Markt- oder mundgerechte Presse

Ein "forum"-Gespräch mit Pilo Fonck (RTL) und Fernand Weis (tageblatt)

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Ein ‚forum‘-Gespräch mit Pilo Fonck (RTL) und Fernand Weides (tageblatt)

WELCHE ZEITUNG MACHEN?

forum: Was ist euer Ziel, wenn ihr eine Zeitung ‚macht‘? Einfach nur Informationen weitergeben, oder auch den Leser in eine bestimmte Richtung beeinflussen?

Pilo Fonck: Laut Lastenheft von RTL verstehen wir uns als pluralistisches Informationsorgan. Wir versuchen die Informationen so wiederzugeben, dass der Zuhörer sich seine Meinung bilden kann. Dabei versuchen wir, soweit wie möglich, den bestehenden Meinungspluralismus zu respektieren und selbst Minoritäten zu Wort kommen zu lassen. Wir wollen niemanden unsere Meinung aufdrängen, sondern dem Hörer alle Fakten in die Hand geben zur selbständigen Meinungsbildung.

Fernand Weides: Seit 1927 gehört das ‚tageblatt‘ (t) den freien Gewerkschaften (LAV/OGBL und FNCTTFEL) und damit ist schon eine gewisse Orientierung vorgezeichnet. 1974 kam insofern ein Bruch in die t-Linie

als versucht wurde von der strengen Meinungszeitung loszukommen und stärker die Information in den Vordergrund zu rücken. Andererseits sind wir ganz klar eine Meinungspresse geblieben und wir vertreten bestimmte Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, von Freiheit, von Demokratie, sowohl für unser Land als auch in der internationalen Politik. In diesem Sinne sind unsere Kommentare geschrieben, nicht um andern unsere Meinung einzuhämmern, sondern weil wir uns als Sprachrohr der ’schaffenden Schichten‘ verstehen und diese Stimme in der Luxemburger Presse, die ja fast ganz aus Meinungszeitungen besteht, zu Wort kommen lassen.

forum: Hat die neue juristische Struktur des t (vgl. S. 7) in dieser Hinsicht eine Änderung gebracht?

F.W.: Diese Struktur – die ‚Editpress s.à.r.l.‘ übernimmt die Herausgeberfunktion an Stelle der ‚Imprimerie Coopérative‘- ist zur Zeit noch nicht in Kraft. Die neue Gesellschaft ist aus denselben Aktieninha-

bern zusammengesetzt wie die vorige, mit einer leichten Veränderung bei der Aktienverteilung, sodass sich m.E. an der Grundorientierung nichts ändern wird. Allerdings haben wir uns in den letzten Jahren ernsthaft bemüht aus der -politisch und regional- begrenzten Zeitung ein viel offeneres Blatt zu machen, vor allem was, wie gesagt, den Informationsfächer anbelangt, und eine geographische Auswertung unseres Verteilungsgebietes zu erreichen, z.B. durch stärkere Berücksichtigung von Nachrichten aus dem Norden, Osten und Zentrum. Aber am Kommentar ändert sich dadurch wenig.

forum: Dieser neue ‚Informations‘-aspekt wird manchmal als ‚Bild-Stil‘ gekennzeichnet. Wie weit wird dieser Ausdruck im t als Vorwurf angesehen? Und ist es Zufall, dass seit 1974, seit der Regierungsbeteiligung der LSAP, die kulturelle Beilage ‚Phare‘ verschwunden ist und deren Mitarbeiter auch nicht mehr im t schreiben?

F.W.: Uns ärgert diese Analogie zur ‚Bild-Zeitung‘, da sie in keiner Weise sowohl in puncto Aufmachung als vor allem hinsichtlich des Inhaltes zutrifft. Der Vorwurf wird demnach auch nur von Leuten erhoben, denen es einfach nicht passt, dass wir notgedrungen einen breiten Informationsfächer bieten müssen, also auch über Ereignisse berichten, die diese Leute scheinbar nicht berühren. Wenn aber mit ‚Bild-Stil‘ gemeint ist, das t würde zuviele Fotos veröffentlichen, so kann man darüber diskutieren. Wir sind uns einig, unseren Lesern keine ‚Bleiwüsten‘ sondern eine übersichtliche und lesbare Zeitung zu bieten.

