Landwirtschaft und Klima

Ausrichtung der Landwirtschaft auf biologische Effizienz der natürlichen Stoff- und Energieströme

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Jean Stoll

Landwirtschaft und Klima

Ausrichtung der Landwirtschaft auf biologische Effizienz der natürlichen Stoff- und Energieströme

Viele der jetzigen, von Menschenhand und -geist hervorgerufenen Krisen verlangen nach Änderung und Anpassung durch resolutes Handeln von allen. Die Landwirtschaft ist davon nicht ausgenommen. Letztere verkörpert heute 2 % der aktiven Bevölkerung, erwirtschaftet nur 0,2 % des Brutto-Inland-Produktes (BIP), emittiert aber 5 % der einheimischen Treibhausgase (THG). So betrachtet hat die Luxemburger Landwirtschaft als eigenständiger Wirtschaftszweig ein wirklich großes Problem: eine um das Zehnfache schwächere Wirtschaftsleistung relativ zur aktiven Population und einen – gemessen an der Wirtschaftsleistung – um den Faktor 25 überproportionalen Anteil an den inländischen THG-Emissionen. In diesem Beitrag wird versucht, diese gemäß der traditionellen Betrachtungsweise augenscheinliche Schieflage konstruktiv zu analysieren.

Die Landwirtschaft ist laut FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) zu 18 % mitverantwortlich an den weltweiten Treibhausgasemissionen. Eine asiatische Airline verglich in einer 2008-2009 geschalteten Anzeige mit einem Kuhkopf und einem Flugzeug in Gegenüberstellung, dass die Fliegerei gegenüber der Landwirtschaft und speziell der Tierhaltung nur 2 % Anteil an den THG-Emissionen habe. Das Fliegen sei also umweltfreundlicher als der Fleischverzehr. Aufrufe zum Veganismus werden immer lauter. Das Fahren eines schweren SUV (Geländelimousine) wird heute gleichgestellt und ähnlich angeprangert wie der Verzehr einer saftigen côte à l’os. Sind solche Gegenüberstellungen richtig, dann muss die Landwirtschaft unweigerlich reagieren, erweisen sie sich aber bei grundlegender Betrachtung als falsch oder verzerren auch nur geringfügig die

Realität, dann ist die Landwirtschaft ebenfalls gut beraten, mittels konstruktiver Kritik und offenem Diskurs diesen Unwahrheiten gegenzusteuern. Blicken wir dazu kurz auf nachstehende Fakten.

Eine in ihrer Essenz wahre nachhaltige Entwicklung fußt in der konsequenten Nutzung aller biologischen Prozesse, welche uns die Natur so wunderbar vorgibt. An oberster Stelle des menschlichen Lebens steht dabei die Sicherung der Ernährung aller Erdenbürger. Dann stehen ihre Bekleidung und ihre Unterkünfte an. Deren Erwärmung und Beleuchtung werden gefolgt von der Bereitstellung von Kraft, Transportwegen und -mittel.

Die Ökonomie der freien Märkte verfolgt genau entgegengesetzte Ziele. Zuerst steht die Sicherung fossiler Energie und Rohstoffe manu militari, dann deren Umsetzung, Verarbeitung, Transport und Nutzung mit der einhergehenden Zersiedlung der Landschaft und der „Massenmenschenhaltung“ in Großstädten. Aus dem, was an bioaktiver Fläche

übrigbleibt bzw. per Kahlschlag der (Ur-)Wälder erschlossen wird, sollen die Bauern in Qualität und Quantität einheitlich genormte Lebensmittel erzeugen. Die Erstellung unserer höchsten Güter – Lebensmittel – erfolgt unter Anwendung der komplexesten Erzeugungsprozesse überhaupt. Sie wird in der Regel den weniger bemittelten und ausgebildeten Mitbürgern überlassen. Die „grüne“ Industrie gibt mit ihren (bio-)chemischen und molekularbiologischen Mitteln die Vorlage dazu; den Bauern und der Politik. Überschüssige Güter werden via Entwicklungshilfe entsorgt: eine Vergewaltigung vieler Menschen und der gesamten Natur.

