Underground am Escher Schluechthaus

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"In keiner Region Luxemburgs finden Jugendliche (und andere) heutzutage ein befriedigendes soziokulturelles Angebot." Unbestreitbar treffend beschrieb derart Nathalie de Goede in der letzten Nummer dieser Zeitung den traurigen Zustand der Luxemburger Kulturlandschaft. Trotz gelungener kultureller Importe kann 1995 diese Lage nicht ändern.

Im vorigen "forum" fand sich eine ausführliche Schilderung dessen, was sich die Verantwortlichen

unter ihrer Kulturfabrik in Esch vorstellen. Im folgenden Artikel will ich das musikalische Schaffen an diesem Ort beschreiben. Wie in allen anderen Kunstbereichen zeigt sich auch hier das Escher Kulturzentrum als einziger Versuch, das oben angeführte Zitat in die Vergangenheit zu verbannen.

Die Achtziger

Nachdem schon 1980 die Theater GmbH eine Aufführung in den kurz vorher verlassenen Räumen des alten Escher Schlachthofs veranstaltete, kam es 1982 unter der Führung der gleichen Vereinigung zur seitens der Gemeindeverwaltung widerwillig geduldeten Besetzung. Eine ganze Reihe Gruppen starteten Theater, Kino, Ausstellungen, multikulturelle Feste, usw. Sie schlossen sich zu einer Dachorganisation, der Kulturfabrik, zusammen. Von etwa 1985 an wurden einige Räume gegen geringes Entgelt verschiedenen Rockmusikern zum Proben bereitgestellt. Wenn in Bereichen wie Theater und Film heutige Größen der Luxemburger Szene dem Escher Schluechthaus entstammen, so ist dies in vermehrten Maße wahr für die Rockmusik. Die ersten Gruppen, die in der Kulturfabrik probten, nannten sich: Elvis Just Left the Building, Nazz Nazz, D’Juju. Namen, die in der Folge und bis zum heutigen Tag einheimische Rockgeschichte schrieben. Weitere Pioniere der ersten Tage hießen Kwisatz Haderach, Waiting for GM, M-Experience, Supper’s Ready, Luca & His Friends; sie sollten bald verschwinden. Die Musiker tauchten unter anderen Namen auf und füllten die ellenlange Liste der in Esch tätigen Rockgruppen.

Höhepunkte dieser ersten, etwa fünf Jahre dauernden Phase waren die Open-Airs, mit Nazz Nazz und D’Juju, sowie die erste Auflage von ‚Looking for the Best‘, in den Jahren 1986 und 1987. Zu der gleichen Zeit entstand JAM: Jazz Am Minett. Dieser Verein veranstaltete seine Free-Jazz-Konzerte während drei Jahren im Schluechthaus. Dann kapitulierte er wie andere wegen der unmöglichen Infrastruktur und der scheinbar aussichtslosen Zukunft und zog um.

Die Neunziger

Elvis Just Left The Building zeichnete sich mit Punkrock aus vor allen anderen, traditionell blues- oder folk-orientierten Gruppen im Escher Schluechthaus.

Sie waren denn auch der Anziehungspunkt für ein junges Publikum, aus dem sich nach und nach mehrere Gruppen herausschälten, die gleichfalls die Proben im Escher Kulturzentrum aufnahmen. Die sehr jungen Musiker fanden kaum Kontakt zu der damals vorherrschenden Szene; sie reisten mit Bus und Zug an, verfügten über wenig Zeit und Geld. Doch frönten sie hier ihrer Lieblingsmusik, dem Punk, später dem Hardcore. Sie fanden Kontakte und bauten sich ihr Umfeld auf. Manche entwickelten das nötige Bewußtsein für die Wichtigkeit der Strukturen und übernahmen selbst Verantwortung. Es war der gewisse Touch von Geselligkeit, von Gemütlichkeit, der sie mit der Kulturfabrik verband.

‚Elvis‘ stellte das technische Material zur Verfügung, das die ersten Konzerte dieser musikalischen Richtung ermöglichte; es waren anfangs eher Parties. Subway Arts spielten auch auswärts, gingen gar ins Ausland. Sie kannten einen bemerkenswerten Erfolg mit ihrer harten Musik und den sozialkritischen Texten. In den Jahren 1991 und 92 gab es regelmäßig Konzerte in einem kleinen Speicherräum. Der große Saal war zu geräumig für die noch kleine Anhängerzahl; es konnte nicht daran gedacht werden, eine dazu ausreichende PA zu mieten.