Was nun die Regierungsbeteiligung der LSAP anbelangt, so hat sie sicher nichts geändert, ausser dass 1976 der t-Direktor Minister wurde und ein neuer Mann an seine Stelle kam. Das t profitierte von jener Regierung hauptsächlich dadurch, dass die Informationsquellen häufiger wurden und so im politischen und sozialen Bereich dem Leser mehr geboten werden konnte.-

Was den Abgang bestimmter freier Mitarbeiter anbelangt, so waren sehr häufig persönliche Situationen daran Schuld. Der ‚Phare‘ z.B. wurde als Beilage in Eigenregie von aussen gemacht, und solche Unabhängigkeiten riskieren oft der Redaktion aus den Fingern zu gleiten, weil da bestimmte Vorstellungen und Tendenzen manchmal zum Ausdruck kommen, die zu sehr von den Prioritäten, vom Gesamtkonzept der Redaktion abweichen, weil keine ausführliche Diskussion stattfindet. Deshalb machte die t-Redaktion 1976 Schluss mit dieser Praxis und die Kulturbeilage wurde ins gesamte Konzept integriert, d.h. in der Zeitung wurden kulturelle Nachrichten in die einzelnen regionalen oder landespolitischen Seiten eingefügt. Beilagen hingegen wurden abgeschafft, die Zeitung sollte als ein Ganzes erscheinen. Und daher machten einzelne freie Mitarbeiter nicht mehr mit. Doch eine ganze Reihe von ihnen sind inzwischen im Rahmen der in die Zeitung integrierten Kulturrubriken wieder präsent, aber unter Regie der Redaktion.

forum: Einem Aussenstehenden bleibt trotzdem der Eindruck, dass manche unbequemenere Mitarbeiter nach Regierungsantritt der LSAP abgedrängt wurden und schliesslich die Mitarbeit kündigten.

F.W.: Diese Kausalität möchte ich abstreiten. Seit Mitte 1979 ist die LSAP nicht mehr Regierungspartei und doch sind diese Leute nicht zurückgekehrt. Im Gegenteil, sie arbeiteten bei andern Zeitungen mit, haben auch diese inzwischen teils wieder verlassen, oder sind heute in der Alternativpresse aktiv, die z.T. ‚en vase clos‘ operiert. Und genau das war der Hauptvorwurf an die genannten Beilagen: Sie wandten sich von ihrer Konzeption, von ihrem Inhalt her nur mehr an einen beschränkten Leserkreis, was mit dem Anspruch des t, für 25 000 Leser interessant zu sein, nicht mehr vereinbar war. Eine Seite ‚en vase clos‘ aber kann sich höchstens eine Zeitung mit sehr hoher Auflage erlauben.

forum: Beim Radio liegt das Problem eher umgekehrt: Hier stellt sich eher die Frage der Neutralität: inwieweit ist sie einzuhalten, und riskiert sie nicht, zur Farblosigkeit zu werden?

P.F.: 1978 gab es einen Wechsel in der Chefredaktion der luxbg. Sendung von RTL, und mit ihm verbunden war auch eine Konzeptveränderung. Vorher lag der Hauptakzent auf den Informationsbulletins, und daneben gab es Rubriken für Kultur, Sport, usw. Wir fanden hingegen, eine Zeitung sei ein Ganzes und integrierten die Kultur-, Sportnachrichten und -kommentare usw. in die Zeitung selbst. Denn Rubriken für diese Themen zu bestimmten Stunden wurden auch nur von einem bestimmten Interessentenkreis gehört. Die Integration dieser Themen in die allgemeine Nachrichtensendung hingegen kann mehr Zuhörer daran interessieren. Was nun die Farblosigkeit anbelangt, so scheint sie mir eher eine Frage der Qualität der einzelnen Mitarbeiter zu sein. Darüber darf jeder für sich urteilen.

forum: Kommt die Farblosigkeit nicht eher von der Zurückhaltung im Kommentar? oder weil wir bei der luxbg. Presse gewohnt sind – bei der geschriebenen Presse zuviel! – die Meinung des Schreibers gleichzeitig zu erfahren, oft ohne objektive Information?