Zum Tausch der Produkte und Dienste dienen labile, monetäre Werteskalen (€, $, £, ¥, …), welche mit inkompletten, oberflächlichen und naturfremden Betrachtungsweisen zum Selbstläufer wurden: Mit Geld wird Geld (und Politik) gemacht, mittlerweile ohne jeglichen Bezug auf effiziente Stoffströme oder real greifbare Erzeugnisse.

Jean Stoll ist Diplom-Agraringenieur und seit über 30 Jahren in der Luxemburger Landwirtschaft tätig (CONVIS). Er ist verantwortlich für mehrere grundsätzliche Initiativen im Spannungsfeld zwischen Tierzucht und Nachhaltigkeit.

© Tom Conzemius

Der Mutterboden als oberste Wertigkeit

Eine der wichtigsten Wertigkeiten allen Lebens auf der Erde ist der Boden, der Mutterboden, sowie die Art und Weise wie wir ihn nutzen. Doch dieser Boden wird in seiner symbiotischen Einmaligkeit zurzeit überstrapaziert und zwar weltweit. Jedem der 6,7 Mia. Erdbewohner stehen heute 2,06 ha biologisch aktive Erdfläche zur Verfügung. Tendenz abnehmend. Die Weltbevölkerung beansprucht zurzeit durchschnittlich 2,7 ha an bioaktiver Fläche für Landwirtschaft (Grasland und Ackerflächen), Wälder, Sümpfe, Moore und Meere, also 1,3-mal mehr als verfügbar (Global Footprint Network, 2005). Die eigentliche landwirtschaftliche Nutzfläche pro Erdbewohner beträgt durchschnittlich 0,19 ha. Im letzten Jahrhundert gingen fast 40 % dieses Flächenpotentials durch Erosion, Humusverlust, Versalzung und Verwüstung unwiederbringlich verloren.

Luxemburg betreibt exzessiven Raubbau

Luxemburg übersteigt die durchschnittlich verfügbare Biokapazität um fast das 6-fache. Die 500 000 Einwohner benötigen zur Befriedigung ihrer augenblicklichen Basisnahrungsbedürfnisse etwa das Doppelte an eigener landwirtschaftlicher Fläche, das Dreifache der weltweit durchschnittlich verfügbaren. Mit Ausnahme von Milch, Getreide und Rindfleisch ist die Luxemburger Landwirtschaft keineswegs selbstversorgend. Der Luxemburger ist im Durchschnitt knapp 300 kg tierische Produkte im Jahr (Eier, Milch und Milchprodukte, Fleisch) – ein Mehr-

Mehrfaches an dem, was wir für eine ausgeglichene Ernährung benötigen.

Das Rind wurde zum Schwein, Huhn und Schwein zum Veganer

Das omnipräsente Primat der Ökonomie hat die Nutztiere zum unmittelbaren Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen gemacht. Rinder, Schweine und Hühner fressen heute zum überwiegenden Teil hochgezüchtete, stoffreiche pflanzliche Futtermittel (Soja, Mais, Getreide), welche mittels hohem Aufwand an bis jetzt (zu) billiger Energie und Chemie auf Ackerflächen gewonnen werden, auf denen dem Menschen direkt zugängliche, z. T. identische, sehr wertvolle Nahrungsmittel wie Brotgetreide und Feldgemüse erstellt werden könnten. Mittlerweile stehen die Wiederkäuer auch bei uns mit fast drei Beinen, die Schweine und Hühner definitiv mit vier Beinen auf dem Acker.

