Mundgerechte Häppchen

Eine Besprechung zu Georges Hausemer, Was Sie schon immer alles über Luxemburg wissen wollten, aber bisher nie zu fragen wagten (und über Island schon gar nicht)

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Eine Besprechung zu Georges Hausemer, Was Sie schon immer alles über Luxemburg wissen wollten, aber bisher nie zu fragen wagten (und über Island schon gar nicht)

Anne-Marie Millim

Georges Hausemer (Hrsg.), Was Sie schon immer alles über Luxemburg wissen wollten, aber bisher nie zu fragen wagten (und über Island schon gar nicht), Luxemburg, Capabarabooks, 2012, 256 S.

Dieses von Georges Hausemer zusammengestellte Buch besteht aus zahlreichen anonym verfassten Beiträgen, die multiple Aspekte der luxemburgischen Kultur, Geschichte und Lebensweise „mundgerecht“ in leicht verständlicher Weise präsentieren sollen. Hierbei ist zu bemerken, dass die Autoren den leichtherzigen Sprachstil und die fragwürdigen Methoden und Aussagen der boomenden Trivialgeschichtsschreibung, die dekontextualisierte Fakten als Wissen verkauft, kritisieren. Indem sie Luxemburg in diese Tradition einbeziehen, zeigen sie die Grenzen und Nachteile einer unwissenschaftlichen, assoziativen Darstellungsweise auf, die die Besprechung von komplexen Sachverhalten durch Listen und jeglichem Zusammenhang entrissene Statistiken ersetzt. Dieser satirische Überblick über Luxemburgs kulturelle und gesellschaftliche Eigenschaften ironisiert den dauernden Kampf des Kleinstaats um seine Daseinsberechtigung, der sich oft über vergleichende Listen vollzieht. Wie im Titel erkenntlich, wird Luxemburg als direkter Konkurrent von Island dargestellt, einem Kleinstaat, der „erfreulichere“ Geburten- und Sterberaten aufzuweisen hat als das Großherzogtum, jedoch über weniger Nobelpreisträger und Übergewichtige verfügt.

Das erste und bei weitem gelungenste Kapitel des Buches handelt von der „Architektur“ Luxemburgs und beeindruckt durch seine scharfsinnige, humorvolle Sprache und äußerst geglückte provozierende Gegenüberstellungen. So zeigt es beispielsweise auf, dass das Gerangel um kulturelles Prestige, das durch einen Erstplatz in statistischen Tabellen gewährleistet scheint, von wirklichem kulturellen Wert ablenkt und dass die Anzahl von UNESCO-Welterbestätten kein Anzeichen für das Kulturbe-

wusstsein eines Landes ist. Der Ausflug in die architektonische Welt Luxemburgs beginnt mit der Auflistung von „Selbstmordbrücken“ und Anspielungen auf die Langsamkeit, mit der die Regierung sich diesem Problem gestellt hat. Er führt dann zu einer amüsanten Beschreibung von Luxemburgs Bestrebungen, für sein Weltkulturerbe anerkannt zu werden, der eine gekonnt eingesetzte Auflistung der in Luxemburg durchgeführten „intensiven Abrissarbeiten“ und der „Bausünden im Großherzogtum“ (S. 23) entgegengesetzt wird. Durch diesen vorzüglich gelungenen Kontrast von Kulturschaffung und Kulturerhaltung kritisiert der Autor die Jagd nach kulturellem, nationalem und vor allem nominalem Prestige, die in Luxemburg zu einem inakzeptablen Umgang mit lebendiger Kultur führe. Während bestehende Baukunst mitleidlos abgerissen, „systematisch entkernt“ und „saniert“ (S. 23) werde, flossen 41,4 Millionen Euro in die sich über 15 Jahre erstreckende Erbauung des Festungsmuseums „Dräi Eechelen“, was, dem Autor nach, eher von verzweifelter Geltungssucht zeuge als von gesundem Kulturbewusstsein. Dieses Kapitel überzeugt durch seinen kritischen Blick auf die Quantifizierung, Hierarchisierung und Inventarisierung der Kultur. Das zweite Kapitel über „Aus- und Einwanderung“ beschreibt eindrücklich, dass Luxemburg nicht immer vom Wohlstand gesegnet war, sondern dass es „Zeiten gab, in denen das Großherzogtum dermaßen unattraktiv war, dass die Luxemburger selbst scharenweise das Weite suchten“ (S. 28). Es hinterfragt die verbreitete Annahme, dass Luxemburg „bis heute