Nach einiger Zeit führten Meinungsverschiedenheiten zwischen Veranstaltern und den Verantwortlichen der Kulturfabrik dazu, daß diese Konzerte ein-

"Der sozial-kritische Text einer Schnurze wird nie gehört werden. Wenn Du jedoch ein Lied über Selbstverstümmelung herausschreist und Dir dabei ins Gesicht schneidest, so hast du mit Sicherheit einen wirkungsvollen Auftritt!"

gestellt wurden; es wurde ruhig, im wahrsten Sinne des Wortes, im Schluechthaus. Dies geschah im Jahre 1993, wohl auch auf Druck der Escher Gemeinde, die einmal mehr versuchte, dieses Mal mit sicherheitstechnischen Einsprüchen, das ungeliebte Kulturzentrum einer endgültigen Auflösung zuzuführen.

1994 entschied die Kulturfabrik, die Veranstaltung der Konzerte selbst in die Hand zu nehmen. Damit sollte eine gleichbleibende Güte und ein regelmäßiges Stattfinden gewährleistet werden. Seit einem Jahr finden wieder Konzerte statt, im großen Saal, etwa zweimal pro Monat.

Alle Gruppen namentlich aufzuführen, ist ein Ding der Unmöglichkeit und wohl auch von geringem Interesse. Elvis Just Left The Building gab erste Impulse, Subway Arts und, in geringerem Maß, No More setzten die Szene in Gang. Heute dürfte Wounded Knee das Aushängeschild der Escher Hardcore-Szene sein.

Hardcore

Sehr laute, meist schnelle Musik, engagierte, aber unverständlich geschriebene Texte sind Markenzeichen der Hardcoremusik.

Derartige Themen fanden sich seit jeher in der Rock- und besonders der Punkmusik. Wie so viele entstand diese Bewegung in den Vereinigten Staaten. Es waren Jugendliche aus der Mittelschicht, die auf diese Weise ihre Gesellschaftskritik zu Gehör brachten. Aus anderen Schichten entsprossen ähnlich gelagerte Sparten des musikalischen Spektrums: der Rap zum Beispiel.

Die extreme Art der Musik des Hardcore und des gesamten Auftretens ist Trägerin des "Message", der Botschaft. "Der sozial-kritische Text einer Schnurze wird nie gehört werden. Wenn Du jedoch ein Lied über Selbstverstümmelung herausschreist und Dir dabei ins Gesicht schneidest, so hast du mit Sicherheit einen wirkungsvollen Auftritt!"

Diese Szene verschloß sich stark nach außen. Öffentlichkeitsarbeit wurde bewußt nicht getrieben; Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitete die Kunde der Konzertdaten. Hier spielte der Gedanke mit, alles zu vermeiden, was ‚kommerziell‘ scheinen könnte. Doch war die eigentliche Ursache für diese Geheimniskrämerei wohl eine andere: Wie bei allen Jugendbewegungen ist es für die Beteiligten

wichtig, sich abzusondern, anders zu sein als die übrigen, eigene Lebensgewohnheiten zu entwickeln, sich über Sprache und auch Mythen vom Rest der Welt abzusetzen. Wie in den Sechzigern Rockmusiker und Hippies, in den Siebzigern die Punks, kannten nun die Hardcore-AnhängerInnen den Reiz dieses Spiels. Doch ihre Bewegung sollte die gleiche Entwicklung erfahren wie die früheren; mit zunehmender Bekanntheit bemächtigen sich Kommerz und Industrie der Erfolg und Geld versprechenden Mode. Mittlerweile läuft Hardcore auf den meisten Radiosendern, auf MTV usw. Gruppen wie Bad Religion sind weltweit bekannt. Doch gerade ihnen sollte man zugute halten, daß sie trotz des Erfolgs ihre Ideen nicht verwässerten. Sie spielen die gleiche Musik, benutzen dieselben Texte wie vor zehn oder fünfzehn Jahren, als sie auf dem Schluechthaus vergleichbaren Bühnen auftraten.

Zukunft

Die Verantwortlichen der Escher Kulturfabrik veranstalten wieder Konzerte aus allen Bereichen der modernen Musik. Sie bestehen darauf, eine Alternative zu bleiben; sie wollen keine getretenen Pfade, so wenig Kommerz wie möglich. Gerade im Bereich der Rockmusik tummelten sich stets alternative Musiker, die im übrigen auch immer im Schluechthaus vertreten waren: ich nenne nur Jolly And The Fly Trap oder, kürzlich, A Subtle Plague.

Ehemalige, wie Nazz Nazz, stellten fest, daß allein das Schluechthaus die geeigneten Bedingungen für eine Rockband bietet: sie wollen zurück.

