Von Bauernhäusern, Gerbereien und Burgen
Die erfolgreiche Tätigkeit des "Service des Sites et Monuments"
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Die erfolgreiche Tätigkeit des «Service des Sites et Monuments»
Trotz seiner kurzer Existenz kann der "Service des Sites et Monuments" auf eine erfolgreiche Tätigkeit im Dienst der Erhaltung des architektonischen Patrimoniums zurückblicken. Private Fassadenrenovierungen, ganze Dorferneuerungen, staatliche Burgen und Kirchen … zeugen heute von einer Bewusstseinsbildung, die Breitenwirkung zeigt. Die historisch-wissenschaftliche Vor- und Nacharbeit bei den Restaurationen lässt allerdings noch zu wünschen übrig.
Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere Leser an die "Iddien fir eng nei Gesellschaft", in denen 1978 eine Reihe von Bürgern ihre ökologischen Grundsätze zu Papier gebracht hatten und welche die erste "grüne" aber parteiunabhängige Intervention im Wahlkampf von 1979 darstellten. Gegen Wirtschaftswachstum als einzigen Erfolgskriterium, gegen Naturverschandelung und Erschöpfung der Naturschätze, gegen Verschwendungssucht und Streß hatten die Autoren Grundsätze gestellt, die die Entfaltung der Persönlichkeit eines jeden sichern sollten, die eine Welt forderten, in der Vielfalt, Kreativität, Schönheit, Gefühlsbejahung, Phantasiebefreiung, Schömtigkeit, Mitbestimmung, Natur- und Geschichtsverbundenheit als Werte anerkannt seien. Georges Calteux, Kunstlehrer aus Echternach, hatte damals das Kapitel über "Denkmalschutz" verfaßt. Heute lehnt er den Begriff als viel zu eng ab. Doch nach den Wahlen von 1979 wurde er – wenn auch unter zweifelhaften rechtlichen Umständen – vom neuen Kulturminister Pierre Werner zum Leiter der 1977 reorganisierten Dienststelle "Service des Sites et Monuments" (SSM) berufen. Auf den oben skizzierten Zeitgeist führt G. Calteux die Tatsache zurück, daß er bis heute fast 3000 Hausbesitzern Zuschüsse auszahlen konnte, weil sie die Fassade ihres alten Hauses nach kunsthistorischen Prinzipien zu renovieren bereit waren. Dieser Erfolg entspreche dem Zeitgeist: die Bevölkerung habe die Leere des architektonischen Modernismus erkannt und besinne sich immer stärker auf Werte wie Überschaubarkeit des Lebensraums, auf Authentizität, Identität, kurz Lebensqualität.
Georges Calteux kam nicht nur dieser Zeitgeist zugute, sondern auch die Tatsache, daß unter Kulturminister Robert Krieps 1977 die Aufgaben des SSM, auf Grund von Empfehlungen des Europarates, neu definiert worden waren und viel stärker Wert auf die Erhaltung populärer Kunstzeugnisse wie Bauernhäuser statt nur Burgen gelegt wurde. Statt von "Denkmalschutz" ist heute eher von Ensembleschutz zu sprechen, und wir werden noch sehen, daß G. Calteux es fertiggebracht hatte, ganze Dörfer zu erhalten, zu restaurieren, zu "schützen".
Bei allen günstigen Umständen sei aber Georges Calteux‘ eigener Verdienst nicht geschmälert. Die Zuschüsse für Fassadenrenovierungen waren
z.B. schon seit 1976 im Staatsbudget eingeschrieben, wirklich genutzt wurden sie erst, als er sich wie ein Missionar – so sieht er sich selbst auf den Weg durch die Dörfer machte. Inzwischen hat er vor Bauern und Gemeindevätern 125 Diavorträge gehalten. In 40 Ortschaften wurde eine 1981 zusammengestellte Photoausstellung schon gezeigt. Wer einmal an Hand dieser Dias und Photos gesehen hat, wie häßlich Leuchtreklamen, Plastikrolladen, vorgefertigte Garagentore im Dorfbild wirken, versteht, daß G. Calteux nie
große Zwangsmittel zur Überzeugung einsetzen mußte. Getreu den ökologischen Grundsätzen war Mitbestimmung und Eigenverantwortung ein Hauptmittel, neben der finanziellen Spritze von seiten des Staates natürlich.
