„Kirche: Charisma und Macht“ von Leonardo Boff

Buchbesprechung

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Kürzlich (März 1990) erschien in der Serie Piper die Übersetzung von Leonardo BOFFs 1981 auf Portugiesisch erschienenem Buch: Igreja: Carisma e Poder. Der Inhalt dieses Buches war der Grund, wieso BOFF 1985 vom Vatikan mit dem Bußschweigen belegt wurde. Und wer die 13 Abhandlungen durchliest, wird leicht verstehen, wieso der Vatikan den Franziskanermönch mit dem Bußschweigen belegte. BOFF prangert hier unverblümmt das autoritäre System der traditionellen Kirche an, und dies insbesondere in der "Das Problem der Menschenrechte in der Kirche" betitelten Abhandlung (S. 65-91). Ich möchte im folgenden etwas genauer auf diese Abhandlung eingehen, da sie in meinen Augen für eine kritische Beurteilung der Rolle der Kirche bei den Entwicklungen in den Ostblockstaaten von Bedeutung sein kann.

Wenn der Papst von Menschenrechtsverletzungen spricht, dann beschränkt er sich gewöhnlich auf die Menschenrechtsverletzungen in atheistischen Staaten. Doch vor der eigenen, ja vor der hauseigenen Tür, kehrt er nicht. D.h., die Menschenrechtsverletzungen in der Kirche prangert er nicht an. Und doch gibt es sie, wie Leonardo BOFF es offen zugibt. Und diese Menschenrechtsverletzungen sind nicht bloß das Produkt bestimmter kontingenter Individuen, die somit mit diesen Individuen verschwinden, sondern es finden sich in der Kirche solche Menschenrechtsverletzungen, "die sich aus einer bestimmten Form ergeben, die kirchliche Wirklichkeit zu verstehen und zu organisieren, und die folglich bleibend sind" (S. 67). Es handelt sich also um strukturell-bedingte Verletzungen der Menschenrechte.

Welche konkreten Verletzungen liegen vor? BOFF unterscheidet hier zwischen drei Ebenen, auf denen es zu Verletzungen der Menschenrechte kommen kann und kommt:

a) Institutionelle Ebene

  • Vergabe der kirchlichen Leitungspositionen ohne Befragung der Basis
  • Laien werden von der Entscheidungsfindung in der Kirche ausgeschlossen
  • Diskriminierung der Priester, die ihr Amt niederlegen
  • Diskriminierung der Frauen
    b) Ebene der Meinungsbildung
  • Hierarchie hält bestimmte Informationen zurück und schränkt die Redefreiheit ein
    c) Ebene der Lehre und Disziplin
  • Bei Lehrverfahren
  • wird der Angeklagte nicht im voraus über die Beschuldigungen in Kenntnis gesetzt
  • hat der Angeklagte keine Einsicht in die Akte
  • hat der Angeklagte kein Recht auf einen Anwalt
  • hat der Angeklagte kein Recht auf Einspruch bei einer anderen Instanz

Ich zitiere Leonardo BOFF:

"So handelt es sich um ein Verfahren, das zwangsläufig an Kafkas Prozeß erinnert und in dem Ankläger, Verteidiger, Gesetzgeber und Richter ein und dieselbe Heilige Kongregation in der Gestalt immer derselben Personen ist" (S. 75)

Damit wären einige der wichtigsten Menschenrechtsverletzungen in der Kirche aufgelistet. Doch beläßt Leonardo BOFF es nicht bei dieser Aufzählung. Über sie hinausgehend, versucht er eine Erklärung dafür zu finden, daß die Kirche, die doch die Würde des Menschen respektieren müßte, diese Würde manchmal ebensowenig respektiert, wie die vom Papst als gottlos bezeichneten Staaten. In einer dreifachen Annäherung versucht BOFF das Ausein-

Leonardo Boff,
Kirche:
Charisma und
Macht
Serie Piper,
München 1990

Wenn der Papst von Menschenrechtsverletzungen spricht, dann beschränkt er sich auf die atheistischen Staaten. Doch vor der eigenen Tür kehrt er nicht.

anderklaffen von Theorie und Praxis in der Kirche zu erfassen.

