Nicht nur räsonieren, sondern Resonanzen erzeugen. Das gelingt forum öfters. So hat in den letzten Heften die Frage nach der Definition von Antisemitismus innerhalb wie außerhalb der Redaktion für viel Diskussionsstoff gesorgt. Auch andere Themen sind oft nicht konsensfähig, wie die Agora citoyenne sur les écosystèmes bezeugte, die Anfang September im Schloss von Esch/Sauer organisiert wurde. Diese Veranstaltung fand unter freiem Himmel im Rahmen des Festivals Waterwalls statt, dem leider südlich von Ettelbrück nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Hier trafen Öko-Anarchist*innen der ZAD-Bewegung auf liberal gesinnte Selbstreformer*innen, Botaniker*innen auf Künstler*innen sowie ein Druide auf eine Historikerin. Gestritten wurde vor allem darüber, inwiefern ökologische Initiativen und Projekte neoliberale (staatliche) Strukturen reformieren könnten oder ob ein tiefergreifenderer Wandel nötig sei. Die Diskussion ist nicht sehr neu, war aber unglaublich spannend, lebendig und berührend – vielleicht auch, weil es endlich wieder ein Treffen mit richtigen Menschen war und keine virtuelle Konferenz mit der obligaten Galerie von Portraits, deren Gesichtszüge man gerade noch erkennen kann, ohne aber zu wissen, ob die Zuhörer*innen beipflichtend grunzen, grinsen oder aber unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen. Solange der Chat stumm und das Mikro aus bleibt, kann man sie getrost ignorieren. Vielleicht sind körperliche Präsenz und der unvermittelte Blick auf die kleinen Gesten und die Mimik der anderen unerlässlich für das Erzeugen von Resonanz?
Der Begriff der „Resonanz“ wurde auf einer weiteren rezenten Live-Veranstaltung diskutiert. Das Institut Pierre Werner (IPW) hatte den Soziologen Harmut Rosa zum Gespräch mit der RTL-Moderatorin Caroline Mart eingeladen. Wieder mit „Covid Check“ und mit der Freude, Menschen auch ohne Maske im Gesicht wiederzusehen, danach mit Freund*innen auszugehen und weiter zu diskutieren. Lang vermisste Geselligkeit wiederzuentdecken, macht sie zu etwas Besonderem. Wird sie überfrachtet, wird sie jedoch zur Belastung. Weniger ist manchmal mehr. Im Gespräch am IPW ging es genau darum: um die spätmoderne Beschleunigung, die Corona gedrosselt zu haben schien. Aber das Gegenteil war und ist der Fall. Die digitale Verbundenheit, die im Homeoffice sehr hilfreich war, treibt neue Blüten. Die virtuellen Treffen reihen sich aneinander, quasi ohne Pause; die Plattformen, Konten und Passwörter vermehren sich wie Karnickel (siehe forum Nr. 415 zum Digitalisierungswahn). Das Individuum – so Rosas Argument – kann gar nicht aus dem System aussteigen, so sehr hat es Leistungszwang und Zeitdruck verinnerlicht. Freizeitstress: Gibt es ein hässlicheres Wort? Der Optimierungswahn macht vor keiner Firma und keiner staatlichen Institution halt. Nicht die Gier nach mehr treibt die Menschen an, sondern die Angst, ihren Lebensunterhalt oder ihren Status, ihr Selbstwertgefühl zu verlieren. Immer mehr geben, um zu bleiben, was man ist, und zu behalten, was man hat. Dauernd verfügbar sein, abrufbar. Aber, wie Caroline Mart es ausdrückte, Kreativität entsteht nicht unter Druck.
Werden Schüler*innen und Studierende nur für den Arbeitsmarkt ausgebildet, so effizient und schnell wie möglich, dann werden Freiräume plattgemacht. Umwege, die nötig sind, um eigene Talente erst zu entdecken, werden unterbunden. An die Revolution glaubt Rosa nicht, aber das neoliberale Paradigma müsste abgelöst werden. Als Beispiele, mit denen sich Beschleunigung reduzieren und Resonanz steigern ließe, nennt er das bedingungslose Grundeinkommen sowie eine grundsätzliche Regulierung der Finanzmärkte. Es sei doch pervers, so Rosa mit Blick auf unsere Gegenwart, dass es Nahrungsmittel gebe, die so produziert seien, dass kein Sättigungsgefühl nach dem Verzehr aufkomme – damit immer weiter konsumiert wird. Solche Nahrungsmittel könnte man, möchte ich anschließen, durchaus als Metapher für unser aller Zeitmanagement lesen: Horror vacui, die Abscheu vor der Leere. Ein Termin jagt den anderen, keine Zeit zum Verschnaufen. Sich Prioritäten zu setzen, hilft wenig, sondern erzeugt nur noch mehr Druck, eben die richtigen Prioritäten zu setzen.
Hier kommt der Unterschied zwischen der soziologischen und der künstlerischen Herangehensweise zum Tragen. Während Rosa der Gesellschaft eine Art Spiegel vorhalten möchte, schlug die Performancekünstlerin Nora Wagner in der oben genannten Agora vor, sich selbst in der Natur zu spiegeln, d. h. in der Natur einen anregenden Ort aufzusuchen, um seinen Gedanken nachzuhängen und dieses In-sich-gehen mit einer Beobachtung der Natur zu verbinden. Für Soziolog*innen ist dies – ähnlich wie die Meditation – zwar eine individuelle Möglichkeit, den Alltagsstress zu bewältigen, aber keine kollektive Lösung. Im Gegenteil: Die Schuld an der kollektiven Misere, die Rosa in strukturellen und systemischen Zusammenhängen denkt, wird durch solche Art individueller Therapie auf die einzelnen übertragen. Immerhin meinte Rosa abschließend, die Natur oder auch die Kunst würden es uns erlauben, (wenn auch nur temporär) dem ökomischen Denken zu entkommen. Lassen wir uns auf sie ein, überwinden wir unsere Selbstbezogenheit und andauernde Verfügbarkeit und werden offen für Resonanzen.
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