Ganze 6 Leute, kein einziger Architekt (!), arbeiten heute im SSM. Sie müssen nicht nur die privaten Hausbesitzer beraten, ihre Anordnungen im Falle einer Zuschußbewilligung vor Ort überprüfen, sondern auch den Gemeinderatssitzungen bei größeren Projekten beiwöhen und staatliche Restaurationsmaßnahmen überwachen. Dabei darf man nicht übersehen, daß ein Großteil der Tätigkeit vor Ort (Vorträge, Gemeinderatssitzungen, …)
sich außerhalb der normalen Dienststunden eines Staatsbeamten abspielt. Einen so unbürokratischen dynamischen Pragmatismus wünscht man sich für manche andere Staatsverwaltung.
Neue Fassaden für alte Häuser
20 % der Kosten hat der Staat bei, wie gesagt, 3000 Fassadenrenovierungen bislang bezahlt. In diesen Fällen waren die Eigentümer gehalten, gewisse Oblagen des SSM zu berücksichtigen, um eine historisch authentische Wiederherstellung der Fassade sicherzustellen. Diese Subsidien werden nämlich nur für Häuser verteilt, die mindestens 80 Jahre alt sind. Vom ästhetischen Resultat dieser Aktion kann jeder sich überzeugen, der sonntags durch unsere Dörfer fährt. Meistens genügt es, daß ein Bauer beginnt, und die andern werden bald folgen. Mit diesem Erfolg steht Luxemburg bei allen übrigen Europarat-Mitgliedstaaten beispielhaft da, und die 6 Mann vom SSM haben alle Hände voll zu tun, um auch noch ausländische Fachleute durch unsere Dörfer zu führen. Es ist wohl kein Zufall, daß die Nachbarregionen (Wallonien, Neubelgien, Eifel, Saar) als erste das luxemburgische Beispiel nachzuahmen begonnen haben.
Wirtschaftlich ist diese Aktion absolut unantastbar. Studien der Handwerkerkammer haben ergeben, daß wenn der Staat 20 % Zuschüsse gewährt, er andererseits 24,16 % aller Ausgaben wieder in
Form von Steuern einnimmt, d.h. daß 84,60 % dieser Zuschüsse wieder in die Staatskasse zurückfliessen. Die für 1985 erwarteten Investitionen in diesem Bereich garantieren schätzungsweise 57 spezialisierten Handwerkern eine Arbeitsstelle.
Dabei muß man berücksichtigen, daß die Zahlen allein auf den staatlich bezuschußten Fassadenrenovierungen beruhen. Meistens werden solche aber in Verbindung mit Innenumbauten und -restaurationen durchgezogen, die nicht staatlich subsidiert werden, wohl aber wirtschaftlich für das Handwerk mindestens so interessant sind.
Bei dieser Nicht-Unterstützung von Innenrenovationen muß allerdings auch die Kritik ansetzen. Die Fassaden der Luxemburger Bauernhäuser werden unter der Kontrolle der SSM historisch authentisch restauriert, aber der Innenraum kann völlig umgestaltet werden ohne Rücksicht auf historische Authentizität. Dem Ästheten mag das genügen, der Historiker versteht diese Trennung nicht. Doch auch was die Fassadengestaltung anbelangt, konnte unser Gespräch mit Georges Calteux nicht alle Zweifel zerstreuen: was als historisch authentisch gilt, scheint eher dem subjektiven Empfinden des Leiters des SSM zu entsprechen als gesicherten historischen Studien zu entspringen. Wohl gibt es im SSM eine eindrucksvolle Kartei, die anscheinend 70 % aller alten Bauernhäuser (nur sie?) unseres Landes erfaßt. Eine Typologie mit chronologischen und regionalen Varianten wurde bisher aber nicht erstellt, offiziell wegen Personalmangels. Die Kartei erfaßt auch nur die Fassaden, kein Grundriß, keine innere Raumvertei-
lung ist darin verzeichnet, angeblich weil die Besitzer nicht gerne SSM-Leuten den Zutritt zu ihren Wohnungen geben.
