Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Antike Mythen in neuen Medien
Anfang des letzten Jahres konnte man im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Den Ökonomen glaubt man nicht“ ein interessantes Interview mit dem Wirtschaftspsychologen Detlef Fetchenhauer von der Universität Köln lesen. Dabei ging es um den Ansehens-, Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust der Ökonomen in Folge der Finanzkrise. Auf die Frage: „Was müssten Ökonomen anders machen, um in Debatten mehr gehört zu werden und glaubwürdiger zu wirken?“ antwortete Fetchenhauer:
„[…] Volkswirtschaftliche Themen sind zugegebenermaßen oft sehr komplex. Einen Mediziner verstehen die Leute in der Regel auch nicht, aber jeder akzeptiert ihn als Experten und glaubt ihm. Das ist ganz anders bei dem Ökonomen. Umso mehr müssten sie sich bemühen, besser zu erklären und zu überzeugen. Dazu braucht es geeignete Erzählungen, Metaphern, Sprachfiguren und Bilder, die auch in den Medien transportiert werden können. Sie können aber keine Diktatur der Experten etablieren, sie müssen in der Demokratie immer schauen, dass ihre wirtschaftspolitischen Einsichten mehrheitsfähig sind.“ (FAZ, 4.1.2010)
Die Transformation des Expertentums in medienkompatible Symbolstrukturen – das ist die Theorie der Interdiskurse in nuce. Die Einlassungen des Wirtschaftspsychologen belegen, dass der Bedarf an kulturellen Begründungen bzw. kultureller Verankerung des ökonomischen Wissens enorm gewachsen ist. An die Stelle der Erörterung komplexer, kaum mehr als solche zu vermittelnde Sachverhalte treten in den Medien immer häufiger Verfahren der Symbolisierung. Im Grunde nobilitiert damit ein Vertreter
der in Verruf geratenen ökonomischen Theorie aber nur eine Vermittlungsstrategie, die von den Kulturwissenschaften schon länger als Praxis der Finanzmärkte beobachtet wird. Wer nach Beispielen sucht, sollte aufmerksam die überregionale Wirtschaftspresse verfolgen, meistens reicht schon ein Blick auf die Schlagzeilen, um weiter fündig zu werden.
So führte wiederum die FAZ (21.3.2009) in ihrer Reihe Im Gespräch ein Interview mit dem Gesellschafter einer Vermögensverwaltung. Titel und Untertitel lauteten: „Wir sind die Gefährten des Odysseus. Die Gier des Anlegers treibt ihn in immer neue riskante Abenteuer. Emotionen sollten bei der Geldanlage ausgeschaltet werden. Caspar von Zitzewitz erklärt, wie das gehen soll.“
Das Gespräch drehte sich um das Problem, dass den meisten Anlegern angesichts starker Börsenschwankungen die Nervenstärke zum langfristigen Engagement fehlt. Dafür bot der Vermögensverwalter v. Zitzewitz seine Dienste folgendermaßen an:
„Auf lange Sicht ist es erfolgreicher, sich in schlechten Zeiten tapfer zu schlagen, auch wenn man dafür im Aufschwung nicht an der Spitze der Entwicklung steht. Viele Anleger werden dann aber nervös. Wir verstehen uns als die Gefährten des Odysseus, die ihn an den Mast des Schiffes binden und selbst Wachs in den Ohren haben, um nicht dem Gesang der Sirenen zu verfallen. Der Anleger ist Odysseus, der es aus eigener Kraft nicht schafft, den Verlockungen zu widerstehen und den wir mit emotionsfreien Trendfolgekonzepten zu binden versuchen. Leider können wir ihn nicht immer festhalten, und er stürzt sich gierig in hohe Risiken, was sich spätestens im nächsten Abschwung rächt.“
Dass ein Engagement an der Börse leicht den zehnjährigen Irrfahrten des Odysseus gleichen kann,
Wilhelm Amann
An die Stelle der Erörterung komplexer, kaum mehr als solche zu vermittelnde Sachverhalte treten in den Medien immer häufiger Verfahren der Symbolisierung.
