Katastrophe im Pfaffenthal

Editorial

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Der Leser wird sich fragen, warum in dieser Nummer die Katastrophe in Pfaffenthal einen so grossen Raum einnimmt, wo doch Presse und Radio ausführlich berichtet haben. GAG und Uniao glauben zum einen, dass dieser Krisenfall gewisse Strukturen unserer Gesellschaft deutlich macht, die normalerweise weniger offen sichtbar sind, und zum anderen dass die Berichterstattung leider nicht vollständig war.

Dies gilt insbesondere für die Hilfsoperationen der Behörden. Sie waren rein technischer Art: Brandbekämpfung, Verletzentransport, Absperrungen, usw. klappten hervorragend. Die Sinistrierten wurden allerdings ebenso technisch, lies anonym, behandelt: mangelnde, oft widersprüchliche

Information, Fehlen eines Konzepts und eines Katastrophenleiters für die menschlichen Probleme, Nicht- oder Spätanerkennung der Selbstorganisation der Sinistrierten.

Es bedurfte der Katastrophe, damit endlich Pfaffenthal und seine unzumutbaren Zustände ins Rampenlicht gerieten: Wohnungsmisere, Alkoholismus, Armut, usw.

Unser Wirtschaftssystem bringt gezwungenermassen Elendsviertel wie Pfaffenthal, Grund, Al Esch, usw. hervor. Doch nichts ist störender als wenn man an deren Existenz erinnert wird. Diese Randbevölkerungen sind nun mal politisch nicht interessant. Die freie Wirtschaft investiert aber nur wo Profit möglich ist, der dementsprechende ‚freie‘ Wohnungsmarkt verbannt gewisse Bevölkerungsschichten ganz einfach ins gesellschaftliche Abseits.

Christliche Wohnungspolitik hat es ebensowenig fertiggebracht, ‚Sozialen‘ Wohnungsbau zu erstellen als es jetzt den sozialdemokratischen Verbesserungsversuchen am Kapitalismus gelingt.

Der Neuaufbau in Pfaffenthal wird zeigen, ob die Volksvertreter wirklich auch diese Bevölkerung vertreten oder ob die neuen Wohnungen demselben freien Markt überlassen werden und somit sicherlich für die jetzige Bevölkerung unerschwinglich bleiben. Theoretisch werden sie also allen zugänglich sein und eine ’natürliche‘ Selektion wird die Bevölkerungsstruktur dieses Stadtviertels gänzlich verändern.

Ob Gemeinde oder ‚Sauvez-la-Ville‘ als Promoteure auftreten, ist gleichgültig; beide werden wohl kaum den jetzigen Einwohnern eine Verbesserung der Zustände ermöglichen, aber die Allgemeinheit wird sich des Problems Pfaffenthal entledigt haben!

Alkoholismus gibt es nicht nur in Pfaffenthal, die Wohnungsbedingungen fördern ihn jedoch ohne Zweifel.

Die von der Gesellschaft geschaffenen Strukturen (z.B. Office Social = Armebüro) haben als Funktion, Situationen von Armut, Wohnungsnot, Alkoholismus, usw. zu über- tünchen. Sie haben eine klare Alibifunktion und keineswegs die Mittel um die Ursachen dieser Zustände zu ändern. Durch die Katastrophe wurde der Umgang der Behörden mit den Pfaffenthalern überdeutlich. Das Armebüro liegt nicht nur geographisch höher als Pfaffenthal: die Abhängigkeitsverhältnisse werden gestärkt durch eine erniedrigende Almosenpolitik. Menschen, welche oft an Unterstützung von Seiten des Armebüros nicht vorbeikommen – auch wenn dies ihren Stolz nicht eben fördert -, müssen in der jetzigen Notsituation immer und immer wieder aufs Armebüro, sei es um die finanzielle Hilfe der Regierung zu erhalten, sei es um Formulare auszufü-

len, sei es um Möbel oder Kleider ersetzt zu bekommen. Wetten, dass wenn Aehnliches sich in Belair zugetragen hätte, andere Lösungen gefunden worden wären.

Die Selbstorganisation der Sinistrierten stiess selbstverständlich nicht auf Begeisterung auf Seiten der Verantwortlichen. Unsere Demokratie per Vertretung ist einafchhin gewöhnt, Konflikte ‚entre gens de bonne société‘ auszutragen. Meistens sind die Betroffenen hier nur ‚vertreten‘ und alle Beteiligten kennen die komplexen, nüancierten Begebenheiten und wissen, dass Rom nicht an einem Tag errichtet wurde…

In der nächsten Nummer werden wir ausführlicher auf das Problem der Bürgerinitiativen zurückkommen.

Katastrophen sind glücklicherweise nicht allzuhäufig. Wird man trotzdem Lehren aus der Pfaffenthaler Katastrophe ziehen? Werden die zuständigen Stellen eine Katastrophenhilfe vorsehen, welche ebenfalls die menschlichen Probleme miteinplant?

Zum Schluss wollen wir noch die Präsenz der Kirche in Pfaffenthal erwähnen. Nicht etwa als ob sie eine spezifische Mission im Katastrophenfall zu spielen gehabt hätte. Wir fragen uns nur inwiefern die Kirche überhaupt im Pfaffenthaler Milieu präsent ist? Hat sie den Willen, sich die Mittel hierzu zu geben, z.B. eine Priesterequipe? Die lobenswerte Entscheidung und das Engagement einiger Schulschwestern an Ort und Stelle kann doch wohl kaum das Fehlen jeglichen Gesamtkonzepts entschuldigen.

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