„Musée 2000“

Internationale Kunstakademien im Wettstreit

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Noch bis zum 13. Januar 1991 dauert eine Kunstausstellung im "Tutesall", in der 135 Bilder von jungen Künstlern gezeigt werden. Die Auswahl ist das Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs an 15 Kunstakademien aus 13 Ländern. Auf den ersten Blick fällt auf, daß keiner der bekannten Sponsoren beteiligt ist und daß die Organisation "Musée 2000" bislang nicht in Erscheinung getreten ist. Grund genug, um Carlo Schmitz, der unseren Lesern durch seine eigenwilligen Karikaturen bekannt ist und der Mitglied des künstlerischen Beirates von "Musée 2000" ist, um Auskunft zu bitten.

Was ist "Musée 2000"?

"Musée 2000" (ASBL) ist eine private Vereinigung und ihr Ziel geht aus ihrem Untertitel hervor: "association pour l’encouragement et la propagation de l’art". Sie wurde 1970 gegründet und ihr Initiator ist der kunstbegeisterte Industrielle Raymond Michelis. Der Zweck ist, junge Kunststudenten, also noch nicht arrivierte Künstler, zu fördern.

Dies geschieht durch einen Wettbewerb, für den 15 verschiedene Kunsthochschulen angesprochen wurden, die es übernehmen, eigenständig durch eine Jury die drei besten, meistversprechenden Kunststudenten oder Studentinnen auszuwählen. Von jedem werden drei Werke nach Luxemburg gesandt. Die einzige Auflage ist die Dimension: das Werk darf wegen der Transportprobleme zwei Meter nicht überschreiten. Somit kommen 135 Kunstwerke zusammen, die ausgestellt werden. Die Förderung besteht aus drei Teilen: Erstens werden diese Werke gekauft, zweitens wird ein Katalog zusammengestellt, in dem jeder Künstler auf 4 Seiten mit seinen Werken und einer persönlichen Vorstellung vertreten ist und drittens, das allerwichtigste, die Werke werden einer international bekannten und anerkannten Jury vorgestellt, welche die Preise verteilt. Diese Jury vergibt auch einen Sonderpreis für die beste Akademie, so daß die Schulen ein Interesse daran haben, ihre besten Leute auszuwählen. Es muß aber nochmals unterstrichen werden, daß der eigentliche Preis für die Kunststudenten die nicht zu leugnende Kompetenz der Jury ist.

Ein solcher Wettbewerb wurde schon 1971 und 1972 veranstaltet. Weshalb ist die Idee nach 1972 eingeschlafen und das "Musée 2000" auf Tauchstation gegangen?

Da kann man einige Ursachen nennen: Zunächst war Luxemburg damals noch nicht reif für die Kunst. Dies wird deutlich, wenn man sieht, wieviele Gale-

rien wir damals und wieviele wir heute haben.

Ein anderer Grund war die fehlende offizielle Unterstützung, denn das "Musée 2000" stand außerhalb der "etablierten" Kunstszene. Weil die Resonnanz auch in der Presse nicht besonders groß war, versiegte der Elan.

Die Bilder sollen ja nicht irgendwo eingemottet werden, sondern sie sollen weiter ausgestellt werden. Reges Interesse zeigt man an den Kunstakademien von Paris und Wien, sowie in Japan.

Was ist denn nun der Unterschied zwischen dieser Initiative und anderen?

Es gibt eine internationale Jury von anerkannten Kunstsachverständigen, die aus aller Welt, auch aus den USA und Japan spontan nach Luxemburg kommen. Sie wurden auf Grund persönlicher Kontakte angesprochen und sie kommen, weil sie vom Grundgedanken überzeugt sind. Wir haben es also nicht mit "selbsternannten Kulturpäpsten" zu tun.

Auch sind wir in unserem Vorgehen durch die Zeitschrift "Beaux-Arts" aus Paris bestätigt worden. Chefredakteur Boyer hat in der vorletzten Nummer im Editorial geschrieben, der sog. "Foutismus" sei vorbei. Konkurrenz kommt wieder auf, die Schulen wollen sich wieder valorisieren und das Handwerkliche in der Malerei wird wieder anerkannt.

In diesem Sinne war auch vor etlichen Monaten ein

Der
eigentliche
Preis für die
Kunststu-
denten ist die
nicht zu
leugnende
Kompetenz
der Jury.

Marie-Hélène Plancher,
Paris "Chien"

sehr kritischer Beitrag im deutschen Fernsehen über die bekanntesten deutschen Kunstakademien zu sehen.

Im Reglement, das mir vorliegt, ist auch ein Luxemburger Juryteilnehmer angegeben, der allerdings durchgestrichen ist.

