Post-Genus

Ein Plädoyer für einen post-binären Sprachwandel

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Sandy Artuso

Es bedarf keines Studiums der Linguistik, um zu wissen, dass Sprache mehr als ein „einfaches“ Kommunikationsmittel ist. Sie ist ein komplexes System, sie ist Handlung, sie ist letztlich auch Politik. In diesem System spiegelt sich die Gesellschaft wider, und vice-versa; wenn sich die Gesellschaft also im Wandel befindet, müssen sich Änderungen der Verhältnisse auch in der Sprache wiederfinden. Sprache ist per Definition wandelbar – wieso also Angst davor haben, sie mitzugestalten?

Ende April fand sich auf Spiegel Online¹ ein Interview mit Prof. Dr. Lann Hornscheidt vom Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin. Im Mittelpunkt stand der von Hornscheidt und der AG Feministisch Sprachhandeln entwickelte Leitfaden² zum antidiskriminierenden Sprachhandeln, in dem verschiedene Vorschläge für eine gerechtere Sprachnutzung präsentiert wurden. Neben den bekannten Varianten, wie dem Unterstrich oder der Sternchen-Form, findet sich hier die neuartige Idee einer „x“-Endung, mit der die binäre Struktur der Personenbezeichnung neutralisiert werden soll. Zum Beispiel: statt Professor oder Professorin soll es „Profess“ heißen, „wenn die Frage, ob die gemeinten Personen weiblich, männlich oder trans* sind, in einem Kontext keine Rolle spielt oder keine Rolle spielen soll.“³ Solche Subtilitäten, wie auch die Tatsache, dass noch weitere Varianten in dem Leitfaden vorgeschlagen werden, waren dem Interviewer jedoch entgangen, der sich vor allem an der „x“-Form festbiss, und nur spöttisch und ironisierend mit dem Thema umging. Lann Hornscheidt begegnete dem souverän, doch zeigt das Interview, wie schwierig der Umgang mit dieser Problematik ist.

Auf der einen Seite stehen Menschen, die sich der Macht der Sprache bewusst sind und ihre Mechanismen nutzen wollen, um auch diskriminierte Angehörige der Gesellschaft zu ermächtigen. Ihnen gegenüber stehen die konservativ Eingestellten die, sich entweder der Notwendigkeit einer Reflexion der gängigen Sprachhandlungen nicht bewusst sind, oder mögliche Änderungen als „irritierend“ und „unpraktisch“ empfinden. Natürlich ist diese dichotome Darstellung der Fronten überspitzt, doch mitunter wirkt jegliche Diskussion über Änderungen des Sprachgebrauchs in Bezug auf das Genus sehr plakativ und führt auch schnell zu erhitzten Debatten.

Das Sichtbarmachen der Leerstellen der Gesellschaft

Schon die „light“-Version der antidiskriminierenden Sprache, also die genderneutrale oder gendergerechte Sprache, stößt bei vielen auf Unwillen und Widerstand. Varianten der Personenbezeichnungen sind „zu umständlich“ und „unleserlich“, weshalb das generische Maskulinum leider immer noch Standard ist. Ohnehin gilt die Sprache als sakrosankt, und Änderungen an ihr, so die verbreitete Auffassung, dürfen nur mit äußerster Zurückhaltung vorgenommen werden. Wie können wir unter diesen Umständen die Kritiker*innen des aktiven Sprachwandels dazu

Während manche sich also immer noch über gendergerechte Sprache echauffieren, wird in anderen Sprachräumen längst Platz geschaffen für neue sprachliche Wege, die den Realitäten der Gesellschaft gerecht werden.

Sandy Artuso lebt in Berlin, und ist Chefredakteurin des queeren Gesellschaftsmagazins Die Preziöse. Beruflich wie auch privat hinterfragt sie gerne Normen, weswegen sie* in dieser Beschreibung das Sternchen in dieser Form und Position benutzt, um ihre* Kritik der gängigen Geschlechterrollen zu signalisieren.

bringen, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass es mehr als zwei Genera gibt? Es ist schon schwer, sie zur Kritik des generischen Maskulinums zu bewegen – jetzt auch noch durch Unterstriche und Sternchen und „x“-Formen die Geschlechterbinarität in Frage stellen? Für einige scheint dies den Untergang der zivilisierten Welt zu bedeuten. Nun, zumindest liegt eine Revolution in der Luft, denn tatsächlich stellt dies einen Wandel der Normen dar, bzw. gar einen Bruch mit ihnen.

Tatsache ist: Ein Großteil unserer Gesellschaft hält noch an einer heteronormativen und binären Geschlechterordnung fest – doch wurden Bewegungen zur Änderung dieser Ordnung in den letzten Jahren dank „neuer“ Medien sichtbarer, die den Weg nach außen vereinfachen. In der großen Öffentlichkeit aber werden diese Bewegungen immer noch als „Minderheitenkämpfe“ wahrgenommen und lösen eher negative Reaktionen aus.

Es ist leider nicht übertrieben, von „Kampf“ zu sprechen, wenn es sich um die Deutungs- und Gestaltungshoheit über die Sprache handelt. Es geht dabei um den Erhalt von Privilegien, und die werden mitunter hart verteidigt. Denn Sprache ist immer Politikum; sie hat die Macht, Objekte zu benennen und ihnen durch eben diese Benennung Identität zu verleihen. Und genau hier, in dem Sichtbarmachen der Leerstellen der Gesellschaft, liegt der springende Punkt. Denn diese können leider sehr einfach aus der Sprache – und somit aus dem kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft – ausgeblendet werden, wenn sie nicht benannt sind. Wieso aber hat ein Großteil der Gesellschaft kein Interesse daran, sie im Bewusstsein präsent zu halten? Weil damit an den Grundpfeilern des Systems gerüttelt würde, weil Herrschaftsverhältnisse infrage gestellt würden, weil Veränderungen immer mit Reflexion einhergehen und viele nicht sehen wollen, was ihnen im Spiegel entgegenblickt. Die Infragestellung der Geschlechterbinarität, Grundlage eines kritischen Umgangs mit Sprache, ist keine „Minderheiten“-Sache; die Reflexion erstreckt sich auch auf diejenigen, die sich nicht unmittelbar von dem Problem „betroffen“ fühlen.

