Sprachen der Kunst
Nelson Goodman: "Sprachen der Kunst"
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Nelson Goodman, Sprachen der Kunst, Frankfurt a.M. (Suhrkamp), 1995
So gut wie unbemerkt von der großen Öffentlichkeit hat sich seit den dreißiger Jahren eine philosophische Richtung gebildet und hat nach und nach eine dominierende Rolle gespielt, die bis vor kurzem unangefochten war. Wurde sie anfangs mit an frühere Gedankensysteme anschließende Namen bezeichnet, wie z. B. Logischer Empirismus oder Neopositivismus, so trägt sie seit längerem den zutreffenden Namen ‚analytische Philosophie‘. Sie betreibt nämlich vorwiegend auf die moderne Logik gestützte Sprach- und Begriffsanalyse. Von da aus rückt sie den klassischen und neuen philosophischen Problemen zu Leibe. Lange waren Fragen der Erkenntnis und der Wissenschaftstheorie die fast ausschließliche Beschäftigung dieser Philosophen. Erst seit ungefähr 25 – 30 Jahren gingen sie über zu für sie neuen Themen. So stehen z.B. ethische Fragen auf der Tagesordnung. Und bisher befassen sich einige wenige mit dem Phänomen der Kunst, unter ihnen Nelson Goodman, um dessen Buch ‚Sprachen der Kunst‘ es hier geht bzw. um die Neuübersetzung dieses Werkes, dessen erste, englische Ausgabe, aus dem Jahre 1968 stammt.
Auch Goodman wurde zuerst bekannt durch Schriften und Bücher in der Tradition erkenntnis- und wissenschaftsorientierter analytischer Philosophie. So ist und bleibt ‚Tatsache, Fiktion, Voraussage‘ in dieser Beziehung ein Klassiker. Er war aber dann, mit Arthur C. Danto, einer der ersten, der sich der philosophischen Kunstbetrachtung zuwandte. Auch auf diesem Gebiet blieb er seiner und der analytischen Ausrichtung treu, indem er ästhetische Fragen von der Logik und Sprachanalyse her anging. Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang zu wissen, daß im Hintergrund dieses Ansatzes bei Goodman eine konkrete Praxis steht; wie näm-
lich im Klappentext zu lesen ist, hat er "viele Jahre lang eine Kunstgalerie geleitet, und außerdem wurde ‚Sprachen der Kunst‘ während des ersten Projektjahres des Harvard Projekts Zero, das Goodman vier Jahre lang leitete, abgeschlossen. Das Projekt Zero führte auf interdisziplinärer Basis Grundlagenforschungen zu Problemen der Kunsterziehung und Kunstvermittlung durch, deren Ergebnisse in einer Vielzahl von Büchern und Aufsätzen veröffentlicht wurden. ‚Sprachen der Kunst‘ stellte das theoretische Gerüst für diese umfassende, praxisorientierte Aufgabenstellung dar".
Goodman ist der Meinung, daß "viele der zur Zeit entscheidenden Probleme der Ästhetik Probleme der allgemeinen Erkenntnistheorie sind und daß viele der traditionellen Begriffe und Fragestellungen der Ästhetik zusammen mit unserer Gewohnheit, an die Künste isoliert von anderen Sachverhalten zu denken, allmählich veralten. Kurz, ich glaube, daß das Gebiet der Ästhetik ein erstklassiges Beispiel … einer kategorialen Problemlösungssituation darstellt, in der nicht das Bedürfnis nach Antworten auf vorgefertigte Fragen, sondern nach grundlegender Revision und Reorganisation besteht" (Klappentext).
Dementsprechend ist Goodman’s Kunsttheorie, wie der Untertitel seines Buches es zum Ausdruck bringt, eingebettet in eine "Symboltheorie". Der Titel selbst des Buches ist von da her zu verstehen: Sprache heißt für den Autor so viel wie Symbolsystem. Von einer solchen allgemeinen Sprach- und Symbolbetrachtung aus behandelt Goodman im wesentlichen zwei Probleme: 1. das Verhältnis des Kunstwerks zur Wirklichkeit. Handelt es sich um ein Repräsentations-, Abbildungs- oder Beschreibungsverhältnis, das ist hier die Frage. 2. Kunst und Authentizität: was unterscheidet ein echtes Kunstwerk von einer Fälschung? Und gibt es in allen Kunst-
arten die Möglichkeit der Fälschung, oder nicht?
Zumindest das zweite Thema mag auf den ersten Blick unerheblich oder gar abwegig erscheinen. Aber Goodman vermag zu zeigen, daß dessen Behandlung direkt zu den anerkannt wichtigen Fragen führt und neue Einblicke eröffnet. Überhaupt ist es ja das Bestreben des Autors, sich nicht durch traditionelle Fragestellungen und Ansichten orientieren zu lassen, sondern zu neuen Fragen und Standpunkten zu gelangen.