leuchtet unmittelbar ein. In der Figur liegt allerdings auch ein suggestives Moment, das in der Rezeption der Odyssee verhältnismäßig spät zur Geltung kam. Von allen antiken Mythen ist die Odyssee die einzige, die nicht in Tod, Untergang oder der ewigen Bestrafung des Helden mündet, sondern im Happy End und im Ehebett der treu ergebenen Penelope. Dadurch wurden die Abenteuer des Odysseus zum Wunscherfüllungstraum des Bürgertums; ein Traum, der hochliterarisch spätestens seit dem berühmten Roman Ulysses (1922) von James Joyce als ein solcher parodiert worden war, aber dann als narratives Grundmuster in Literatur und Film der Massenkultur noch lange Zeit am Leben gehalten werden konnte. Insofern hat – um auf den Artikel zurückzukommen – der Appell an einen Gründungsmythos der Bourgeoisie, die der Fetischisierung des Geldes ihre Lebensform verdankt, eine gewisse Folgerichtigkeit.
Dabei gehört es sicherlich auch zu den signifikanten Ausprägungen des kollektiven Gedächtnisses innerhalb der jüngeren deutschen Kulturgeschichte, dass ausgerechnet die Erzählung von den Sirenen im 12. Gesang der Odyssee hier als passendes Bild für die Psyche eines sog. „Anlegers“ herhalten muss. Bekanntlich hatten die Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gerade diese Episode in ihrem erstmals 1944 erschienenen und für die „linke“ Kulturkritik so wirkungsmächtigen Essay über die Dialektik der Aufklärung als Ausgangspunkt für ihre These von der Verschlungenheit von Mythos und Aufklärung gewählt. Odysseus wurde dabei für
die Autoren zur allegorischen Gestalt des deformierten modernen Subjekts, das die Beherrschung über die äußere Natur von jeher mit der Unterdrückung der eigenen, inneren Natur zu bezahlen hatte.
Vor diesem Hintergrund lohnt noch einmal ein genauerer Blick auf die Zuordnungen der Bildlichkeit im FAZ-Artikel: Odysseus ist der Anleger, seine Gefährten sind die Vermögensverwalter. Die Frage ist, ob v. Zitzewitz hier nicht doch den von ihm angefippten Bildungshorizont der Leser und womöglich den seiner potenziellen Kunden unterschätzt. Denn die Komik, die der abrupte Bildbruch mit dem Übergang zu den „emotionsfreien Trendfolgekonzepten“ provoziert, rührt ja auch daher, dass es im Verlauf der Irrfahrten eben nicht Odysseus ist, der untergeht, sondern seine Gefährten – respektive die Anlageberater, möchte man hinzufügen. Odysseus überlebt, weil er mit List agiert, denn es ist seine Idee, sich an den Mast binden zu lassen und den Gefährten die Ohren zu verstopfen, um dem verführerischen Gesang der Sirenen lauschen zu können, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Er allein setzt sich den Verlockungen aus und widersteht ihnen zugleich, leistet also Verzicht und Aufschub. Dem gegenüber fallen ja in dem darauffolgenden Abenteuer die Gefährten gerade ihrer Gier zum Opfer, weil sie die Rinder des Sonnengottes Helios stehlen, sich also am Eigentum eines Anderen vergreifen, der unendlich mächtig ist und sich an ihnen rächt. Man sieht: Der Mythos hat also in diesem Fall genügend Potenzial, um sich gegen seine Instrumentalisierung zu wehren. Aber diese Lesart von der Macht, die letztendlich die Gier bestraft, ist eben auch ein Mythos.
