Verständlich von Gott sprechen

Öber die Modernität des Potestantismus

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Volker Beba

Verständlich von Gott sprechen

Über die Modernität des Protestantismus

Modern und konservativ

Nach dem lateinischen „modernus“ bedeutet modern: „neu, jetzig, heutig“. Natürlich möchte man – wie die sich immer schneller wandelnde säkulare Welt – auch in Fragen des Glaubens immer heutig und jetzig sein, man möchte auf die aktuellen Fragen Antworten finden, man möchte die Botschaft, dass Gott die Menschen liebt, für die jeweilige Zeit verständlich weitersagen, damit die Kirche nicht als verstaubt und „der Zeit hinterher“ empfunden wird.

Und doch gibt es gerade auch in Glaubensfragen einen starken konservativen Rückbezug auf das Altbewährte, die überlieferten Traditionen und Glaubensbekenntnisse, in die sich das „Neue“ einfügen muss. Bewährtes und Neues, alte und neue Glaubensbekenntnisse, alte und neue Gottesdienst-Formen, alte und neue Bibel-Übersetzungen sollten sich ergänzen und zur Bereicherung beitragen.

Re-formation ist modern und konservativ

Genau das drückt auch die Formel „ecclesia semper reformanda“ aus, die für die protestantischen Kirchen der Reformation eine wichtige Richtung weist. Die

Kirche immer wieder zu re-formieren, das heißt zum einen, dem Wortsinn entsprechend, eine Rückformierung, eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Grundlagen. Das heißt „back to the roots“ und dabei alle mit der Zeit entstandenen Auswüchse der Glaubenspraxis, die nicht mehr der biblischen Botschaft entsprechen, ausmerzen.

Der Rückgriff auf das Alte und die Angst vor Neuem ist auch im Protestantismus vorhanden und hemmt oftmals neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten des Glaubens.

Zum anderen heißt das aber doch auch, das alt Bewährte dabei ständig hinterfragen, und auch neue Ausdrucksweisen suchen, nichts für selbstverständlich halten, keinen Menschen oder menschliche Verlautbarungen für unfehlbar und unhinterfragbar halten.

Eben genau das war ein wichtiges Anliegen der Reformation. Martin Luther, mit dem die reformatorische Bewegung und schließlich der Protestantismus begann, wollte keine neue Kirche gründen. Er hat an verschiedenen Punkten seine Kritik geäußert und wollte die eine katholische Kirche erneuern, re-formie-

ren, sie auf ihre Ursprünge zurückbesinnen. Er wollte einerseits Auswüchse der Glaubenspraxis wie etwa den Ablassverkauf abschaffen und somit zurück zu den wirklichen Wurzeln des christlichen Glaubens. Daher formulierte er seine berühmten vier „solis“: allein aus Gnade, allein durch Christus, allein die Bibel, allein durch den Glauben. Andererseits wollte er aber auch Neues ins Alte einfügen. Er schrieb neue Kirchenlieder, führte die deutsche Messe statt der lateinischen ein und übersetzte die Bibel ins Deutsche, die Sprache des Volkes, die nicht nur der Klerus verstand. Das war damals mehr als modern.

Protest der Protestanten

Dass Luthers Vorschläge für viele, vor allem für die Kirchenoberen, viel zu weit gingen, ist eine andere Sache. Aber das Prinzip der „ecclesia semper reformanda“ ist doch durch die Reformation zur Geltung gebracht worden. Der Glaube und die Ausdrucksformen des Glaubens sind zu hinterfragen und aktuell, jetzig, heutig zu gestalten. Man soll verständlich von Gott sprechen. Und wenn nötig, soll man auch Protest einlegen gegen einen aufdoktrinierten Glauben. Das taten die protestantischen Fürsten bei der „Protestation“ auf dem Reichstag in Speyer 1529, durch den die Protestanten ihren Namen erhalten haben. Allein dieses „protestierenden“ Grundsatzes wegen ist der Protestantismus also unbedingt modern.

Der Einzelne mit seinem Gewissen vor Gott

Verständlich von Gott sprechen. Den Glauben persönlich leben. Protest einlegen gegen einen von einer Institution aufdoktrinierten Glauben. Für die Protestanten entspricht gerade das einem wichtigen Prinzip, das auch schon Martin Luther deutlich gemacht hat: Der einzelne Mensch ist vor Gott und für Gott wichtig. Man braucht keine Dogmen, keine klerikale Hierarchie, keine Heiligen, keine Maria und keinen Papst, um Gott nahe zu sein. Jeder einzelne Mensch hat seine Gewissens- und Religionsfreiheit. Jeder soll seinen persönlichen Glauben leben und kritisch hinterfragen, wenn nötig sogar „protestieren“. Mit diesem Prinzip hat der Protestantismus auch eine wichtige Richtung für die Entstehung der modernen Wissenschaften gewiesen, bis hin zur wissenschaftlichen, historisch-kritischen Bibelexegese. Und er hat damit seine Modernität aufgezeigt.

Der Mensch als Individuum vor Gott. Das heißt auch, alle Menschen gleich zu behandeln. Und so hat der Protestantismus zum Beispiel auch in Fragen der Emanzipation schon immer eine Vorreiterrolle gespielt. Die Ordination von Frauen ins Pfarramt wird daher in fast allen protestantischen Kirchen praktiziert und es gilt das so genannte „Priestertum aller Gläubigen“.

