Keine einfache Geschichte
Luxemburg und der Erste Weltkrieg
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2014 war das große Jahr der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Die Entscheidung der Regierung, die große Ausstellung zu diesem Ereignis kurzerhand abzusagen, sorgte für viel Aufregung und Empörung in der Öffentlichkeit. Der kürzlich erschienene Sammelband Guerre(s) au Luxembourg – 1914-1918 – Krieg(e) in Luxemburg herausgegeben von Benoît Majerus, Charles Roemer und Gianna Thommes, ist ein Relikt dieses verunglückten Projekts.
Pol Schock
Das Jahr 2014 begann vielversprechend für die Luxemburger Geschichtswissenschaft: Der Koalitionsvertrag sah die Schaffung eines unabhängigen Instituts für Zeitgeschichte vor, das Institut Pierre Werner lud den renommierten und zurzeit wohl gefragtesten Historiker Christopher Clark ein, um die kontroversen Thesen seines Publikumserfolgs Die Schlafwandler vorzustellen und die Universität Luxemburg bereitete eine große Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Luxemburg für den Sommer 2015 im Musée Dräi Eechelen vor.
Doch die positive Stimmung sollte nicht lange währen. Mitte März 2014 entschied Kulturministerien Maggy Nagel, die Planungen zur Ausstellung aus Kostengründen einzustellen – eine Entscheidung, die dem Premierminister offenkundig irgendwie entgangen war. Auf Nachfrage von Radio 100,7 dementierte Xavier Bettel zuerst, dass die Ausstellung abgesagt wäre, um noch am gleich Abend in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Kulturministerin doch das Aus des Projektes bekannt zu geben. Es war der Beginn einer Reihe von Kommunikationspannen der Regierung, die das Jahr 2014 prägen sollten.
Eine Geschichte von vielen kleinen Kriegen
Die Entstehungsgeschichte des zweisprachigen Sammelbands Guerre(s) au Luxembourg – 1914-1918 –
Krieg(e) in Luxemburg war demnach alles andere als einfach und passt somit in die Tradition des schwierigen Umgangs, den Luxemburg mit dem Ersten Weltkrieg pflegt. So verweisen auch die Herausgeber mit einer der beiden Hauptthesen des Bandes auf diesen Umstand: „La Grande Guerre est restée une petite guerre sur le plan historiographique.“ (S. 7). Die Luxemburger Geschichtswissenschaft habe größtenteils versucht, einen großen Bogen um den Ersten Weltkrieg zu machen, da er nicht so recht in die lineare Meistererzählung des erfolgreichen Luxemburger Nationalstaates passe. Mitherausgeber Benoît Majerus dekonstruiert den lückenhaften Forschungsstand von Arthur Herchen über Paul Weber, Christian Calmes und Gilbert Trausch und stellt fest, dass es der Luxemburger Geschichtswissenschaft schwerfällt, nicht retrospektiv als moralischer Richter zu agieren. Oder wie Denis Scuto in seinem interessanten Beitrag über die kontroverse Politik und das Ableben von Paul Eyschen während der Besatzungszeit mit Verweis auf Christian Calmes zitiert: „[L]es historiens se sont efforcés de ne pas ‘nuire au pays’“ (S. 19).
In engem Zusammenhang steht deshalb auch die zweite Grundthese des Bandes: Die Geschichte des Ersten Weltkriegs sei „complexe et ambiguë“ und lege latente gesellschaftliche Spannungsfelder offen, so dass man von einer Mehrzahl von Kriegen sprechen müsse, um die luxemburgische Erfahrung von
Majerus, Benoît u. Thommes, Gianna u. Roemer, Charles (Hrsg.): Guerre(s) au Luxembourg – 1914-1918 – Krieg(e) in Luxemburg. Capybarabooks 2014.
1914-1918 zu beschreiben (S. 6). Das Ziel des Bandes sei es demnach, mit nüchternem Blick unterschiedliche Spannungsherde aus Alltag, Kultur, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft offenzulegen und nebeneinander zu stellen.
