Traumfabrik Nordstad

Von der realistischen Vision zum politischen Stückwerk

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Charel Schmit

Traumfabrik Nordstad

Von der realistischen Vision zum politischen Stückwerk

Gerade mal zwei Erwähnungen findet der Landesnorden im CSV-LSAP-Koalitionsabkommen und Regierungsprogramm vom 4. August 2004: zum einen sollen die Industriebrachen in Wiltz ebenso wie in anderen Landesteilen Berücksichtigung finden, zum anderen soll die Nordstad als eines von sechs IVL-Pilotprojekten im Rahmen der Landesplanung vorangetrieben werden.¹ Das im Januar 2004 veröffentlichte Integrative Verkehrs- und Landesplanungskonzept (IVL) sieht die Ausarbeitung eines Entwicklungsplanes für die Nordstad vor; diese soll im Sinne eines „Tripol“-Modells als dritter Entwicklungsraum zur Alternative für Luxemburg-Stadt und Esch/Alzette werden. Demnach knüpft man im politischen Landesnorden hohe Erwartungen an die Realisierung einer Idee, die ihren Ausgang in den frühen siebziger Jahren gefunden hat und seither die Phantasie vieler Regionalpolitiker und Landesplaner beflügelt.

Zur Nordstad zählen heute die 6 Gemeinden Bettendorf, Colmar-Berg, Diekirch, Erpeldingen, Ettelbrück und Schieren. Sie verzeichnen derzeit 21 879 Einwohner, vergleichbar mit der Stadt Differdingen (20 443), der Planungsregion Norden (Clervaux-Vianden) (20 615) oder dem Kanton Mersch (25 348).² Im Zeitraum von 1987 bis 2006 haben die 6 Nordstad-Gemeinden einen Zuwachs von 4 176 Einwohnern verzeichnet, was lediglich 3,85% des gesamten Bevölkerungszuwachses für Luxemburg in diesem Zeit-

raum darstellt (108 373). Die Planungsregion Zentrum-Norden, zu der die Nordstad zählt, verzeichnet in diesem Zeitraum insgesamt 12 761 neue Einwohner (immerhin 11,78% des nationalen Zuwachses).³

Nordstad 1973: Eine realistische Vision vor 35 Jahren

Somit hat sich die Vision von Adrien Ries (1933-1991) bislang nicht erfüllt, nachdem die Nordstad innerhalb der folgenden Jahrzehnte auf eine Bevölkerungszahl von 30 000 bis 40 000 Einwohnern ansteigen könnte. Vor genau 35 Jahren stellte der Jurist und Ökonom Adrien

So wie eine Regierung ohne Mitglied aus der Minettemetropole Esch/Alzette unvorstellbar ist, so dürfte es auch zukünftig keine geben ohne Mitglied aus der Nordstad.

Ries aus Biwels, damals hoher Beamter in der Europäischen Kommission, das Leitbild einer „Nordstad“ vor. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 80. Wiegenfest des Diekircher Geschäftsverbandes, die am 2. Juni 1973 stattfand und lokale wie nationale Prominenz anlockte, trug Adrien Ries die Resultate einer Umfrage vor, die der Geschäftsverband im April 1973 in der Region durchgeführt hatte.⁴

Drei Aspekte sind aus heutiger Sicht aus dieser programmatischen Rede hervorzuheben:

  1. Die Nordstad wird nicht als „Mittelzentrum mit Versorgungsschwerpunkt im Norden“ (IVL 2004)⁵ angesehen, sondern als nationalen Wirtschaftsstandort. Ries betont an mehreren Stellen die Bedeutung der wirtschaftlichen Aktivitäten, sowohl Industrie als auch andere Gewerbe; nicht weniger als sieben Industriezonen werden benannt. Im derzeitigen Entwicklungsplan ist eine „zone d’activité économique“ auf Fridhaff bei Diekirch vorgesehen. Nicht allein die öffentliche Hand, sondern die Betriebe der Region sind die großen „Investitionssträger“ für die Nordstad. Es wundert denn auch nicht, dass sich für Ries die Nordstad bis Bissen erstrecken muss, um die Industrie- und Gewerbegebiete im Bissener Tal und auf Roost mit einzubeziehen.

