changing Times. Work and Leisure in Postindustrial Society, Oxford, Oxford University Press, 2003.
4 Robert D. Putnam, „Tuning In, Tuning Out:
The Strange Disappearance of Social Capital in America”, in: PS: Political Science and Politics, 28 (Dezember 1995), 4, S. 664-683. https://www.uvm.edu/~dguber/POLS293/articles/putnam1.pdf
5 Fritz R. Ahlrichs, „Sportvereine als Orte von politischer Bildung und Demokratiebildung“, in: Forum Kinder- und Jugendsport. Zeitschrift für Forschung, Transfer und Praxisdialog, 2 (2021) S. 6-14.
https://link.springer.com/article/10.1007/s43594-021-00036-7
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!