In den Milch- und Rindfleischproduktionen müsste das Dauergrünland – die Hälfte unserer Agrarfläche – wieder direkter und wesentlich effizienter über Wiederkäuer genutzt werden. Das stofflich verdichtete Zusatz- und Leistungsfutter auf Getreide-, Mais- und Sojabasis müsste drastisch eingeschränkt werden. Dann erst bilden die Rinder den notwendigen Grundstein zur Nahrungsmittelsicherung der Menschen, konform zu ihrem Naturell. Sie sind dazu prädestiniert, mittels einer graslandbasierten Fütterungsgrundlage – dem für uns Menschen unverdaulichen Kraut der Erde – gesunde Milch und ausgewogenes Fleisch mit essentiellen Fett- und Aminosäuren sowie den Neben- und Abbauprodukten Mist

und Gülle (Dünger, Energie, …), Leder (Kleider, Schuhe, …), Pektine (Dick- u. Klebstoffe, …), Mineralien, Aromen und Spurenelemente zu liefern, ohne dabei zu unserem Nahrungsmittelkonkurrenten zu werden. Dabei helfen sie die organischen Stoffkreisläufe schließen, dienen dem Humusaufbau (C-Senke) und tragen zur alles entscheidenden Bodenfruchtbarkeit der Ackerböden bei. Die Emission des klimaschädlichen Methans aus ihren Pansen muss ähnlich denen der Agro-Treibstoffe relativiert werden. Wiederkäuer emittieren Methan, dessen Bausteine Karbon und Wasserstoff aus dem durch Gras, Klee und Luzerne eingebundenem CO₂ und Wasser via Photosynthese herrühren. Nicht jedes gespaltene CO₂-Molekül wird von den Pansenbakterien zum 21-mal schädlicheren Methan umgewandelt. Der Großteil wird zu Kohlenwasserstoffketten umgebaut u. a. zum Aufbau der Körpersubstanzen Muskel und Milch.

Schweine und Hühner, heute weitestgehend auf Getreidebasis gefüttert, sind eine nicht mehr aufrecht zu erhaltende, staatlich orchestrierte Ressourcenvernichtung. Schweine sind Allesfresser und dazu geschaffen, unbelastete Küchenabfälle in tierisches Eiweiß zu veredeln. Hühner sind mittels Gräsern, Gras- und Unkrautkörnern sowie Würmern zu füttern. Für den allseits angestrebten Biomasseanbau zu Rohstoff- und Energiezwecken ist vorerst der Milch-, Fleisch-, Eier- und Zuckerkonsum drastisch einzuschränken, um Ackerfläche zu befreien.

Den Feldgemüsebau neu entdecken

Auf den befreiten Ackerflächen muss aber zuerst vermehrt artenreicheres Getreide und Feldgemüse angebaut werden. Grünkohl, Spinat, Linsen, Bohnen, Karotten, Kräuter, Zwiebeln und Knoblauch besitzen neben ihren hohen diätetischen Werten auch hohe entzündungs- und damit krebshemmende Wirkstoffe. Getreide bringt in seiner Vielfalt gesundheitsfördernde Ballaststoffe, Eiweiße, Vitamine und Mineralien. In der konventionellen Landwirtschaft stellt sich die Frage der Pestizid-Rückstände hauptsächlich in den Getreideschalen: Doch weiße Mehle fördern den Zuckerspiegel im Blut, bewirken Fettleibigkeit, Akne und Inflammationen, indirekt auch Krebs. Die Ausdehnung des Marktfrucht-, Kartoffel- und Gemüsebaus würde die Rotationsvielfalt der Kulturen erhöhen und damit

den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (und Fremdenergie) erheblich drosseln.

Konsequentes Recyceln aller organischen Abfälle

Gülle und Mist, Bio-Abfälle, Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie und Klärschlämme gehören unweigerlich zurück auf die Ackerfelder (von dehnen sie in fine herrühren), um die Lachgas emittierende und äußerst energiezehrende mineralische Düngung zu reduzieren und dem systematischen Humusverlust durch Monokulturen entgegenzuwirken. Nur so können die Karbon-, Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe geschlossen werden. Diese organischen Abfälle müssen dazu aber zwingend einer Art „Cross Compliance“ für Verbraucher unterlegt werden, damit die Verantwortung der Risiken ihrer Rückführung durch die Ausscheider nach dem Prinzip des „polluer-payer“ getragen wird und nicht alleinverantwortlich durch die Bauern. Ihre energetische Umwandlung, z. B. zu Biogas, ist in allen Fällen zwingend.