In Anbetracht solcher immer wieder neu entwickelbarer Deutungsmöglichkeiten hat der Philosoph Hans Blumenberg den Mythos einmal sehr formal bestimmt als „Geschichten mit hochgradiger Beständigkeit ihres narrativen Kerns und ebenso ausgeprägter marginaler Variationsfähigkeit. Diese beiden Eigenschaften machen Mythen traditionsgängig: Ihre Beständigkeit ergibt den Reiz, sie auch in bildnerischer oder ritueller Darstellung wieder zu erkennen, ihre Veränderbarkeit den Reiz der Erprobung neuer und eigener Mittel der Darbietung.“ (Blumenberg 1979, S. 40)
Blumenberg hatte dabei eher die hochkulturelle literarisch-philosophische europäische Mythen-Rezeption vor Augen. Nichts spräche dagegen, diese Mythen-Bestimmung für jede medienkulturelle Adaption anzunehmen. Denn mehr noch als der elaborierte literarische Diskurs sorgen heute die medialen Diskurse für die Fortschreibung der mythischen Geschichten und fordern zum Nachdenken
über den Mythos und seine Rezeptionsmöglichkeiten auf. Und dies gilt nicht nur für ein erweitertes Verständnis von Mythos im Sinne der „Alltagsmythen“ von Roland Barthes (Barthes 2010), sondern eben auch für den Geschichtenkreis der griechischen Götterwelt.
Allerdings sollte an dem Odyssee-Beispiel auch deutlich geworden sein, dass gerade die Auffüllung der mythischen Erzählung, oder präziser „ihres narrativen Kerns“, mit Gegenwartsbedeutungen häufig die Gefahr birgt, dass die semantischen Anschlüsse mehr oder weniger willkürlich erfolgen.
Dies betrifft auch die im Titel dieses Beitrags angeführten „Trojaner“, denn welches Bild wird damit aufgerufen?
Der Ausdruck steht heute für ein Programm, das unbemerkt in einen anderen Computer eingedrungen ist. Ursprünglich hieß dieses Programm im homerischen Sinne „Trojanisches Pferd“, weil es eben genau die Aufgabe erfüllt, die das hölzerne Pferd im Mythos innehatte und den Griechen nach zehnjähriger Belagerung durch den listenreichen Odysseus den Zugang zur Festung Troja eröffnete. Im Zuge einer auf Effektivität ausgerichteten Netzkommunikation ist aus dem „Trojanischen Pferd“ aber irgendwann ein „Trojaner“ geworden, was den Sinn der Metapher ins Gegenteil verkehrt und sie eindeutig verfälscht. Zu bewahren ist der Mythos also offenbar nur durch Aufklärung über den Mythos.
Was die antiken Mythen als Kollektivsymbolsystem betrifft, so lassen sich gesicherte Aussagen über die Funktion einzelner Bilder oder über einen eventuellen Mythenkanon erst auf breiter, serieller Materialgrundlage erzielen. Einige Beispiele aus dem Wirtschaftsbereich können hierfür allerdings schon als richtungsweisend gelten.
Anspruch auf einen der vorderen Plätze im medialen Mythenkanon hat Kassandra. Die Tochter des trojanischen Königs Priamos gehört zu den interessantesten und modernsten Frauengestalten in der griechischen Mythologie. Dieser Aspekt bleibt aber in den nach wie vor männlich dominierten Ökonomiediskursen weitgehend ausgeblendet:
FAZ, 11.9.2009 (Gerald Braunberger)
Kassandra hat gesprochen. Die Euphorie an den Märkten ruft Skeptiker auf den Plan.
Kassandra hat sich wieder gemeldet. Gemeint ist der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, der ziemlich früh einen Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um bis zu 5 Prozent vorausgesagt hatte.
Luxemburger Wort, 17.6.2010 (Pierre Leyers)
Kassandra
In der griechischen Mythologie gilt Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs Priamos, als eine tragische Figur, die das Unheil immer voraussah, aber bei ihrer Umgebung kein Gehör fand. Der „Banque Centrale du Luxembourg“ droht ein ähnliches Schicksal. Yves Mersch, der international angesehene Chef der noch jungen Institution, ist in Luxemburg ein Rufer in der Wüste.
Börsen-Zeitung, 28.2.2009 (Frank Bremser)
Der Glaube an Kassandra
[…] die Welt steuert auf ein hohes Angebotsdefizit zu […]. Doch die Rufe der Experten verhallen nahezu ungehört […] Es wirkt ein wenig wie die Prophezeiungen der Seherin Kassandra, die richtigerweise den Untergang Trojas vorhersagte, der aber niemand glauben wollte. Die Angst aufgrund der Wirtschaftskrise überschattet derzeit jede anders lautende Stimme.