P.F.: Sicher ist, dass beim Kommentieren die Gefahr grösser wird, dass wir aus der uns auferlegten Neutralität herausrutschen. Als farblos kann ich die Sendungen trotzdem nicht ansehen. Nur, wir versuchen bei unseren Kommentaren im Ton nicht so heftig und polemisch zu sein wie die geschriebene Presse. Unser Ton ist sachlicher, nüancierter, und doch dürfte jeder, der will, unsere Kommentare verstehen. Wir bedauern, dass dem in der geschriebenen Presse nicht so ist.

F.W.: Es stimmt, dass in der geschriebenen Presse Information und Kommentar oft nicht säuberlich genug getrennt werden, weil man eben oft Hintergründe, Verbindungen aufzeigen muss, die eine bestimmte Information erst richtig bewerten lassen. Wir versuchen im t die Berichterstattung so informativ wie möglich zu halten und die Kommentare, z.B. in Form von Leitartikeln, ‚Themen der Woche‘, u.ä. davon zu trennen. Diese Regel scheint mir jedenfalls anstrebenswert. Man sollte nicht ‚à la douce‘ in der Berichterstattung schon Meinungen unterschieben.

P.F.: Wir ziehen manchmal Experten, etwa in Rüstungspolitik, Medizin, usw. hinzu, um bestimmte Nachrichten durch Hintergrundinformationen verständlicher zu machen. Denn nicht jeder Journalist kann alles selbst wissen.

DER MARKT UND SEINE ZUKUNFT

forum: Kommen wir zu einem nächsten Thema. Wie seht ihr den Pressemarkt in Luxemburg? Welche Entwicklungen kommen in der Zukunft auf uns zu?

P.F.: Wir bedauern, dass die geschriebene Tagespresse fast loozig parteipolitisch gefärbt ist. Vor allem in der Innenpolitik herrscht dadurch ein ungesunder aggressiver Ton, der öfter die Person als die Sache trifft. In einer Demokratie müsste mehr Toleranz herrschen, nicht jeder sollte als ‚Lehrer der Nation‘ auftreten. Eine neutrale, objektive Information ist in unserer Tagespresse leider schwer zu finden. Das beste Beispiel ist der Kammerbericht: wer ihn in 3-4 Zeitungen liest, meint, es handele sich um 3-4 verschiedene Sitzungen. – Was die zukünftige Entwicklung anbelangt, so glaube ich, dass bei uns eine neutrale, objektive Zeitung, die im Zeichen des Meinungspluralismus gestaltet würde, eine Marktlücke füllen könnte.

forum: .. auch für eine andere Radiostation?

P.F.: Der gesetzliche Rahmen für einen Sender ist bekannt. Die RTL-Direktion hat sich in Sachen ‚Fluessfénkelchen‘ noch nicht festgelegt, deshalb möchte ich nicht auf diesbezügliche konkrete Einzelheiten eingehen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass unsere Direktion, die für den Meinungspluralismus eintritt, bereit wäre, die Frage zu diskutieren, falls sie offiziell gestellt wird. Meinungspluralismus ist tatsächlich eine umfassende Diskussion wert, den politischen Entscheidungen der Regierung in Sachen ‚Fluessfénkelchen‘, wie auch einer Stellungnahme der RTL-Generaldirektion soll hier nicht vorgegriffen werden.

forum: Wie würden Sie als RTL-Journalist reagieren, wenn ein neuer Sender Ihnen Konkurrenz machen würde?

