- Reisen
Tourismus ‒ völlig (un)verständlich?
Zwischen „Warum in die Ferne schweifen?“ und „Ich bin dann mal weg“
Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Reisen befassen, werden häufig Fragen nach dem „Warum“ gestellt: Wieso reisen Menschen? Was suchen sie im Urlaub? Wieso bleiben sie nicht zuhause? Warum ignorieren sie die negativen Folgen des Reisens auf Umwelt und Einheimische? Einfache Antworten gibt es leider nicht. Dieser Beitrag gibt kleine Einblicke in die vermeintlich absurde Welt des Reisens und des Tourismus und lädt zum Nachdenken ein.

Um die Frage nach dem „Warum“ und dem damit verbundenen „Wie“ des Reisens zu beantworten, werden nachfolgend einige Merkmale des Reisens als eine Vielzahl von Lebenspraktiken vorgestellt. Ausgangspunkt für die Betrachtungen ist die Annahme, dass gesellschaftliche Bedingungen und das Reisen als menschliche Handlung miteinander verwoben sind.1 Im Vordergrund stehen Urlaubsreisen, da geschäftlich bedingte Reisen anders motiviert sind, auch wenn unter dem Begriff Workation (Work & Vacation) der Trend zur Verbindung von Arbeit und Urlaub erkennbar ist.
Tourismus umfasst eine große Anzahl von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Leistungsträger*innen. Diese reichen von internationalen Konzernen bis zu einer selbständig arbeitenden Naturführerin. Hinzu kommen die Orte (Destinationen), in die gereist wird, einschließlich der Natur, der Kultur und der Menschen, die dort leben und von denen viele eigentlich nichts mit der Tourismusbranche zu tun haben. Die dritte Gruppe umfasst die Reisenden, Gäste, Besucher*innen oder Tourist*innen als die Menschen, welche für eine begrenzte Zeit das gewohnte Umfeld verlassen und freiwillig diese Zeit an einem anderen Ort verbringen2.
Ein Blick in Statistiken vermittelt einen ersten Eindruck der Gründe für dieses Verhalten.
Was sagen die Zahlen?
Jedes Jahr im März werden anlässlich der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) Zahlen zum Reiseverhalten veröffentlicht. Die Zahlen beschreiben Anzahl der Reisen, Aufenthaltsdauer, Ausgaben, Reisemotive, Buchungskanäle sowie beliebte Aktivitäten oder auch die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit bei der Reiseentscheidung. Mit Ausnahme der Corona-Jahre ist das Reiseverhalten seit den 1980er Jahren auf einem hohen Niveau. In Luxemburg war das Jahr 2024 sogar ein Rekordjahr. Rund 70 Prozent3 verreisen mindestens einmal im Jahr für durchschnittlich 12 Nächte, manche sogar häufiger. Die wichtigsten Transportmittel sind Flugzeug und PKW. Die beliebtesten Ziele für den Sommerurlaub sind noch immer Länder im Süden Europas. Dort stehen die erforderlichen Infrastrukturen bereit, um eine große Anzahl von Menschen zu beherbergen, Essen und Trinken zur Verfügung zu stellen und Abfälle zu beseitigen. An dieser infrastrukturellen und preislichen Überlegenheit können Hitze, Trockenheit und Proteste von Einheimischen nichts ändern. Coolcation (Urlaub in kälteren Regionen) ist ebenso wie Flugscham eine Idee zu Reisealternativen, die sich (bislang) in den Zahlen nicht widerspiegelt. Die großen Zahlen zeigen die Robustheit des Tourismus, welcher ebenso wie andere Branchen von Synergie- und Skaleneffekten bestimmt wird. Dennoch sehen wir Änderungen ‒ sei es bei Reiseveranstaltern oder auch bei Reisenden ‒ die zukünftig einen kritischen Wert überschreiten werden und frühzeitig berücksichtigt werden sollten. Beispiele wie der Wert von Familie und Natur oder die Folgen der digitalen Transformation werden weiter unten vorgestellt.
Der Urlaub ist eine Kombination aus Versprechungen und Erwartungen.
