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"Und in den Sälen auf den Bänken
Vergeht mir Hören, Sehen und Denken."
(Faust I, Vers 1886f.)
Um es gleich am Anfang vorwegzunehmen und um möglichen peinlichen Mißverständnissen aus dem Weg zu gehen: Folgender Artikel soll keineswegs als eine getarnte Laudatio auf verschiedene Errungenschaften des luxemburgischen Unterrichtswesens gedeutet werden… Allerdings – und dieses Urteil darf der aus weiter Distanz Beobachtende wohl fällen – im Vergleich zu seinem nepalesischen "Arbeitskollegen" erscheint der im Luxemburger Schulwesen Tätige auf Rosen gebettet, auch wenn kleinere oder größere Dornen das weiche und oftmals träge Fleisch des sanft Gebetteten periodisch reizen.
Lehrer in Nepal werden scheint auf den ersten Blick kein größeres und abenteuerliches Unterfangen zu sein, da man für die Ausübung dieses Berufes lediglich das Abschlußexamen eines nepalesischen Gymnasiums vorzuweisen braucht. Ein solches Zeugnis erhält ein jeder, der zehn Jahre lang erfolgreich die nepalesische Schulbank gedrückt hat und ein letztes schriftliches Examen bestanden hat. Der Einfachheit
halber könnte ein solches Abschlußzeugnis auch als Abitur oder "Premièresdiplom" definiert werden, doch würde es von äußerst schlechtem Geschmack zeugen, beide Diplome in einen Topf zu werfen, … es sei denn, das luxemburgische Abitur habe mittlerweile viel von seinem ursprünglichen Stellenwert eingebüßt.
Das nepalesische Abschlußexamen wird in der Regel mit sechzehn Jahren abgelegt; allerdings mogeln viele Nepalesen, sagen sich älter als sie in Wirklichkeit sind, überspringen die eine oder andere Schulklasse und schließen das Gymnasium bereits mit vierzehn oder fünfzehn Jahren ab. In solchen Fällen werden gerne beide Augen zugedrückt; gewöhnlich wird es keinem übelgenommen, wenn er die eine oder andere bestehende Regel "umgeht", da Regelverstöße in Nepal an der Tagesordnung sind und einem beliebten Nationalsport oder einem lustigen Gesellschaftsspiel, an dem jeder teilnehmen möchte, gleichzukommen scheinen.
Nachdem das Examen am Gymnasium erfolgreich abgelegt werden konnte, wird vom angehenden Grundschullehrer noch eine Art von Spezialausbil-
dung verlangt. Er darf zwar unmittelbar an einer staatlichen Schule als Lehrer antreten und dort – nach bestem Wissen und Gewissen – erziehend wirken, muß jedoch noch vier Stunden pro Tag Fortbildungskurse an der hiesigen Universität besuchen. Diese Kurse werden – da ein relativ großer Andrang besteht – im Vier-Stunden-Rhythmus abgehalten und erstrecken sich von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends: Schichtwechsel auf nepalesisch … Nach einem überstandenen Jahr ist man sodann vollausgebildeter, qualifizierter und diplomierter Grundschullehrer, nach weiteren zwei Jahren Ausbildung darf man sich sogar Lehrer am Gymnasium nennen …
Der Wissensstand, den die meisten staatlich anerkannten Lehrer vorweisen können, ist von erschreckend niedrigem Niveau: ein diplomierter Englischlehrer kann – ohne ihm in diesem Artikel persönlich nahetreten zu wollen – kaum mehr Englisch als ein mittelmäßiger Schüler, der eine luxemburgische Tertia besucht; hinzu kommt, daß Englisch die einzige Fremdsprache ist, die in Nepal gelehrt wird (im Anschluß an diesen Artikel findet der Leser einen längeren Auszug aus einem Englischbuch, das in der Klasse für Zehnjährige auf dem Programm steht).
Es sind jedoch mit Sicherheit nicht ausschließlich die Lehrer, die die Verantwortung für das niedrige Niveau des nepalesischen Bildungswesens tragen. Die Wurzel des Übels liegt vielmehr im System selbst: So wird Englisch zum Beispiel am Gymnasium sehr häufig auf nepalesisch gelehrt (d.h. Erklärungen zur Grammatik oder Texterläuterungen werden in der hiesigen Sprache gegeben); die Studenten, die Englisch studieren wollen, haben zumeist aus finanziellen Gründen nicht die Möglichkeit, das Land zu verlassen, um sich sprachlich weiterzubilden und können – wenn sie Englischlehrer werden wollen – den Teufelskreis, in dem sie sich befinden, nicht durchbrechen. Sie werden in Nepal zu schlechtausgebildeten Lehrern, die der Fremdsprache Englisch nicht annähernd mächtig sind.
Der niedrige Bildungsstand der meisten Lehrer geht Hand in Hand mit einem Einkommen, das nicht selten
ten unter tausend Luxemburger Franken monatlich liegt, eine selbst für nepalesische Verhältnisse relativ bescheidene Summe. Somit ist es kein Wunder, wenn viele Lehrer langsam im Sumpf der Gleichgültigkeit versinken. Der Lehrer, der aus persönlichem Interesse oder zwecks Weiterbildung aus eigenem Antrieb heraus Bücher liest, ist in einem Land, in dem wenig Wert auf Bildung und Erziehung gelegt wird, die absolute Ausnahme.
Ein derartig passives und resignatives Verhalten von Lehrern färbt sich natürlich auch schnell auf die Schüler ab. Konstruktives Denken sowie kritische Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen werden in der Schule nicht gefördert, können auch kaum gefördert werden, da der Lehrer, der die Klasse leitet, selbst nie mit einer solchen Thematik konfrontiert wurde.
Somit produziert die Schule einen Einheitsbrei von braven Schafen ohne persönliche Meinung, die nie lernen werden, eine eigene Individualität selbständig aufzubauen. "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" – dies scheint das Dogma zu sein, das die Schule der nepalesischen Jugend vermitteln möchte.
Mario Fioretti
Anhang:
Lesson 14
About the cat
Q.No. 1. Have you seen the cat?
Ans. Yes, I have seen a cat.
Q.No. 2. What is its colour?
Ans. Its colour is uncertain.
Q.No. 3. How many legs does it have?
Ans. It has four legs.
Q.No. 4. How many eyes does it have?
Ans. It has two eyes.
Q. No.5 What does it drink?
Ans. It drinks milk.
Q.No. 6 What does a cat eat?
Ans. A cat eats rats and other meat.
Q.No. 7 What sound does a cat make?
Ans. It says meow, meow.
Q.No. 8 Can it see at night?
Ans. Yes, it can see at night.
Q. No. 9 Is it your cat?
Ans. Yes, it is my cat.
Q. No.10 What is the difference between a cat and a tiger?
Ans. A cat is smaller than a tiger.
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