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Nun mehren sich zum Glück die Zeichen künftiger Größe. Unsere Heimat, bislang ein schwarzes Stück Hinterwald, emanzipiert sich mit Riesenschritten. Wir sehen nicht länger klein. Unser Maßstab ist demnächst die Welt. Schon preschen wir kühn in die Lücken des Guiness-Book of records. Vor kurzem wuchs in den Wiesen bei Schwebach das größte Dreirad der Welt. Tapfere Frauen und Männer, wahre Visionäre, haben mit diesem Denkmal unseren urluxemburgischen Kern auf den Punkt gebracht: Größenwahnsinnig bis zum Gehtnichtmehr, aber stets bereit, eine Regression nach der anderen einzufädeln. Genau diese Mischung – Megalomanie + Regression- macht unsere Identität aus. Wir sind unverwechselbar geworden: Monsterbabies mit world-appeal.
Kann man die mentale Rückentwicklung unserer Heimatgenossen prägnanter verdeutlichen als mit dem Dreirad? Dem Knirpsmobil par excellence? Die einen kommen auf den Hund, wir kommen auf das Dreirad. Schon hegen die Schwebacher Dreiradkonstrukteure betörende Zukunftspläne. Nächstes Jahr wollen sie den größten Schnuller des Planeten basteln. Gasgefüllt wird er über den Schwebacher Wiesen schweben, ad maiorem debilitatis gloriam. Wir werden uns alle in der schwebenden "Suckel" wiedererkennen. Wir sind eben endlich geworden, was wir schon immer waren: Kindsköpfe mit einem Laufställchen in Staatsform. Wir sind der Welt souveränste Pampers-Träger.
Spätestens 1995 kommen wir ganz groß raus. Man sollte die Schwebacher Kulturfunktionäre nicht außer acht lassen. Sie machen bereits vor, was 1995 werden muß: der Stabhochsprung einer rot-weiß-blauen Schnecke, die sich insofern von anderen Schnecken unterscheidet, als ihr Schneckenhäuschen unverwechselbar einer Kirche gleicht. Im Schwebacher Dreiradparadies wird das Hehre, das Erhabene, das Paranormale eines Unternehmens mit Namen "Luxembourg, ville européenne de la culture" vorweggenommen. Die Hellseher von Schwebach legen heute schon die Essenz unserer Kultur frei: das Talent, aus Zwergen Riesen und aus Mücken Elefanten zu machen. 1995 müssen wir soweit sein, daß die Nationen der Welt kein Vergrößerungsglas mehr brauchen, um uns auf der Europakarte zu entdecken. Wir müssen uns selber so vergrößern, daß wir allen ins Auge gehen. Man wird sich noch an uns erinnern!
Zum Glück haben wir bereits begonnen, unsere nationale Kultur über den Kontinent zu verbreiten. Luxemburger Kulturschaffende sind im kunstvollen Dress ausgeflogen ins zerstörte Yugoslavien,
um dort vorzuführen, daß unsereins auch schon die Künste der militärischen Hochstapelei beherrscht. Nun mal im Ernst: War es nicht eine jahrzehntelange Schande, unseren Herrenberg bei der Veranstaltung internationaler Massaker auszuschließen? Jetzt können die Völker der Welt, vor allem die heillos zerstrittenen, endlich sehen: Diese Luxemburger haben eine Eigenart. Sie stellen sich stolz in die Schußlinie. Sie vermelden stolz der Weltpresse: "Hurrah, man hat auch schon auf uns geschossen!" Wenn einer von diesen eigenartigen Luxemburgern sich im Massakergebiet den Fuß verstaucht, kommt eigens eine belgische Militärmaschine und fliegt ihn über den halben Kontinent ins Superlazarett. Europa soll staunend vermerken: Die Luxemburger sind endlich Weltbürger geworden!
Sie haben erkannt: Das überzeugendste Kulturinstrument ist der Schießprügel. Die intensivste Kommunikation unter Menschen ist der Schußwechsel. Wer schießt, hat auch Grips. Nur die Dummen und Blöden versuchen heute noch, die zwischenmenschlichen Beziehungen mit pazifistischer Kontamination zu stören. Die Klügen schießen mit. Nun hoffen wir inbrünstig, das Gemetzel um Sarajevo möge nur ein bescheidenes Gesellenstück für unsere uniformierten Kulturträger bleiben. Auf Knaben dieses Kalibers warten wahrhaft gewichtigere Kunstaktionen. Es gibt keinen Grund, bei künftigen Kriegen am Golf den roten Löwen nicht aus dem Käfig zu lassen. Auch gilt es ab jetzt, die islamische Welt im Zaum zu halten. Zu lange haben wir unsere katholischen Munitionskisten unter den Scheffel gestellt. Wer (uns) nicht hören will, muß sterben. So lautet die zivilisatorische Maxime der neuen Weltordnung. Wir haben Glück. Wir sind dabei. Und zwar auf der goldrichtigen Seite.
Einige Eltern unserer Kulturkämpfer in Ex-Yugoslavien haben sich öffentlich beschwert über das Fehlen deutlichen Lobs an die Adresse ihrer kriegerischen Sprossie. Diese Ansicht können wir nur teilen. Die Akteure einer Mordsgaudi sollten wir nicht nur über den grünen Klee loben, sondern sie über und über mit Medaillen und Orden behängen. Nach dem Motto: Jeder Schuß eine Kulturleistung. Und unsere Heimat sollte mit fliegenden Fahnen der neuen, paneuropäischen Kulturvereinigung namens "Eurokorps" beitreten. Wir haben das Format, dem internationalen Pulverdampf unsere uroriginelle Duftnote beizumischen. Unsere Gewehre knallen zweifelsfrei sonorer und lieblicher als die Waffen unserer Verbündeten. Wir werden unsere Identität nicht verlieren. Im Gegenteil. Wenn wir erst ungehemmt auf allen Schlachtfeldern mitschießen dürfen, wird unsere Identität sich explosionsartig erweitern.
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