Suchtmittel als „Lebenskrücken“
Sucht — ein gesellschaftliches Phänomen
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Sucht – ein gesellschaftliches Phänomen
Die Frage, warum einige Menschen zu diesem, andere zu jenem Suchtmittel greifen, ist noch nicht völlig geklärt und beschäftigt derzeit die Wissenschaft. Die Frage, ob Konsum und/oder Verkauf von Suchtmitteln strafrechtlich verfolgt werden soll, welche Suchtmittel denn nun legal sein sollen oder bleiben sollen und welche nicht, erhitzt Politikergemüter und sorgt für angeregte Diskussionen. Die eigentlich wichtigste und tiefgreifende Frage wird selten gestellt: Warum kommen immer weniger Menschen in unserer Gesellschaft ohne diese "Lebenskrücken" aus? Warum ist ihre Lebenssituation so unerträglich, daß sie durch die Einnahme von Suchtmitteln verändert werden muß? Denn letztendlich ist die Wirkung eines jeden Suchtmittels – ob Alkohol, LSD, Heroin, Haschisch, Opiate, Barbiturate, Tranquilizer, usw. – der Stimmungswandel. Haben wir es "verlernt", schwierige Lebenssituationen ohne "Krüchen" zu leben? Die kürzlich veröffentlichte Studie des "Institut d’Etudes éducatives et sociales" über den Konsum legaler und illegaler Drogen bei Schülern zeichnet ein erschreckendes Bild und macht deutlich, daß gerade Jugendliche immer weniger in der Lage sind, ein unabhängiges Leben – d.h. ein Leben ohne Sucht – zu führen. In der Studie wurden nichtstoffgebundene Süchte wie z.B. Eßsucht oder Magersucht nicht berücksichtigt. Doch auch bei letzteren handelt es sich sehr wohl um Süchte, die immer mehr vornehmlich junge Menschen in ihren Sog ziehen. Obwohl in diesen Fällen die "Droge" nicht in den Stoffwechsel eingreift, liegt eine psychische Abhängigkeit vor, die nicht ohne Risiko ist.
Jede Abhängigkeit ist das Resultat einer mehr oder weniger langwierigen Entwicklung, in der man "gelernt" hat Unlustgefühle, Schmerzen, Frustrationen, emotionale Schwierigkeiten, aber auch Langeweile, Schlappsein oder Schlaflosigkeit mittels der Sucht oder Droge zu vermeiden. Man hat möglicherweise andere Verhaltensweisen, die dazu beitragen können, Belastungen jeder Art zu ertragen, gar nicht erst gelernt oder entwickelt. Das ist es wohl, was man gemeinhin "psychische" Abhängigkeit nennt und es ist diese Abhängigkeit, die uns beschäftigen muß, da ihre Behandlung wesentlich schwieriger und langwieriger ist als ein rein körperlicher Entzug. Und Drogen, die "nur" psychisch abhängig machen, wie z.B. Kokain, sind deshalb nicht als harmlos oder ungefährlich zu betrachten. Am Beispiel der Magersucht – einer Sucht ohne Droge und ohne körperliche Abhängigkeit im medizinischen Sinne – wird deutlich, daß wir uns weniger um die "Drogen" sorgen müssen, als um die Sucht. Sie ist ein Phänomen, das
in unserer Gesellschaft immer gefährlichere Ausmaße annimmt und das wir sicher nicht dadurch in den Griff bekommen, daß wir kleine Fixer und Haschischkonsumenten "fangen" – auch nicht dadurch, daß uns ab und zu "ein dicker Fisch" ins Netz geht.
Wo der Gebrauch von Suchtmitteln zur Gefahr wird
Wir sollten daher unsere Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf die Droge oder das Suchtmittel beschränken, sondern auch die Lebenssituationen betrachten, in denen sich Suchtverhalten entwickelt und in denen Suchtverhalten gefährlich wird. Hier müssen Tabus aufgebrochen werden. Drogen hat es in allen Gesellschaften gegeben, der Gebrauch von Sucht- oder Rauschmitteln ist kein "Privileg" unserer modernen Gesellschaft. Drogen sind eng verbunden mit der geistesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen und daher nicht von vornherein zu verteufeln. In unseren Gefilden stellt der Alkohol die geschichtlich gewachsene Droge dar, in anderen Kulturkreisen gelten Haschisch und Marihuana als anerkannte Volksdrogen. Problematisch wird der Gebrauch von Drogen aus fremden Kulturkreisen nur, weil man nicht gelernt hat, damit umzugehen. Was sehr eindrucksvoll durch die verheerende Wir-
in: Kontakt
kung des Alkohols auf die Indianer in Nordamerika bewiesen wurde.
