Musikwissenschaft an der Universität Luxemburg

Einblick in zwei Forschungsprojekte

Über Jahrzehnte war die musikwissenschaftliche Forschung in Luxemburg kaum entwickelt. Eine systematische Gesamt­darstellung der nationalen Musikgeschichte fehlte, und das Großherzogtum blieb in internationalen Enzyklopädien oft ein weißer Fleck oder wurde lediglich als Randphänomen wahrgenommen. Die vorhandene Forschung beschränkte sich zumeist auf einzelne biografische oder themenspezifische Beiträge, die häufig in privater Initiative von engagierten Pionieren entstanden. So verdienstvoll diese Arbeiten waren, entsprachen sie nicht immer wissenschaftlichen Standards – etwa im Hinblick auf Quellennachweise. Bei biografischen Einzelstudien wurden zum Beispiel Musikerpersönlichkeiten in den Fokus gerückt, oft in Form von lexikalischen Übersichten1 oder Monografien2. Themenbezogene Forschungen befassten sich mit dem Volkslied3, Aspekten des Musiklebens in seinen historischen4, gesellschaftlichen5 und musikpädagogischen6 Facetten sowie mit historischen Dokumenten wie den Echternacher Musikhandschriften7. Erst mit der Etablierung musikwissenschaftlicher Forschung an der Universität Luxemburg im Jahr 2003 und der Einstellung wissenschaftlicher Mitarbeiter konnte eine fundierte, institutionell verankerte Auseinandersetzung mit der luxemburgischen Musikgeschichte eingeleitet werden.8

Zunächst sollte das Luxemburger Musikerlexikon diese Lücke schließen und erstmals einen vollständigen Über­blick über das musikalische Schaffen in Luxemburg bieten. Darüber hinaus er­öffnet die Laurent-Menager-Gesamt­ausgabe den Blick auf den vergessenen Komponisten und fördert die öffentliche Wahrnehmung des kulturellen Erbes Luxemburgs. Beide Forschungs­projekte setzen Impulse für zukünftige Forschungsanstrengungen und unterstützen die Musikpflege. Durch eine umfangreiche Dokumentation, Kontex­tualisierung und Bereitstellung verlässlicher Quellen schaffen sie eine belastbare Grundlage für vertiefende wissenschaftliche Studien sowie für die praxisbezogene Pflege des Repertoires in Bildung, Konzertleben und Gesellschaft.

Das Luxemburger Musikerlexikon9

Das Luxemburger Musikerlexikon ist ein musikwissenschaftliches Nachschlagewerk, das einen detaillierten Überblick über die Musikerpersönlichkeiten der historisch etablierten Kunstmusiktradition des Großherzogtums bietet.10

Das Lexikon erscheint bislang in zwei Bänden. Der erste Band behandelt Musiker der Geburtsjahrgänge zwischen 1773 und 1914, die im Land gelebt und gearbeitet haben. Es deckt damit den Zeitraum von der Entstehung Luxemburgs (1815) bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ab. Dieser Band ist sowohl als gedrucktes Buch erhältlich als auch online abrufbar.11 Der zweite Band widmet sich Persönlichkeiten des 20. und 21. Jahrhunderts.12 Er ist im Moment nur online abrufbar und wird demnächst um zwanzig Artikel erweitert. Eine Edition in Buchform ist auch geplant.

Jeder Eintrag im Lexikon bietet – je nach Quellenlage – ausführliche Informationen über das Leben und Wirken der jeweiligen Komponisten und Interpreten. Neben biografischen Daten werden auch Zitate von Zeitgenossen oder Nachfahren aufgenommen, was das Lexikon von rein faktenorientierten Nachschlagewerken unterscheidet.13 Die Erstellung des Musikerlexikons erstreckte sich über mehrere Jahre. So wurden im Rahmen der Arbeiten für den ersten Band 175 Musiker erfasst, darunter 111 hauptberufliche und 64 nebenberufliche Musikerinnen und Musiker. Hinzu kommen 143 weitere Persönlichkeiten, sodass insgesamt 318 Einträge entstanden sind. Die Bandbreite reicht von Komponisten über Interpreten (Sänger, Streicher, Bläser, Pianisten, Organisten, Dirigenten) bis hin zu Musikpädagogen und Lehrpersonen an allgemeinbildenden Schulen.14

Das Musikerlexikon schafft eine systematische und wissenschaftliche Grundlage für die Erforschung der luxemburgischen Musikgeschichte. Es dokumentiert nicht nur die Biografien von Musikern, sondern bettet diese in den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext Luxemburgs ein. Dadurch wird die Vielgestaltigkeit der musikalischen Akteure sichtbar gemacht und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Die quantitative Erfassung ermöglicht vergleichende Analysen und legt die Basis für weiterführende Studien, etwa zur Entwicklung einzelner Musikgattungen oder zur Rolle der Musik im gesellschaftlichen Wandel.