Kassandra interessiert hier ausschließlich in ihrer Rolle als Seherin – sie hat vom Gott Apollon die Gabe der Prophezeiung erhalten. Da sie aber die Liebe des Gottes und anderer sterblicher Männer zurückweist, straft sie der gekränkte Apoll und verfügt, dass niemand ihren warnenden Worten je Glauben schenken würde.
Der Kassandra-Mythos verweist also auf die Außergewöhnlichkeit der Figur des Propheten. Der Prophet wendet sich gegen die Massenmeinung, wie etwa der Chefvolkswirt der Deutschen Bank oder der Chef der Luxemburger Zentralbank. Andererseits ist es aber auch denkbar, dass man seine Besonderheit gerade gegen die vielen Kassandrarufe unter Beweis stellt und sich dadurch profiliert.
Die Attraktivität dieser mythischen Gestalt, überhaupt der antiken Mythen für den ökonomischen Diskurs ergibt sich u. a. daraus, dass es auf den Finanzmärkten ja nicht nur um die Abbildung von gegenwartsbezogenen Zustandsgrößen geht. Das Finanzmarktwissen bezieht sich zu einem nicht geringen Teil auf prognostische Erwartungen, für die häufig sichere Anhaltspunkte fehlen. Zentraler Bestandteil des medialen ökonomischen Diskurses sind daher z. B. meteorologische Metaphern („Börsenbarometer“, „Wolken am Konjunkturhimmel“, „Wirtschaftslage“, etc.), die den deutungsoffenen Horizont der empirisch schwer nachvollziehbaren Dynamik des ökonomischen Geschehens betonen. Aber zugleich – und das ist das Wesentliche – dient die Vielzahl an meist verdeckten meteorologischen Metaphern zur Herstellung von Evidenz und Selbstverständlichkeit des finanzwirtschaftlichen
[…] mehr noch als der elaborierte literarische Diskurs sorgen heute die medialen Diskurse für die Fortschreibung der mythischen Geschichten und fordern zum Nachdenken über den Mythos und seine Rezeptionsmöglichkeiten auf.
Handelns, indem sie die Vorstellung eines unabänderlichen physikalischen Ablaufs von ökonomischen Prozessen vorantreiben. (Reichert 2009)
Eine korrespondierende Funktion haben dabei die antiken Mythen auf einer kulturellen Ebene zum Erwerb symbolischer Kapitals. Durch ihre kollektivsymbolische Verwendung wird signalisiert, dass das ökonomische Handeln mit den Grundlagen der abendländischen Kultur auf einer Stufe steht. Die Mythen heben das Finanzmarktwissen aus dem Bereich der Alltagserfahrung und anderer regionaler, sozialer wie kultureller Bedingungen heraus. Das Handeln der Akteure auf dem Markt wird mit einem mythischen Handeln in Beziehung gesetzt, zumal der Fetischcharakter der Waren im Geld als dem – so Karl Marx – „Gott unter den Waren“ (MEW, Bd. 42, S.148) seinen höchsten Ausdruck findet. Die Vieldeutigkeit der Geschichten, die Unüberschaubarkeit der Verwandtschaftsverhältnisse und das – wie es der Romantiker Friedrich Schlegel einmal formuliert hat – „Gewimmel der Götter“ entspricht der Auffassung, dass es kein endgültiges Wissen der Finanzmärkte geben kann. Das unergründliche Wesen der Mythen verweist auf die mit rationaler Logik kaum erfassbare, eigendynamische Funktionsweise der Finanzmärkte und legitimiert sie gegen alle Versuche ihrer Bändigung.