  2. Ries spricht dezidiert das politische Problem der Nordstad an – elektorales und politisches Leichtgewicht auf nationaler Ebene: „Mä Dir könnt lech ganz gutt eng lëtzebuergesch Regëierung vorstellen ouni ee Minister vun Déikrich, oder vun Ettelbreck, vu Schieren oder vu Colmer-Bierg, well all dës Uertschaften eenzel nët an d’Wo falen.“ Erst der politisch-administrative Zusammenschluss der Nordstad-Gemeinden wird verhindern, dass eine Regierung an ihnen vorbei regieren kann. Derzeit zählt die Nordstad einen Kammerpräsidenten (Lucien Weiler), zwei Député-maire (Bim Diederich und Jean-Paul Schaaf), einen Fraktionschef (Charles Goerens), jedoch weder einen Staatsrat noch einen „administrateur délégué“ auf höchster Verwaltungsebene. Die Randgemeinden stellen derzeit ebenfalls vier Landespolitiker (Claude Adam, Fernand Etgen, Aly Kaes, Marco Schank). Zuletzt war Charles Goerens als Außen- und

Umweltminister Regierungsmitglied von 1999 bis 2004 und unterbrach für kurze Zeit die „Regierungsabstinenz“ der Nordstad. Vor ihm war es René Steichen, der als ehemaliger Diekircher Député-maire von 1984 bis 1992 Regierungsmitglied war, bevor er als EU-Kommissar nach Brüssel wechselte. Er löste damals den aus Ettelbrück stammenden Zentrumspolitiker Ernest Mühlen ab, der von 1979 bis 1984 Minister war. So wie eine Regierung ohne Mitglied aus der Minettemetropole Esch/Alzette unvorstellbar ist, so dürfte es auch zukünftig keine geben ohne Mitglied aus der Nordstad. Fraglich bleibt, ob das Einwohnerszenario des IVL, das bis 2020 einen Bevölkerungszuwachs von ca. 8 000 EW vorsieht, eine nennenswerte Veränderung mit sich bringen wird, wenn gleichzeitig von einem Zuwachs von 17 200 EW in der Südregion ausgegangen wird.

  1. Als Kind seiner Zeit vertritt Adrien Ries einen festen Glauben in die positiven Wirkungen der Raumplanung, die ein Jahr später 1974 mit dem Landesplanungsgesetz eingeführt und mit dem Programme directeur von 1978 dekliniert werden wird. Es ist schon erstaunlich, wie er, von der Technologie überzeugt, anrät, die Detailplanung für die Nordstad einem „interdisziplinären Team von Spezialisten“ anzuvertrauen, die im Auftrag der Gemeinden und des Innenministeriums diesen „Entwicklungspool“ (Ries) als tatsächlich neue Stadt entwickeln und die eine tatsächliche Alternative zu Luxemburg-Stadt werden soll. Der raumplanerische Optimismus hält bis heute an: « Le descriptif conceptuel et le dispositif législatif nous procurent aujourd’hui un savoir cohérent et une vision précise de l’aménagement du territoire », so Jean-Paul Schaaf in dem im Juni 2008 erschienenen Jubiläumsband zur 100-Jahr-Feier der Stadt Ettelbrück. Kohärentes Wissen über die Nordstad lieferte auch bereits Adrien Ries anno 1973, eingebettet in eine allgemeine Analyse der luxemburgischen Wirtschaft. An einem Mangel an Wissen scheint die realistische Vision der Nordstad, damals wie heute, nicht zu leiden.

1974 bis 2009: Unglaubliche Geschichten der Dezentralisierung

Auf Grundlage des Raumplanungsgesetzes vom 20. März 1974 wird unter der sozialliberalen Koalition (1974-1979) ein erstes Programme directeur am 6. April 1978 verabschiedet. Für dessen Umset-

zung waren „plans d’aménagement partiel ou global“ (Art. 11) vorgesehen. Das aktuelle Landesplanungsgesetz vom 21. Mai 1999 sieht hierzu „plans directeurs sectoriels“ und „plans directeurs régionaux“ vor. Das erste Programme directeur von 1978 spricht von einer „agglomération du Nord“, die sich aus den Gemeinden Ettelbrück, Diekirch und Schieren sowie den Ortschaften Gilsdorf, Colmar, Berg, Erpeldingen und Ingeldorf zusammensetzte. In der zweiten Auflage des Programme directeur von 1985 wird eine großzügiger definierte „zone urbaine“ eingeführt, die das aktuelle Gebiet der Nordstad sowie der Gemeinde Bissen umfasst aufgrund deren industriellen Bedeutung.