Institution gegen Modernität

All das weist den Protestantismus sicher als modern aus. Aber natürlich hindert auch im Protestantismus eine sich fast zwangsläufig aufbauende Institutionalität die Flexibilität und Wandlungsfähigkeit. Je größer ein „Kirchenapparat“ ist, umso langsamer „mahlen dann auch die Mühlen“, umso mehr Instanzen gibt es, die zumindest eine Wandlung „von unten“ blockieren können. Und durch „von oben“ aufdoktrinierte Anweisungen, die mit Unfehlbarkeitsansprüchen erscheinen, wird es sicher nicht einfacher, sich zu wandeln und modern zu sein. So gab es ja zum Beispiel in der katholischen Kirche von 1910-1967 den so genannten Antimodernismuseid, den alle Priester abzulegen hatten, wollten sie nicht exkommuniziert werden.

Aber solch einen „Antimodernismuseid“ gibt es im Protestantismus sicher auch, wenn auch unausgesprochen und

nicht von oben verordnet. Der Rückgriff auf das Alte und die Angst vor Neuem ist auch im Protestantismus vorhanden und hemmt oftmals neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten des Glaubens.

Die Luther-Rose

Modernität des Protestantismus heute

Dennoch gibt es natürlich – Gott sei Dank – auch heute wirklich „modernes“ im Protestantismus. Gerade die Kirchentage zum Beispiel in Deutschland sind da ein wichtiges Forum, um neue Ansätze zu finden und zu diskutieren. Hier wird nicht „von oben“ geplant, sondern „von unten“, von den Teilnehmenden selbst mitgestaltet – vor allem von der Jugend. Mit Theater und moderner Musik, mit Diskussion aktueller politischer, ethischer und religiöser Fragen, mit der Sprache der Jugendlichen. Und glücklicherweise gibt es solche Tendenzen heute auch in anderen Kirchen, auch in Luxemburg.

Modernität, Pluralität, Kirchenspaltungen und Radikalismus

Zuviel Modernität hingegen bringt auch Differenzen mit sich. Und die enden im Protestantismus oft mit Kirchenspaltungen. So haben sich nicht nur in den ersten Jahrzehnten der Reformation die lutherische und die reformierte Kirche getrennt, weil die einen weiter und weitreichender reformieren wollten, als die anderen. Gerade auch in unserer Zeit gibt es eine Unmenge von verschiedenen protestantischen Kirchen und Gemeinden, die sich irgendwann einmal, meist aufgrund von Differenzen in Glaubensfragen und der Glaubenspraxis, abgespalten haben. Wenn einem die Kirche zu altmodisch oder aber zu modern ist, bildet man einfach eine neue Kirche oder Gemeinde. Besonders in den Niederlanden oder den USA kann man diesen Trend bis heute beobachten. Die religiöse und ethnische Plura-

lität, die dem Protestantismus zu eigen ist, ist sicher modern, aber eben auch gefährlich. Wenn die Einheitlichkeit geschwächt wird, wenn kein „Monopol“ mehr besteht, wenn man dem Pluralismus die Türen öffnet, dann ist eben vieles möglich. Dann kann viel versprochen werden und es können schnell auch fundamentalistische oder religiös radikale Gruppen entstehen. Und was die anrichten, sehen wir fast täglich immer wieder überall auf unserer Welt.

Anspruch und Ziel bleibt dennoch die Modernität als Ergänzung zum Alten

Also, zu modern zu sein ist sicher auch nicht gut und es bleibt die Aufgabe, das Verhältnis von Konservativem und Neuem ständig neu zu suchen. Und das ist wie eine Gratwanderung.

Insgesamt bleibt aber der Protestantismus wohl zu oft hinter dem Anspruch der „ecclesia semper reformanda“ zurück. Gerade deswegen denke ich, sollten die Protestanten noch mehr versuchen, „modern“ zu sein und neue Schritte zu wagen. Konservatives ist schon da und die Orientierung am Alten kommt bei den neuen Schritten nach vorne von ganz allein. Die braucht gar nicht unbedingt auf dem Programm zu stehen. Das Neue muss dagegen erst gesucht werden.

Und so bleibt das Ziel: reformieren und modern sein, alt Bewährtes neu zur Geltung bringen und gleichzeitig nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten für den Glauben suchen um „Kirche in der Zeit“ zu sein. Das heißt nicht, jedem Trend hinterher laufen. Das heißt aber auch nicht, sich dem Leben gegenüber abzuschotten. Denn die Gläubigen sind Menschen ihrer jeweiligen Zeit. Sie sprechen die Sprache ihrer Zeit und leben das Leben nach den Formen der entsprechenden Zeit. Wenn Kirche ihre Botschaft vermitteln will, muss sie auch die Sprache der Zeit sprechen und die Formen der Zeit nutzen. Das heißt nicht, die alte Sprache und die alten Formen aufzugeben. Aber eben auch nicht, nur an der alten Sprache und den alten Formen zu kleben. Das Neue als Ergänzung zum Alten. So verstanden ist Kirche und eben vor allem auch der Protestantismus unbedingt modern, auch wenn wir ständig auf dem Weg sind, der noch weit ist.

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