Kirche an der Seite der Armen
aus: Publik-Forum 25/26, 1978
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(…) In diesen Tagen eröffnet Jean-Paul II höchstpersönlich im mexikanischen Puebla die 3. gesamtlateinamerikanische Bischofskonferenz. Ihre Vorgängerin, die 1968 in Medellín (Kolumbien) stattgefunden hatte, hatte definitiv für die katholische Kirche dieses Kontinentes in Solidarität mit den Aermsten den Weg zu ihrer Befreiung als einzig richtigen evangelischen Weg eingeschlagen. Manche konservative Kreise versuchen nun (mit Hilfe auch des neuen Papstes?) die Kirche wieder von diesem Weg abzubringen. Mit den brasilianischen Bischöfen und allen Christen Lateinamerikas beten wir, dass dieser Versuch misslingt. Der folgende Beitrag beschliesst einen Bericht über die Kirche in Peru (in Publik-Forum, 25/26.12.1978). Er zeigt was "Kirche an der Seite der Armen" konkret bedeutet. Europas Kirche der Reichen könnte "Entwicklungshilfe" aus Südamerika gut gebrauchen.
Wenn man einmal schematisieren darf, besteht eine Stadt wie Lima aus vier Kategorien von Wohnvierteln: Slums (barriadas, pueblos jóvenes), Arbeitervierteln (urbanizaciones), bürgerlichen Stadtteilen mit einigem Komfort und luxuriösen Prominentenvierteln. Man müßte blind sein, um die Spaltung dieser Gesellschaft in Klassen zu übersehen. Immer wieder ging mir die Frage durch den Kopf: Wo steht da die Kirche? Kann Kirche für alle vier Gruppen in gleicher Weise da sein? Oder — wenn Armut und Elend das Produkt von Reichtum und Luxus sind — hat sie sich nicht für die eine Seite zu entscheiden?
Es besteht kein Zweifel daran, daß sich die lateinamerikanische Kirche ihrer Verpflichtung zur Parteilichkeit gerade für die Armen bewußt geworden ist. So machen sich die Bischöfe aus Südperu in ihrer schon zitierten Verlautbarung vom September 1978 „Wir halten zu unserem Volk!“ einen Text aus dem Abschlußdokument des internationalen Bischofstreffen zur evangelischen Gewaltfreiheit (Bogotá, Dezember 1977) zu eigen: „Es ist wahr, daß Jesus sich an alle richtet und daß er alle besucht, freilich nicht in derselben Art und Weise. So wendet er sich zum Beispiel nicht mit denselben Worten an die Armen und an die Reichen. Sein Evangelium hat weder denselben Widerhall noch dieselbe Bedeutung für die Reichen und für die Armen. Das Wort, das er an die Armen richtet, ist ein Wort der Hoffnung und Freude, während das Wort, mit dem er sich an die Reichen wendet, Sorge ausdrückt, sie zur Umkehr aufruft, zur Aufgabe von Privilegien, zu aktivem Mitgefühl und zum Verteilen ihrer Güter. „Die Kirche weiß, daß ihr Ort an der Seite des
unterdrückten und ausgebeuteten Volkes ist, in Identifikation und Kampf“. Geradezu modellhaft erscheint mir das pastorale Engagement zweier spanischer Ordensfrauen, die in Huascar — einer Barriade am Rande Limas — unter denselben Bedingungen leben wie ihre 60 000 Nachbarn: in einer Holzhütte, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Abfluß. Keine großen Aktionen, keine gewaltigen Projekte: sie sind einfach da für Jung und Alt. In der Armut, die Menschen vereinzelt, wollen sie zusammenführen, in der Not, die stumm macht, wollen sie Menschen zum Sprechen bringen, und im Lebenskampf, der verhärtet, wollen sie etwas von dem erahnen lassen, was Jesus meint, wenn er sagt, sein Joch drücke nicht und seine Last sei leicht. Sie spielen mit Kindern und ermuntern Jugendliche, in improvisierten Theaterspiel ihren Problemen Ausdruck zu verleihen, bereiten Brautpaare auf ihre Hochzeit vor und warnen Streikende vor der Polizei. Sie organisieren — wenn auch mit unkonventionellen und bewußtseinsbildenden Akzenten — religiöse Prozessionen und bestärken Frauen in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch den ebenfalls unterdrückten Mann. Volkspoeten aus der Barriada treffen sich bei ihnen, und Kranke suchen bei ihnen Hilfe, wenn es bei der öffentlichen Gesundheitsstelle von Huascar wieder mal nicht klappen will. „Den Karfreitag Jesu Christi erlebt dieses geschundene Volk jeden Tag. Wir wollen den Leuten vermitteln, daß Jesus nicht nur gestorben ist, sondern daß er in seiner Auferstehung uns den Weg der Befreiung eröffnet hat“, sagt mir Schwester Pilar García. Kirche hat in dieser Klassengesellschaft ihren Ort gefunden.
Eines ist mir wieder ganz deutlich geworden: Theologie der Befreiung ist — in einer durch den nördlichen amerikanisch-europäisch-japanischen Kapitalismus zerklüfteten Klassengesellschaft —, noch ehe sie in Artikeln und Büchern artikuliert wird, das pastorale Engagement von Laien, Ordensfrauen und Priestern an der Seite des entfremdeten, übervorteilten und unterdrückten Volkes. Deshalb ist sie von ihrer eigentlichen Dynamik her gar nicht geschrieben. Das ihr eigene Medium ist das Wort. Das Befreiungsengagement wird in der Basisgemeinschaft besprochen, in Reflexionsgruppen diskutiert, in „Círculos Bíblicos“ meditiert und vielleicht auch in Vorträgen systematisiert. Hinzu kommen Gesang, Volkstheater, Zeichnungen und vielleicht auch noch da und dort Dias.
Freilich: Basisgemeinschaften, Reflexionsgruppen und Biblische Arbeitskreise benötigen darüber hinaus auch schriftliche Materialien. Also gibt es in Lateinamerika eine unbeschreibbare Fülle von Kleinliteratur, von hektographierten Flugblättern, Heftchen, Bändchen und Broschüren, die Theologie der Befreiung in der ursprünglichsten und unverfälschtesten Form zum Ausdruck bringen. In anerkannten Verlagen vermarktete und zudem ins Deutsche übersetzte Literatur ist nur die dünnste oberste Artikulationsschicht einer viel mitreißenderen Bewegung.
Im Glauben an den getöteten und auferweckten Christus kämpfen Menschen für ihre gesellschaftliche Befreiung. Säkularismus und marxistische Weltanschauung sind wirklich keine Gefahr. Wenn die Arbeitsvorlage zur Bischofskonferenz in Puebla von drohendem Säkularismus spricht und vor der Gefahr eines Abgleitens in eine rein innerweltliche atheistische, marxistische Philosophie warnt, dann — so wurde mir mehrfach versichert — werden hier Schemen eingetragen, die sich ihre Autoren irgendwo in Europa erworben hätten. In Lateinamerika sei man, von Ausnahmen abgesehen, nicht säkularisiert und Atheismus sei für niemanden eine Verlockung. Allerdings sei das Gottesbild vieler Lateinamerikaner verzerrt, weil es die Züge des despotischen Großgrundbesitzers oder Betriebseigners trage. Theologie der Befreiung wolle deshalb ein unterdrücktes Volk zu dem biblischen Glauben führen, daß Gott „Menschenfreundlichkeit“ und „Liebe“ ist.
Horst Goldstein
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