Der erste Entwicklungsplan für die Region Norden⁸, zu der damals ebenfalls Bissen, Nommern und Colmar-Berg hinzugenommen wurde, erscheint 1991. Geprägt durch die Debatten der Umweltbewegung in den 70er und 80er Jahren sprechen sich die Autoren für eine vorsichtige Entwicklung aus, keine zusätzlichen Industrie- und Wirtschaftszonen im Landesnorden, Agrotourismus und vorsichtiger Umgang mit dem Landschaftsverbrauch innerhalb der bestehenden Bebauungspläne. Die „zone urbaine“ wird als dynamischste Region im Norden angesehen, ohne jedoch auf die Ries’sche Idee einer wachstumsorientierten „Nordstad“ einzugehen. Die Autoren gehen auch davon aus, dass der hohe Bevölkerungszuwachs, der im Bipol Ettelbrück-Diekirch in den Jahren 1960 bis 1970 stattfand, abgeflaut sei und auch nicht

mehr überdurchschnittlich anwachsen werde. Mit ihrer Prognose für das Jahr 2010 lagen sie mit einer Einwohnerzahl von 26 021 EW über dem aktuellen Stand von 24 520 in der „zone urbaine“. Blieb die Nordstad hinter den Erwartungen der Landesplanungspolitiker zurück?

Der gleiche Regionalentwicklungsplan greift nur teilweise eine Idee auf, die in der politischen Öffentlichkeit im Norden seit den 80er Jahren viel gefordert und in jeder Wahlversammlung lautstark verkündet wird: die „Dezentralisierung“ staatlicher Verwaltungen und öffentlicher Einrichtungen. Immerhin werden die Ansiedlung des Office national du remembrement in Wintger, die Dezentralisierung der Nationalbibliothek und allgemein das Verhindern weiterer Zentralisierungen von Dienststellen im Investitionsplan vorgesehen. Die Dezentralisierungsbilanz fällt jedoch heute sehr mager aus: nicht eine einzige nationale Einrichtung wurde in den vergangenen 35 Jahren nördlich von Mersch angesiedelt. Immerhin richtete das Kulturministerium 1992 eine regionale Zweigstelle in Diekirch ein; später auch der Service national de la jeunesse. Rezente Versuche scheiterten ebenfalls: das vom ehemaligen Innenminister Michel Wolter (1994-2004) in Aussicht gestellte Wasserwirtschaftsamt wird in der Südregion angesiedelt werden. Sowohl die Dezentralisierung von staatlichen Stellen als auch die dezentrale Ansiedlung von privatwirtschaftlich geschaffenen Arbeitsplätzen bleibt ein bislang nicht eingetretenes Szenario zur strukturellen Stärkung des

Kartenlegen in der Nordstad: Dieser Auszug der CSV-Karte aus dem Wahljahr 1979, als die CSV aus der Opposition stürmt, zeigt eine großzügige Umgehungsstraße als Straßenbauprojekt, ganz im Sinne der von Adrien Ries 1973 geforderten Verkehrsprojekte. Diese Umgehungsstraße verschwindet in den Folgejahren von den CSV-Landkarten bis 1999 die „Nordstraße“ (Mersch-Luxemburg) erneut auftaucht. Eine weitaus weniger großzügige Variante soll im Rahmen des Programms „Mobilität 2020“ endlich Wirklichkeit werden. Die CSV-Karte von 1979 zeigt viele andere Projekte, die heute längst Realität sind, u. a. die Collectrice du sud und die Saarautobahn. Ausreichendes und aktuelles Bildmaterial zur Vision Nordstad liefern www.nordstad.lu und www.nordstad.org.

Landesnordens. Immerhin lässt der Dezentralisierungsboom, der seit 1999 den Süden zu Recht ereilt, auch die Herzen im Norden hoffen.