Das Projekt trägt zur Etablierung der Regionalforschung als eigenständigem Feld innerhalb der Musikwissenschaft bei. Es zeigt auf, dass die Musikgeschichte Luxemburgs nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern im Austausch mit benachbarten Regionen und im Kontext europäischer Entwicklungen. Durch die Darstellung lokaler Besonderheiten und internationaler Einflüsse wird die luxemburgische Musikgeschichte als Teil einer gegliederten Vielfalt anerkannt, die sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zu anderen Musiktraditionen herausarbeitet.

Die Laurent-Menager-Gesamtausgabe15

Laurent Menager (1835-1902) gilt ge­mein­sam mit Jean-Antoine Zinnen (1827-1899) als der bedeutendste luxemburgische Komponist des 19. Jahrhunderts. Zusammen haben beide den musikbezogenen Anteil der Kulturentwicklung Luxemburgs im 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst.16 Menager war Komponist, Dirigent, Musikpädagoge und Organist. Er prägte das musikalische Leben Luxemburgs über Jahrzehnte hinweg. Sein Werk umfasst Kirchenmusik, Kammermusik, Lieder, Chormusik, Operetten und Orchesterwerke. Menager war eine zentrale Figur des luxemburgischen Kulturlebens, was sich auch in der großen Anteilnahme an seinem Begräbnis widerspiegelte: Allem Anschein nach begleiteten ihn 6 000 bis 7 000 Menschen, darunter Vertreter von 45 Vereinen, auf seinem letzten Weg.17

Sie stellen wesentliche Informationen zur Geschichte, den Werken sowie ihren Interpretationen zur Verfügung und tragen zudem zur Stärkung des Bewusstseins für die nationale Musiktradition bei.

Die Laurent-Menager-Gesamtausgabe ist ein musikwissenschaftliches Großprojekt, das sich der systematischen Erfassung, Neuherausgabe und Kommentierung des Gesamtwerks Menagers widmet. Die Umsetzung wurde in enger Abstimmung mit dem renommierten Merseburger-Verlag (Kassel), der über umfassende Erfahrung in diesem Bereich verfügt, realisiert.18 Die Gesamtausgabe basiert auf einer detaillierten Sichtung und Bewertung sämtlicher überlieferter Quellen, darunter Handschriften, Erstausgaben und historische Aufnahmen. Jedes Werk wird in einer kommentierten Edition vorgelegt, die Entstehung, Kontext und spezifische Merkmale wissenschaftlich erläutert. Berücksichtigt sind bislang geistliche und weltliche Kompositionen, darunter Messen, Motetten, Chorlieder, Klavierlieder sowie Kammermusik. Die Orchesterwerke stehen noch aus. Die Gesamtausgabe richtet sich sowohl an die musikwissenschaftliche Forschung als auch an die musikalische Praxis. Dabei wird auf methodische Standards zurückgegriffen, die sich in der langjährigen wissenschaftlichen Editionsarbeit mit führenden Komponistenpersönlichkeiten bewährt haben. Die Gesamtausgabe kann als Modell für zukünftige wissenschaftliche Editionen luxemburgischer Komponisten dienen und fördert die Entwicklung einer eigenständigen musikwissenschaftlichen Infrastruktur im Land.

Bedeutung beider Projekte für die luxemburgische Kulturlandschaft

Die Laurent-Menager-Gesamtausgabe stellt Chören, Orchestern und Solisten erstmals verlässliche, wissenschaftlich fundierte Notenausgaben bereit. Sie ermöglicht quellenbasierte Aufführungen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem nationalen musikalischen Erbe. Da Menagers Musik – mit Ausnahme weniger Werke – heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, schafft die Edition die Grundlage für ihre Wiederentdeckung und Re-Etablierung. Nicht nur im musikalischen Leben Luxemburgs, auch im Ausland wächst das Interesse an Menagers Werk, insbesondere durch die Beschäftigung namhafter Ensembles – ein Umstand, der die internationale Bedeutung und Visibilität des Editionsprojekts unterstreicht.

Beide Projekte bieten sich für die musikalische Bildung und Dokumentation im Großherzogtum an. Sie stellen wesentliche Informationen zur Geschichte, den Werken sowie ihren Interpretationen zur Verfügung und tragen zudem zur Stärkung des Bewusstseins für die nationale Musiktradition bei. Durch die Erschließung und Veröffentlichung bislang wenig bekannter oder vergessener Werke wird das Repertoire erweitert, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer nationalen Musikgeschichte gefördert und das musikalisch-kulturelle Erbe erhalten. Die faktenbasierte Zusammenstellung von Einzelbiografien, Werken, Institutionen und Aufführungstraditionen dokumentiert die Entwicklung der luxemburgischen klassischen Musiklandschaft und schafft eine tragfähige Grundlage für deren Erforschung und Weiterentwicklung.