In diesem Zusammenhang stehen auch die aktuellen Applikationen antiker Mythen in der Wirtschaftsberichterstattung, wie sie z. B. im Cover eines Wochenmagazins evident werden:
Focus, 22.10.2010
Die sog. Venus von Milo gehört zu den bekanntesten Beispielen der hellenistischen Kunst und war bis vor kurzem als traditionelles Symbol weiblicher Schönheit unumstritten. Dass wir angesichts zahlloser Reproduktionen der im Louvre zu besichtigenden Statue einem kulturell normierten Blick unterliegen,
zeigt sich daran, dass wir von jeher gewohnt sind, die Materialität der Plastik zu transzendieren und uns von den fehlenden Armen bei der Konstruktion unseres Schönheitsideals nicht stören lassen. Auf diesen Umstand weist mehr oder weniger ungewollt der Stinkefinger hin.
Welche Auswirkungen die gegenwärtigen Verschiebungen der eingeschliffenen Konnotationen auf das kulturelle Gedächtnis in Europa haben werden, ist noch nicht ausgemacht, bedenkt man jedoch die Halbwertszeit medialer Aufgeregtheiten, so stehen die Chancen recht gut, dass spätere Generationen sich wieder ungetrübt dem Bildungsspiel hingeben können. Wir aber müssen einstweilen Abschied nehmen von einer insgeheim noch auf Johann Jakob Winckelmann zurückgehenden Vorstellung vom Griechentum als „edle Einfalt und stille Größe“.
Gerade dieser Focus-Titel hatte in Griechenland heftigste Proteste und ein negatives Deutschland-Bild nach sich gezogen, wie umgekehrt die Kontinuität des Griechenbildes in Deutschland, aber auch das anderer europäischer Staaten durch die Finanzaktionen staatlicher Institutionen arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. All dies hätte womöglich nicht die Ausmaße an Polemik erreicht, wenn nicht die Medien geradezu zwangsläufig das eh schon im ökonomischen Diskurs vorhandene kollektivsymbolische Potenzial antiker Mythen aufgegriffen und in eine naheliegende Richtung gelenkt hätten. Die Fülle an Skandalen und Verfehlungen in Zeiten, in denen Götter und Menschen noch nicht geschieden waren, ist bestens zur hintersinnigen Konstruktion eines Nationenstereotyps geeignet und wird derzeit genussvoll dem im mehrfachen Sinne armen Land entgegengehalten:
Süddeutsche Zeitung, 24.4.2010 (Marc Beise)
An der Pforte des Hades
[…] Der Ernstfall ist da, seit Freitag, kurz nach zwölf Uhr. Griechenland ist praktisch pleite, die Regierung in Athen bittet die Welt um sagenhafte 45 Milliarden Euro – zunächst.
Wiesbadener Kurier, 17.2.2010 (Christian Böhmer)
EU-Milliarden in den Augias-Stall?
Süddeutsche Zeitung, 25.3.2010 (Martin Hesse)
Neuer Ärger mit den Schweinen
[…] An den Finanzmärkten kursiert seit einigen Wochen ein Kürzel, das alle Sorgen um den Zustand der Eurozone bündelt: PIGS. Auf Englisch heißt das Schweine, und gemeint sind hier jene Mitglieder der Währungsunion, die durch eine unsaubere Haushaltspolitik das bis vor kurzem saubere Image der Gemeinschaftswährung, nun ja, versauen […]
Süddeutsche Zeitung, 27.4.2010 (Christiane Schlötzer)
Am Anfang der Odyssee
Griechenland hat wahrlich genug Probleme. Für ein Manko aber kann es nichts: Das Land ist einfach zu schön. Da hält Premier Giorgos Papandreou eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede an sein Volk, kündet den Seinen eine neue „Odyssee“ an […]. Griechenland wird den Umschwung nicht alleine schaffen, die Odyssee wird ziemlich lange dauern. Das Schiff steuern müssen die Griechen schon selbst. Aber die Europäer sollten nicht für zu harten Wind sorgen. Besser wäre es, die EU hielte sich an einmal getroffene Entscheidungen. Das hellenische Schiff könnte sonst tatsächlich untergehen.
Das dritte Beispiel „Neuer Ärger mit den Schweinen“ dürfte auf die antike Mythologie anspielen, aber nicht auf den Augiasstall, in dem sich ja Rinder befanden. Zu denken wäre hier aber an die Episode in der Odyssee, in der die Zauberin Circe die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt, das Akronym PIGS (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) ist dann wohl in den Redaktionsstuben oder vielleicht gar in den Konferenzsälen der Diplomaten entstanden.