1997 bis 2007: Dekade der positiven Nordstad-Literatur und der verpassten Chancen!

Fast wäre die Nordstad in den regionalen Sagenschatz eingegangen, hätte nicht Landesplanungsminister Alex Bodry eine Entwicklungsstudie in Auftrag gegeben. Im Vorfeld des 1999 verabschiedeten Landesplanungsgesetzes und der Ausarbeitung des neuen Programme directeur liefern Zeyen&Baumann⁹ im Jahr 1997 Überlegungen, die der Nordstad im Programm directeur zu eigenen politischen Prioritäten verhelfen. Hervorgehoben wird der wirtschaftliche Entwicklungsbedarf der Nordstad: Sie soll Arbeitsplatz-Pol bleiben und „aktivités tertiaires de haut niveau“ anziehen, sowie auf interkommunaler Basis verwaltete Industrie- und Gewerbezonen zur Verfügung stellen.¹⁰ Vor allem die Vorstellung, die Nordstad könne als „bipolares Mittelzentrum“ neben Luxemburg-Stadt und Esch/Alzette ein drittes alternatives urbanes Zentrum für Luxemburg darstellen, löst eine Welle basisdemokratischer Begeisterung aus.

Im Juni 2000 wird die Vereinigung „Denkfabrik Nordstad“ ins Leben gerufen. Protagonisten sind vor allem parteipolitisch engagierte Bürger, die meisten von ihnen ziehen nach den Gemeindewahlen von 2005 in die Gemeinde- oder Schöffneräte ein (so Gründungspräsident Fränk Thillen und Maurice Losch, Déi Gréng-Paul Bonert und Pascal Nicolay, CSV; Francis Dahm, DP) und bewerkstelligen heute den notwendigen „Marsch durch die Institutionen“. Die Denkfabrik beteiligt sich aktiv an der Ausarbeitung eines LEADER-Projektes in der Nordstad, doch im April 2003 scheitert dieses Projekt an dem Rückzug der damaligen Schöffneräte von Diekirch und Ettelbrück aus finanziellen Gründen.

Zu einem Höhenflug landesplanerischer Phantasie kommt es im Jahre 2001 im Vorfeld des Universitätsgesetzes. Die Jugendorganisation der CSV lanciert die Idee eines „Gréngen Zentrum Uni-Nordstad“, einer Bio-Region für Luxemburg, d. h. „einer besonderen Wirtschafts- und Verwaltungszone bzw. eines Service-Centers für möglichst viele Einrichtungen, öffentliche Dienststellen, Verwaltungen sowie Forschungsinstitute und

Firmen aus dem gesamten „grünen Sektor“: Landwirtschaft, Natur- und Umweltschutz, Lebensmittelherstellung und -kontrolle, Biotechnologie, Life-Sciences und ähnliche vor- und nachgelagerte Wirtschaftsbereiche.“¹¹

Im Konzeptpapier listen die Autoren nicht weniger als 33 (bestehende und geplante) staatliche Dienststellen, genossenschaftliche oder privatwirtschaftlich organisierte Betriebe und Verbände auf, die in der Nordstad-Wirtschaftszone angesiedelt sind oder werden könnten. Die Initiatoren dieser „realistischen Vision“ wollten damals die Gunst der IVL-Stunde nutzen und verhindern, dass das Luxemburg des 21. Jahrhunderts am Landesnorden vorbeizieht. Bei den damaligen Amtsinhabern im Landesplanungs-, Hochschul- und Landwirtschaftsministerium stießen sie auf wenig Gegenliebe und gerieten zudem innerparteilich mächtig unter Druck.

Die Dezentralisierungsbilanz fällt […] sehr mager aus: nicht eine einzige nationale Einrichtung wurde in den vergangenen 35 Jahren nördlich von Mersch angesiedelt.

Immerhin wurde kräftig für diese Idee mobilisiert und aus einem überparteilichen Rundtischgespräch am 5. Februar 2002 entstand schließlich die Vereinigung Lobby für die Norden, die am 6. November 2003 in Diekirch gegründet wurde. Aus dem Grundsatzprogramm sprudeln ebenfalls Ideen, wie das „bipolare Mittelzentrum“ Ettelbrück-Diekirch endlich attraktiver werden soll, ob durch den Ausbau der „innerstädtischen Schienenverbindung in der Nordstad“ oder das Angebot von postsekundären Studienprogrammen wie ein BTS in Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Tourismus.

