Nepal im Deutschunterricht?
Ein interdisziplinäres Projekt im Geist der Zeit
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Was soll Nepal, das Land der Himalayaschneeriesen, der Tieropfer, Tempel und Heiligenschreine, der mittelalterlichen Städte und Dörfer, der schwindelerregenden Hängebrücken, der Yaks (Grunzochsen) und Yetis (Schneemenschen) im Deutschunterricht? Hermann Hesses indische Dichtungen hätten doch wohl eher ihre Berechtigung als Schullektüre. Wieso trotzdem mit luxemburgischen Schülern das Land Nepal im Deutschunterricht behandeln?
Dafür gibt es einige ganz konkrete und zusammenhängende Gründe:
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Ein Deutschlehrer aus dem LCDiekirch lebt und wirkt seit September für ein Jahr im Rahmen der luxemburgischen Entwicklungshilfe als Coopérant in einer nepalesischen Sekundarschule und hat versprochen, regelmäßig Berichte für die Zeitschrift "forum" zu verfassen. Diese aktuellen Briefe mit Beobachtungen und Reflexionen über ein so fremdes Land aus der Sicht eines Luxemburgers können den im Unterricht erfolgenden Versuch, Nepal über die Lektüre unterschiedlicher Textarten zu verstehen, auf interessante Weise ergänzen.
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Da die Verfasserin dieses Artikels plant, selbst als Entwicklungshelferin in den Nepal zu reisen und dort die Weiterführung der von ihren Vorgängern begonnenen Arbeit zu übernehmen, möchte sie sich im voraus intensiv mit dem Land befassen und zugleich da-
dafür sorgen, daß bei Schülern im Diekircher Gymnasium Interesse für die nepalesische Schule geweckt wird, so daß auf längere Sicht vielleicht eine Partnerschaft zwischen diesen zwei Schulen hier unten und dort oben entstehen kann.
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Nicht nur die Schüler meiner Klasse sollen deshalb über dieses Entwicklungshilfeprojekt und das ganze Land informiert werden, sondern auch die anderen Schüler sowie die Lehrer. Aus demselben Grund müßte aus der Zusammenarbeit von Geographielehrer, Deutschlehrer und Schülern eine informative Ausstellung hervorgehen. Die Zusammenarbeit mit weiteren Lehrern der Klasse (Religion, Zeichnen …) ist dabei natürlich nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht.
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Da unser Kollege möglicherweise für die nepalesische Schule Geld oder Material braucht, würden wir versuchen, mit unseren Schülern das Gebrauchte zu organisieren, so daß der Unterricht einmal auch praktische Folgen hat und die Schule nicht im Elfenbeinturm stattfindet.
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Manche Luxemburger kennen Nepal aus eigener Erfahrung und verfügen über ausreichend Bildmaterial. Eugène Berger bspw. ist bereit, in unsere Schule zu kommen und von seiner Mount Everest-Besteigung zu erzählen. Eine ganz normale Touristin, Anfängerin im Trekking, ist ebenfalls zu einem aktuel-
Nepal ist nicht nur ein Reiseziel, ein Entwicklungsland unter vielen, sondern ein Beispiel für spirituellen Reichtum und andere menschliche Denk- und Verhaltensweisen.
"Auch diese riesige Mäuse-
burg im hinteren Himalaya ist
nach Plänen von Joschi Tinten-
katz erbaut worden.
Gut zweihundert Mäusee ha-
ben in der Burg Platz!",
in: Joschi Tintenkatz, Erwin
Moser, Beltz & Gelberg.
len Bericht bereit. Auf diese Weise erhalten die Schü-
ler ein vielseitiges Bild dieses Landes.
- Brieffreundschaften zwischen Schülern könnten
wir ebenfalls fördern, und ich persönlich möchte eine
Korrespondenz zwischen zwei Klassen in Gang set-
zen.
So viel zu den konkreten Ursachen für dieses Projekt.
