Nachschlag aus der Vergangenheit

Frantz Clément über die "luxemburgische Intellektualität" und die kulturelle Identität der Luxemburger

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Frantz Clément über die „luxemburgische Intellektualität“ und die kulturelle Identität der Luxemburger

Das forum-Dossier zum Thema „Lëtzebuerg?“ hat viele Fragen aufgeworfen und, wie erwartet, nur wenige endgültig beantwortet. Wir hatten in unserer Einleitung zum November-Heft unseren Lesern geraten, es in zwanzig Jahren noch einmal hervorzuholen, um dann, aus der Distanz heraus, die Analysen noch einmal zu überprüfen. Marc Limpach und Germain Wagner haben uns nun, angeregt durch unsere Diskussionen zum forum-Dossier, Texte von Frantz Clément (1882-1942)¹ aus ihrer Lesung „Fetzen, Splitter und andere Gedichte“ zur Verfügung gestellt. Erstaunlich ist, dass die Texte von Clément auch rund achtzig (80!) Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung in luxemburgischen Tageszeitungen in ihrer Analyse der luxemburgischen Kultur und Identität noch immer überaus zutreffend sind. Seine Texte haben damals manche Frage aufgeworfen und auch nur wenige davon endgültig beantworten können. Wir befinden uns also in bester Gesellschaft! Aber vielleicht gilt es ja vor allem immer wieder die nötigen Fragen in ihren aktuellen Kontext zu stellen und so den Diskurs miteinander zu führen, der dann in eine sich immer wandelnde Konstruktion der „nationalen (?)“ Identität mündet.

Wir Luxemburger (III)

Escher Tageblatt, 12. August 1921

Um unsere Seele streiten sich seit Jahrhunderten zwei Kulturkomplexe, der französische und der germanische. Es ist nichts leichter als die Forderung aufzustellen, wir sollten uns dem einen oder dem andern ganz hingeben, um zu einer gewissen Geschlossenheit zu gelangen. Wir können es einfach nicht. Die Vereinigung der beiden Einflussphären ist so weit gediehen, dass eine schrankenlose Hingabe an irgendeine der beiden Kulturen leicht wie Nachäffung wirkt. Es ist eine reizvolle Aufgabe, die Ingredienzien zu suchen, die von Westen und von Osten kommen. Aber die Lösung dieser Aufgabe bleibt immer Versuch, weil

diese Ingredienzien nicht nebeneinander gelagert sind, sondern durcheinander wachsen und sich gegenseitig abwandeln. Alles was man dazu sagen kann, ist approximativ, ist mehr oder weniger geistreiches à peu près.

Vom Deutschen haben wir eine gewisse Pedanterie im Forschen, Schaffen und Genießen, einen auffälligen Mangel an Selbstverständlichkeit, an so genannter gratuité. Wir lassen uns vom seiner viel gerühmten Gründlichkeit nicht imponieren, aber schielen doch immer nach derselben. (…) Wir haben in uns auch ein gutes Stück deutscher Romantik. Sehnsucht nach der blauen Blume und in besonderen Lebenslagen eine gewisse wässerige Sentimentalität. Was Heinrich Heine am Deutschen verspottete, und was er selbst nicht

„[…] die heitere Hingerissenheit für irgendein großes Ideal bleibt uns versagt.“

loswurde, haben auch wir: aber durch unsere Mischkultur sind wir zu einer gewissen Distanz gelangt, die uns es möglich macht, in den Refrain des Spottvogels mit einzustimmen.

Von Frankreich haben wir den Willen zur Klarheit, der bei unserer aufs Materielle gerichteten Natur leicht Nüchternheit wird. Es ist uns infolge der weltlichen Einflüsse Bedürfnis geworden, die Dinge sauber einzuteilen, von Zeit zu Zeit eine Sichtung zu vollziehen. Wir misstrauen denn auch der Mystik, an die der Deutsche sich leicht hingibt, ob es religiöse oder politische Mystik ist. Dass uns die Formbegabung des französischen Nachbarn schon seit langem vorbildlich geworden ist, beobachtet jeder Fremde mit Leichtigkeit. Wir haben in dieser Beziehung bereitwillig gelernt und vieles assimiliert, aber wir sind dabei auch manchmal komisch geworden.

Wildvölker sind immer Eklektiker. Unser Eklektizismus ist System. Das gibt unserer luxemburgischen Kultur – wenn man von einer solchen reden darf – das Fragmentarische, Gekünstelte, Zerrissene. Was uns fehlt, ist die Flamme. Wir sind begeisterungsfähig und haben oft bewiesen, dass wir für Ideale Opfer bringen können, aber wir sind bei allem, was wir tun, zu bewusst: wir wissen immer, weshalb wir es tun und sind verdrossen, wenn die verhofften Wirkungen ausbleiben. Gescheite Dinge können wir tun, sagen und schreiben, weil wir geographisch so günstig liegen, aber die heitere Hingerissenheit für irgendein großes Ideal bleibt uns versagt.