Die allgemeinen Aussichten sind günstig wie nie zuvor. Es trafen gute Nachrichten ein (siehe "forum" Nr. 160): die Bereitstellung von erheblichen finanziellen Mitteln des Fonds Européen de Développement Economique Régional; die nach zweijähriger Probezeit erfolgte endgültige Aufnahme in das Trans-Europe-Halles-Netzwerk, das die bedeutenden selbständigen Kulturzentren Europas vereint, wie Melkweg in Amsterdam, Halles de Schaerback in Brüssel; das Entgegenkommen unserer Kulturministerinnen; das kaum erhoffte exulische Einsehen der lange Zeit widerstrebenden Escher Gemeinde, daß ein weitgehend auf eigenen Füßen stehendes Kulturzentrum à la Melkweg die öffentliche Hand erheblich weniger belastet als ein gemeindeeigenes, wie die Trierer Tuchfabrik.

Disagreement – eine Streitschrift

Eine Zeitung als Pamphlet – die Idee ist so alt wie die geschriebenen Wörter und doch etwas in Vergessenheit geraten in unserer modernen Welt. Im Süden unseres Landes gibt es solches seit 1989. Die Herausgeber waren damals Schüler in einem Escher Lyzeum und kannten sich von ‚Schluechthaus‘ her. Sie verstanden darin ihr literarisches Werk als alternative Schülerzeitung, als Trotzreaktion. Der übliche Aderlaß durch ins Ausland ab-

Radio Ara strahlt

jeden Sonntag
von 14 bis 15h30
die Sendung aus:
‚Der Däwel steet virun der Dir‘.

Frequenzen: 103,3 oder 105,2 MHz
oder Gemeinschaftsantenne.

wandernde Studenten veranlaßte wechselnde Besetzung; mittlerweile besteht sie sowohl aus Schülern, Studenten, die von ihrer Universität her als Korrespondenten mitarbeiten, aus angehenden und im Beruf stehenden Lehrern und Psychologen.

Erster inhaltlicher Schwerpunkt der Zeitung ist Musik: sie spielt eine wesentliche Rolle im Leben der Autoren, sie füllt den größeren Teil der Freizeit. In der Escher Kulturfabrik finden eine Menge Konzerte mit Underground-Gruppen statt, die in den anderen Medien kaum erwähnt, geschweige denn ausführlich beschrieben werden. Von diesem Ausgangspunkt her entstanden die Rubriken mit Konzert- und Plattenbesprechungen; gute Kontakte zu Labels mit Independant (Indie) und Hardcore-Musik erlaubten die Vorstellung einer Unzahl musikalischer Produkte, die selbst Eingeweihten unbekannt sind. Demo-Tapes werden besprochen, von Gruppen, die sich keinen anderen Tonträger leisten können oder wollen. Die Auflage solcher Platten ist sehr gering; die allerbekanntesten erreichen 20.000 Exemplare, die meisten allerdings kaum tausend. Disagreement will keinesfalls kommerziell erfolgreiche Musik unterstützen, da diese in anderen Medien ausreichende Erwähnung finden; je unbekannter die Band, desto lieber ist sie den Autoren. Die entsprechenden Auftritte im ‚Schluechthaus‘ ermöglichen den direkten Kontakt zu den Musikern; die Interviews machen einen wichtigen Teil der Zeitung aus.

Logische Ergänzung dieses musikalischen Zeitungsteils ist die Sendung der Verantwortlichen auf Radio ARA: Hier ist die unmittelbare Vorstellung der Musik möglich.

Politische Themen werden von verschiedenen Autoren des Disagreement angesprochen. Die Kluft zum musikalischen Teil ist nicht breit, denn es liegt in der Tradition von Rock- und vor allem

Punk-Musikern, sich mit Mißständen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ausbeutung in der dritten Welt, Umweltschutzprobleme, Berichte über die rechtsextreme Szene und gegen faschistische Umtriebe, Sexismus und Rassismus, aber auch über die unmenschlichen Begleiterscheinungen der kommunistischen Machthaber, werden regelmäßig angesprochen. Die meisten Schreiber verstehen sich als politisch links stehend: mit Parteipolitik wollen sie jedoch nicht das Geringste zu tun haben. Jeder schreibt natürlich seine persönliche Meinung; es kann demnach vorkommen, daß in einer Nummer das gleiche Thema von gänzlich verschiedenen Standpunkten her angepackt wird. Jede Meinung ist erwünscht – aber nicht von der rechten Seite des politischen Spektrums: die ‚Schluechthaus‘-Szene ist anti-rechts.

Verschiedene Artikel beschreiben die Auffassungen über den Lebensstil ihrer Autoren: z.B. den Vegetarismus. Dies geschieht eher beschreibend als missionierend; früher herrschten hier allerdings militantere Töne.

