No More Pit Jokes No More!
Öber die Hörfunksendung „RTL Déckkäpp“ und was es heißt über sie zu lachen
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Über die Hörfunksendung „RTL Déckkäpp“ und was es heißt über sie zu lachen
Pit Scholtes
Mein Name ist Pit und ich bin Namensgeschädigter. In der Diagnostik wird der Namensschaden im deutschsprachigen Raum auch als Kevinismus¹ bezeichnet. Bezeichnet wird eine, aus der wahllosen und geistig verfehlten Namensgebung der Erziehungsberechtigten resultierende, soziale Ausgrenzung und gesellschaftliche Stigmatisierung aufgrund des Rufnamens. Kevin, Chantal, Jacqueline, Pascal, Enrico, René schallt es über bundesdeutsche Spielplätze und man hört die kleinen Träume vom sozialen Aufstieg leise platzen. Ich bin Pit und leide mit. Nun hat mein Namensleiden weniger mit sozialer Klasse zu tun als mit einem konkreten Tatbestand. Der Mord meines Rufes kennt seinen Täter: Er heißt „RTL Déckkäpp“. Sie waren es. Sie haben mich zum wahlweise dummen, faulen, einfältigen, unbeholfenen, langsamen, vorlauten Pit aus der letzten Bank stilisiert. Frei reproduzierbar für jeden. Für alle Pits dieses Landes sei dies die Abrechnung. No More Pit Jokes No More!
Tatrelevantes Material:
Ziffer 1: Gesendet am 31.01.2014
„Pitti“, frot de Schoulmeeschter, „ween huet dir do bäi där Hausaufgab gehollef?“
„Meng Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Groussmamm“, sot de Pitti.
„Oh“, sot de Schoulmeeschter, „dat wäert awer net méiglech sinn.“
„Ma ma ma ma ma ma ma sécher“, sot de Pitti.
Wissen sie, woran man den humorlosen Luxemburger erkennt? Er sagt zweimal täglich: Ma mol méi haart. Anschließend blickt er scheinbar lachend um sich und verurteilt jeden, der nicht, an den semantisch doch klar gekennzeichneten Stellen, mitlacht. Den Nichtlachenden unterstellt er prompt Humorlosigkeit. In den Folgetagen erkennt man den humorlosen Luxemburger daran, dass er unaufgefordert aber dennoch fordernd, den „Neuen“ vorträgt. „Kenn der deen hei?“ Ein weiteres Merkmal: der humorlose Luxemburger nennt niemals unaufgefordert die Quelle seines Neuen. Es gehört zum sozialen Habitus des humorlosen Luxemburgers, dies seinen lauschenden Artgenossen zu überlassen. „Deen ass vun den Déckkäpp!“ Dieser soziale Code erlaubt es dem humorlosen Luxemburger sein Umfeld klar in humorvolle und humorlose Personenkreise zu unterteilen. Selbstredend zählt der humorlose Luxemburger sich, in seinem Selbstbild, zum humorvollen Teil der Bevölkerung. Dieses normativ-binäre Gesellschaftsbild des humorlosen Luxemburgers stellt eine Gefahr für das – durchaus vorhandene – Humorpotenzial dieses Landes dar. Dieses Gesellschaftsbild, und die Strukturen, die es aufrecht erhalten, müssen bekämpft werden.
Über Witze kann man bekanntlich solange lachen bis jemand sie erklärt. Da hört der Spaß auf. Und da liegt das Problem. Stehe ich jetzt nicht schon selbst unter Humorlosigkeitsverdacht, nur weil ich anderen Humorlosigkeit unterstelle? Ja, gar einer ganzen, bei der Größe unseres Landes, gar nicht mal
Der Mord meines Rufes kennt seinen Täter: Er heißt RTL Déckkäpp.
Pit Scholtes hat Anglistik in Großbritannien studiert und macht derzeit seinen Master der Journalistik in Leipzig. Er lacht nie.
