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Eine Art „informeller“ Kanon der luxemburgischen Literatur ohne Anspruch auf Vollständigkeit schwebte der Redaktion mit dieser Ausgabe vor, als sie ein Dutzend lesebegeisterte Freunde unserer Zeitschrift bat, ihr luxemburgisches Lieblingswerk vorzustellen. Zusammengekommen ist eine Mischung von verschiedenartigsten Texten, in denen sehr persönliche Leseindrücke zum Ausdruck kommen und historische sowie soziale Hintergründe der luxemburgischen Literatur verarbeitet werden.

Es handelt sich dabei also nicht um eine umfassende Übersicht über circa 150 Jahre luxemburgische Literaturgeschichte, sondern um einen punktuellen Einblick in das schriftstellerische Schaffen der noch jungen luxemburgischen Literatur.

Unter den von unseren Autoren ausgewählten Texten befinden sich sowohl sog. Nationaldichter aus dem 19. Jahrhundert wie Michel Rodange und Dicks als auch moderne Klassiker wie Roger Manderscheid, Guy Rewenig, Lex Jacoby oder Jean Portante, sowie auch weniger beachtete Schriftsteller wie Félix Thyes, Rolph Ketter und Joseph Funk. Mit Josiane Kartheiser ist nur eine Frau zu Ehren gekommen, dafür ist der luxemburgische Comic mit einem Beitrag über den nationalen Comic-Helden Superjhemp vertreten. Trotz der beschränkten Auswahl wird somit eine gewisse Bandbreite abgedeckt. Auch die Besonderheit der luxemburgischen Literatur, die Mehrsprachigkeit, kommt in den Besprechungen zum Ausdruck, die Beiträge sind auf luxemburgisch, deutsch, französisch und englisch verfasst.

Die Anfänge einer genuin luxemburgischen Literatur werden gemeinhin auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert, ungefähr zur Zeit der Unabhängigkeit

gigkeit des Großherzogtums und des damit aufkommenden luxemburgischen Nationalgefühls. Seitdem sind in der luxemburgischen Literaturgeschichte mehr literarische Produktionen entstanden als die meisten Luxemburger

annehmen. Bereits seit 1930 sammelt die Nationalbibliothek in der eigens für die hiesige Literatur eingerichteten Abteilung Luxemburgensia alles, was von Luxemburgern oder über Luxemburg erschienen ist. Seit den 1960er Jahren ist die Schriftstellerszene dabei, sich zu entfalten; wie Goerges Hausemer meint, in mehreren Umbrüchen.$^{1}$ Eine wirkliche Nachkriegsliteratur gab es hier zu Lande nicht, dennoch entstanden in den darauffolgenden Jahrzehnten

Werke, die mit dem Konservatismus des bisherigen literarischen Schaffens brachen und somit auch den Wendepunkt von 1968 thematisierten. Einen signifikanten Aufschwung erlebte die Szene in den 1980er Jahren, mit dem Erscheinen von Guy Rewenigs luxemburgischsprachigem Roman Hannert dem Atlantik, der eine Welle von weiteren Veröffentlichungen mit sich brachte. Auch die französisch- und deutschsprachige Literatur erlebte in diesen Jahren einen Auftrieb: die Qualität der literarischen Produktionen hatte zugenommen, viele Autoren fanden gar Verleger im Ausland.

Nachdem sich forum bereits 1990 mit der Literaturszene in Luxemburg (forum 123) auseinandersetzte, 1998 ein ähnliches Thema aufgriff – Bücher in und aus Luxemburg (forum 181) –, um einige Jahre später die Perspektive des Lesers einzunehmen (forum 246, 2005), legt forum nunmehr ein Dossier vor, das hoffentlich eine Leselust für eines oder gar mehrere der vorgestellten Bücher entfacht. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn die Lesererfahrungen von Frank Wilhelm, Germaine Goetzinger, Jul Christophory, Pierre Marson, Michel Pauly, Michel Raus, Jeanne Offermann, René Clessé, Ben Fayot, Guy Linster, Colette Mart und Jean-Marie Reding, Sie zu künftigen Lektüren inspirieren würden.

Die dunklen, kühlen Winternachmittage und -nächte laden zum Lesen ein. Warum zur Abwechslung also nicht einmal ein luxemburgisches Buch? ♦

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