Disagreement ist nicht Teil der Kulturfabrik. Die Herausgeber nehmen jedoch seit 1990 am Leben und vor allem an der Musik im alten Escher Schlachthof teil, auch aktiv als Musiker. Das ‚Schluechthaus‘ prägte alle Mitarbeiter dieser Streitschrift. Während ihre Mitschüler durch Diskotheken zogen, gingen sie in der Kulturfabrik aus. Sie lernten viele Leute kennen, gerade auch Musiker, und fanden ihr Umfeld, ihr Milieu. In den frühen Neunzigern gastierten hier viele Kultgruppen der amerikanischen Staightedge-Szene: kein Fleisch, kein Alkohol, keine Drogen, hieß die Devise, für einige nun vergangene Zeit. Die Disagreement-Leute sind der Ansicht, daß in Zukunft dieser spezifische Charakter der Kulturfabrik erhalten werden muß. Sie wollen keine großen Konzerte mit bekannten Gruppen und einer Menge Zuschau-

er, die mit diesen Ideen und Idealen nichts am Hut haben.

Andere Treffpunkte ‚ihrer‘ Szene sind das Café A in Oberkorn, mit manch interessanten Konzerten wie kürzlich der amerikanischen Punk-Legende Jeff Dahl, und das Café Vox in Esch. Hier herrscht Stimmung und Musik à la Schluechthaus; gelegentlich finden kleine Konzerte statt.

Der Einsatz der Autoren des Disagreement findet keine Fortsetzung im alltäglichen Leben. Sie schreiben sich ihren Frust von der Seele: ein Frust, der im übrigen so groß gar nicht ist. Die ihren Beruf ausübenden Lehrer wollen keinen Umsturz in der Schule; doch versuchen sie, den Kindern und Jugendlichen ebenfalls Themen nahezubringen, die sie im Disagreement behandeln. An Demonstrationen gegen Rassismus und Faschismus nehmen sie stets teil; zu eigenen Anstößen fehlt die Energie. Sie bezeichnen sich selbst als lethargisch. Doch manche Mitarbeiter sind aktiver: der Österreich-Korrespondent hat einen eigenen Verlag gegründet.

Viele Kunden kommen aus dem Umfeld der Schreiber; manche kaufen das Blatt sicherlich nur aus persönlicher Sympathie. Doch auch manches Lob für die thematischen Artikel findet seinen Ausdruck bei den Lesern. Es gibt zwei Verkaufsstände: ein Haufen Zeitungen mit einer daneben stehenden Kiste für das Geld. Das System funktioniert, die Kundschaft ist offenbar ehrlich. Der Preis beträgt übrigens 50 F oder mehr, die Stände sind im Studio von Radio ARA und in einem weiteren berühmten Szenelokal: Café Jhang-Jhang am Escher

Theaterplatz. Die Zeitung wird außerdem bei Konzerten im Schluechthaus vertrieben.

Nummer 13 ist vor einigen Tagen erschienen. Sie enthält Interviews mit Jeff Dahl, Di Polloi aus Schottland, den Österreichern Social Genocid, Deterrent und B-Abuse aus deutschen Landen, sowie den hiesigen Pagan Lorn. Die längeren Artikel sind wie folgt überschrieben: "Die Wölfe im Schafspelz – Die kapitalistische Textil-Industrie – Graswurzel-Revolution". Auf den 68(!) Seiten findet der interessierte Leser außerdem jede Menge Musikreviews und -infos. Vom Druck her ist die Zeitung im Gegensatz zu früheren Ausgaben absolut zumutbar.

Ein gutes Dutzend Nummern in sechs Jahren stellen keinen unmäßigen Aufwand dar. Die Verkäufe decken die Kosten. Falls diesbezüglich keine Probleme auftreten, ist das zukünftige Erscheinen von Disagreement abgesichert. Mit zunehmender Rückkehr der ‚Ausländer‘ von ihren Unis könnten die Zeitung sogar einen regelmäßigeren Rhythmus annehmen. Sie ist die einzige ihrer Art, die es über Jahre hinweg schaffte. Andere ähnliche Blätter überlebten allenfalls zwei oder drei Nummern.

Disagreement: Wer nicht den Weg zu den angegebenen Ständen findet, sollte sich wenden an: Pascal Thiel, 47, Cité op Soltgen, L-3862 Schifflange. Preis 100 F, Porto inbegriffen.

Marc Barthelemy

Danke für die Hilfe an diesem Artikel: Misch Hemmer, Paul Hoffmann, Dave Klein, Pattex, Marc Schramer, Pascal Thiel, Lex Thiel. Photos: Misch Hemmer

Der Einsatz der Autoren des Disagreement findet keine Fortsetzung im alltäglichen Leben. Sie schreiben sich ihren Frust von der Seele: ein Frust, der im übrigen so groß gar nicht ist.

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