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Zornig und niedergeschlagen stand ich in der Sängerschar des ‚JUGENDCHOUER BETEBUERG‘ als, vor gut sieben Jahren, Abbé René Reuter die von ihm – im November 1969 – gegründete Gruppe zum letzten Male dirigierte. Nie mehr ‚Jazz-Messen‘ in Bettemburg, die viele Jugendliche, aber auch Erwachsene mit Freude mitfeierten … alles aus, von einem Tag zum andern …, das durfte doch nicht wahr sein! Einige Tage später verstanden es etliche Jugendliche, mich zu überreden, die Nachfolge von Herrn Reuter zu übernehmen. Zwar war ich musikalisch etwas vorbelastet, aber in puncto Jugendarbeit ohne jegliche Erfahrung. So blieb mir nichts anderes übrig, als in die Schule der Jugend zu gehen d.h. in sie hineinzuhören, umso mit ihnen die Gruppe zu führen.

Zuerst gingen wir den vorgezeichneten Weg weiter.

Wir versammelten uns hauptsächlich, um die monatliche Jugendmesse vorzubereiten. Doch bald sahen wir ein, daß es bei rein liturgischer Aktivität nicht bleiben konnte. Es schien uns nämlich verlogen, vom Engagement eines Christen zu singen, selbst aber in vielem inaktiv zu bleiben. So entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einem Jugendchor eine Jugendgruppe, deren verbindendes Element zwar das ANIMIEREN RHYTHMISCHER MESSEN bleibt, die jedoch ohne andere, weiterführende Aktivitäten nicht mehr glaubwürdig wäre.

Die 35 Mädchen und Jungen des ‚Jugendchouer‘ versuchen, sich an JESUS CHRISTUS zu orientieren. Sein Leben war Liebe d.h. totale Hinwendung zum Anderen. Diese ethische Forderung hat er zur Grundlage aller Beziehungen zwischen den Menschen und Gott und aller zwischenmenschlichen Beziehungen gemacht.

Wie versuchen wir, dieser Liebe nachzukommen? Wie versuchen wir, den WEG ZUM LEBEN zu gehen? Erwähnen wir folgende Punkte:

  1. Die FREIHEIT eines jeden unserer Freunde ist unantastbar. Jeder muß in seiner Person, in seinen berechtigten Anliegen ernstgenommen werden. Wir wollen in der Gesinnung Jesu miteinander umgehen, die wir so umschreiben können: "Es ist gut, daß du da bist, daß es dich gibt und daß ich mit dir, daß wir alle miteinander verbunden sind. Wir freuen uns, wenn du dich frei entscheidest bei dieser oder jener Aktivität mitzumachen. Sei KREATIV, denn wir brauchen auch deine Ideen um zusammen weiterzukommen."

Auch Jugendliche haben das Recht

  • ihre Lebensprobleme in ihrer Sprache auszusagen;
  • eigenständig Initiativen zu entwickeln – auch in der Liturgie!!!

Es gilt noch heute das Wort von L. Wolker: "Es kann nicht wahr sein, es darf auch nicht sein, daß eine nach Leben hungernde Jugend das Heiligste als das Langweiligste erleben muß."

Wir treten ein für einen grösseren Freiheitsraum in der kirchlichen Jugendarbeit. Wirklich gute Ansätze einer jugendgemäßen Pastoral finden wir bei "Jeunes en Marche, Dekanat Bêtebuerg". Hier können Jugendliche erleben, wie Gottesdienst Freude macht. Nur so kann eine Eucharistiefeier ihre Funktion als "Schaufenster Gottes, als Festfeier der Liebe, als sichtbar gemachte ‚Frohe Botschaft’" erfüllen (H.M. Schulz)

  1. Wir legen Wert darauf, daß wir alle gleich untereinander sind, ob Schüler, Student, Beamter, Handwerker oder Lehrer. Unsere Gruppe muß eine HERRSCHAFTSFREIE GENEINDE sein. Herrschaftsfrei bedeutet nicht, daß eine Gruppe ohne Autorität, ohne eine bestimmende Ordnung dem Chaos, der Anarchie überantwortet wird. Im Gegenteil. Unser Delegiertenrat mit seinem Koordinator müssen sich ei-

nerseits untergeordnet wissen unter die Botschaft Christi, andererseits versteht sich ihre Aufgabe als Dienst an den Mitgliedern der Gruppe. In einer herrschaftsfreien Vereinigung besteht die Chance, daß jedes Glied die Sache der Gruppe zu seiner eigenen macht.