Wir Luxemburger (V)

Escher Tageblatt, 22. August 1921

Aus der Kleinheit und Kleinlichkeit unseres intellektuellen Milieus, aus Mangel an Niveau und hoher Norm ergibt sich für die luxemburgischen Intellektuellen die Gefahr der Überhebung. Wir wissen nicht, wie eingenommen wir von uns selbst sind und erst wenn Fremde, die aufrichtig zu uns sein wollen, uns in gelinden Worten unsere Süffisance vorhalten, werden wir nachdenklich. Es ist so leicht zu verstehen, dass die paar Dutzend Luxemburger, die aus irgendeinem Gebiet geistigen Schaffens über die Mittelmäßigkeit ihrer biederen Landsleute hervorragen, einer grotesken Selbstüberhebung verfallen. Sie hören immer von sich und manchmal zu sich sagen: „Du bist der beste unsere Psychologen“, oder „Du bist der erste Luxemburger, der den Kommunismus richtig erfasst hat“ und wenn sie auch am Anfang diese lokale Einschätzung hinter die europäische Einschätzung zurückstellen, es kommt doch ein Tag, an dem sie in der Einsicht schwelgen, ein primus inter pares zu sein. Der erste Schritt nach Kapua ist getan und wenn sie sich nicht gewaltsam aus dem molligen Superioritätsdusel herausreißen, versinken sie bald in klägliche Pfuscherei.

Porträt Frantz Clément von Albert Simon. Sammlung Marcel Schroeder, Photothèque de la Ville de Luxembourg

Was uns fehlt, ist die harte, fruchtbare Selbstkritik. Nur die kann uns helfen. Kritik anderer wird uns ja fast nie zuteil. Im Auslande setzen wir uns selten bis zur einfachen kritischen Beachtung durch – die Anfang jeder Zeitung ist – im Inlande ernten wir schwieriges Lob oder unwirksame, eifersüchtelnde Sticheleien. So kommt eine unheimliche kulturelle Inzucht zu Stande. Die Produkte dieser Inzucht sind für Luxemburg was Besonderes und tragen auch dieses Gefühl der Luxemburger Besonderheit und Einzelheit dem Ausländer gegenüber zur Schau. Der kann sie nur spöttisch beachten, auch wenn er uns schätzt und wenn es ihm leid tut, dass wir so fest an unsere Ärmlichkeit gebunden sind.

Unsere nach zwei Windrichtungen hin orientierte Kulturschleckerei hat uns eine gewisse Leichtigkeit in allen Dingen, soweit sie sich auf die Manier, auf das savoir-faire erstreckt, gegeben. Weil wir nicht jeden Augenblick stecken bleiben, glauben wir, es sei erreicht, weil wir im Handumdrehen etwas fertig bringen, das unseren Volksgenossen imponiert, halten wir uns für Ausnahmemenschen, wo wir doch im besten Falle ganz gewöhnlicher Durchschnitt sind. So geben wir uns auf halbem Wege zufrieden, so verfallen wir dem Laster des Ungefähr. Nichts liegt uns ferner als das leidenschaftliche schwerblütige Ringen um ein Problem oder die adäquate, einzig denkbare Form, in der ein Stoff aufgelöst werden soll. Und doch kann nur aus solchem Ringen die Bewältigung der Durcheinander, die man als Kulturtat bezeichnet, kommen. Wir hüpfen über die Schwierigkeiten und Widerstände hinweg, oder spazieren um sie herum. Zu einer geistigen Offensive um Sein oder Nichtsein haben wir nicht mehr Härte genug. Wir

„Es ist so leicht zu verstehen, dass die paar Dutzend Luxemburger, die aus irgendeinem Gebiet […] über die Mittelmäßigkeit ihrer biederen Landsleute hervorragen, einer grotesken Selbstüberhebung verfallen.“

„Wir hüpfen
über die
Schwierigkeiten
und Widerstände
hinweg, oder
spazieren um
sie herum. Zu
einer geistigen
Offensive
um Sein oder
Nichtsein haben
wir nicht mehr
Härte genug.“

schlemmen in unserer süßfisanen Halbheit und
wenn wir an einen Astknoten gelangen, sägen wir
ihn nicht durch, sondern schlängeln im weichen
Holz einen Halbkreis um ihn herum.

Weil wir uns so leicht das aneignen, was in West-
europa auf den Straßen liegt und die Scheide-
mütze des geistigen Verkehrs bildet, greifen wir
ohne Bedenken nach fremden Federn, mit denen
wir uns schmücken. Es ist für unsere Landsleute
immer noch gut genug. So geht das bisschen Ori-
ginalität, das wir haben, sicher und nicht einmal
langsam in die Binsen.