P.F.: Angesichts der Sprachensituation in unserem Lande kann man behaupten, dass die ausländischen Rundfunk- und Fernsehsendungen heute bereits eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz und ein Vergleichsmass für die Qualität der luxemburgischen Sendungen darstellen. Grundsätzlich bleibe ich persönlich der Meinung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Da gibt es für mich kein Problem.

F.W.: Zum Thema Pressemarkt wäre natürlich sehr viel zu sagen. Ich will mich also auf einige sicherlich unvollständigen Überlegungen beschränken. Einen Prozess der Pressekonzentration, den man überall im Ausland feststellt, haben wir in Luxemburg ja noch nicht in dieser Form erlebt. Oft gab es im Ausland ein vielfältiges Zeitungsangebot, das inzwischen zusammengeschrumpft ist, so dass in den meisten Regionen nur noch eine Monopolzeitung erscheint. Und eine Monopolzeitung ist sehr gefährlich, weil sie sehr leicht zu missbrauchen ist. Es gibt also in Luxemburg eine gewisse Pressevielfalt, doch sie täuscht. Wir meinen, dass es auf Grund einer gewachsenen Tradition trotzdem de facto ein, nicht nur medienspezifisches, sondern auch politisch bedingtes Monopol einer Tageszeitung gibt. Allerdings baute sich im Laufe der letzten Jahre eine Konkurrenz auf, so weitete das ‚t‘ beispielsweise seine Auflage von Ende 74 mit kaum 17 000 Exemplaren auf rund 25 000 Exemplaren pro Tag im Jahre 1981 aus. Belebend wirkte vor allem auch seit Beginn der sechziger Jahren die Regionalausgabe des ‚Républicain Lorrain‘.

Wir haben nun also in Luxemburg fast eine reine Meinungspresse, die mehr oder weniger an eine bestimmte politische Richtung angelehnt ist. Dabei möchte ich allerdings für das t betonen, dass wir uns als eine Zeitung verstehen, die ihren Fächer weiter öffnet, als nur für eine Partei, u.a. da die Gewerkschaften, denen das t gehört, auch einen breiteren Meinungsfächer abdecken als den einer einzigen Partei. Neben der Monopolzeitung sind die andern Zeitungen zur permanenten Offensive verurteilt. Ein Beispiel dafür sind die Gratisverteilungen von Spezialausgaben dieser Zeitungen, die einen grösseren Leserkreis ansprechen sollen.

Diese Initiativen, die hohen Auflagen der Tageszeitungen im Vergleich zur Bevölkerungszahl, und ausserdem die Präsenz von mehreren Wochenzeitungen haben eine sehr dichte Presselandschaft und einen sehr hohen Leserknoeffizienten zur Folge. Sicher kann man bedauern, dass es fast nur Meinungspresse gibt. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass vielleicht noch Platz für eine andere, neutralere, objektivere Zeitung ist. Aber mir scheint, dass diese in dieser puristischen Form kaum zu verwirklichen ist, denn auch bei ausländischen Zeitungen, die als objektiv gelten, ist immer eine Meinung erkennbar. Der Journalist setzt immer persönliche Akzente. Zudem muss man heute folgendes überlegen: Welchen Stellenwert hat die geschriebene Tagespresse noch im Zeitalter der Elektronik? Ist es wirtschaftlich machbar auf den übersättigten Pressemarkt bei uns eine zusätzliche Tageszeitung zu produzieren, auch wenn es journalistisch gesehen genug Stoff gäbe?

Wir planen für die Zukunft jedenfalls, das t als Tageszeitung weiterzuführen, indem wir vor allem das Informationsangebot öffnen, um noch breitere Leserschichten zu erreichen. Denn es ist nicht möglich eine Zeitung bei allen technischen und personal-politischen Voraussetzungen mit einer nur kleinen Auflage zu finanzieren. Unser Wunsch ist es, die Zeitung finanziell von äusseren Einflüssen unabhängig zu machen, und somit auch die Redaktionsautonomie zu sichern.

in: La Croix, 14-15/12/80

ABHAENGIGKEITEN

forum: Damit ist die Frage der Unabhängigkeit gestellt. Welche Einflüsse werden denn zur Zeit (noch) auf die Redaktion ausgeübt? von Seiten der Parteien, der Gewerkschaften, auch der Inserenten? Wie weit schlägt ihr Einfluss durch auf die inhaltliche Gestaltung der Zeitung?