Gefährlich wird der Griff nach Drogen vor allem, wenn er sich als Versuch entpuppt, eine problematische Lebenssituation zu bewältigen. Dann wird die Droge – jede Droge – zur Lebenskrücke, ohne die man nicht mehr "gehen" kann. Man gleitet dann ab in die Sucht. Die Wissenschaft geht heute davon aus, daß es eine Reihe von Risikofaktoren gibt, die, wo sie zusammentreffen, eine Suchtkrankheit hervorrufen können. Sucht wird heute gemeinhin als ein Phänomen definiert, das in einer bestimmten Lebensphase aufgrund einer latenten Veranlagung und beim Auftreten bestimmter äußerer Faktoren (familiäres und soziales Umfeld z.B.) auftritt. Sucht ist also ein Übel, gegen das man präventiv vorgehen kann.
Sucht hat eine lange Vorgeschichte
1. Wohlstandsverwahrlosung
Wenn es stimmt, daß der Gebrauch von Suchtmitteln in der Regel ein Versuch ist, vor Problemen zu flüchten – also ein Zeichen dafür, daß der Mensch nicht fähig ist, frei und unabhängig von Suchtmitteln seine Probleme zu bewältigen -, so muß man daraus schließen, daß der Grundstein für späteres Suchtverhalten oft schon in der frühen Kindheit gelegt wird. Sucht ist ein Phänomen, das den Menschen nicht aus heiterem Himmel trifft. Sucht hat eine lange Vorgeschichte, die oft dann beginnt, wenn noch niemand auf den Gedanken kommt, man müsse den Menschen – folglich das Kind – vor Drogen schützen. Wichtige Grundbedürfnisse des Kindes kommen in unserer modernen Wohlstandsgesellschaft, die auf Konsum und materielle Werte ausgerichtet ist, oft zu kurz. All jene Bedürfnisse, die aus dem Heranwachsenden eine starke Persönlichkeit machen, ein Individuum, das genug Selbstvertrauen hat, das Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, ohne Drogen und Suchtmittel jeder Art anzugehen. Kinder lernen immer früher und häufiger reelle Bedürfnisse durch Ersatzbefriedigungen zu kompensieren. An Stelle von Zuhören, Zuwendung, Liebe werden sie mit materiellen Dingen vertröstet. "Ich hab jetzt keine Zeit, hier hast du 500 Franken, kauf dir was Schönes." Ein Kind braucht das Gefühl, daß man seine Bedürfnisse ernst nimmt. Ablenken von reellen Bedürfnissen durch Fernsehen, Geschenke, Geld usw. sind Ersatzbefriedigungen, können jedoch niemals Verständnis und Zuwendung ersetzen. Wenn Kinder sich erst daran gewöhnt haben, mit Ersatzbefriedigungen "zufrieden" zu sein, kann das ein erster Schritt sein auf dem Weg zu späterem Suchtverhalten, eine Etappe der langen Vorgeschichte einer Suchtkrankheit. Der Heranwachsende braucht ein Gefühl von Sicherheit und Halt, ein Grundvertrauen, daß er ein Zuhause hat, wo er Unterstützung und Geborgenheit findet, auch dann, wenn mal nicht alles glatt läuft. Wer dieses Grundvertrauen hat, entwickelt jenes Selbstvertrauen, das ihn befähigt, mit Problemen klarzukommen, ohne in Scheinwelten oder Drogen zu flüchten. Ein Kind muß lernen, wie man mit Konflikten und schwierigen
Lebenssituationen fertig wird, wie man sich Problemen stellt.
So sind z.B. alle Maßnahmen im Bereich der Familienpolitik, auch und vor allem der Organisation der Arbeitswelt, die es Eltern ermöglichen, berufstätig zu sein, ohne daß dies auf Kosten der Kinder geschieht, auch Suchtpräventionsmaßnahmen. Wohl die erfolgreichsten – auch wenn man diesen Erfolg nicht messen kann.