© Pol Leurs
so kleinen Bevölkerungsgruppe den Witz abspreche? Sie haben gelacht; sie haben Humor. Der Witz war gut es wurde gelacht. Die Tautologie des Lachens. Was aber ist dieses Lachen? Für Henri Bergson fängt das Lachen an, wo das Gefühl endet.² Es beschreibt eine Distanzierung zwischen Text und Selbst. Für Freud ähnelt lachen über Witze einer Einsparung von Hemmungsaufwand. Lachen funktioniert als Statthalter für eine konkrete Vergegenwärtigung des Beschriebenen und den damit verbundenen Tabus.³ Das Lachen über Witze erzeugt weiterhin eine Komplizenschaft zwischen Erzähler und Rezipient. Es darf gelacht werden, versichern sich beide. Also: wie und über was darf bei den „Déckkäpp“ gelacht werden?
Tatrelevantes Material:
Ziffer 2: Gesendet am 27.01.2014
Ech war d’läschit Woch mol bäl de Psychiater. Du sot ech zu dem: „Hei Dokter du muss mer bellefen, ech hunn nuets emmer sou een Alpdram, […]“ Du sot den: „Jo wat ass da lass?“ „Ech dreemen emmer, ech géif am Bett leien an d’Paris Hilton, d’Heidi Klum an dem Bauer Guy säi Viktoria, déi géifen plakeg op mir rondrem danzen.“ „Majo“ sot hien „dat ass dach keen Alpdram.“
„Dach! Am Alpdram sinn ech emmer den Etienne Schneider.“
HaHaHa. Ein Ha für Polygamie. Ein Ha für Bauer Guy. Und ein extra großes HA für Homophobie. Schwul sein ist also immer noch ein Albtraum in Luxemburg. Es darf über alles gelacht werden, solange Sender und Empfänger die gleichen kultu-
kulturellen Werte vertreten. Oder schießt man so übers Ziel hinaus? Ist alles nur halb so wild, und Bergson hatte recht; lachen beschreibt bloß eine Distanzierung, und es ist doch alles gar nicht so gemeint. Ein Versuch: Ersetzen Sie oben Etienne Schneider durch Marc Dutroux. Würde RTL den Witz immer noch senden? Eben.
Das Verständnis vom Witz als Mittel der kulturellen Verständigung mag einleuchten. Im Fall von „RTL Déckkäpp“ wird es jedoch durch das übertragende Medium verzerrt und erweitert. Die Ausstrahlung einer aufgezeichneten Sendung von „Déckkäpp“ ist gleichzeitig die Sanktionierung ihres Inhalts. Der Hörer wird in eine passive Zwangshaltung gedrängt. Ihm/Ihr wird eine Aufzeichnung von Witzen vorgespielt, die bereits funktioniert haben. So liegt der Kern der Witze von den „Déckkäpp“ eigentlich nicht mehr in den Witzen selbst, sondern vor ihnen. Es darf nicht nur gelacht werden; nein, wer nicht lacht, liegt bewiesenermaßen falsch. Hier werden nur technisch einwandfreie, TÜV-geprüfte Witze unters Volk gebracht. Ironischerweise scheint diese Sanktionierung auch nach innen zu wirken. Die Déckkäpp scheinen sich des Drucks bewusst: unsere Witze müssen funktionieren. Enter Internet.
Haben Sie sich schon einmal gefragt: Wie machen die das? Haben die ein Witzbüro in einem bisher unbekannten Witzministerium und sitzen an einem anthrazitgrauen Konferenzisch, um Witze zu entwerfen? Oder gibt’s ein Witzprogramm mit Lachalgorithmus, das man nur mit Stichwörtern füttern muss und siehe da, ein neuer Brüller? Ich schlage Ihnen ein Experiment vor: Machen Sie sich den Spaß und schreiben Sie sich die Witze von den Déckkäpp auf. Übersetzen Sie die Witze auf Deutsch und ge-
Das Prinzip
Zweitverwertung
macht nicht bei den
Witzen halt. RTL
Déckkäpp ist eine
Zweitverwertung
an sich. Eigentlich,
heisst RTL
Déckkäpp „Les
Grosses Têtes“ […]
ben Sie sie in eine Suchmaschine ein. Na? Sind Sie auch auf www.lustich.de gelandet oder doch auf www.witze-zum-wegschmeissen.de? Sie sind beim Monatsspruch von www.lebenswunder.de gelandet? Ja, soll vorkommen. Da treffen sich die „Déckkäpp“ und ihr Publikum von humorlosen Luxemburgern: in der Sparsamkeit bei Quellenangaben.