Nicht zuletzt verbinden das Musiker­lexikon und die Menager-Gesamtausgabe wissenschaftliche Forschung mit musikalischer Praxis und fördern das kulturell-musikalische Profil Luxemburgs im internationalen Kontext. Indem sie Forschungsergebnisse direkt für Musiker, Pädagogen und das Publikum nutzbar machen, leisten sie einen Beitrag zu einer reflektierten Musikpraxis, die historische Tiefe mit aktueller Relevanz und zukünftiger Perspektive verbindet. Schließlich markieren beide Projekte einen Paradigmenwechsel in der luxemburgischen Musikforschung. Sie stehen exemplarisch für die Entwicklung von einer zentrierten, oft auf große Musiknationen fokussierten Forschung hin zu einer eigenständigen, regionalen und nationalen Musikhistorio­grafie.19 


1 Vgl. u. a. Guy Wagner, Luxemburger Komponisten heute (Reihe Musik, 406), Echternach, Editions Phi, 1986.
2 Vgl. u. a. Guillaume Hülsemann, Lorenz Menager: eine biographische Skizze, Luxemburg, Worré-Mertens, 1902.
3 Vgl. u. a. Mathias Tresch, La chanson populaire luxembourgeoise, Luxemburg, Victor Buck, 1929.
4 Paul Ulveling, „La musique luxembourgeoise au XIXe siècle“, in: Nos cahiers: Lëtzebuerger Zäitschrëft fir Kultur – Luxembourg, H. 15 (1994), 3, S. 23-64.
5 Michel Welter, Chronik des Luxemburger Musikverbandes: 1863-1999, 4 Bde., hrsg. v. Henri Schumacher, Luxemburg, Saint-Paul, 1999.
6 Unter dem Stichwort „Musikalische Volksbildung“ erschienen im Escher Tageblatt, von 1923 bis 1936 zehn Artikel musikpädagogischen Inhalts. https://eluxemburgensia.lu/en/search?query=%22musikalische%20Volksbildung%22&collection=tageblatt&rows=20&start=0&contains=true&exact=true&sort=date_document&order=asc (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 2. Juni 2025 aufgerufen.)
7 Thomas Falmagne & Luc Deitz, Die Echternacher Handschriften bis zum Jahr 1628 in den Beständen der Bibliothèque nationale de Luxembourg sowie der Archives diocésaines de Luxembourg, der Archives nationales, der Section historique de l’Institut grand-ducal und des Grand Séminaire de Luxembourg (= Die Handschriften des Grossherzogtums Luxemburg), 2 Bände, Wiesbaden, Harrassowitz, 2009, S. II/284.
8 Damien Sagrillo, Musikgeschichte Luxemburgs. Traditionen und Schnittstellen, Brüche und Wegmarken. Eine Studie in acht Stationen (Reihe Musikwissenschaft, Bd. 34), Berlin, LIT 2023,
S. 3-7, 9-17.
9 Ursula Anders-Malvetti, Alain Nitschké, Caroline Reuter, Damien Sagrillo, Luxemburger Musikerlexikon, Band 1, 2. erweiterte Auflage, Weikersheim, Margraf, 2016.
10 Damien Sagrillo, „Überlegungen zu einem Lexikon über luxemburgische Musiker“, in: Luxemburger Musikerlexikon, a. a. O., S. 13-14.
11 https://www.melusinapress.lu/projects/luxemburger-musiklexikon-band-1
12 https://www.melusinapress.lu/projects/luxemburger-musiklexikon-band-2
13 Ebd.
14 https://orbilu.uni.lu/bitstream/10993/29419/1/Mus%C3%ABkerlexikonMus%C3%ABksgeschicht.pdf
15 https://musique.uni.lu/laurent-menager-kritische-gesamtausgabe/
16 Vgl. Pierre Grégoire, Luxemburgs Kulturentfaltung im neunzehnten Jahrhundert: eine kritische Darstellung des literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens, Luxemburg,
De Frëndeskrees, 1981.
17 Alain Nitschké, Damien Sagrillo, Laurent Menager (1835–1902). Systematisches und kommentiertes Werkverzeichnis, Weikersheim, Margraf, 2011,
S. 20.
18 https://merseburger.de/autor/menager-laurent/
19 Damien Sagrillo, „Überlegungen“, a. a. O., S. 9.


Damien Sagrillo (Prof. h.c., Dr. phil., M.A.) ist Professor an der Universität Luxemburg und u. a. Präsident der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB). Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die musikalische Bildung, Musik und Musikedition in Luxemburg und Blasmusikforschung. Davor war er Musiklehrer am Conservatoire du Nord in Ettelbrück/Diekirch sowie Chor- und Blas­orchesterdirigent.

Alain Nitschké ist seit der Gründung der Universität Luxemburg 2003 Lehrbeauftragter in Musikerziehung im Bachelor des sciences de l’éducation (BScE) und im Bachelor de l‘éducation musicale (BEM). Seit 2011 ist er Präsident der Luxembourg Society for Music Education (LSME). Seine Forschungsinteressen beinhalten musikpädagogische Forschung sowie Forschung zur Musikgeschichte in Luxemburg und die Edition luxemburgischer Musik. Seit November 2023 ist er im Ruhestand.

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