Im letzten Kapitel, das den verheißungsvollen Titel ‚Kunst und Verstehen‘ trägt, laufen schließlich alle seine Untersuchungen zusammen. Bis der Leser dahin gelangt, hat er allerdings einige Hürden zu nehmen. Etwas leichtsinnig verkündet der Klappentext: "Dennoch liest sich das Buch leicht und mit Genuß". Das ist eine fahrlässige Übertreibung. Schließlich warnt der Autor selbst in der Einleitung vor dem 4. Kapitel, das mit logischem Vokabular und technischen Untersuchungen gespickt ist. Und er selbst schlägt vor, diese Passagen eventuell zu umlesen.
Kommen wir aber zum letzten, für den Laien interessantesten Kapitel zurück, in dem Goodman versucht, das Ästhetische vom Nicht-Ästhetischen zu unterscheiden. Er verwirft zuerst einige klassische Auffassungen, wie z. B. die Definition der ästhetischen Haltung als passiver Kontemplation oder als unmittelbaren Wohlgefallens und schließlich auch als spezifisch ästhetischer Emotion. Zwar streitet er nicht ab, daß in der ästhetischen Erfahrung Emotionen eine Rolle spielen, aber die Frage ist gerade, welches dabei ihre Funktion ist. Seine Antwort dazu: "Emotion in der ästhetischen Erfahrung ist ein Hilfsmittel, mit dem sich entdecken läßt, welche Eigenschaften ein Werk hat und zum Ausdruck bringt" (S. 229). Damit ist aber noch nicht gesagt, daß solche Emotio-
nen das unterscheidend Ästhetische darstellen: "Die kognitive Verwendung von Emotionen ist weder in jeder ästhetischen Erfahrung präsent, noch fehlt sie in jeder nichtästhetischen" (S. 231).
Goodman’s positive Antwort auf die Frage nach der Eigenart des Ästhetischen ist für Laien und (Noch)Nichtleser seines Buches wohl nur schwer verständlich: "Syntaktische Dichte, semantische Dichte und syntaktische Fülle können drei Symptome des Ästhetischen sein… Das vierte und letzte Symptom des Ästhetischen ist das Merkmal, das exemplifizierende von denotationalen Systemen unterscheidet und, in Verbindung mit Dichte, das Zeigen vom Sagen" (S. 232 und 233) (Diese Zitate sollen aber nicht vom Lesen abschrecken, sondern eher dazu reizen. Es lohnt sich nämlich.)
Aber auch diese vier Symptome bringen keine absolute Unterscheidung: "Wahrscheinlich sind die vier Symptome in ästhetischer Erfahrung eher zu finden, als daß sie fehlen, und normalerweise nehmen sie eine hervorragende Stellung ein; aber jedes von ihnen kann in der ästhetischen Erfahrung fehlen oder in der nichtästhetischen zu finden sein" (S. 234).
Wozu aber gibt es Kunst? Welcher Zielsetzung dient die ästhetische Symbolisierung? Nach Abweisung klassischer Antworten als zu einseitig, kommt Goodman zu der überraschenden These: "Über das unmittelbare Bedürfnis hinaus werden Symbole um des Verstehens, nicht um der Praxis willen gebraucht; was uns treibt, ist der Wunsch nach Wissen, was uns Freude bereitet, ist die Entdeckung, und die Kommunikation ist gegenüber dem Erfassen und Formulieren dessen, was kommuniziert werden soll, sekundär. Der primäre Zweck ist Erkenntnis an und für sich; Brauchbarkeit, Wohlgefallen, Zwang und kommunikative Nützlichkeit, alle hängen von ihr ab. Symbolisierung muß demnach grundsätzlich danach beurteilt werden, wie gut sie der kognitiven Zielsetzung dient" (S. 237). Was Goodman hier sagt, gilt von Symbolisierung im allgemeinen, wird aber dann von ihm auch auf das Ästhetische bezogen: "Ästhetische Erfahrung (ist) kognitive Erfahrung, die sich durch die Dominanz bestimmter symbolischer Charakteristika auszeichnet und sich nach den Standards kognitiver Wirksamkeit beurteilen läßt" (S. 241). (Zur These vom kognitiven Wert der ästhetischen Erfahrung tut man gut, ein in einem späteren Buch von Goodman – ‚Vom Denken und anderen Dingen‘ Suhrkamp, Frankfurt 1987 – veröffentlichtes Gespräch zur Kenntnis zu nehmen. Man findet es daselbst auf den Seiten 267 – 283.)
Damit wird auch jede absolute Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft hinfällig: "Der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft ist nicht der zwischen Gefühl und Tatsache, Eingebung und Folgerung, Freude und Überlegung, Synthese und Analyse, Empfindung und Reflexion, Konkretheit und Abstraktheit, Passio und Actio, Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit oder Wahrheit und Schönheit, sondern eher ein Unterschied in der Dominanz bestimmter spezifischer Charakteristika von Symbolen" (S. 243).