Von der Idee eines „Grünen Zentrums“ als Wirtschaftsmotor für die Nordstad-Region spricht in Zeiten von Biosprit und Klimawandel niemand mehr. Im Gegenteil, wortlos und tatenlos assistiert man an der langsamen und schrittweisen Demontage des „endogenen ‚grünen‘ Potentials“: Minimalistische Standortlösung für die Ackerbauschule im Schatten des keltischen „Däwelsälter“ in Gilsdorf, Abwanderung der Luxlait auf Roost, Ansiedlung der Direktion des Wasserwirtschaftsamtes im Süden, keine Ausar-

beitung spezifischer BTS-Ausbildungen, ungewisse Zukunft für das Laboratorium der Ackerbauverwaltung u.v.m.

Die Flut an Leserbriefen und Kongressresolutionen, die bis heute anhält, konnte bislang nicht verhindern, dass im Jahrzehnt des IVL viel Nordstad-Prosa vorliegt, aber kaum konkrete Projekte seitens des Staates und der Gemeinden tatsächlich in die Tat umgesetzt wurden, so auch nicht die nette Idee eines regionalen „centre d’intervention“ für Feuerwehr und Zivilschutz, das auf Fridhaff entstehen soll(te). Das 2002 durch ein interkommunales Syndikat Diekirch-Ettelbrück begründete Conservatoire de musique du Nord verdankt sein Entstehen weniger der Nordstad als vielmehr der landesweiten Reorganisation der Musikschulen.

Initiativen wie der Late Night Bus Nordstad, der Schachclub Nordstad, die Zusammenarbeit der beiden Jugendhäuser, das Theaterfestival Nordstad Spektakel, der 44 km lange Adrien-Ries-Wanderweg¹² oder das Nordstad-Archiv¹³ sind dank des Einsatzes einzelner Privatpersonen und Bürgervereinigungen entstanden. Sie verankern den Nordstad-Gedanken in der Bevölkerung.

Im gleichen Zeitraum entsteht derzeit ein nationales Zukunftsprojekt auf Belval-Ouest, bei dem sich der Staat in kürzester Zeit (1999-2004) zu einem milliardenschweren Investitionsprogramm und einem konkreten Dezentralisierungsplan verpflichten konnte, nicht zuletzt aufgrund des AGORA-Mitgesellschafters Arcelor Mittal. Wir dürfen also hoffen: Die beste Zeit steht der Nordstad noch bevor!

2005 bis 2008: Von der Vision zum Masterplan für die nächsten 35 Jahre

Noch vor den Gemeindewahlen 2005 gelingt es dem neuen Innenminister Jean-Marie Halsdorf, die Nordstad-Gemeinden zur Zusammenarbeit zu überzeugen; eine erste Konvention wird am 26. September 2005 zwischen den Gemeinden Bettendorf, Diekirch, Erpeldingen, Ettelbrück und Schieren unterzeichnet, der sich Colmar-Berg am 24. April 2006 in der Neuauflage der Konvention anschließt. Vereinbart wird ein 5-jähriger Planungsprozess, die Einführung eines Comité technique und eines Comité politique Nordstad, der kopräsidiert wird vom Innenminister und jeweils einem

rotierenden Bürgermeister (derzeit Jean-Paul Schaaf bis 2009). Es folgen Bürgerforen, Strategiekonferenzen und die Vorstellung des Masterplans am 27. Oktober 2007, dem die sechs Gemeinderäte in einer gemeinsamen Erklärung am 22. Mai 2008 zustimmten.

Der Masterplan soll die „Vision Nordstad“ konkretisieren und definiert auf Anhieb neun Leitprojekte: (1.) Bis 2020 kommen 7 000 Einwohner in „Wohnbauclustren“ und den Siedlungskernen hinzu, (2.) ein interkommunales Gewerbegebiet auf Fridhaff entsteht, (3.) ein besseres Nordstad-Marketing, (4.) eine gemeinsame Jugendarbeit, (5.) bessere Kooperation im Bereich Schulentwicklung, (6.) Gesamtkonzept „Neue Mobilität“, (7.) Freiraumentwicklung, Naherholung und Tourismus, (8.) eine Zentrale Achse Nordstad (ZAN) ohne Zugverkehr und (9.) Einrichten eines multifunktionellen interkommunalen Syndikats bzw. einer Entwicklungsgesellschaft.