F.W.: Das t ist im Besitz der freien Gewerkschaften und versteht sich als Sprachorgan der Linken in Luxemburg, wobei die Grenzen nach rechts und links in diesem Kontext hier unpräzis bleiben können. Das wird auch sicher so bleiben. Allerdings sollte dieser Fächer stärker von der Redaktion mitbestimmt werden, statt dass er einfach von den Besitzverhältnissen abgeleitet wird.

Die Redaktion trifft sich regelmässig in grossen Redaktionskonferenzen, welche die grossen Linien der kommenden Monate festlegen. Hier ist keiner der Eigner anwesend. Über die tägliche Arbeit wird also ausschliesslich im Rahmen der Redaktion beschlossen. Wenn ein Verwaltungsratmitglied oder sonst jemand etwas auszusetzen hat, so hat der Chefredakteur die Haltung der Redaktion zu erläutern. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Versuche direkter Einflussnahme zwar nicht inexistent sind, wir aber auch genügend Mittel haben, um sie mit Erfolg abzuwehren, wenn wir diese Wünsche journalistisch nicht verantworten können. – Gegenüber den Inserenten ist festzuhalten, dass aus wirtschaftlichen Gründen die Tageszeitungen leider nicht ohne Reklame auskommen. Für uns Journalisten sind sie sozusagen ein unumgängliches Übel, dem wir Rechnung tragen müssen. Der direkte Einfluss eines Anzeigekunden auf den Text drückt sich eigentlich nur in Beiträgen aus, die bei Geschäftseröffnungen, Braderien usw. geschrieben werden, sog. "Publi-Reportagen", die allerdings unter der Regie der Anzeigenabteilung bzw. sogar einer Anzeigenagentur laufen. Sie gehören nicht – abgesehen von wenigen Ausnahmen – zum eigentlichen redaktionellen Teil der Zeitung.

forum: Wir kennen zumindest zwei Beispiele, wo Geschäftsfirmen Druck auf die Redaktion auszuüben suchten: Einmal im Falle der Sanierung von At-Esch, als die Firma "Monopol" gegen einen Leitartikel von J. Regenwater protestierte und einen Stop der kritischen Beiträge zum Sanierungsprojekt im t erreichte, und zum zweiten, als die Firma Capus, allerdings mit weniger Erfolg, gegen die Beiträge über die Missstände im Senninger Zoo intervenierte.

F.W.: Es gibt solche Fälle. Unsere Direktion weist normalerweise solche Erpressungsversuche radikal zurück.

forum: Und wie steht es im Falle "Cactus"? Warum bringt ihr, t und RTL, nur die Nachricht von der Einstellung von 100 Lehrlingen, aber nichts über die haarsträubenden Arbeitsbedingungen im besagten Betrieb? Zudem haben wir gehört, dass auch auf die RTL-Redaktion Druck ausgeübt wurde von privaten Firmen z.B. in Bezug auf die Konsumentenschutzsendungen.

P.F.: Zuerst möchte ich noch zur politischen Abhängigkeit bei RTL Stellung nehmen. Es ist klar, dass alle politischen Kräfte permanent versuchen, Druck auf uns auszuüben, einen Fuss in die Türspalte zu stellen. Im Einklang mit der Direktion gestaltet unsere Redaktion aber die Zeitungen selbständig nach eigenem Gutdünken. Wir sagen sehr häufig nein, wenn dieser uns jener anklopft. Ich verheimliche nicht, dass zu allen Zeiten die jeweiligen politischen Machthaber versucht haben, die Antennen zu ihren Zwecken auszu-