Landwirtschaft und (gesunde) Ernährung dynamisch vernetzen

Die Politik muss einen deutlichen Akzent auf die effektive biologische Nutzung aller natürlichen Stoffkreisläufe legen. Dies gilt besonders für die Landwirtschaft und alle ihre Produktionen. Unsere Ernährungsstile sind qualitativ sowie quantitativ der begrenzten biologischen Kapazität unserer Erde unterzuordnen. Der Autor empfiehlt daher die konsequente Ausrichtung der gesamten, auch Luxemburger Landwirtschaft auf wahrhaftige, ökologische Nachhaltigkeit. Er befürwortet dazu die Einführung einer zeitneutralen, doch biologisch-realen Werteskala durch die obligate Bilanzierung aller implizierten Stoff-, Energie-, THG- und Humusströme, die Anwendungen jeglicher Biozide sowie Lebenszyklusanalysen der erstellten Produkte mittels entsprechend klaren, unternehmerischen Ziel- und Schwellenwerten für den gesamten Landbau inklusive der Viehwirtschaft. An anderer Stelle$^{1}$ hat der Autor gezeigt, dass zur Ernährungssicherung keine Konvertierung breiter Bevölkerungsschichten zu Vegetariern oder gar zu Veganern notwendig ist. Nur der Konsum von Produkten tierischen Ursprungs ist zu zügeln.

Das Rindfleischlabel „Fleisch vom Lëtzebuerger Bauer“ zeigt, wie die Landwirtschaft

schaft (CONVIS, Société coopérative) mit Partnern aus der Wirtschaft (Cactus) in diesem sehr schwierigen Umfeld verantwortungsvoll handeln kann. Seit der Einführung dieses Labels im Jahre 1996 haben deren Züchter wie Mäster ihre Verluste an Nährstoffen auf ein tolerierbares Niveau reduziert und die Netto-Energieerzeugung je ha deutlich erhöht. Eine weitere Reduzierung der Treibhausgasemissionen verringert jedoch ihr Einkommen erheblich. Die gegenwärtige Co-Finanzierung der Landwirte mittels leistungsundifferenzierten Jetons/ha stellt der Autor deshalb in Frage.

Eine auf stetes Wachstum getrimmte Wirtschaft und eine auf Mengenregulierung ausgerichtete Agrarpolitik können die vielen wahren biologischen Leistungen der Bauern weder gerecht noch kostendeckend tilgen. Eine große Verantwortung liegt nicht zuletzt deshalb aber auch in den Händen der Landwirte, ihren Beruf selbst neu zu definieren. Nach der Phase des Produktivismus und derjenigen der Mengenbeschränkungen steht jetzt die Phase des biologisch effizienten Wirtschaftens an.

Ende letzten Jahres stellte die landwirtschaftliche Dienstleistungsgenossenschaft CONVIS im Ministerium für nachhaltige Entwicklung und Infrastrukturen und im Ministerium für Landwirtschaft,

Weinbau und die Entwicklung des ländlichen Raumes ihre Auffassung zur notwendigen, nachhaltigen Ausrichtung der Luxemburger Landwirtschaft vor. Dabei legten sie die Erfahrungen, Evaluierungs-Werkzeuge und Ansichten offen, mittels derer die biologische Säule der Nachhaltigkeit eines jeden landwirtschaftlichen Betriebes weitgehend charakterisiert werden kann. Auch zeigten sie bei dieser Vorgehensweise, welche Ungereimtheiten die jetzigen Ausgleichszahlungen in Form undifferenzierter Jetons je ha implizieren. Die biologische Effizienz je Produkt und/oder je ha Agrarfläche kann den jeweiligen Gestehungskosten gegenübergestellt werden, um gegenteilige Entwicklungen bei Bedarf korrekt entschädigen zu können.

