Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Carla Lucarelli

Umfrage, Frage um Frage

– Und Sie leben allen Ernstes in Luxemburg? Und das gibt es wirklich? Ein Land, das so heißt? Hab’ gar nicht gewusst, dass es zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland noch ein Land gibt. Sind Sie also Franzose oder Deutscher? Luxemburger. Na, wenn Sie es sagen. Wir Asiaten können nicht in solch kleinen Einheiten denken, nehmen Sie es mir nicht übel. Ach so, und dann sind Sie Luxemburger und Ausländer? Sagen Sie, Sie nehmen mich nicht auf den Arm, oder? Ausländischer Herkunft. Na dann. Kommen Sie wenigstens aus einem richtigen Land? Italien. Das kenn’ ich! Die haben einen Papst. Ja, wenn Sie also aus einem richtigen Land kommen, was hat Sie dann in dieses Luxemburg verschlagen? Übrigens, klingt wie Luxusburg, finden Sie nicht? Nein, ich finde mich nicht besonders spirituell. Ich informiere mich. Man wird doch wohl … Sie sind also Luxemburger ausländischer Herkunft und haben keinen Sinn für Humor. Sagen Sie mal, und Sie sind sich sicher, dass dieses Luxemburg keine deutsche Provinz ist? Ich finde nämlich, Sie klingen ziemlich deutsch. Na, werden Sie jetzt nicht unverschämt, Sie! Bevor Sie bis drei gezählt haben, könnten wir Ihren Landfleck gekauft haben. Wenn es nicht schon soweit ist. Womöglich sind Sie schon Ausländer in diesem Land, das Ihnen gar nicht mehr gehört. Doppelter Ausländer sozusagen. Nicht witzig? Na, das hängt vom jeweiligen Sinn für Humor ab. Nennen Sie es asiatischen Humor, wenn Sie wollen.

– Luxemburg, Sie fragen mich nach Luxemburg? Na, das ist wie ein verträumtes

Märchenschloss, was soll ich sonst dazu sagen? Idyllisch. Für Bürgertum und Mittelstand. Die untersten Schichten? Da kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ich müsste lügen. Proletariat? Benutzt eigentlich jemand dieses Wort heute noch? Darf man das überhaupt? Ja, sicher gibt es die Proletarier. Aber wie die leben, kann ich Ihnen nicht sagen.

– Eine Bank wäscht die andere. Wenn Sie mir mit solchen Vorurteilen kommen, brauch ich erst gar nicht mit Ihnen zu reden. Was wissen Sie über uns? Hier leben Menschen! Aus Fleisch und Blut! Das ist eine durchgehende Beleidigung, ein ganzes Volk so abzufertigen. Wir haben eine Kultur, Traditionen! Banken erst seit dreißig Jahren!

– Ja ich bin froh darüber, Luxemburger zu sein. Oder sagen wir mal, es ist mir ziemlich egal. Ich bin Europäer. Aber es stört mich nicht, Luxemburger zu sein. Das Einzige was nicht so toll war: als Kind Luxemburger zu sein. Wegen des Fußballs. Wegen des Sports im Allgemeinen. Diese ewigen Niederlagen der Nationalmannschaften. Und unser Nachbar, der Giovanni, hatte immer tolle Trikots seiner italienischen Fußballmannschaft übergestülpt. Wie ich das Problem gelöst habe? Ich bin Bayern-München-Fan geworden.

– Also, kulturell läuft hier in Luxemburg so manches. Was genau? Also, kulturell läuft hier in Luxemburg so manches. Schriftsteller? Ob wir welche haben? Also, da muss ich ehrlich gestehen, ich lese nicht viel.

– Die Monarchie? Ja, wieso nicht? Aber nicht so. Standesgemäß!

– Subversiv? Nein, subversiv ist man bei uns nicht. Dafür regnet es zu oft.