Sprache kreativ nutzen

Doch sollten wir die sprachphilosophischen Rechtfertigungen nicht längst hinter uns gelassen haben? Während manche sich also immer noch über gendergerechte Sprache echauffieren, wird in anderen Sprachräumen längst Platz geschaffen für neue sprachliche Wege, die den Realitäten der Gesellschaft gerecht werden. Die englische Sprache bietet z. B. schon allein dadurch, dass sie keine ge-

© Sassiia Lux

nerischen Artikel benutzt, eine gute Grundlage für antidiskriminierende Sprache.⁴ Das gilt jedoch nicht für Personalpronomina. Eine Option, die verstärkt genutzt wird, um die binäre Kodierung zu umgehen, ist die Nutzung der dritten Person Plural, wie in diesem Beispiel: „Sandy Artuso is writing an article about gender and language. They are very happy to publish it in forum.“ Natürlich sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und Möglichkeiten der Wortneuschöpfung durchaus vorhanden. So hat sich das Schwedische gleich ein neues Pronomen gegeben, „hen“, womit nun auch spätestens mit dem offiziellen Eintrag in die Schwedische Nationalencyklopädie eine alternative Wortform zur Verfügung steht, die Menschen zugute kommt, die binäre Geschlechterzuordnungen ablehnen.

Auch im Chinesischen ist eine interessante Entwicklung zu beobachten: das frühe Chinesische kannte nur ein Pronomen, das sowohl für männliche und weibliche als auch neutrale Subjekte genutzt wurde. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurden, wahrscheinlich in Anlehnung an die westlichen Grammatiken, die Pronomina gegendert, was jedoch letztlich zu einer inflationären Vergrößerung der Pronomengruppe führte. Es lassen sich allerdings im Pinyin, der Umschrift chinesischer Laute in lateinische Zeichen, wieder verstärkt neutrale Formen aufzeigen.

© Sasskia Lux

Ob diese Entwicklung jedoch einem Wunsch entwachsen ist, die Genderbinarität in Frage zu stellen, sei dahingestellt. Eindeutig ist dies der Fall bei der deutschen Sprache, für die u. a. mit dem Unterstrich und dem Sternchen wertvolle neue Mittel der Sichtbarmachung geschaffen worden sind. Mit der durch diese Zeichen evozierten Leerstelle können Menschen sichtbar gemacht werden, die sich jenseits der Binarität definieren. Ferner kann dieses kleine Symbol auch dem „Laien“ als Stolperstein dienen, der zur Reflexion anregt. Ebendies sollen auch die eingangs erwähnten „x“-Formen bewirken. Wie Lann Hornscheidt in dem Interview erläutert: „Natürlich irritieren solche Formen, darum geht es ja. Überlieferte Normen in Frage zu stellen, das eigene Sprachhandeln zu hinterfragen und Sprache kreativer zu benutzen.“⁵

Der entscheidende Punkt ist, dass sich Sprache nur in seltenen Fällen spontan ändert. Der Sprachwandel ist nun mal ein dynamischer Prozess, bei dem die Sprechenden als Akteure gefordert sind, er ist vielfältig und kontinuierlich: „Sich Sprache kritisch und reflektierend als Handlungsdimension (wieder) anzueignen, ist nie abgeschlossen. Es gibt nicht die empowernde, nicht-diskriminierende Sprache, sondern nur immer wieder neue, kreative Versuche, Wahrnehmungsgewohnheiten zu irritieren und sprachli-

che Diskriminierungen wahrzunehmen, herauszufordern, zu bemerken, anzusprechen, anzuschreiben und den eigenen Sprachgebrauch zu verändern.“⁶ Sprache ändert sich, wenn Momente der Reibung entstehen, die eine Anpassung erforderlich machen. Diese können aus einem kulturellen Wandel heraus entstehen, und sie können auch provoziert werden. Als Mittel der Selbstermächtigung, der (Re-)Appropriation ist Sprache eine der wichtigsten Waffen gegen Diskriminierung, eine Waffe, die furchtlos genutzt werden sollte. ♦

1 SPIEGEL Online, „Gerechte Sprache an der Uni: Professix im Geschlechterkampf“, in: www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/gendertheorie-studierx-lann-hornscheidt-ueber-gerechte-sprache-a-965843.html. (Zuletzt aufgerufen: 28.4.2014)

2 AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin: „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit. Anregungen zum antidiskriminierenden Sprachhandeln.“ Einsehbar und auch zum Download verfügbar auf: http://feministisch-sprachhandeln.org

3 ebenda, Kapitel 4, „Formen antidiskriminierender Sprachhandlungen“.

4 Die Aufzählung soll der Illustration der Möglichkeiten dienen und versteht sich selbstverständlich nicht als erschöpfend.

5 siehe Note 1.

6 Leitfaden Feministisch Sprachhandeln, Kapitel 1, „Sprachhandlungen und Veränderungen“, siehe Note 2.

Sprache ändert sich, wenn Momente der Reibung entstehen, die eine Anpassung erforderlich machen.

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