Anne-Marie Millim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Luxemburg und hat Englische Literaturwissenschaft unter anderem an der Universität Glasgow studiert.

auf unserem Planeten überlebt“ hat, „kein Zufall“ sei, wie der Buchdeckel provozierend unterstreicht. Die „Geschichte von Neu-Brasilien“ (S. 28), die das traurige Schicksal von etwa 300 ausgewanderten und wegen des vom brasilianischen Kaiser verhängten Einwanderungsstopps wieder zurückgekehrten Luxemburger schildert, macht klar, dass Luxemburg nicht immer ein beneidenswerter Immigrantenmagnet war, sondern auf die Gastfreundschaft Anderer angewiesen war.

Obwohl sich das Buch die Aufgabe gestellt zu haben scheint, die populärwissenschaftliche Portionierung von Wissen anzuklagen und hartnäckige Klischees und Vorurteile zu relativieren, verliert sich die anfangs gelungene Ironisierung der selektiven und quantitativen Betrachtung der Realität, und der Text beschränkt sich größtenteils auf recht willkürlich zusammengestellte, unzusammenhängende und meist unkommentierte Listen (wie etwa die Zusammenstellung von luxemburgischen Heiligen, die sich über fast 8 Seiten erstreckt), Statistiken, Zeitungsausschnitte und triviale Fakten, deren Assoziation oder Gegenüberstellung oft ohne Aussage bleibt. Nach den aufschlussreichen beiden ersten Kapiteln wird das eigentliche Anliegen des Buches immer diffuser. Wo anfangs der Wunsch der Luxemburger nach internationaler Anerkennung und das Bedürfnis, sich dem allgemeinen „Herumhacken“ (S. 142) auf der Größe des Landes durch quantifizierbare Erfolge entgegenzusetzen, scharfsinnig parodiert werden, macht sich im Folgenden eine immer defensivere Haltung von Seiten der Autoren bemerkbar. Zwar wird in dem Kapitel „Literatur“ nachvollziehbar dargelegt, dass es die luxemburgische Literatur „nicht leicht“ habe angesichts der ständigen „Geringschätzung“ (S. 123) ihrer Leserschaft. Der Versuch des Verfassers, diesen Zustand zu überwinden, geht allerdings nicht weiter, als auf der „Preiswürdigkeit“ Luxemburger Schriftsteller zu bestehen, Gewinner von Literaturpreisen aufzuzählen und umständlich Erwähnungen des Luxemburger Landes in ausländischen Texten zu zitieren, was die Diskussion um die Existenzberechtigung einer spezifisch luxemburgischen Literatur weniger ironisiert als vielmehr fortsetzt.

Weil alle Kapitel ihr Themengebiet „im Schnelldurchlauf“ (S. 243) oder „in Spickzettelgröße“ (S. 70) präsentieren, kommt es, dass allgemein als wichtig eingestufte Fakten schlicht übergangen werden. Beispielsweise endet die Auflistung der 10 ‚wichtigsten‘ Daten, die das Luxemburger Eisenhüttenwesen betreffen, mit „1909: Die Gelsenkirchener Bergwerks AG errichtet die Adolf-Emil-Hütte in Esch/Alzette“ (S. 243). Warum die Gründung der ARBED von 1911 nicht in diese Liste aufgenommen wurde, ist schwer nachzuvollziehen. Die hier vorge-

nommene Rekonstruktion von Vergangenheit anhand von Listen kann man wohl als einen satirischen Kommentar zur Trivialisierung der Geschichte als Unterhaltung verstehen. Aber während Spezialisten der Luxemburgistik und das interessierte Luxemburger Publikum solchen Übergehungen vielleicht eine humoristisch gemeinte Botschaft abgewinnen könnten, sind sie für ausländische Leser höchst problematisch und entwerfen ein verzerrtes Bild des Landes. Wohl verspricht der Buchumschlag „Hunderte wissenswerte – und auch ein paar wissensunwerte – Informationen“ über Luxemburg, doch werden diese weder definiert noch differenziert dargestellt. Über die Kriterien der Auswahl dieser „Informationen“ bleibt der Leser im Ungewissen. ♦

metaxy@uni.lu mission culture scientifique et technique http://metaxy.uni.lu

LES JEUDIS DES SCIENCES COLLOQUIUM GENERALE
LEÇON 170 SEMESTRE XXIII

Communiquer les sciences au grand public

Patrick Baranger
Université de Lorraine

25.10.2012 17:30

Auditoire B02 Campus Kirchberg

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