Das Unternehmerische in der Landwirtschaft müsste ab sofort wieder die effiziente Umsetzung natürlicher Kreisläufe werden, anstelle der Optimierung oder gar Maximierung der Entschädigungen. Dazu gehören die Anpassung der Kulturen und deren Rotationen an das Mikroklima und die mikro-pedologischen Voraussetzungen, die Minimierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes, das Zurückführen der fossilen Energieträger, der Ausbau der Bio-Rohstoffe und -Energien, das Akkumulieren von Karbon im Boden usw., zusätzlich zur Nahrungsmittelproduktion als oberste Zielsetzung. Die

Die Luxemburger Landwirtschaft hat laut neuesten Berechnungen (Mai 2010) als eigenständiger Wirtschaftszweig in der Periode von 1990 bis 2009 ihre THG-Emissionen um knapp 100 000 Tonnen, das sind 13,3%, von 745 871 t auf 646 632 t CO${2}$-Äq. reduziert (Quelle: UN-IPCC). Die 225 landwirtschaftlichen Betriebe, welche in den letzten 10 Jahren an der CONVIS-Beratung teilnahmen, haben die THG-Emissionen allein aus ihrem Betriebsmittelzukauf von 2,92 t auf 2,56 t CO${2}$-Äq./ha reduziert (Quelle: CONVIS).

Maximierung der Prämien durch eine möglichst 100%ige Erfüllung der „Cross Compliance“-Maßnahmen beim Produzieren würde zur Nebensache bzw. entfiele.

Von beiden Ministerien wurde eine strategische Roadmap für eine solche Vorgehensweise gefordert. Folgende Indikatoren, Kriterien bzw. Parameter zur Evaluierung der Nachhaltigkeit (inkl. Klima) und zur Region auf den einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben wurden vorgeschlagen:

Indikatoren zur Evaluierung der biologischen Effizienz auf Betriebsebene:

  • Nährstoffbilanz: N, P, K, S, Ca, Mg
  • Energiebilanz: fossil, solar, grau
  • Humusbilanz
  • Agro-Biodiversität auf LN
  • Biozid-Footprint

Kriterien zur Evaluierung der Klimarelevanz auf Betriebsebene:

  • THG-Bilanz (dekliniert in 3 Modulen Betriebsmittel, Pflanzenproduktion, Vieh)
  • Ermittlung der „Carbon credits“
  • Lebenszyklusanalyse je erstelltes Lebensmittel in CO2-Äq./kg

Parameter zur Determinierung der Region, d. h. des Produktionsraumes der auf Betriebsebene erstellten Lebensmittel:

  • Futterautarkie dekliniert in Trockensubstanz, Energie, Rohprotein
  • Transportwege der zugekauften Betriebsmittel umgelegt auf das Endprodukt in km/kg

Hieraus lassen sich die biologische Effizienz sowie u. a. auch die Klimarelevanz der Produktionsmethoden der einzelnen Betriebe ableiten. Die vorrangig erstellten Nahrungsmittel Milch und Fleisch können diesbezüglich einzeln charakterisiert werden. Es liegt an der Politik, die entsprechenden Ziele zu setzen.

Im Ausland werden solche Überlegungen ebenfalls verfolgt. EU-kommissionsinterne Betrachtungen und Überlegungen zur GAP > 2013 beinhalten ähnliche Gedanken. Aus einer solchen, notwendigerweise flächendeckenden Vorgehensweise erhofft sie sich mehr Transparenz und eine bessere, biologische Effizienz in den Produktionen und dadurch auch eine bessere Kommunizierbarkeit der Komplexität des Berufes ‚Bauer‘ mit seinen vielen, (noch) nicht abgegoltenen Nebenleistungen für die Zivilgesellschaft (Siehe Kasten).