  1. Jeder von uns darf selbst mitentscheiden, wenn wichtige Beschlüsse zu treffen sind. Er hat das Recht eine Versammlung einzuberufen, wenn es ihm wichtig scheint.

MITBESTIMMUNG UND SELBSTVERWALTUNG sind wichtige Prinzipien im "Jugendchouer". Bisher haben wir auf diesem Gebiet gute Erfahrungen gemacht.

  1. Wir versuchen, uns in aller Offenheit zu begegnen. PERSÖNLICHE KONFLIKTE sollen ausgetragen werden.

  2. PROBLEMEN, die von außen auf uns zukommen, wollen wir nicht aus dem Weg gehen, auch dann nicht, wenn sie unsere Ruhe und Behaglichkeit stören. So haben wir in den letzten Jahren zwei harte Kirchen-Nüsse knacken müssen, haben dabei bittere Erfahrungen gemacht. Fast hätte der eine oder andere von uns aufgegeben. Aber Gott sei Dank hielten wir durch. Der Liebe willen!

  3. Wir suchen den DIALOG MIT ANDERSDENKENDEN z. B. in unserer Zeitschrift PUBLIC, die ein Forum sein soll für alle, die bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören und sich in Frage zu stellen. Public, die seit 1973 regelmässig fünfmal im Jahr erscheint, soll jedem Redaktionsmitglied aber auch allen 400 Abonnenten die Möglichkeit zum freien Meinungsaustausch bieten.

  4. Wir sorgen uns um die ZUKUNFT. So sind wir vertreten im Comité National contre Cattenom und im Mouvement de Liaison des organisations Tiers-Monde. Der Hungertod von Millionen Menschen – größter Skandal unseres Jahrhunderts – geht uns was an. Seit über fünf Jahren treten wir für die KINDERNOTHIEFE ein. Dieses ökumenische Werk der evangelischen Kirche vermittelt Patenschaften für Kinder aus der Dritten Welt, baut daselbst Kindertagesstätten in den Elendsvierteln mancher Großstädte. Wir selbst sorgen für drei Kinder.

Unsere Aktionen zugunsten der Notleidenden gehören zu einem festen Bestandteil unserer Aktivitäten. Durch persönlichen Kontakt mit Schwester Karoline Mayer, deren Einsatz in den Slums von Santiago/Chile wir bewundern, haben wir so manches für unsere Praxis lernen können.

  1. Wir versuchen immer wieder, andere in unsere Erfahrungen miteinzubeziehen. In unserer Pfarrei. Bei Jeunes en Marche.

Eine Gruppe, die versucht, Gemeinschaft, Kirche zu sein, kann und darf keinen geschlossenen Kreis bilden.

Wenn wir den Weg zum Leben gehen, treffen wir immer wieder Menschen, die anderen die Daumenschrauben anziehen wollen. Wir aber sagen Nein zu allem, was den Menschen erniedrigt und unterdrückt. Es gibt genug Leid in unserer Welt, genug Menschen, die man daran hindert, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Wir sind für das Leben, hier und jetzt, sollten – im Bereich des Möglichen – alle Initiativen unterstützen, die den Menschen in seiner Persönlichkeit fördern, die ihn von jeder Entfremdung befreien.

Wenn wir den Weg zum Leben weitergehen, werden wir Bedrohung, Unverständnis und Scheitern erfahren. Wir werden auf eine harte Probe gestellt. Ob unsere Liebe zum Auferstandenen groß genug ist? Wir hoffen und wünschen es!

Michel Schaack, Koordinator des Jugendchouer Bêtebuerg

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