2. Soziale Ausgrenzung auch in Luxemburg
Das soziale Umfeld, in dem ein Kind heranwächst, hat großen Einfluß auf seine Entwicklung und kann hemmend aber auch fördernd auf seine spätere "Empfänglichkeit" für Drogen wirken. Soziale Ausgrenzung, Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, Überverschuldung, ungünstige Wohnbedingungen usw. und ihre negativen Konsequenzen belasten die Familie und nicht zuletzt den Heranwachsenden. Jede traumatische Situation, der ein Kind ausgesetzt ist, kann späteres Suchtverhalten, wenn nicht unbedingt hervorrufen, so doch erheblich begünstigen. So ist z.B. ein erschreckend hoher Prozentsatz von drogensüchtigen Frauen in der Kindheit sexuell mißbraucht worden. Selbstverständlich betrifft das Drogenproblem heute alle Gesellschaftsschichten. Selbstverständlich kann jeder Jugendliche mit Drogen in Kontakt kommen und kommt, wenn man der oben angeführten Studie Glauben schenkt, irgendwann mit Drogen in Kontakt. Und doch sind jene gefährdeter, die bereits in jungen Jahren ausgegrenzt sind und kaum eine Chance haben, eine "normale" Entwicklung zu genießen. Die Gefahr des totalen Abgleitens ist bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten jedenfalls größer. Es ist hierzulande wohl nicht anders als anderswo. In Kanada z.B. konsumieren 70% der sogenannten "Straßenkinder" periodisch oder regelmäßig Drogen. Bei Kindern, die eine Schule besuchen, sind es immerhin "nur" 3%.
Ein Kind, das hierzulande in der "Cité Syrdall" aufwächst und von Geburt an ausgegrenzt ist, weil es z.B. nicht mit den Dorfkindern zur Schule gehen kann, weil "normale" Kinder nicht mit ihm spielen dürfen, weil es ja im "Negerdorf" wohnt, usw. hat zumindest erheblich mehr Schwierigkeiten jenes Selbstvertrauen zu entwickeln, das es später dazu befähigt, ein freies, selbständiges Leben – ein Leben ohne Krücken – zu leben. Solche Situationen wie die der Kinder der Cité Syrdall – die immer wieder bei allen bürokratischen Diskussionen vergessen werden – zu vermeiden, bedeutet auch Suchtprävention!
Was tun, wenn Prävention versagt hat?
Bisher war die Drogenpolitik hierzulande und in Europa vom Strafrecht geprägt. Vielleicht zeigt sich gerade in diesem Bereich die Unfähigkeit des Strafrechts, tiefgreifende gesellschaftliche Probleme wirklich zu lösen. Die Repression hat uns nicht weit gebracht. Sollten wir nicht endlich den Mut aufbrin-
Fest steht, daß sich – trotz Repression und Polizei – jeder jederzeit und allerorts in Europa Drogen beschaffen kann. Es ist uns allem Anschein nach nicht gelungen, den Kampf gegen die Drogen-Mafia in Europa und weltweit zu gewinnen.
gen, andere Wege einzuschlagen? Seit Jahrzehnten wird der Drogenhandel bekämpft, mit wenig Erfolg. Der Drogenkonsum steigt, der Drogenhandel ist zum zweitgrößten Geschäft der Welt geworden, es werden mehr Drogen produziert denn je zuvor. Und wenn Rekordmengen beschlagnahmt werden – was jedesmal für Schlagzeilen sorgt -, gleicht der Drogenhandel das durch zusätzliche Produktion aus. Fest steht, daß sich heute – trotz Repression und Polizei – jeder jederzeit und allorts in Europa Drogen beschaffen kann. Hat die Repression nicht sogar dazu beigetragen, ideale Marktbedingungen für die Drogen-Mafia zu schaffen? einen illegalen Markt nämlich mit extrem hohen Gewinnanteilen, die zudem steuerfrei sind!
Es ist uns allem Anschein nach nicht gelungen, den Kampf gegen die Drogen-Mafia in Europa und weltweit zu gewinnen. Falls das überhaupt jemals wirklich beabsichtigt wurde. Immer noch gibt es Politiker, die sich zwar über den Drogenkonsum aufregen, andererseits aber in betretenes Schweigen verfallen und "wegblicken", wenn es darum geht, Maßnahmen zu ergreifen, die Geldwasch-Staaten das Handwerk legen würden. Hat nicht auch und gerade Luxemburg sich geweigert, die zur Ortung der Drogengewinne notwendige Rechtshilfe in Steuerstrafsachen zu leisten? Müssen nicht auch wir uns den Vorwurf der Inkonsequenz gefallen lassen, wenn wir es mit dem Geldwaschen nicht so ernst nehmen, kleine Dealer und Konsumenten hingegen strafrechtlich verfolgen und das Strafmaß möglichst hoch ansetzen?