nutzen. Wenn unsere Sendungen manchmal als Organ dieses oder jenes Politikers hingestellt wurden, sollte man aber nicht übersehen, dass bestimmte Politiker sich besser verbal auszudrücken wissen als andere. Das Medium Radio lebt auch vom Talent seiner Gesprächspartner, damit umzugehen. Es besteht kein Zweifel, dass, wenn wir dem Wunsch vieler Politiker folgten und Parlamentssitzungen "live" übertrügen, dies kaum zum Vorteil verschiedener Politiker gereichen würde. – Was die Abhängigkeit von Inserenten anbelangt, so sei darauf hingewiesen, dass die luxemburgischen Sendungen das kleinste Zimmer in einem grossen Haus einnehmen und m.E. unsere Lage jedenfalls sehr günstig ist. Es gibt Beispiele von Dossiers, von denen dieser oder jener Anzeigenkunde sich getroffen fühlen konnte, und doch gab die Direktion uns jeweils grünes Licht, sie zu senden.

JOURNALISTEN ALS HERAUSGEBER

forum: Wäre es für euch ein anzustrebendes Ideal, wenn die Redaktion allein Herr im Hause wäre und keine andern Eigentümer über sich hätte? Im Falle "Le Monde" ist z.B. die "Société des Journalistes du ‚Monde’" selbst einer der Hauptherausgeber der Zeitung.

F.W.: "Le Monde" ist in der Tat die einzige mir bekannte Herausgebergesellschaft, die so aufgebaut ist. Was wir als Journalisten insgesamt anströben, ist zuerst ein Journalistenstatut. Zweite Etappe: auf Grund dieses Statuts haben wir Rechte und Pflichten. Und eines der Rechte, die wir fordern, ist ein klar definiertes Redaktionsstatut in jedem Presseorgan: Welche Stellung hat die Redaktion? Welche Rechte hat

Die Besitzverhältnisse in einigen Zeitungen

I. d’Letzeburger Land

Seit dem 1. Juni 1981: Trägergesellschaft "Editions d’Letzeburger Land s.à.r.l." :

| Ehepaar Léo und Marianne Kinsch | – 70% |
| — | — |
| Norbert von Kunitzki | – 6% |
| Joseph Kinsch | – 6% |
| Carlo Hemmer | – 6% |
| Victor Abens | – 6% |
| Marcel Mart | – 6% |

L.Kinsch ist Vorsitzender des Verwaltungsrats und Verantwortlicher Herausgeber.

II. Letzeburger Journal

Trägergesellschaft "Imprimerie de l’Est S.A.". Die 8000 Anteile verteilen sich auf rund 1500 Teilhaber. Der Verwaltungsrat besteht aus:

Paul Beghin (Präsident), Carlo Meintz (Vize-Präsident), Henri Grethen (administrateur délégué), Claude Pescatore, Mill Even, Jos. Derneuden, Robert Wiget, René Hübsch und Norbert Becker.

III. Tageblatt

Trägergesellschaft ist seit dem 6.8. 1981 die "Editpress G.m.b.H." (an Stelle der "Luxemburger Genossenschaftsdruckerei"). Die Besitzverhältnisse sehen folgendermassen aus:

| Centrale du LAV, a.s.b.l. | 56,600% |
| — | — |
| Europrim AG | 33,967% |
| FNCTTFEL | 9,410% |
| Sektion Luxemburg FNCTTFEL | 0,014% |
| CGT | 0,002% |
| Sektion Petingen FNCTTFEL | 0,001% |
| POSL | 0,001% |
| Office Coopératif | 0,001% |

Neu ist dabei an erster Stelle die Präsenz der Holding "Europrim AG". Leider war es aber nicht mehr möglich die Beschlußfassung des außerordentlichen Kongresses der FNCTTFEL zu dieser neuen Struktur abzuwarten. Der derzeitige Verwaltungsrat besteht aus: Antoine Weiss (Präsident), John Castegnaro und Josy

m:Le Monde

Konz (Administrateurs-délégués), René Bleser, Fernand Bour, Marc Calderoni, Nic. Differding, René Grégorius, Guy Greiveldinger, Robert Krieps, Johny Lahure, Alvin Sold.