– Ja. Nur ein Elternteil allerdings. Meine Mutter ist belgischer Abstammung. Aber ich denke in Luxemburg werden Sie nicht viele Menschen finden, deren beide Elternteile seit Generationen Luxemburger sind. Ich fühle mich durch und durch als Luxemburgerin. Ich mag die Natur in Luxemburg. Die Wälder, die Landschaften. Ich liebe es, einfach übers Land zu schlendern. Die Städte mag ich weniger. Im Allgemeinen. Aber unsere Städte lieber noch als diejenigen im Ausland. Es bleibt alles übersichtlich. Menschlich sozusagen, hier bei uns … Kennen Sie André Gorz?

– Als Künstler musst du raus. Du musst raus hier. Diese provinzielle Kleinbürgeratmosphäre hat mich als Jugendlicher fertig gemacht. Ja, ich komme öfters zurück nach Luxemburg. Auch des Geldes wegen, geb’ ich ehrlich zu. Und weil ich mit der Zeit immer kontemplativer werde. Ich habe vor kurzem ein Atelier im Ösling gekauft. Irgendwann geht einem der Großstadthype auf den Sack, sorry, auf die Nerven. Die Großstädte werden immer hässlicher und mutieren immer konsequenter zum chaotischen Rummelplatz. Zum Dschungelcamp, wie es in dieser debilen Fernsehsendung heißt.

– Eltern beide Ausländer. Aber ich habe mit zwanzig die luxemburgische Staatsbürgerschaft angenommen. Ich bin hier

Tomáš Werner, Lucky Day (2010)

geboren und aufgewachsen. Also ganz Luxemburger fühlt man sich nie, aber zu fünfundsiebzig bis achtzig Prozent schon würde ich sagen. Wie ich das ausrechne? Na, im Kopf. Nein, ehrlich, nach dem Abitur bin ich an die Universität ins Heimatland zurück. Da habe ich es gemerkt. Eine andere Mentalität, ganz andere Lebensbedingungen, Lebensgewohnheiten auch. Natürlich habe ich noch etwas mit diesen Leuten gemeinsam, aber das macht halt zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent aus, nicht mehr. Doch jede Geschichte ist individuell. Ich kann nur für mich reden. Was ich aber mit vielen Einwandererkindern teile, denke ich, ist dieses ständige Nichtganzdazugehörigkeitsgefühl. Hier bist du Ausländer, dort wirst du ebenfalls als Ausländer betrachtet. Hat aber andererseits auch seine positiven Seiten, manchmal.

– Also, ich bevorzuge es, wenn Menschen, die in Luxemburg arbeiten und wohnen oder auch nur arbeiten, Luxemburgisch reden. Das will ich einfach mal gesagt haben. Ich beherrsche auch andere Sprachen, aber ich fühle mich besser, wenn ich mit jemandem luxemburgisch reden kann. Das ist einfach so. Wenn ich mich mit der Verkäuferin in der Sprache ausdrücken kann, die ich am besten beherrsche. Das

ist einfach so. Hat nichts mit Rassismus zu tun. Ist ein Gefühl. Ist mein Gefühl. Und dafür brauche ich mich nicht zu schämen.

– Ob ich je mit Rassismus konfrontiert worden bin, hier in Luxemburg? Ich habe das nie wirklich so empfunden. Aber wenn ich im Nachhinein zurückdenke. Ich kam in den Kindergarten und sprach nur meine Muttersprache. Ich hab’s dann einfach auf einmal gekonnt, dieses Andere, das Luxemburgische. Ich mache auch keine Fehler, also nicht die typischen Ausländerfehler. Das hat vielleicht eine Rolle gespielt. Nein, in der Grundschule hatte ich nicht wirklich das Gefühl, mit Rassismus konfrontiert zu sein. Waren kaum Ausländer in meiner Klasse. Das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Wenn ich zurückdenke, gab es eventuell im Gymnasium ein paar Situationen. Aber auch da würde ich nicht unbedingt von Rassismus reden, eher von etwas, das ich „Klassismus“ nennen würde. Da kam ich auf einmal mit Kindern zusammen, deren Eltern der gehobenen Mittelschicht angehörten. Auf dem Dorf waren wir alle Arbeiter-, höchstens Beamtenkinder. Da, muss ich sagen, da gab es ein paar Situationen, ja. Und ein paar Lehrer. Aber unter den Lehrern gab es nur eine, die mich wirklich verletzt hat.