Aufschlussreich sind hier die Bemerkungen des griechischen Ministerpräsidenten im Artikel der SZ vom 27.4.2010. Er verknüpft unterschiedliche Kollektivsymbolbereiche, die Odyssee aus dem Bereich der antiken Mythen mit dem altehrwürdigen Symbol des Staatsschiffes, das seit der Frühen Neuzeit bis heute in der politischen Symbolsprache sehr häufig benutzt wird. Indem die EU hier aufgefordert wird, nicht für zu harten Wind zu sorgen, wird die Institution damit zwischen den Zeilen auch als höhere Gewalt und Autorität anerkannt.
Eine besondere Bedeutung kommt auch dem Bild des Trojanischen Pferdes zu:
Börsen-Zeitung, 18.2.2010
Europas Trojanisches Pferd
[…] Die griechische Krise könnte sich als Trojanisches Pferd erweisen, das Europa auf den Weg in Richtung einer vertieften politischen Integration führt. Man kann es nur hoffen.
Financial Times Deutschland, 28.1.2010
Trojaner voraus
Mit dem offenbar angedachten Kauf eines stattlichen Pakets griechischer Staatsanleihen könnte Chinas Führung nun einen Fuß in die Euro-Zone setzen. Die sofort aufkeimende Furcht, das an sich unverfängliche Milliardengeschäft könne sich als Trojanisches Pferd erweisen, ist berechtigt: Gerät Griechenland wirklich irgendwann in Zahlungs-
schwierigkeiten, könnte China ihm mit weiteren Milliarden zur Seite springen – und dafür politische Gefälligkeiten einfordern.
Im ersten Beispiel wird versucht, die mit dem Trojanischen Pferd eigentlich verbundenen negativen Konnotationen vom Eindringen eines Feindes ins Positive zu lenken und das Ganze wirkt dadurch etwas gezwungen. Das zweite Beispiel erläutert ausdrücklich im Text noch mal den Begriff „Trojaner“ und verknüpft mit der griechischen Finanzkrise die Vorstellung vom Trojanischen Pferd als Gefahr der heimlichen wirtschaftlichen Übermacht der Chinesen.
Gerade das Symbol des Trojanischen Pferdes weist auf eine auffällige Lücke in der Symbolisierungspraxis der Medien im Zuge der griechischen Finanzkrise hin. Unter dem Material fand sich merkwürdigerweise bislang kein Beispiel dafür, dass die Griechen selbst als die Erfinder des Trojanischen Pferdes benannt worden wären, was ja nach Verlauf des Geschehens vor Troja durchaus nahe gelegen hätte.
Das hätte aber auch bedeutet, die EU, die bekanntlich in vielerlei Hinsicht eine Festung ist, implizit auch noch mit dem untergegangenen Troja gleichzusetzen. Und die Griechen hätten sich zumindest symbolisch schon einmal als potenzielle Sieger in der gegenwärtigen Auseinandersetzung fühlen dürfen – das war dann offenbar doch zu viel des mythologischen Bildungsspiels. ♦
Literatur
Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max (1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.
Barthes, Roland (2010): Mythen des Alltags. Frankfurt a. M. (vollständige deutsche Ausgabe).
Blumenberg, Hans (1979): Arbeit am Mythos. Frankfurt a. M.
Link, Jürgen/Parr, Rolf (2007): Projektbericht: diskurs-werkstatt und kulturRevolution. Zeitschrift für angewandte diskursstheorie. Forum: Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 8 (2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fgs0702P19. (Stand: 3.5.2011)
Reichert, Ramón (2009): Das Wissen der Börse. Medien und Praktiken des Finanzmarktes. Bielefeld.
Schwanitz, Dietrich (1999): Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt a. M.
Das unergründliche Wesen der Mythen verweist auf die mit rationaler Logik kaum erfassbare, eigendynamische Funktionsweise der Finanzmärkte und legitimiert sie gegen alle Versuche ihrer Bändigung.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!