Viel Ärger gespart

Greenpeace reißt die Multis aus ihrem Traum von Freiheit und fordert die Politik heraus (aus: Publik-Forum 14, 1995)

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Greenpeace reißt die Multis aus ihrem Traum von Freiheit und fordert die Politik heraus

Andreas Bernsdorf, langjähriger "Müllaktivist" bei Greenpeace, erlebte die Macht der Umweltorganisation auf ganz persönliche Weise: Plötzlich meldete sich ein deutscher Müllunternehmer bei ihm mit der Frage, ob denn die Müllverbrennungsanlage, die er in Afrika bauen wollte, ökologisch überhaupt zu verantworten sei. Bernsdorf prüfte die Pläne und gab dann eine präzise Antwort: Nein. Darauf verzichtete der Unternehmer auf sein Projekt und verriet gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit sogar Dankbarkeit: "Damit habe ich zwei Jahre vergebliche Planungsarbeit gespart. Und eine Menge Ärger."

Dieser Vorfall stellt das Ansehen von Greenpeace unter Beweis, das die Organisation spätestens seit dem harten Konflikt mit Shell über die Sprengung einer Ölplattform erlangt hat und das Greenpeace nun auch gegen das Atomtestprogramm Frankreichs mobilisiert. Der Konflikt zwischen der Umweltorganisation und Shell löste bei vielen multinationalen Unternehmen einen Schock aus. Die Niederlage des größten Unternehmens Europas gegen den Umwelt-Multi riß die Konzerne aus dem Traum von immerwährender Freiheit auf den Weltmärkten. Zum ersten Mal traf ein Weltkonzern in der jüngsten Geschichte auf eine gut organisierte Gegenmacht, die auch auf den Weltmärkten gesellschaftliche Verwantwortung einfordert, während sich die Konzerne bisher fast ausschließlich ihren Aktionären verantwortlich fühlten. Dies könnte der Beginn einer neuen Etappe in der Geschichte der Weltwirtschaft sein, die bisher ausschließlich von den multinationalen Konzernen gestaltet wurde.

Für viele Großunternehmen war der Gang auf den Weltmarkt in den vergangenen Jahren nicht nur eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine Art Befreiungsschlag. Denn auf nationaler

Ebene wurden die Unternehmen im vergangenen Jahrhundert in ein Korsett von gesetzlichen Rahmenbedingungen gezwängt. Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Reformregierungen sorgten im Norden der Welt für höhere Löhne sowie für soziale und ökologische Rahmenbedingungen, in manchen Ländern mehr, in anderen Ländern weniger. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wichen die großen Unternehmen dann zunehmend auf das internationale Parkett aus – wohl wissend, daß die Politik nationale Grenzen nicht überspringt.

Auf dem Weltmarkt herrscht zur Zeit die "organisierte Verwantwortungslosigkeit".

Seitdem herrscht auf dem Weltmarkt die "organisierte Verwantwortungslosigkeit", so der Münchner Soziologe Ulrich Beck. Mit der Drohung, Arbeitsplätze zu vernichten und anderswo wieder zu schaffen, können die großen Unternehmen Arbeitnehmer verschiedener Länder gegeneinander ausspielen. Eine nationale Umweltpolitik wird immer schwieriger, weil die Konzerne jederzeit in Gefilde mit lascheren Umweltgesetzen ausweichen können – oder dies zumindest behaupten. Auf dem Weltmarkt herrscht deshalb das betriebswirtschaftliche Diktat aus den Zeiten des Manchester-Kapitalismus: Die Gewinne den Privaten, die Kosten der Gesellschaft. Unter diesen Bedingungen hat Shell, so Ulrich Beck in der tageszeitung, "alles richtig gemacht – nach seinen immanenten Rationalitätskriterien – und deshalb fast erbarmungswürdig falsch gehandelt". Das Pech bestand für Shell "nur" darin, daß die organisierte Verantwortungslosigkeit des Unternehmens zum ersten Mal schonungslos an die Öffentlichkeit gezerrt wurde.

Das internationale Engagement von Greenpeace ist allerdings nur ein erster Schritt, um den Wildwuchs auf dem Weltmarkt zu beschneiden. Auch wenn diese Organisation noch so effizient arbeitet, so reichen ihre Aktionen bei weitem nicht aus, um Unternehmen (und sogar Regierungen) zu humaner Verantwortung zu zwingen. Dazu braucht es mehr:

  • Notwendig wären weitere Gegenmacht-Organisationen, die in anderen Bereichen ähnlich effiziente Arbeit leisten wie Greenpeace im ökologischen Bereich. Dringend erforderlich wäre "Sozialpeace", um die Ausbeutung von Arbeitskräften weltweit zu bekämpfen. Gebraucht würde auch ein effizient koordiniertes "Peace-Korps" von Leuten, die sich an die Fronten kriegerischer Konflikte begeben, um dort zu vermitteln. Hierfür gibt es bereits Beispiele und Initiativen, doch es fehlt eine breite Unterstützung, zum Beispiel durch die Vereinten Nationen.

  • Zum anderen müssen sich die Regierungen der Welt zu politischen Vereinbarungen im sozialen und ökologischen Bereich durchringen. Nur wenn auch die Politik nationale Grenzen überspringt, kann die Geschäftspolitik multinationaler Konzerne in soziale und ökologische Rahmenbedingungen eingebunden werden.

Greenpeace hat mit seinen Aktionen gegen Shell und gegen die französische Regierung Pionierarbeit geleistet. Doch in den Aktionen von Greenpeace steckt vor allem eine Aufforderung an Basisbewegungen und Politiker: nämlich weltweit eine breite Gegenmacht gegen die organisierte Verantwortungslosigkeit der Konzerne aufzubauen und zu institutionalisieren.

Wolfgang Kessler

in: Publik-Forum Nr. 14/Juli 1995

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code