IV. Zeitung vum Letzeburger Vollek

Trägergesellschaft ist die "Coopérative de Presse et d’Édition" (COPE).

Die grosse Mehrheit der Anteile der Genossenschaft ist in Händen der kommunistischen Partei Luxemburg, die ihren Besitz mit dem Geld der Mitgliederbeträge und der Schenkungen laufend erweitert. Eine ganze Reihe von KPL-Militanten besitzen oft nur einen oder ein paar Anteile.

Der Verwaltungsrat besteht aus:

Jos. Grandgenet (Präsident), René Urbany (administrateur directeur) François Frisch, Jacques Hoffmann, Théo Bastian, Camille Muller. (1978)

V. Luxemburger Wort

Trägergesellschaft ist die "Imprimerie St.Paul S.A.". Die Aktien gehören zu rund 95% dem jeweiligen Bischof von Luxemburg. Einige wenige sind in den Händen der Verwaltungsratmitglieder, früherer Direktoren, alles Vertausende des Bischofs.

Der Verwaltungsrat besteht aus:

Joseph Guill (Präsident), Jean Bernard, André Heiderscheid, Fernand Loesch, Gusty Muller, André Robert, Mathias Schiltz.

sie? Wir möchten dabei das Prinzip verankern, dass die Redaktion bestimmt, was vom journalistischen Standpunkt aus gesehen in die Zeitung kommt und was nicht, so dass jede äussere Einflussnahme abgewehrt werden kann, sei es von Seiten einer Verlagsdirektion oder einer Radiogesellschaft oder von Seiten eines Anzeigekunden oder einer politischen Partei. Dies scheint mir das Ideal jedes Journalisten zu sein. Die Redaktionskonferenzen im t sind m.E. schon ein Schritt in diese Richtung. Dort ist jedoch ein Konsensus, erst nach längeren Diskussionen möglich.

forum: Wäre es in diesem Zusammenhang nicht nützlich, dass Direktor und Chefredakteur nicht ein und dieselbe Person sind?

F.W.: Darauf kann ich nur mit einer "Statistik" antworten: sowohl im "Luxemburger Wort", wie in der kommunistischen "Zeitung", als auch im "Journal" und im "tageblatt" ist das der Fall. Mehr ist nicht zu sagen.

DIE ZUKUNFT DES t

forum: Zurück zur politischen Abhängigkeit: Das t will seinen Informationsfächer erweitern. Wird es denn nun auch dem katholischen Bereich, der doch in der Luxemburger Aktualität eine sehr bedeutende Rolle spielt, mehr Beachtung schenken? Woher kommt es, dass dies bislang nicht der Fall ist? Sind hier nicht auch politische Einflüsse schuld daran?

F.W.: Hier spielen sicherlich ganz einfach Traditionen welche sich aus dem gewerkschaftlichen Leben ergeben, eine gewisse Rolle, obwohl seitens der freien Gewerkschaften die Diskussion und der Dialog mit der Kirche bestimmt nicht gescheit wurden.

Das t nun hat in den letzten Jahren versucht zu fundamentalen Fragen der katholischen Kirche Stellung zu beziehen, aber auch manchmal recht zuvorkommend und informativ über diesbezügliche Ereignisse zu berichten.

Auf der kirchlichen Seite allerdings wurde wenig Entgegenkommen gezeigt, wie etwa der Zwischenfall mit der Synode belegt. (1) Auf diesen Angriff mussten wir reagieren. Wir haben dann auf weitere Berichterstattung verzichtet. Angesichts der quasi-Monopolstellung der Bistumszeitung und einer äusserst ausgeprägten Berichterstattung über solche Ereignisse, muss man sich die Frage stellen, ob bei unserer potentiellen Leserschaft überhaupt noch ein Bedürfnis an solcher Information besteht? Wir ignorieren jedenfalls die Kirche keineswegs, allerdings beschränken wir uns auf absolut wichtige Ereignisse. Eine Priorität stellt diese Berichterstattung jedoch kaum dar.