Neben diesen haben die folgenden Überlegungen
mich dazu motiviert, ein exotisches Land und seine
Menschen im DU zu behandeln:
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Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit mit Romanen
möchte ich einmal mit anderen Textgattungen arbei-
ten. Sachbücher, Reiseberichte und Reiseführer so-
wie Reisekataloge haben neben der schönen Literatur
durchaus Beachtung in der Schule verdient, da sie
viele Käufer finden und viele Menschen als Erwach-
sene gar keine Romane mehr lesen. Bei den Schülern
besteht Interesse daran, einmal etwas anderes als im-
mer nur europäische Romane aus früheren Zeiten zu
analysieren. -
Unsere Schüler sind die Touristen und Globetrotter
von morgen und sollten daher vorbereitet werden für
den respektvollen Umgang mit anderen Kulturen, so
daß sie nicht wie Elefanten im Porzellanladen her-
umtrampeln und die Probleme, die der Tourismus
mit sich bringt, weiter verschlimmern. Es ist wün-
schenswert, daß sie später nicht mit verstärkten Vor-
urteilen von ihren Reisen nach Hause zurückkom-
men und diese dann dort verbreiten. Das Bewußtsein
für die Problematik sowohl des Massentourismus als
auch des Abenteuertrends muß jetzt in der Schule ge-
schaffen werden. Die Vor- und Nachteile des Touris-
mus sollte man in der Schule anders als nur in der
Form von dialektischen Gedankenaufsätzen darstel-
len. -
Unsere Schüler sind darüberhinaus auch die Kon-
sumenten, Wähler, Steuerzahler und Spender von
morgen. Wenn sie zur Überzeugung gelangen, daß
Entwicklungshilfe sinnlos ist oder daß die Länder der
- Welt allein schuld sind an ihrer Unterentwicklung,
dann bleibt alles beim Alten. Zudem sollte heute ei-
gentlich jeder wissen, was eine NGO ist oder ein 3.
Welt-Laden oder eine Transfair-Label.
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Die Massenmedien vermitteln den Jugendlichen
heute ein desolates Bild der 3. Welt, ein Bild, aus dem
viele Klischees und Vorurteile hervorgehen. Allzuoft
wird bei Spendenaktionen auf die Tränendrüse ge-
drückt. Asien ist dementsprechend für viele Schüler
eine völlig übervölkerte Weltgegend, und wird ver-
bunden mit heiligen Kühen, Mutter Teresa, Aids und
Sextourismus, sowie seit neuestem Ratten und Pest.
Diese gängigen Stichworte umfassen nur einen klei-
nen, natürlich sensationellen Teil der Wirklichkeit
und schrecken ab. Die eurozentristische Wahrneh-
mung der Welt ist im allgemeinen erschreckend
oberflächlich. Ihr kann man entgegenwirken, indem
man sich auf die Menschen eines Landes, ihren All-
tag, ihre Sorgen, Ziele und Träume konzentriert. -
Hervorheben möchte ich auf jeden Fall, daß die so-
genannte 3. Welt, Nepal im besonderen, uns etwas zu
bieten hat. Nepal ist nicht nur ein Reiseziel, ein Ent-
wicklungsland unter vielen, sondern ein Beispiel für
spirituellen Reichtum und andere menschliche
Denk- und Verhaltensweisen. Statt Mitleid verdie-
nen dieses Land und seine Menschen stellvertretend
für alle Entwicklungsländer ehrliches Interesse. Der
spirituelle und kulturelle Reichtum dieser Länder
verdient viel mehr Beachtung, denn er kann eine kri-
tische Distanz zu unseren Werten und Normen her-
stellen, worauf vielleicht bei manchem ein Umden-
ken erfolgt. -
Dazu gehört, daß die Schüler erfahren, wie sehr wir
manchmal auf Menschen anderer Kulturen wie
Außerirdische wirken: daß unser Verhalten bei ihnen
oft genug ein verwundertes Kopfschütteln hervor-
ruft, daß sie Fragen an uns haben, die wir nicht immer
so ohne weiteres beantworten können. Ihre Reaktion
auf uns sollte eigentlich sehr aufschlußreich für uns
sein.
Die Arbeit im Unterricht erfolgt auf der Grundlage
des Sympathie-Magazins "Nepal verstehen", das
vom Studienkreis für Tourismus unter redaktioneller
Leitung der Nepal-Kennerin Ludmilla Tüting 1993
herausgegeben wurde*. Dieses Heft umfaßt mit sei-
nen Themen die politischen, ökonomischen, ökolo-
gischen, sozialen und kulturellen Probleme der Ge-
genwart. Neben sachlichen Berichten enthält es per-
sönliche Schilderungen von Ausländern sowie
Nepalis. Begleitend zur Lektüre dieser Texte werden
die Schüler Auszüge aus einem Roman, der Nepal in
den 50er Jahren schildert, sowie aus einem Trekking-
Reisebericht der 80er Jahre untersuchen**.
G. Schiltz
- "Nepal verstehen", Sympathie Magazin Nr. 13, hg. von und zu
bestellen bei: Studienkreis Tourismus e.V., Dampfschiffestraße
2, D-8130 Starnberg, Tel.: (08151), 774 13/23. Ein Einzelheft ko-
steht 6 DM in Briefmarken.
John Pilkington, Am Fuß des Himalaja, Frederking & Thaler Ver-
lag
** Han Suyin, Wo die Berge jung sind, Rowohlt Tachenbuch Ver-
lag 1979
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