Strafen wir tatsächlich dort, wo Strafe angebracht ist? Brauchen wir tatsächlich noch mehr Polizei, mehr Repression, mehr Gefängnisse, härtere Strafen? Ober brauchen wir eine andere Politik, eine differenziertere Politik vielleicht, mit einem allmählichen Rückzug des Strafrechts und allgemein der Repression?
Das Gesetz von 1973 und was damit geschehen soll
Der parlamentarische Ausschuß, der sich mit dem Problem der Drogen auseinandersetzt, wird sich diese Frage stellen und eine Antwort geben müssen. Und zwar eine klare Antwort zu unserem Drogengesetz. Zur Zeit werden Spezialisten gehört, die zum Teil sehr unterschiedliche, ja widersprüchliche Positionen vertreten. Die Entscheidung aber wird niemand den Abgeordneten und ihren jeweiligen Parteien abnehmen. Bereits jetzt scheint Einigkeit darüber zu herrschen, daß es zu einer Gesetzesänderung kommen muß. Wie weit man dabei gehen will, ist allerdings noch unklar.
Klar ist hingegen der Text des Koalitionsabkommens, der eine Unterscheidung zwischen weichen und harten Drogen vorsieht, sowie eine Differenzierung der Strafen für Konsumenten und Verkäufer, wobei erstere vorrangig als Kranke zu betrachten seien und nicht wie in der aktuellen Gesetzgebung als Kriminelle. Eine strafrechtliche Verfolgung Drogenkranker steht einer gesundheitlichen Fürsorge in der Tat oftmals geradezu im Weg. So kann z.B. ein Drogensüchtiger, der eine nichtgebrauchte Spritze bei
sich trägt, die ihm im Rahmen eines Austauschprogramms gebrauchter Spritzen ausgehändigt wurde, laut Gesetz verhaftet und verurteilt werden.
Möglicherweise hätte auch so manche Überdosis verhindert werden können, wenn der Rettungsdienst früher alarmiert worden wäre. Harte Drogen werden meist in der Gruppe konsumiert. Im Fall einer Überdosis riskiert derjenige – hat er auch konsumiert -, der den Rettungsdienst benachrichtigt, eine höhere Strafe als derjenige, der Millionen Drogengelder weißgewaschen hat. Warum? Weil unsere Gesetzgebung vorsieht, daß auch die Polizei – nicht nur der Notdienst – im Falle einer Überdosis benachrichtigt werden muß, die dann ein Protokoll aufnimmt. Würde das Gesetz genau angewendet, müßten sogar all diejenigen gleich verhaftet werden, die Fixern frische Spritzen aushändigen, da laut Gesetz jede Handlung strafbar ist, die den Konsum von Drogen in irgendeiner Weise erleichtert. Selbstverständlich geschieht das nicht, selbstverständlich gibt es Abkommen, welche die Helfer, seien es nun Mitarbeiter von Jugendan Drogenhöllef, Ärzte oder Apotheker, vor etwaigen strafrechtlichen Verfolgungen schützen. Es stimmt auch, daß "reine" Konsumenten, also kranke Menschen – zumindest darüber herrscht große Einstim-
Carlo Schmitz
Im Fall einer
Überdosis
riskiert
derjenige, der
den Rettungs-
dienst
benachrichtigt,
eine höhere
Strafe als
derjenige, der
Millionen
Drogengelder
weißge-
waschen hat.
migkeit – nicht im Gefängnis landen. Aber hier stellt
sich die Frage, ob es sie überhaupt gibt, die "ganz
reinen" Konsumenten, die die Polizei in Ruhe zu las-
sen angibt. Und ist nicht eines der Motive sie in Ruhe
zu lassen die Tatsache, daß unsere Strafanstalt so
hoffnungsvoll überfüllt ist, daß man sie gar nicht ein-
sperren kann.
Die Liste der Beispiele, die man anführen kann, um
zu dokumentieren, daß wir uns derzeit in einer aus-
weglosen und doch eher widersprüchlichen Lage be-
finden, läßt sich beliebig fortsetzen. Wozu brauchen
wir eigentlich ein Gesetz, wenn es ja "sowieso" nicht
angewandt wird? Sollten wir es dann nicht dahinge-
hend abändern, daß es applizierbar und zwar sinnvoll
applizierbar wird?
