Vermessene Heimat

Freunde der Festung

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Guy Rewenig Text Guy W. Stoos Cartoons

Freunde der Festung

Wir waren schon immer fanatische Freunde der Festung. Nicht irgendwelcher Festung, nein: UNSERER Festung hier, der ehemals festesten Festung des Kontinents, des "Paradiso Kasematti", wie unsere lateinischen Freunde halb scherzend, halb bewundernd sagen. Wir möchten es laut und deutlich unter’s Volk bringen: Es genügt nicht, dem Fort Thüngen Schützenhilfe (ha, prächtiges Bild!) zu leisten, es genügt nicht, die Kanonen auf den chinesischen Architektureindringling zu richten. Und es ist halbherzig und kleinmütig, nur hier und dort ein spanisches Türmchen zu liften oder einen hohlen Zahn vor der endgültigen Karies zu retten.

Nein, Freunde der Festung, so geht das nicht! Wer mannhaft zu seiner Festung steht (und wir dürfen doch hoffen, daß wir uns alle im unerschütterlichen Festungsglauben einig sind), der muß global denken, global und vernetzt, vernetzt und radikal. Schreiben wir es also mit flammenden Buchstaben auf unsere Transparente: DIE FESTUNG MUSS INTEGRAL WIEDER AUFGEBAUT WERDEN! Wir möchten nicht nur ein neues Gibraltar des Nordens sein, sondern ein Gibraltar der Welt, ein Gibraltar schlechthin. Wenn unser Ländchen eine Bestimmung und eine Existenzberechtigung haben sollte innerhalb der neuen Weltordnung, so kann es nur die hehre Rolle des "Castellum splendens" sein, des strahlenden Bunkers, den neuen Barbaren zum Trotz mitten ins Herz Europas geklotzt, einladend und abschreckend zugleich: Einladend für unsereins und unseresgleichen, abschrek-

kend für die frechen Störenfriede von Albanien bis Boskowo-Herzegonegro, oder wie all die neuen Gebilde heißen mögen.

Es gibt hier eine Gattung von Querulanten, die virulent gegen alles Festunghafte wettern. Diese historisch wenig bewanderten Maulhelden (sie wissen nicht einmal, daß ein echter Luxemburger schon allein deshalb kompromisslos für die Erhaltung des Fort Thüngen sein muß, weil das Fort Thüngen leider das einzige überlebende "Centre Culturel" ist, das unserem allerinnersten Wesen am genauesten entspricht) schreien nun öffentlich: Weg mit dem ganzen militärischen Krempel! Weg mit Festung und Wällen, weg mit Schießscharten und Wassergräben, weg mit dem Herrenberg (!) und den bedämpten Friedenssimulanten, weg mit der Militärmusik (!) und allen amerikanischen Panzern, die leider immer noch im Ösling und anderswo die schönsten Plätze verunzieren, ganz zu schweigen von den lächerlichen Kanonen, die hier wie Reliquien gehortet werden, und doch nichts anderes sind und bleiben als Devotionalien des Terrors und des Hasses!

Wie gesagt: Dies ist die verquere Theorie der Festungsfeinde. Wir wollen uns sogleich von diesen unsäglichen Forderungen distanzieren. Die Feinde der Festung unterschlagen einen wesentlichen Punkt: Es geht gar nicht so sehr um das äußere Erscheinungsbild der Festung. Es geht vielmehr um die Festung in uns, die Festung in jedem von uns. Die Mentalität des Luxemburgers ist festungsförmig. Unsere Anima ist ein vorzüglich gepanzerter Wachturm. Unser Geist ist eine Corniche mit sehr hohem Mauerwerk und sehr kleinen Gucklöchern, gerade breit genug, um die herbeiziehenden Feinde draußen rechtzeitig zu erspähen. So wie jeder Luxemburger von Geburt auf eine fleischgewordene Privatfestung ist, so ist unser aller real existierende Festung die mauergewordene Projektion all dieser kleinen Festungen in uns selber. Wie kann man verlangen, die Festung zu schleifen, wenn sichergestellt ist, daß die Festung nur das exakte Spiegelbild vom Innenleben eines jeden Luxemburgers ist? Wie unheimatlich, ja antipatriotisch die Feinde der Festung sich gebärden, dürfte somit unwiderlegbar feststehen!

Von Tag zu Tag drängt sich die Notwendigkeit der Festungsrekonstruktion ungestümer auf. Betrachten wir ein deutliches Zeichen. Unsere Regierung verfrachtet unerwünschte Asylbewerber kurzerhand in die Festung nach Schrássig. Diese Menschen werden eingeloccht, damit sie gleich mal die internen Vorzüge des Festungswesens kennenlernen. Was heißt hier, dies sei ein Skandal, weil es sich mitnichten um Kriminelle, sondern um Zuwanderer in Not handelt? Dem wahren Festungsfreund ist jedes Wesen außerhalb der Festung eine Bedrohung. Deshalb gilt: Die Bedrohung muß der Festung einverleibt werden. Und wo ist der beste Ort für bußfertige Einverleibungen? Richtig: Im Verließ! Dort, wo die Ratten pfeifen und nächtlicherweise die Unken unken!

Eine richtige Festungsadaptation dieser Asylbewerber, die jetzt noch im Schrássiger Knast unter völlig unzulänglichen Festungsbedingungen ihre "acculturation" vollziehen müssen, wird erst möglich, wenn wir unsere Festung integral wiederaufgebaut haben. Dann ist das Gefängnis wieder ein vollintegrierter Bestandteil des kulturellen Selbstbewußtseins. Wir werden die feindlichen Ausländer buchstäblich in die Eingeweide der Festung hineinverpflanzen. Gibt es im ganzen Festungsmetabolismus eine intimere Region als diese schöne Stelle in unmittelbarer Nähe des Festungsmutterherzens? Nur die drinnen werden gerettet. Die draußen sollen sehen, wo sie IHRE Festung hernehmen.

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