„…et wor alles net esou einfach“
Das Problem ist, dass diese beiden Prämissen nicht ausreichen, um dem Band eine klare Struktur zu geben. Die rund zwanzig Autoren mit jeweils unterschiedlichem akademischen Hintergrund verfassen Beiträge, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Während Sam Klein beispielsweise eher deskriptiv vorgeht und die (Nicht-)Bekämpfung der Prostitution durch Besatzer und Regierung beschreibt, analysiert Sandra Camarda Postkarten von Luftangriffen, „die eine Art visueller Chronik des Großherzogtums im Kriegszustand liefern“. (S. 37) Hier lässt sich weder ein analytischer Zusammenhang, noch ein sonstiges übergreifendes Gerüst erkennen. Die Herausgeber sind sich der „absence d’un fil rouge cohérant“ durchaus bewusst, verweisen jedoch darauf, dass ihre offensichtlich ultraliberale Vorgehensweise eine komplexe heterogene Sichtweise ermögliche, die die gängigen Muster in Frage stellen würden. (S. 7)
Das Werk scheitert jedoch gerade an diesem (hohen) Eigenanspruch; denn die Zielgruppe soll eben nicht das Fachpublikum des wissenschaftlichen Seminars sein, sondern „un public large“. (S. 7) Doch ohne Einordnung der Erzählstränge in größere Zusammenhänge, ohne vereinfachende Erklärungen,
Interpretationen und Synthesen, ohne Komplexitätsreduktion verliert sich eine solche kleinteilige Geschichtsschreibung (für den Laien) in unverständlichen Details. Es herrscht ein Nebeneinander von an und für sich interessanten und teils sehr originellen kleineren Studien, die jedoch keinen Gesamtblick ergeben. Luxemburg und der Erste Weltkrieg – keine einfache Geschichte.
Die Suche nach Zusammenhängen
Möglicherweise hätte ein einführender Beitrag aus der Makroperspektive über Ursachen und Verlauf des Krieges gereicht, wie Romain Hilgert in seiner Kritik schreibt, um für mehr Klarheit und Verständnis innerhalb des Bandes zu sorgen (d’Lëtzebuerger Land 28.11.2014). Auch stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, sich generell auf einige Schwerpunkte zu begrenzen, anstatt in alle Richtungen zu schießen. Denn gerade dort, wo sich Überschneidungen ergeben, zeigen sich die Stärken des Bandes. So behandeln die Beiträge von Charles Roemer, Gérald Arboit und Domik Trauth im Kern die Frage der Lebensmittelversorgungen unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und gelangen zu vergleichbaren Ergebnissen. Die Hungersnot, die anders als in Deutschland zu keinen Todesfällen führte, galt als spürbarste Konsequenz des Großen Krieges in Luxemburg und sorgte für ein Umdenken im Verhältnis von Staat und Individuum. Sowohl in der Agrar- (Trauth), in der Gesellschafts- (Roemer) als auch in der Wirtschaftspolitik (Arboit) bewirkte die kollektive Hungerkrise ein stärkeres Eingreifen
Es herrscht ein Nebeneinander von an und für sich interessanten und teils sehr originellen kleineren Studien, die jedoch keinen Gesamtblick ergeben. Luxemburg und der Erste Weltkrieg – keine einfache Geschichte.
des Staates und eine Abkehr von der liberalen Doktrin, die noch dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts entsprach. Für Arbeit vollzieht sich im Ersten Weltkrieg die Entwicklung zum „État Arbed“ (S. 88), während Roemer einen bedeutenden Schritt hin zum modernen „État-Providence“ erkennen will (S. 122f.). Für Trauth „suchten die Bauernorganisationen vermehrt den Schulterschluss mit Staatsorganen […] und verstärken damit den staatlichen Regulierungsanspruch im Agrarsektor“ (S. 194). Hier lässt sich demnach eine Entwicklung erkennen, die mit jener in den Nachbarstaaten übereinstimmt, wo der Krieg die Bürger ebenfalls stärker an die Nationalstaaten band.
Problematisch scheint auch, dass der Band den Zeitraum auf die Kriegsjahre von 1914 bis 1918 begrenzt. Gerade im nichtkriegführenden Großherzogtum entladen sich bedeutende soziale und politische Spannungsfelder weit über 1918 hinaus. Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 und dem Abzug der 5 000 Soldaten des deutschen Heeres waren die Konfliktherde in Luxemburg nicht beendet. Im Gegenteil: Der Staat war tiefgehend zwischen Sozialisten, Liberalen und Konservativen sowie einem starken Stadt-Land-Gefälle gespalten und drohte auseinanderzubrechen. Deshalb überrascht es umso mehr, dass weder die monarchische Staatskrise und revolutionäre Unruhen, noch die Annexionsbestrebungen behandelt werden, da es doch gerade eine der Hauptthemen des Bandes ist, die Kriege in der Wahrnehmung Luxemburgs offenzulegen. So bleibt die Frage offen, was genau die Autoren eigentlich unter Kriegen in Luxemburg verstehen und wo sie die wesentlichen Frontlinien verorten. ♦
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Thomas Köhl, Dan Michels, Kim Nommesch, Michel Pauly,
Carole Reckinger, Laurent Schmit, Pol Schock,
Ingmar Schumacher, Jürgen Stoldt, Viviane Thill, Paul Toschi,
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