(1) Anm. d.Red.: Weil er Papst Paul VI mit dem Diktator Idi Amin verglichen hatte, wurde dem t-Journalisten J.Braun der Zugang zur Synode verboten.

forum: Anscheinend soll es Überlegungen geben, das t zur Gratiszeitung zu machen, um den Leserkreis zu erweitern, nach Art des "Weekend", als Anzeigenblatt. Was stimmt daran?

F.W.: Wir haben eine Reihe Überlegungen angestellt, um unsere Auflage zu erhöhen. Wir haben z.B. das Anzeigenblatt "Weekend" als Kopplungsblatt für die Region Zentrum herausgebracht, in der das t weniger stark vertreten ist, so dass einerseits unser Anzeigenfächer erweitert wurde und andererseits neue Leser geworben werden können. Andere Presseorgane haben uns in dieser Hinsicht ja schon nachgeahmt. -Eine Tageszeitung kann man aber kaum gratis herausgeben, allein schon weil die Journalisten kaum dafür zu motivieren wären.

Unter den aktuellen Bedingungen kann ich mir das aber fürs t nicht vorstellen. -Sicher ist aber, dass wir nicht aufhören werden in den nächsten Monaten und Jahren mit neuen Initiativen die Auflagenhöhe weiter aufzustocken. Ausserdem haben wir erkannt, dass sich die elektronischen Medien immer weiter ausbreiten, und als Informationsvermittler möchten wir auch als Zeitung den Zug der neuen Medien nicht verpassen. Wir wollen unsere Zeitung an den neuen Medien beteiligen, die eventuell in Luxemburg entstehen werden, z.B. am Bildschirmtext (vgl. S. 16), wo wir als Lieferanten der Informationen, die auf dem Fernseher abgerufen werden können, gerne mit dabei wären. Das t hat übrigens schon entsprechende Initiativen ergriffen. Wir wollen uns nicht auf das geschriebene Wort beschränken, wenn nun die ganze Medienlandschaft in Bewegung gerät.

DIE ALTERNATIVPRESSE

forum: Auf dem Luxemburger Pressemarkt gibt es ja auch die sog. Alternativpresse. Was haltet ihr davon? Geht sie euch auf die Nerven? Seid ihr froh darüber? Welche Erwartungen habt ihr?

P.F.: Wir stehen ihr positiv gegenüber. Wir sind der Meinung, dass Minderheiten eine Ausdrucksmöglichkeit haben sollten. Insofern stellen sie einen wichtigen Beitrag zum Meinungspluralismus dar. Auch wir haben die Initiative ergriffen, Minderheiten über die Antenne zu Wort kommen zu lassen, auch wenn das manchmal verkannt wird.

F.W.: Auch wir bejahen den Pressepluralismus inklusiv für die Alternativpresse. Allerdings würde ich gerne eine Definition der "Alternativ"-presse hören. Oft habe ich den Eindruck, dass es sich dabei eher um Mitteilungsblätter einzelner Organisationen handelt als um eine informative oder Meinungspresse. Was die freien Radiosender anbelangt, so möchten wir eine chaotische Situation wie in Italien nicht befürworten. Aber sie können wie in Belgien oder Frankreich sicher eine kulturelle Bereicherung darstellen, vor allem um auf regionaler Ebene strukturelle Lücken zu schliessen oder Minderheiten eine Stimme zu verleihen. Gerade auf kultureller Ebene gibt es noch Brachland. Die Monopolstrukturen, wie sie in Luxemburg für Radio und Fernsehen bestehen, dürfen u.E. nicht auf die neuen Medien übertragen werden, die im Entstehen sind. Eine gewisse Eigennützigkeit möchte ich dabei nicht abstreiten.

Das Gespräch ging im weiteren Verlauf auf das Thema "Kultur in der Presse" ein. Aus Platzgründen werden wir diesen Teil erst in der nächsten Nummer in der Kulturrubrik veröffentlichen.

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