Zurück zur Biologie!

Die Natur ist so wundervoll vielfältig. In Luxemburg ist die Landwirtschaft mit ihren Rindern und Schweinen Teil dieser komplexen Vielfarbigkeit. Schwarz-Weiß-Malerei mit simplen, mehrheitlich geldgesteuerten, punktuellen Lösungsvorschlägen kann weder die hiesigen Bauern zufriedenstellen, noch die Armut und den Klimawandel abwenden oder gar die nachhaltige Entwicklung voranbringen. Pragmatisches, Mittel und Standort angepasstes Vorgehen ist gefragt. Zuallererst in einer, von engagierten und gut ausgebildeten Bauern betriebenen Landwirtschaft, welche auf der konsequenten Nutzung aller biologischen Prozesse fußt. Dabei müssen wir

so viel tierisches Eiweiß – auch und nicht zuletzt Rindfleisch – essen, wie die Regenerationsfähigkeit der Natur und die gleichberechtigten Subsistenzansprüche aller Erdbewohner zulassen. Vernetzte Betrachtungen alles wirklich Realen und Lebenden müssen fortan unsere Entscheidungen leiten. In jedem Wirtschaftszweig, nicht nur in der (biologischen) Landwirtschaft!

Die Natur als Vorbild: Als Konsument müssen wir diese Komplexität und Realität der Lebensmittelherstellung erkennen oder gar wieder erlernen, um sie entsprechend wertschätzen und direkt und/oder indirekt honorieren zu können. ♦

¹ In: de letzebuerger züchter 2/2008, S. 72-76.

Multi-Funktionalität in der Landwirtschaft?

Ist die Landwirtschaft ein einfacher Dienstleister, ein eigenständiger Wirtschaftszweig oder ein übergeordneter Akteur, welcher als einziger die Entropie unseres Tuns verringert? Die Landwirtschaft ist auf jeden Fall multi-funktional. Viele ihrer Haupt- und Nebenleistungen werden nicht aufwandgerecht, pauschal oder gar zweckverhindernd abgegolten, d. h. direkt via Subsidien bzw. indirekt via die Produkte bezahlt/entschädigt/co-finanziert. Hier eine Liste implizierter Aktivitäten im täglichen Schaffen der Bauern:

Primäres Schaffen:

  • Produktion von Nahrungsmitteln (food)
  • Produktion von Lebensmitteln und erneuerbaren Stoffen (non food)
  • Produktion von erneuerbarer Energie (Biogas, Festbrennstoffe aus Agrarforst, …)
  • Produktion von Sauerstoff (O₂)

Sekundäre Aktionen:

  • Absorption von Kohlendioxid (CO₂)
  • Assimilation von Luftstickstoff (N₂)
  • Erhaltung/Förderung der Bodenfruchtbarkeit (C-Senke)
  • Recycling der Nebenprodukte aus dem Agro-Alimentär und anderer organischer Endprodukte wie Gülle, Mist, Jauche, Klärschlämme, Kompost, …
  • Inhärentes Verdunsten von hohen Wassermengen durch die Pflanzen zum Ausgleich der Luftfeuchte zwischen Kontinenten und Meeren

Tertiäre Aktionen (als Dienstleister):

  • Tourismus auf dem Bauernhof
  • Dienstleister im kommunalen Bereich
  • Landschaftspflege
  • Erhalt der Biodiversität (Ackerrandstreifen, Feuchtbiotope, …)

Verbraucher/Konsument von Betriebsmitteln:

  • Pflanzenschutzmittel
  • chemische Dünger
  • Fossilenergie
  • Maschinen, Werkzeuge, Baumaterial

Sekundäre Effekte:

  • Emission von Kohlendioxid, Methan, Lachgas, Ammoniak
  • Verlust von Nährstoffen
  • Bodenerosion, Eutrophierung, …
  • Potentielle Kontamination von Natur und Umwelt (Luft, Wasser, Boden, Produkte,…)

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