Das Prinzip Zweitverwertung macht nicht bei den Witzen halt. RTL „Déckkäpp“ ist eine Zweitverwertung an sich. Eigentlich, heisst RTL „Déckkäpp“ „Les Grosses Têtes“ und läuft seit 1977 täglich live auf RTL-Radio in Frankreich. Naja, eigentlich ist hoch gegriffen. „Les Grosses Têtes“ beschäftigt sich mit Tagesgeschehen, man hat Gäste und einen Witz des Tages. „RTL Déckkäpp“ hingegen hat weder Gäste, noch Tagesgeschehen, und wird in dreiminütige Witzehappen zersplittert. Die Aufzeichnungen finden in den Mehrzweckhallen dieses Landes statt und aufgelockert wird die Sendung mit Fragenrunden:
Tatrelevantes Material
Ziffer 3: Gesendet am 24/01/2014
Wat ass dann aussergewöhnlich iwwert [sic] d’Veronica Ferres an hier Débutén?
Ét huet am Pornogeschäft ugefangen.
Nö.
Ét war Coiffeuse.
Ét war vill méi schwéier, a vill méi déck. Dat stémmt.
Ét huet am Schwéiergewicht geboxt.
„RTL Déckkäpp“ ist also eine Sendung, die es eigentlich schon gibt, mit Witzen die eigentlich schon erzählt wurden, mit einem Publikum das eigentlich schon nicht mehr da ist, das über eine Darbietung lacht, die eigentlich schon vorbei ist. Und Pitti-Witzen. Aber Warum?
Eine Antwort kann man höchsten umreißen, klar fassen kann man sie nicht. Vielleicht gibt es bei uns Dinge, weil es sie gibt. Ihre Rechtmäßigkeit wird gewissermaßen durch ihre Existenz belegt. Die „Déckkäpp“ bleiben, weil sie sind. Vielleicht sind die Existenz und der Erfolg von „Déckkäpp“ auch Beleg für eine kulturelle Befindlichkeit. Die „Déckkäpp“ als Ausdruck eines konservativen Kulturverständnisses, das nur das als Kultur annimmt, was auch schon in seinem Sein als Kultur bestätigt wurde. In dem Kultur und Humor Dinge sind, die man importieren und sich leisten kann. Wo Kultur also nicht Gegenentwurf zur Hegemonie ist, sondern bloß als deren einfallsreiche Weiterführung Geltung hat. Vielleicht interessiert sich auch niemand ernsthaft für die „Déckkäpp“. Vielleicht senden sie Abend für Abend ins Nichts hinein. Vielleicht sind die humorlosen Luxemburger auch die humorvollsten. Vielleicht tragen sie die Witze der „Déckkäpp“ nur ironisch vor und lachen auch nur ironisch über sie, weil sie wissen, dass die „Déckkäpp“ gestern wieder im Internet waren, um sich ein paar Witze zusammenzugooglein. ♦
1 http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ungerechte-grund-schullehrer-kevin-ist-kein-name-sondern-eine-diagnose-a-649421.html
2 Henri Bergson Laughter: An Essay on the Meaning of the Comic trans. by Cloudesely Brereton and Fred Rothwell (Rockville: Arc Manor, 2008) S.10.
3 Sigmund Freud The Joke and its Relationship to the Unconscious trans. by Joyce Crick (London: Penguin Books, 2002) S.116.
4 http://www.rtl.fr/emission/les-grosses-tetes/bienvenue.
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