– Was ich an Luxemburg schätze? Die Stabilität. Ganz klar. Die Stabilität. Wo finden Sie das, dass ein Premierminister fast zwanzig Jahre im Amt bleibt? Nein, ganz klar, wir sind ein stabiles Land. Und mit Gottes Segen bleiben wir das auch.

– Was soll ich Ihnen sagen? Ein Leben ohne Überbau ist ein Leben ohne Überbau, sei es in Luxemburg oder sonst wo. Der Überbau ist das Problem. Überleben ohne Leben. Am Leben bleiben ohne Bau. Ohne Überbau eben. Sinnlos.

– Bauen ja, bauen bis der letzte Fleck Land zerstört und sie im Geld ersticken. Abscheulich. Der Mensch ist abscheulich. Der Luxemburger nicht weniger. Denkt im Ernst er habe dieses ganze Geld, weil er klug sei. Besser sei. Verdient habe, es besser zu haben. Besser zu leben. Mit modischen Medikamenten zu sterben. Nicht weil er skrupellos ist und es hier jedem scheißegal ist, woher das ganze Geld stammt. Hauptsache drei Mal Ferien im Jahr. Mit Luxair. Mindestens einmal davon. Bald wird aber Schluss sein mit lustig.

– Ein schlechtes Gewissen? Wieso? Wer, wenn nicht wir? Die Kaimaninseln? Warum sollen wir denen … ? Monaco? Jersey? Die Schweiz? Nein, ich habe kein

schlechtes Gewissen. Das überlasse ich denen, die ihre Produktion nach Bangladesch auslagern. Für neunundzwanzig Euro im Monat riskieren dort Frauen ihr Leben in baufälligen Gebäuden, damit andere Frauen sich bei Mango unzählige Kleidungsstücke billig kaufen können. Oder teure bei Zadig et Voltaire. Ja, auch die werden dort hergestellt! Die sollten ein schlechtes Gewissen haben, nicht ich!

– Kulturell gesehen? Ein großes Angebot. Ein viel zu großes Angebot würde ich sogar wagen zu sagen. Man müsste viel vernünftiger vorgehen. Theater, Philharmonie, jedes Dorf mit eigenem Kulturzentrum. Und keine Nutzer. Also nicht genügend auf jeden Fall. Außer die paar Prestigehäuser. Das erinnert mich an diesen blöden Satz, den wir als Jugendliche auf unsere Bücher klebten: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Nein, es gälte alles zu überdenken. Zuviel Geld verpulvert. Aber tolle Highlights, ausländische Produktionen meistens, das ist dann wiederum positiv. Spezifisch luxemburgisch? Die Kulturszene? Also da kenn‘ ich mich nicht gut aus, aber was ich so höre … Schriftsteller? Also hier scheinen sich nur Kindheitserinnerungen und Kriegserinnerungen zu vermarkten. Und Kochbücher.

– Ja, ich bin Kulturschaffender. Ja, in Luxemburg. Ja, das gibt es. Ja, es ist schwer. Ja, aber möglich. Ja, anderswo auch nicht einfach. Ja, staatliche Hilfen auch. Ja, aber nicht genug. Ja, ich komme über die Runden. Ja, teilweise auch dank meiner Familie. Ja, man müsste meines Erachtens viel mehr Geld in die Kultur investieren.

– Je ne comprends rien à ce que vous dites. Vous pouvez répéter en français svp.? Ça doit bien faire quinze ans que je travaille ici. Le luxembourgeois? Pour quoi faire? Je travaille dans une institution où l’on parle tout sauf le luxembourgeois. Français et anglais surtout, en ce qui me concerne. Ce que je pense du pays? Chouette pays, bien tenu. Propre et soigné. Et les salaires élevés. Le prix de l’immobilier, je n’en sais rien, je n’habite pas ici. Je veux que mes enfants soient scolarisés en France. Je veux pouvoir les aider s’ils ont des difficultés scolaires.