Der Zustimmung der Gemeinden zum Masterplan ging ein heftiger Sturm im Wasserglas voraus: Die Divergenz mit Transportminister Lucien Lux, der die Masterplan-Idee einer ZAN ohne Zuglinie missbilligt, führte u. a. zur Schöffenratsumbildung in Erpeldingen, bei der Abweichung von der Masterplan-Philosophie abgestraft wurden. Zu Irritationen in der Nordstad führte zuletzt auch die Standortlösung für die Ackerbauschule ohne vorherige Absprache im Comité politique oder etwa die Kompromisslosigkeit in der Finanzierungsfrage des Musikkonservatoriums.

Es ist offen, inwiefern sich das Comité politique Nordstad gegenüber der Regierung emanzipieren wird. Die angespannte Finanzlage in Diekirch und Ettelbrück lässt wenig Spielraum für politische Alleingänge. So wird auf fast natürliche Art und Weise und aus finanziellen Engpässen die Nordstad zur Notwendigkeit. Jeder kleine Schritt in diese Richtung wird man als großes visionäres Ereignis zu feiern wissen, selbst wenn es sich dabei lediglich um die Aufarbeitung von Versäumnissen aus der nahen Vergangenheit handelt, wie etwa beim Nordstadlycke, das im Herbst 2007 an einem provisorischen Standort seinen Betrieb aufnahm.

Folgt man dem jüngsten Bericht der Parlamentskommission zur Territorialreform¹⁵, so wird eine „communauté urbaine“ Nordstad das nun beabsichtigte interkommunale Syndikat ablösen. Erstaunlich, dass sie weniger Kompetenzen

haben soll als diejenigen im Zentrum und Süden. Bis zu den Gemeindewahlen 2017 soll ein weiteres Entscheidungs- und Finanzierungsorgan auf der Ebene der Planungsregion Zentrum-Norden hinzukommen. In Zukunft könnte es also vorkommen, dass der Late Night Bus Nordstad für das Zeltfest in Bissen jeweils zu einem Drittel von der Gemeinde, von der Nordstad und vom Regionalsyndikat finanziert wird!

Zum Zukunftsszenario und politischen Kräfteverhältnis dieser neuen kommunalpolitischen Architektur gehört die Frage, inwiefern der Merscher Kanton weiterhin schneller wachsen wird als die Nordstad. Neben einer großen Baulandreserve in den einzelnen Gemeinden wird die Modernisierung des Bahnhofsviertels

Inwiefern ist es noch realistisch anzunehmen, dass bis 2020 tatsächlich 7 000 zusätzliche und möglichst hoch qualifizierte Arbeitsplätze in der Nordstad entstehen werden?

mit der bereits begonnenen staatlichen Rekonversion¹⁶ des Agrocenter-Geländes in Mersch schnell neue Realitäten schaffen und attraktiv für tatsächliche Dezentralisierungsprojekte von Verwaltungen und Privatinvestoren werden. Mersch, die realistische Alternativ-Vision?

Inwiefern ist es noch realistisch anzunehmen, dass bis 2020 tatsächlich 7 000 zusätzliche und möglichst hoch qualifizierte Arbeitsplätze in der Nordstad entstehen werden? Wo und in welchen Wirtschaftsbereichen, wenn bereits die Regierung an anderer Stelle davon ausgeht, dass sich die Entfernung der Nordregion zu den Forschungs- und Hochschulstandorten nachteilig auswirken wird und deshalb so genannte „structures relais“ vorschlägt?¹⁷

Dem unbeteiligten Beobachter zeigt sich heute ein ambivalentes Bild: Nach 35 Jahren gibt es heute eine konsensfähige Zukunftsfhetorik, aber die Höhen der Ebene stehen den Akteuren noch bevor, um einen mehr als ehrgeizigen Plan umzusetzen, der schnell von anderen Entwicklungen auf der Landesebene eingeholt werden könnte, etwa die Lage der öffentlichen Finanzen. In den vergangenen 35 Jahren haben Hesperingen, Kayl und Sanem die Städte Ettelbrück und