(a) Historisch-soziologische Annäherung

  • Die Struktur der Kirche ist feudal und autoritär

  • Die Hierarchie ist pyramidenförmig und unantastbar

Fazit: In der Kirche bestehen überkommene Formen der Machtorganisation

(b) Analytische Annäherung

  • Offenbarung wird als Lehre begriffen, die im Besitz einer unfehlbaren Autorität ist

Dies führt zu Intoleranz und Dogmatismus

(c) Strukturelle Annäherung

  • In der Kirche sind die Symbolproduzenten von den Symbolkonsumenten getrennt, und diese Trennung wird als gottgewollt dargestellt.

Damit wären die Ursachen für die Menschenrechtsverletzungen in der Kirche zugegeben. Doch Leonardo BOFF läßt es noch nicht mit dieser Ursachenzugabe bewenden. Schon in der Einleitung (S. 13) hatte er betont, daß er zwar kritisch, "aber auch konstruktiv in Richtung auf ein neues Modell von Kirche" hin wirken wollte. Es ist dementsprechend ganz selbstverständlich, wenn BOFF uns in seiner Abhandlung über die Menschenrechtsverletzungen in der Kirche Lösungswege aufzeigt, um die strukturell-bedingten Mißstände zu beheben. Die neue Kirche soll eine Kirche der Basisgemeinden und der Kollegialität sein, eine Kirche der Gleichheit, ohne Persönlichkeitskult, eine Kirche, die den Glauben an eine Reihe von Sätzen durch den Glauben an den lebendigen Gott ersetzt, eine Kirche, die weiß, daß jede Lehre immer eine kulturell-bedingte Wiedergabe der göttlichen Offenbarung ist, und keine Lehre sich somit zur allein-absolut wahren erheben darf.

Es sei hier noch erwähnt, daß BOFFs Kritik an der traditionellen Kirche keine im schlechten Sinn des Wortes "abstrakte" Kritik ist. BOFF bestreitet keineswegs, daß es Umstände geben mag, in denen eine autoritäre Organisation die einzige angemessene Organisationsform sein mag. Er bestreitet nur, daß das autoritäre Modell jetzt noch gültig ist (S.88). Eine "vernünftige Hoffnung" (S.86) hegend ist BOFF der Meinung, daß "die Kirche unter der Dringlichkeit des Evangeliums" stehend (ebd.), den Menschenrechtsverletzungen innerhalb ihrer selbst Einhalt gebieten kann und somit wieder glaubwürdig werden kann, wenn sie sich in der Welt für die Menschenrechte einsetzt. Denn es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche.

"Die Glaubwürdigkeit, mit der die Kirche für die Menschenrechte eintritt und Verletzungen dieser Rechte anprangert, hängt davon ab, wieweit sie selbst sie innerhalb ihres eigenen Kompetenzbereiches achtet." (S.67)

Angesichts der spektakulären Entwicklungen in den osteuropäischen Staaten, wäre es an der Zeit, daß auch die Kirche den Weg der Demokratisierung einschlägt, und auch sie den Erneuerungsprozeß mitmacht, den beispielsweise die KPdSU mitgemacht hat. Und dabei kann die Kirche sich durchaus bei der KPdSU inspirieren, denn man stellt fest, wie der von BOFF zitierte ALVES MOREIRA im Detail nachweist, "daß die Regierungsform der Kirche und die der Kommunistischen Partei der Sowjetunion überraschende Parallelen aufweisen". (S. 102) An der Kirche ist es jetzt, angesichts der Entwicklung der KPdSU, die Parallelen wieder herzustellen. Der Vatikan kann getrost Albanien das Monopol des stalinistischen Führungsstils überlassen.

Norbert Campagna

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