Dieses Reglement ist im Frühjahr an die Kunstakademien versandt worden und man sieht noch weitere Änderungen; so wurde Kimio Nakayama aus Krankheitsgründen durch Shunsuke Kijima, beides bekannte japanische Kunstkritiker, ersetzt. Wir hatten in der Tat versucht einen Luxemburger für die Jury zu gewinnen. Wir hatten Paul Reiles kurz nach seiner Nominierung zum neuen Museumsdirektor gefragt und er hatte auch zugesagt. Er zog sich aber schon nach kurzer Zeit aus persönlichen Gründen zurück, so daß jetzt kein Luxemburger Jurymitglied ist.

Weshalb macht die Luxemburger "Beaux-Arts" nicht mit?

Wir haben uns nur an Hochschulen mit universitärer Ausrichtung gewandt und mit diesen kann man die Luxemburger sogenannten "Beaux-Arts", die ja das Niveau einer Sekundarstufe hat, nicht vergleichen. Die Luxemburger Kunststudenten werden jedoch miteinbezogen, da die Schulen in den Nachbarländern, an denen die meisten studieren, mitmachen. Ich denke an die Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris, die Ecole Nationale Supérieure d’Architecture et des Arts Visuels in Bruxelles, die Wiener Akademie der Bildenden Künste oder die Berliner Akademie der Künste. Es wurde allerdings kein Luxemburger von den schulinternen Jurys ausgewählt.

Was geschieht mit den ausgewählten Kunstwerken? Wird hier nicht auf eine zukünftige Wertsteigerung spekuliert?

Man darf nicht vergessen, daß es sich beim "Musée 2000" um eine "association sans but lucratif" handelt. Es wäre viel einfacher, und vorallem lukrativer, mit

derselben Summe Geld über Galerien etliche bekannte Künstler einzukaufen. Deshalb werden die Bilder nicht in der Erwartung einer zukünftigen Wertsteigerung gehört, sondern sie sollen der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Ein Teil geht zunächst nach der Ausstellung im Tutesall nach Bad-Mondorf, später dann ins Ausland; die Bilder sollen durch die teilnehmenden Akademien zirkulieren.

Jedes Jahr soll der Wettbewerb in derselben Form wiederholt werden. So erhält man nach 10 Jahren einen Überblick über die Tendenz in der Malerei, so daß ein Zeitdokument entsteht.

Zum Beispiel wird es interessant sein, zu verfolgen, wie die Kunst im früheren Ostblock sich entwickelt. Als die Akademien aus Prag, Warschau, Budapest und Dresden ihre Teilnahme zusagten, da stand die "Mauer" noch. Man wird in nächster Zukunft sehen, was mit diesem Ost-West-Gegensatz geschieht. Ebenso scheint es interessant zu sehen, welchen Einfluß die asiatische Kunst, z.B. die japanische, wieder auf den Westen ausüben wird, oder ob die "Abstraktion" in der Malerei einer neuen "Figuration" weichen wird.

Wird das "Musée 2000" vom Fonds Culturel unterstützt?

Bis jetzt wurde der "Grand Concours International de Peinture" vom "Musée 2000" getragen; selbstverständlich hoffen wir in Zukunft beim "Fonds Culturel" auf offene Ohren zu stoßen.

Welche Perspektive siehst du neben den alljährlichen Wettbewerben für das "Musée 2000" in Luxemburg?

Bei dem Wettbewerb handelt es sich auf dem internationalen Plan um eine einzigartige Idee, und es wäre schade, wenn eine solche Initiative vor allem von offizieller Seite nicht wahrgenommen würde. Solche kunstbegeisterte Leute wie Raymond Michelis trifft man eher selten insbesondere in Luxemburg, wo eine gewisse Zurückhaltung herrscht. Doch bin ich davon überzeugt, daß "Musée 2000" die Anerkennung und Unterstützung und nicht zuletzt den Platz in der Kulturlandschaft Luxemburgs finden wird, der ihm gebührt.

Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte ff für forum am 26.11.1990.

JURY

Mario De Micheli

Italie — professeur, critique d’art, écrivain membre de nombreux jurys internationaux

David Galloway

Etats-Unis — professeur, critique et historien d’art, écrivain correspondant de l’International Herald Tribune (Paris) de ARTnews (New York), co-éditeur de «Art in America», etc. membre de la Royal Society of Arts in London

Shunsuke Kijima

Japon — professeur, critique d’art, écrivain steering committee of Tokio Museum Planning committee of Yokohama Museum Judging committee of Tokio Modern Museum etc.

Dr. Ulrich Krempel

République Fédérale d’Allemagne — Leiter der Ausstellungsabteilung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Michel Ragon

France — critique et historien d’art, homme de lettres président de nombreux jurys internationaux, dont les Biennales de São Paolo, Venise, etc.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code