Ohne Zweifel haben wir es hier mit einer originellen Kunstphilosophie zu tun. Neu sind Ansatz und Methode, ebenso wie die Mittel der Analyse. Nur das Resultat, auf das sie hinauslaufen, kommt einem irgendwie bekannt vor. Gewiß, Goodman geht viel weiter als andere vor ihm in der Ver-
die Wissenschaft, an Heidegger. Und wenn es im Verlagsprospekt zu Goodmans Buch heißt: "Ähnlich wie die Wissenschaft führt die Kunst dazu, daß wir die Welt, in der wir leben, neu sehen, neu organisieren, neu interpretieren", dann ist Goodman nicht so weit mehr entfernt von funktionalen Ästhetiken wie z. B. der marxistischen. Geht Kunst aber restlos auf in einer solchen kognitiven, pragmatischen Funktion? Sind Schönheit, Genuß, Emotionen nur schmückendes Beiwerk bzw. nur sinnvoll, insofern sie selbst kognitive Zwecke erfüllen?
Man muß sich fragen, ob Goodman die ästhetische Erfahrung unvoreingenommen und in all ihren Dimensionen untersucht hat. Der Erkenntniswert von Kunstwerken sei hier nicht bestritten; aber ist er die Hauptsache, oder nicht doch vielleicht nur
wischung der Unterschiede zwischen Kunst und Wissenschaft, wenngleich neuerdings manche Postmoderne oder Denker wie Derrida und Rorty ihm hier das Geleit geben. Aber Kunst als Weise des Erkennens, das erinnert doch stark an die Romantiker und insbesondere Hegel, wenn nicht gar, allerdings ohne die Anlehnung an
eine unbeabsichtigte Nebenwirkung? Welches ist wohl die kognitive Funktion von Gefühlen beim Anhören von Musik? Inwiefern interpretieren und organisieren wir die Welt neu, wenn wir uns ein Ballet ansehen? Was Goodman hierzu schreibt, scheint mir nun doch etwas angestrengt und mit den Haaren herbeigezogen: "Was
ein Manet, Monet oder Cézanne für unser späteres Sehen der Welt bedeuten, ist für ihre Einschätzung genauso wichtig wie eine direkte Konfrontation. Die Art und Weise, wie unser Betrachten von Bildern und unser Hören von Musik das beeinflußt, was uns später und anderswo begegnet, ist als kognitives Moment für sie wesentlich… Musik kann nicht nur die Wahrnehmung anderer Töne beeinflußen, sondern auch die Wahrnehmung der Rhythmen und Strukturen dessen, was wir sehen. Eine solche gegenseitige Übertragung struktureller Eigenschaften scheint mir ein grundlegender und wichtiger Aspekt des Lernens zu sein und nicht nur die Angelegenheit neuartigen Experimentierens von Komponisten, Tänzern und Malern" (S. 239).
Mir scheint, Goodman tut die Auffassung, Kunst sei im wesentlichen eine Form von Spiel und genauso viel und wenig nützlich und kognitiv wertvoll wie ein Spiel etwas vorschnell als "unbeschwert und vielleicht auch etwas einfältig" (S. 236) ab. Ich glaube, daß eher in dieser Richtung etwas Sinnvolles über Kunst herausgebracht werden kann, als durch Einordnung derselben in die Bemühungen des Menschen, die Welt zu erkennen und zu bewältigen.
Man sieht, das Mindeste, was man von diesem Buch sagen kann, ist, daß es zu interessanten Diskussionen und Überlegungen anregt. Und deshalb ist seine Lektüre zu empfehlen, nicht zuletzt auch wegen der mustergültigen Übersetzung durch Bernd Philippi. Wer sich etwas näher mit Goodmans Ästhetik bekanntmachen will,
ob in kritischer Absicht oder nicht, dem sei geraten, folgenden Artikel von Franz Koppe zu lesen: ‚Kunst als entäußerte Weise, die Welt zu sehen. Zu Nelson Goodman und Arthur C. Danto in weitergehender Absicht‘. Der Text findet sich in dem vom selben Franz Koppe herausgegebenen ausgezeichneten Sammelband ‚Perspektiven der Kunstphilosophie‘ (Suhrkamp, stw 951, Frankfurt 1991), S. 81-103 sowie die Diskussion des Textes S. 322 – 343. Abschließend sei noch hingewiesen auf die hierzulande wohl nur schwer zugängliche ‚Deutsche Zeitschrift für Philosophie‘, deren Nummer 4 dieses Jahres drei Beiträge zu Goodmans ‚Sprachen der Kunst‘ enthält, einen davon übrigens aus der Feder von Franz Koppe.
Hubert Hausemer
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