Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
"Ich habe als Korrespondent von Sat 1 um 23.15 Uhr als erster Journalist den Panzereinsatz an der Moskauer Gartenringstraße gemeldet (…) Auf dem Bildschirm von CNN herrschte zu diesem Zeitpunkt tiefster Friede auf den Straßen Moskaus." Dies meldet der Fernsehreporter Matthias Pfeffer unter der Rubrik "Briefe" im SPIEGEL 50/91. Aber auch die Konkurrenz hat, wie’s scheint, den Scoop nicht verschlafen: "Beim Putschversuch in Moskau hatte CNN -im Gegensatz zu Ihren Behauptungen- auch nicht die Nase vorn. Hier waren es die ARD-Korrespondenten Thomas Roth, Hans Dreckmann und vor allen Dingen der phantastische Gerd Ruge, die in glänzenden Reportagen und Analysen die beste Berichterstattung lieferten." Dies meldet, ebenfalls nach Frontberichterstattermanier, Herr Ulrich Deppendorf, zweiter ARD-Chefredakteur.
Die zahlreichen Kriege, Umstürze, Kehrtwendungen der Weltgeschichte lassen offenbar eine neue olympische Disziplin gedeihen: den brutalen Zehnkampf der Fernsehreporter um den vordersten Platz im jeweiligen Blutbad. Vor ein paar Wochen erst schwor der künftige ARD-Intendant in einer Talkshow hoch und heilig, Gewalt sei für die Öffentlich-Rechtlichen tabu. Diese eklige Domäne überlasse man gern den verantwortungslosen Privaten. Auch lasse sich seine Anstalt niemals soweit herab, nach amerikanischem Vorbild sogenannte "reality shows" zu senden, also ereignissynchron und ungeschnitten aufgezeichnete "events" wie etwa dramatische Verbrecherjagden. Falls dem so ist und der Herr hat recht, sind die ARD-Zuschauer wohl von schweren Halluzinationen geplagt. Was war die tagelang etappenweise übertragene Polizeihatz auf die sogenannten "Gladbecker Geiselgangster" denn anders als Gewalt live und frei Haus? Eine andere, noch viel üppigere Fata morgana war sicher auch die wochenlange Show über das Wüstenmassaker, eine Gewaltorgie, wie sie keine Fernsehanstalt der Welt zuvor in diesem Ausmaß gewagt hatte.
Die weiße Weste, die sich der designierte Intendant da umhängt, versteckt in Wirklichkeit den Grad der Menschenverachtung, den auch die öffentlich-
rechtliche Fernsehberichterstattung mittlerweile erreicht hat. Um die lästigen Privatsender zu schlagen, ist inzwischen auch den frömmelnden Traditionellen jedes Mittel recht. Das Thema Gewalt steht sichtbar an allererster Stelle. Wer den Kriegsreporter "phantastisch" nennt und seine Kommentare "glänzend", dem ist jedes Gefühl für das elementare Leiden, die Verzweiflung der Be-
troffenen, den tiefen Irrsinn aller Gewaltexplosionen abhanden gekommen. Wer das eigene Haus lobt, als sei es ein selekter Party-Schuppen mit ständigen Hochleistungen, und die eigenen Leute in den Himmel stemmt, als seien sie Mannequins auf dem Laufsteg der Geschichte, und nicht Chronisten völlig unsäglicher Entwicklungen, der gibt ungewollt zu, worum es einzig und allein beim allumfassenden Fernsehcinch geht: um die Magie der Einschaltquoten, um den geilen Zuschauer, der bunter, lauter, schreiender abgefüttert werden muß, als es die Konkurrenz zurande bringt.
Seit dem Golfkrieg warteten die deutschen Fernsehanstalten auf eine Revanche. Sie, die amtierenden Weltmeister in Technik und Ökonomie, waren von einem frechen amerikanischen Sender in die Schranken verwiesen worden. CNN kümmerte sich einen Dreck um Ethik und Moral und Menschenwürde und andere postmoderne Anachronismen und übertrug die "Mutter aller Schlachten" als cleanes Variété-Spektakel, als eine Art optische Sinfonie, die vom Panzerballett bis zum Raketenfeuerwerk am nächtlichen Firmament reichte. Der Krieg wurde uns auf dem Silbertablett in die gute Stube hereingereicht. Obwohl wir irgendwo, irgendwann diffus und halblaut von hunderttausend Toten in den ersten Tagen gehört hatten, von gewaltigen Vernichtungen und schlimmsten Menschenverstümmelungen, servierten die CNN-Reporter den Krieg, als seien sie Conferenciers in einem Nachtklub von Las Vegas. Die bislang schwerwiegendste Variante von menschlicher Gewalt wurde fernsehtechnisch in ihr Gegenteil verkehrt: was Stanley Kubrick in seinem Film "Clockwork orange" mittels slow motion erreichte, nämlich Gewalt durch und durch zu ästhetisieren, gelang der CNN-crew mit einem Barmixer-Trick. Wie in einem bunten Cocktail wurden die Schlachtbilder zusammengeschüttelt und "on ice" weitergereicht. Die Weltfernsehgemeinde erlebte den ersten Video-game-Krieg. Die Deutschen mit ihren pathetischen Moralgebärden und ihrem schwerfälligen Tiefsinngehabe durften nur staunen, wie ihnen die amerikanische Konkurrenz einen ganzen Krieg vor der Nase wegschnappte.
Wie die Auszüge aus SPIEGEL-Briefen belegen, haben sie schnell dazugelernt. Jetzt haben sie selber die "Nase vorn", wie sich der zweite Chefredakteur so gefühlvoll ausdrückt. Notfalls werfen sich die wackeren Reporter mit dem Mikrofon unter heranrollende Panzerketten. Es gibt, im Frieden wie im Krieg, nur eine Wahrheit: bei Schnelligkeitsrekord gibt es mehr Zuschauer, also mehr Sonderprämien, also mehr Aufstiegschancen. Der Krieg, der Putsch, das Elend sind nur wechselnde Bühnen für die Auftritte der Medienriesen. An der Rampe stehen die Vermarkter des Leids und flüstern dramatisch "Informationspflicht" in die Peepshow-Assistenz.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!