Zunächst ist es wichtig, ein wenig näher an die Reisenden heranzutreten: Um das Verhalten von Reisenden verstehen zu können, hilft ein Blick in die Reisemotivforschung. Diese untersucht, welche Erwartungen mit einer Reise verbunden sind. Dabei müssen sowohl explizite als auch implizite Wünsche und Bedürfnisse sowie teils widersprüchliche Erwartungen berücksichtigt werden. Beispiele sind Ruhe und Entspannung, Neugier, der Wunsch nach Abwechslung bis hin zu Abenteuer und Gefahr oder die Suche nach persönlicher Bestätigung, nach Aufmerksamkeit und einem Moment des im Mittelpunktstehens. Konkret geht es um gemeinsame Zeit mit Partner*in, Freund*innen und Familie, um Sonne, Kultur, Sport und Natur, Ausschlafen und ein wenig Luxus, der auch darin bestehen kann, alleine unterwegs zu sein. Einige der genannten Punkte werden nachfolgend etwas ausführlicher erklärt.

Ablenkung und Versprechen
Auch wenn der Alltag und die Routinen den Menschen entlasten und selbst wenn die Wohnung ein schönes Zuhause bietet, kann es immer wieder mal guttun, etwas Abwechslung in der „Fremde“ zu erleben. Die Tür hinter sich schließen und Beruf, Haushalt, Schule vergessen sowie die Vorstellung, etwas Schönes zu erleben, stehen im Mittelpunkt vieler Urlaubsreisen. Es ist eine Kombination von Weg-von- und Hin-zu-Etwas. Eine wichtige Rolle spielen hier Bilder, mit denen Menschen groß werden, wie der einsame Strand mit Palmen, der Gipfel eines Berges, die Silhouette einer Stadt, eine Shopping-Meile oder ein berühmtes Gebäude. Der Urlaub ist eine Kombination aus Versprechungen und Erwartungen. Für viele Menschen gehört er von Kindesbeinen zum Leben dazu und strukturiert das Jahr so ähnlich wie die Wochenenden und Feiertage.
Gewohnheit und Statussymbol
Urlaub ist somit zu einem gewissen Teil Gewohnheit und überraschend viele Menschen reisen im Erwachsenenalter an die Orte, an denen sie bereits als Kind mit der Familie waren. Viele haben feste Ferienhäuser und -wohnungen oder einen Campingplatz, an den sie jedes Jahr im Sommer reisen. Die Gewohnheit des Reisens kann dazu führen, dass Menschen, die nicht reisen können, unter Druck geraten und andere sich gezwungen fühlen, besonders aufregende, weit entfernte oder teure Urlaubsziele und -formen auszuwählen. Urlaub ist in vielen Gesellschaften ein wichtiges Statussymbol, das eine Abgrenzung (Distinktion) ermöglicht und zur Ausgrenzung führen kann. Denn trotz der eben beschriebenen Normalität des Urlaubs darf nicht vergessen werden, dass etwa ein Drittel der Menschen in Westeuropa nicht jährlich in den Urlaub fahren kann. Oft sind es gerade die Menschen, bspw. Alleinerziehende, die eine Auszeit dringend nötig hätten oder die besonders von den positiven Effekten des Reisens profitieren würden.
Zeit mit der Familie
Eine interessante und etwas erschreckende Aussage bezieht sich auf die Bedeutung des Urlaubs für Familien. Für viele ist der Urlaub die einzige Möglichkeit, gemeinsam Zeit zu verbringen, zu spielen, gemeinsam zu kochen und zu essen, Abenteuer zu erleben und zu faulenzen. Gründe dafür liegen im Alltag, der immer gefüllter ist, sowie in den Stunden Zeit, die online verbracht werden. In Befragungen äußern sowohl Kinder als auch Eltern den Wunsch nach gemeinsamer Qualitätszeit.4 Diese tatsächlich zu erleben, ist eine große Herausforderung und touristische Leistungsträger*innen suchen nach Wegen, um Familien eine gute gemeinsame Zeit zu ermöglichen. Dabei gilt es, der zunehmenden Diversität von Familien gerecht zu werden: Patchwork- und Stieffamilien reisen ebenso gerne wie Mehrgenerationen- und Regenbogenfamilien oder die gefühlte Familie, bei der die Menschen nicht unbedingt miteinander verwandt sind. Spannend ist darüber hinaus die Berücksichtigung der Anforderungen des Familienhundes, der ein wichtiges Mitglied vieler Familien ist.
Selbst wenn der Familienurlaub nicht ganz optimal verläuft, hat er eine längerfristige Wirkung: Schwierige und schöne Momente fließen in die Erinnerungen ein und sind im Rückblick wichtige Episoden des (Familien)lebens.