– Auf jeden Fall ist Luxemburg das einzige Land, das ich kenne, in dem die lan-

desweit meistgelesene Tageszeitung der katholischen Kirche unzählige Seiten widmet, in denen Nonnen und Bischöfe tagtäglich vor sich hin lächeln und die Muttergottes immer ihren Platz findet. Das ist halt das Erste, das mir aufgefallen ist, als ich angefangen habe, hier zu arbeiten. Aus Deutschland. Aus dem Grenzgebiet, jenseits der Mosel. Aber ein tolles Völkchen, diese Luxemburger. Nein, ich fühle mich wohl bei ihnen.

– Ich bin Lehrerin. Sekundarschule. Ich verdiene mein Leben relativ gut hier, im Gegensatz zum nahen Ausland. Für weniger würde ich es nicht tun. Kein einfacher Job. Ein Gesellschaftsproblem, das Ganze. Die Schule wird das Problem auch nicht lösen. Dafür stehen nicht genügend Mittel zur Verfügung, und es gibt keinen politischen Willen, ich meine, richtigen Willen am richtigen Ort. Aber ich mag die Kinder. Die sind nicht schuld. Doch ist es manchmal schon hart zu wissen, in welche

Welt man sie entlässt, und dass man sie teilweise belügt, belügen muss, damit sie den Mut nicht verlieren.

Das Schlimmste, was mir je passiert ist? Eine Schülerin wird ohnmächtig. Sie ist aber bald darauf wieder bei Bewusstsein. Sie will nicht, dass ich den Krankenwagen rufe oder ihre Mutter benachrichtige. Nach der Unterrichtsstunde rufe ich sie zu mir. Ich will wissen, was los ist. Sie ist sehr blass. Schweigt aber lediglich. Schließlich gesteht sie, dass sie seit fünf Tagen kein Geld mehr hat, um sich eine Mahlzeit in der Schulkantine zu leisten. Ich solle es aber bitte nicht der Klasse sagen. Sie würde sich schämen. Die Mutter ist alleinerziehend mit drei Kindern und kann ihr in dieser letzten Woche des Monats kein Geld mehr geben. Seit fünf Tagen ist sie Brot. Ich habe ihr Geld gegeben und sie aus dem Klassensaal entlassen. Dann habe ich geweint. ♦

Des Rails et a participé à des lectures publiques de poésie.

Cinq de ses textes ont été publiés dans l’anthologie La poésie érotique féminine française contemporaine, parue en 2011 aux éditions Hermann à Paris. En 2011, elle obtient une mention spéciale du jury au Concours national de littérature pour son recueil en langue allemande Lyrikfetzen mit Hund und Dame.

Son recueil de poésie française Aquatiques paraît aux éditions Phi en 2012. En 2012, elle obtient le 3e prix au Concours national de littérature pour sa nouvelle Le Prix du silence, publiée en 2013 dans son recueil de microfictions, Terrains vagues, paru à Lille aux éditions Les Venterniers.

Son premier roman va paraître aux éditions Phi à la fin de l’année 2013. Elle travaille actuellement à mi-temps comme professeur de français dans un lycée.

Carla Lucarelli, née à Luxembourg en 1968, études de lettres, d’histoire de l’art, et études théâtrales. A écrit plusieurs pièces de théâtre dont l’une, Männer plus minus, a été mise en scène à Saarbrücken et une autre, Zwei Schwestern, Fragmente einer Verwandtschaftsgeschichte, a fait l’objet d’une mise en espace lors de la Foire du théâtre 2011 au Centre National de littérature à Mersch. A en outre pratiqué le théâtre comme metteur en scène et comédienne. A également figuré comme comédienne dans la sitcom luxembourgeoise Comeback, diffusée sur RTL. A publié des textes dans des revues en ligne telles Mouvances, À la Dérive, ou

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code