Die luxemburgische Intellektualität

Luxemburger Tageblatt, 11. Oktober 1923

In wirtschaftlicher und industrieller Beziehung
haben wir in der europäischen Nationengruppe
eine Stellung inne, die weit wichtiger ist als die
rein ziffernmäßige Kleinheit unseres Territori-
ums. Das verdanken wir neben einigen günstigen
geographischen und geologischen Umständen vor
allem der Intelligenz und Energie unserer Kauf-
leute, Techniker und Industriellen. In politischer
Hinsicht kommen wir nachgehumpelt (…). Wenn
wir in rein geistiger Beziehung nicht zu der pro-
minenten Stellung gelangen konnten, für die wir
unseren ökonomischen Intelligenzen verpflichtet
sind, so haben wir trotzdem die Aufgabe, einiger-
maßen Schritt zu halten. Eine Demokratie, deren
materielle Durchschlagskraft nicht durch Kultur
oder wenigstens Kultiviertheit veredelt wird, ist
eine Treibhauspflanze. Wir müssen alle unsere
Kräfte anspannen, um durch Betätigung auf allen
Gebieten des Wissens und künstlerischen Gestal-
tens zu jener Harmonie zu gelangen, die durch

eine zu starke Geltung rein ökonomischer Werte
gestört wird.

Kampf der Weltanschauungen

Luxemburger Zeitung, 11. März 1934

Es ist übrigens klar, dass gerade uns Luxemburgern
weltanschaulich nichts abstruser und kulturpoli-
tisch nichts bedenklicher erscheinen muss, als die
von [dem NS-Ideologen Alfred] Rosenberg wieder
einmal so deutlich verkündete Rassenmystik. Jede
Rassenmystik zwingt uns, die wir ein westeuro-
päisches Mischvolk sind, zur Selbstaufgabe. Wenn
wir früher von drüben her aufgefordert wurden,
uns als Germanen zu fühlen, so überlegten wir
uns die Antwort nicht lange. Heute, wo man uns
andauernd zu Deutschen „adeln“ möchte, um uns
eines frühen Morgens definitiv zu schlucken, dan-
ken wir noch schärfer für die Ehre. Denn wir wer-
den einzig und allein selbst bestimmen, was wir
sind und wohin wir gehören.

¹ Frantz Clément wird am 3. November 1882 in Mondorf geboren
und ist zunächst als Lehrer in Roadt und Kaundorf tätig. 1913 wird
er Chefredakteur des von Paul Schroell herausgegebenen Escher
Tageblatt. 1924 gibt er diese Stellung auf und arbeitet als Journalist
und freier Schriftsteller in Paris. Zu dieser Zeit ist er auch Lektor des
Ullstein-Verlags und Korrespondent „führender deutscher Zeitschrif-
ten und Zeitungen“. 1933 kehrt Clément nach Luxemburg zurück
und schreibt vor allem für die Luxemburger Zeitung. Im Mittelpunkt
seiner Überlegungen steht das luxemburgische Selbstverständnis
in Bezug auf die erhoffte deutsch-französische Aussöhnung. Die
Herausgabe einer neuen Wochenschrift, Tribüne, ab April 1935,
muss jedoch im Oktober des gleichen Jahres wieder eingestellt
werden. Frantz Clément, „humanistischer liberaler Demokrat“ und
linksliberaler Intellektueller im Luxemburg der Dreißigerjahre, setzt
sich sehr früh und vehement gegen das „Maulkorbgesetz“ und jede
Art des Autoritarismus und Faschismus ein, wird ab dem Einmarsch
der Nazis in Luxemburg im Mai 1940 verfolgt, zieht sich aus
der Öffentlichkeit zurück und wird bereits im Juli 1941 verhaftet.
Clément wird am 2. Juni 1942 im Konzentrationslager Dachau
ermordet.

Lesung im Kasemattentheater am 23. Januar 2007 um 20 Uhr

Marc Limpach und Germain Wagner lesen

Fetzen, Splitter und andere Gedichte

von Alex Weicker, Frantz Clément und Karl Schnog

Musikalische Begleitung: Garlicks Trio (Georges Urwald, Al Lenners, John Schlammes)

Auszüge aus Fetzen, dem expressionistischen Roman des Luxemburger Studenten Alex Weicker,
eine Auswahl der pointierten Texte des Luxemburger Journalisten, Schriftstellers und überzeugten
Europäers, Frantz Clément, sowie einfühlsame und kämpferische Gedichte des in Luxemburg im Exil
lebenden deutschen Antifaschisten Karl Schnog: ein außergewöhnliches literarisches Spiegelbild
der Epoche zwischen den Weltkriegen aus deutsch-luxemburgischer Sicht. Im Mittelpunkt der Lesung
stehen die Texte von Frantz Clément über „Luxemburgische Intellektualität“ und die kulturelle Identi-
tät der Luxemburger. Kartenvorbestellung: Tel. 29 12 81 (Anrufbeantworter)

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