Natur und Tiere
So wie die fehlende Zeit zum Spielen den Wunsch nach Familienzeit weckt, zeigt eine weitere Lücke im Alltag Auswirkungen auf das Reisen: Es handelt sich um den fehlenden Zugang zur Natur, insbesondere in Ballungsräumen. Die fortschreitende Urbanisierung, der Rückgang von Frei- und Grünflächen sowie eine immer stärker strukturierte Freizeitgestaltung führen dazu, dass die Zeit im Freien und der direkte Kontakt zur Natur deutlich abnehmen. Bezogen auf Bewegung dominieren heute digitale Medien und Indoor-basierte Aktivitäten den Alltag. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden, sondern auch auf kognitive und soziale Entwicklungsprozesse.
Das Interesse an Natur und die Faszination, die von ihr ausgeht, bleibt jedoch konstant. Besonders beliebt sind Tiere, welche schon immer wichtige Attraktionen des Tourismus waren. Die ‒ stellenweise negativ zu bewertende ‒ Einbindung von Tieren ist vielfältig und reicht von der Beobachtung heimischer Tiere bis zu einer Wanderung mit Alpakas. Neben den Tierbeobachtungen und -wanderungen finden sich Beispiele wie das Käfigtauchen mit Haien und Krokodilen oder der Jagdtourismus, welche die (vermeintlich) menschliche Dominanz in Verbindung setzt mit Abenteuer und Gefahr.
Unabhängig von der Ausgestaltung dienen auch diese Aktivtäten der Kreation von erinnerungswürdigen und Social-Media-wirksamen Momenten. Es sind Augenblicke im Jetzt, die über diesen herausragen und an die sich Menschen am Lebensende vielleicht erinnern werden.
Am Ende des Lebens
Die genannten Beispiele haben einige Facetten des Reisens gezeigt. Sie alle basieren zu einem starken Maße auf persönlichen Empfindungen des Reiseerlebens. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das Wesen des Reisens im Rückblick. In einem Projekt sprachen wir mit Menschen im hohen Alter (85+) über das Reisen und fragten nach Erinnerungen, dem Wert des Reisens, besonders schönen oder traurigen Erlebnissen. Während der eine sich an eine Radtour in die Eifel erinnerte, war die andere als junge Frau bereits in Ägypten gewesen. Was alle Erinnerungen verband, war die starke Präsenz sowie der Eindruck, bei der Reise mehr als sonst bei sich gewesen zu sein. Gefragt nach der Wichtigkeit des Reisens im Leben stand dieses direkt hinter Heirat und den Geburten von Kindern sowie dem Verlust von Menschen. Berufliche, musikalische und sportliche Erfolge, das erste Auto und das Haus schienen hingegen zu verblassen. Auch wenn diese Aussagen nicht repräsentativ sind, regen sie doch zum Reflektieren an: Woran werde ich mich später erinnern? Welche Spuren hat das Reisen in meinem Leben hinterlassen? Welche Spuren habe ich in den Ländern hinterlassen?
Spuren des Reisens
Reisende hinterlassen Spuren. Die negativen Folgen betreffen Menschen, Tiere, Ökosysteme etc. Touristische Mobilität, der Flächen- und Ressourcenbedarf in den Destinationen sowie die Beeinflussung von Kulturen bis hin zur (sexuellen5) Ausbeutung haben weitreichende Folgen. Vor dem Hintergrund des beschriebenen Wertes des Reisens könnte erwartet werden, dass Menschen alles dafür tun, die Zukunft des Reisens sicherzustellen, indem sie sich verantwortungsvoll verhalten.
Die Motive des Reisens passen jedoch nicht gut zum verantwortungsvollen Handeln: Auszeit, Ausnahme, Besonderheit, Belohnung, Luxus und Ich-Zeit vertragen sich nicht gut mit Rücksichtnahme. Dieses Sich-Zurücknehmen ist jedoch für die Zukunft des Reisens unabdingbar. Nur einmal im Jahr ist in der Summe irgendwann einmal zu viel.

1 Kerstin Heuwinkel, Tourismussoziologie, 2. Aufl., München, UTB, 2021.
2 Vgl. Definition der UNWTO unter www.unwto.org/glossary-tourism-terms (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 26. März 2025 aufgerufen.)
3 Dieser Wert bezieht sich auf Luxemburg, Finnland, Schweden, die Niederlande und Deutschland.
4 Kirsten Harms & Kerstin Heuwinkel, Familien reisen, München, UVK Verlag, 2025.
5 Vgl. insbesondere zu den Themen sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus ECPAT Deutschland e. V. https://ecpat.de/ sowie grundlegend zu Menschenrechten Round
Table Human Rights in Tourism
https://www.humanrights-in-tourism.net/
Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel ist Tourismussoziologin und lehrt seit 2005 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.
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