Diekirch aus dem Ranking der 10 bevölkerungsreichsten Gemeinden Luxemburgs verdrängt.¹⁸ Ob das Projekt „Nordstad“ die neue „communauté urbaine“ jemals wieder an die drei vorderen Plätze dieses Rankings¹⁹ katapultieren wird, wie es die IVL-Formel des „Tripols Luxemburg-Esch/Alzette-Nordstad“ suggeriert, ist heute mehr als ungewiss. Der Traum eines „städtischen Zentrums im grünen Norden“ aber ist noch lange nicht ausgeträumt und wird weiterhin viele bezaubern … und ablenken.

¹ Déclaration gouvernementale du 4 août 2004 – Accord de coalition. S. 64-66. « Le projet de la Nordstad dont l’IVL a confirmé l’importance sera également dynamisé. »

² Berechnung auf Grundlage von www.statistiques.public.lu (30. Juni 2008)

³ Berechnungen im Rahmen des RESONORD-Projektes der LEADER-Region Clervaux-Vianden (2006-2008)

⁴ Die Rede von Adrien Ries vom 2.6.1973 kann nachgelesen werden auf http://sentier.nordstad.org/

⁵ „Die Nordstad soll mit einem umfangreichen Angebot an Arbeitsplätzen und Dienstleistungen als multifunktionaler Raum und Zentrum für den ländlichen Raum im Norden von Luxemburg entwickelt werden.“ NL. S. 8

⁶ Schaaf Jean-Paul: „La ville centenaire sur le chemin de l’avenir“. In: Ettelbrück. 100 Joer Stad 1907-2007. Ettelbrück Juni 2008. S. 57-64.

⁷ Ries, Adrien: „L’économie luxembourgeoise – Luxembourg An 2000. Problèmes particuliers“. In: Université internationale des Sciences comparées Luxembourg. Études économiques luxembourgeoise. Luxembourg 1973. Die Publikation enthält im Kapitel V „Un exemple d’aménagement du territoire – La Nordstad“ die raumplanerischen Vorschläge und Resultate der Umfrage des Diekircher Geschäftverbands von April 1973, an der sich 146 von 700 angeschriebenen „stakeholder“ aus der Nordstad-Region beteiligten.

⁸ Ministère de l’Aménagement du territoire et de l’Environnement: Région d’aménagement Nord – projet de plan d’aménagement global. Luxembourg Avril 1991.

⁹ Zeyen & Baumann (1997): Etude de développement „NORDSTAD“ englobant les communes de Bettendorf, Diekirch, Erpeldange, Ettelbrück, Schieren. L’évolution de la population, la structure socio-économique, le développement foncier, les équipements, les scénarios. Ministère de l’Aménagement du territoire (Hrsg.), Luxemburg

¹⁰ Programme directeur. MIAT 2003. S. 8

¹¹ CSJ-Norden: Grengen Zentrum – eng Bio-Regio für Lëtzebuerg, August 2001. http://www.csj-norden.lu/csjdokutheik/grengenzentrum2.pdf

¹² http://sentier.nordstad.org/

¹³ http://www.wort.lu/pdf/Bibliotheken/DiekirchRegionalarchiv.pdf

¹⁴ Der Masterplan ist auf der offiziellen Nordstad-Internetsseite www.nordstad.lu dokumentiert.

¹⁵ Rapport de la commission spéciale Réorganisation territoriale du Luxembourg (19.6.2008). Doc. par. 5890

¹⁶ Ein Teil des Geländes wird bereits heute vom Lycée technique pour professions éducatives et sociales genutzt und soll demnächst das Neue Lycée beherbergen.

¹⁷ Cadre de référence stratégique national, Objectifs « Compétitivité régionale et emploi » et « Coopération territoriale européenne » 2007-2013 (8 octobre 2007) www.eco.public.lu

¹⁸ Ettelbrück im Jahr 2007 und Diekirch 1998.

¹⁹ In der Tat waren 1851 Diekirch und Ettelbrück die zweit- und drittgrößte Ortschaft im damals noch jungen Großherzogtum.

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