Das Parlament hat bereits vor 2 Jahren mehrheitlich
eine Motion angenommen, die die Regierung auffor-
dert, über eine Depenalisierung des Drogenkonsums
nachzudenken. Im Grunde widerspricht jede straf-
rechtliche Verfolgung von Drogenkonsumenten un-
serer europäischen Rechtsauffassung, in der die
Höhe oder Härte der Strafe in der Regel davon ab-
hängt, wieviel Schaden man anderen oder der Allge-
meinheit zugefügt hat. Der Konsument aber, der vor
Gericht steht, hat keinem anderen als sich selbst
Schaden zugefügt, er hat niemanden außer sich selbst
in Gefahr gebracht. Was, kann man fragen, legiti-
miert hier die Strafe? Das Strafrecht der meisten
Staaten sieht bei Selbstschädigung keine Strafe vor.
Wieso soll das im Falle des Drogenkonsums, oder
besser des Konsums ganz bestimmter Drogen, anders
sein? Wieso werden Alkoholiker und Kettenraucher
nicht wegen ihres Konsums vor Gericht gestellt? Me-
diziner stufen illegale Drogen wie Haschisch oder
Marihuana als weit weniger gesundheitsschädigend
ein als legale Drogen wie Tabak und Alkohol. Und
derjenige, der wiederholt versucht hat, sich selbst das
Leben zu nehmen, wieso kommt der – entsprechend
der Logik bei Drogenkonsum – nicht vor Gericht?
Nicht nur hierzulande wird über eine Gesetzesände-
rung, die eine Reihe komplexer juristischer Fragen
aufwirft und gut überlegt sein muß, nachgedacht. In
Belgien hat Ende letzten Jahres die "Fondation Roi
Baudouin" die Frage nach einer alternativen Drogen-
politik aufgeworfen und das Thema Depenalisierung
des Drogenkonsums aufgegriffen. In Frankreich hat
das "Comité national d’éthique" zur gleichen Zeit ein
Gutachten verfaßt, das sämtliche bisher gültigen
Klassifizierungen über Bord wirft und ein Umden-
ken in der Drogenpolitik suggeriert. Italien hat den
Konsum bereits Anfang 1993 über Referendum de-
penalisiert. In Deutschland hat das Verfassungsge-
richt den Ländern nahegelegt, den Besitz von gerin-
gen Mengen weicher Drogen nicht mehr strafrecht-
lich zu verfolgen. Überall in Europa scheint sich die
Einsicht durchzusetzen, daß der Krieg gegen die Dro-
gen, wie er bisher geführt wurde, verloren ist. Regie-
rungen aus aller Welt haben 1990 in London anläß-
lich des "World Ministerial Summit to Reduce De-
mand for Drugs and to Combat the Cocain Threat"
festgehalten, daß die Drogenbekämpfung zukünftig
differenzierter zu geschehen hat. Der Handel soll
weiterhin strafrechtlich bekämpft werden, nicht aber
der Konsum. Letzterer soll mittels ganz anderer denn
strafrechtlicher "Waffen" bekämpft werden. An Stel-
le der Repression sollen Dialog, Behandlung, Reha-
bilitation und soziale Reintegration treten. Unsere
nationale Drogengesetzgebung ist mitunter die re-
pressivste Europas. Gleichzeitig schlägt Luxemburg
sämtliche Rekorde in Europa, was die Zahl Drogensü-
chtiger und vor allem Drogentoter angeht. Selbst-
verständlich wäre es absurd unser Drogengesetz da-
für verantwortlich zu machen. Und doch ergibt sich
aus dieser traurigen Feststellung, daß die Repression
versagt hat. Niemand kann voraussagen, was ein
Umdenken in der Drogenpolitik bewirken kann und
letztendlich bewirken wird, da das Problem der Sucht
ein so tiefgreifendes gesellschaftliches Phänomen
ist, daß wir es wohl kaum durch Para-
graphenänderungen in den Griff bekommen werden.
Trotzdem sollten wir den Mut aufbringen und um-
denken. Eines würden wir damit jedenfalls erreichen:
der Scheinheiligkeit ein Ende setzen!
Françoise Kuffer
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