Müzte denn nicht die Gesamtanlage eines Hauses geschützt und erhalten werden, wenn der Denkmalschutz wirklich ein Beitrag zur historischen Besinnung und Verwurzelung in unsere Vergangenheit sein soll? "Das Haus unserer Vorfahren war aus einem Anlauf von Spontaneität, Natürlichkeit und Zweckmäßigkeit entstanden. Es war fast organisch gewachsen; vom Benutzer vielleicht selbst konzipiert und erbaut, ist das Bauernhaus zum unverwechselbaren Kulturgut aufgestiegen. Das war eine menschliche, echte, ich-bezogene Angelegenheit, wobei der Eigentümer in viel engerem Bezug zur Substanz und zum Volumen stand: ein Phänomen, das wir mit Identität bezeichnen", schreibt G. Calteux (in: "politicum", Nr. 22a, März 1985, Graz). – Haus, Substanz, Volumen … nicht nur Fassade! Sicher kann man sich vorstellen, daß es für die meisten Menschen unzumutbar wäre, bei heutigem Konfortstandard noch in den kleinen Bauernstuben zu wohnen und ihnen zu verbieten, mal eine Trennwand zur Raumvergrößerung einzureißen.
Wenn eine Familie Umbauten im Hausinnern vornimmt, müßte der SSM aber das Recht (und die Pflicht) haben, vorher die alte Raumaufteilung aufzuzeichnen und so zumindest den Plan des Hauses für die historische Forschung sicherzustellen. Darüberhinaus sollten aber auch einige typische Bauernhäuser ohne Abänderung erhalten bleiben; wenn es sein muß, eben zu musealen Zwecken, ohne dauernde Bewohnung bzw. Benutzung. Das nötige Anschauungsmaterial (Ackergerät, Stalleinrichtung, Stubenmobilier, …) wäre übrigens ohne größere Schwierigkeiten für ein solches Landwirtschaftsmuseum aufzutreiben. Es gibt Gott sei Dank Luxemburger, die solches vor dem Aufkauf durch belgische Antiquitätenhändler gerettet haben. Und mit praktischen Vorführungen zur Touristensaison wäre sicher so eine lebendige Attraktion zu schaffen, die sich selbst finanzieren könnte.
Pilotdörfer und umgenutzte Gerbereien
Außer Zuschüssen für private Fassadenrenovierungen zahlt der SSM auch Subsidien an Gemeindeverwaltungen, die bereit sind, wertvolle alte Bausubstanz der Gemeinschaft zu erhalten, auch wenn sie "umgenutzt" wird, d.h. die Gebäude einer neuen Funktion zugeführt werden. An 106 Projekten ist der SSM seit 1977 beteiligt. Rund 40 sind schon abgeschlossen. Vor allem für Kultur- und Verwaltungszwecke richten die Gemeinden heute kaum noch vorgefertigte Hallen auf, die das Dorfbild in den 60-70er Jahren so scheulich verunstaltet haben. Fast alle "Neu"-bauten auf diesem Gebiet sind heute Umbauten alter Gebäude. So konnte der SSM z.B. 4 alte Gerbereien im Lande retten und einer neuen Bestimmung zuführen: in Useldingen, Feulen, Vianden, Mertzig. Sie dienen heute als Gemeindehaus, Kultur- oder Jugendzentrum. Georges Calteux ist zurecht stolz auf diese Beispiele, weil sie einerseits den Beginn einer Erhaltung der industriellen Architektur darstellen, zum anderen ein wichtiges Zeugnis für das Wirtschaftsleben auf dem Lande im 18.-19. Jh. darstellen. Doch auch hier muß die kritische Frage gestellt werden: genügt es, um dieses historische Erbe ins kollektive Bewußtsein zu heben, die Außenmauern zu erhalten? Wäre es nicht
wichtig, bei einer Gerberei auch die Inneneinrichtung zu bewahren, wenn nötig zu ergänzen? Und das gleiche läßt sich von den alten Molkereien, Mühlen, Dorfschulen, … sagen. Wenn es zudem noch gelingen könnte, sie funktionstüchtig zu halten und bei bestimmten Gelegenheiten in Betrieb zu setzen, würden sie ohne Zweifel eine Bereicherung der touristischen Infrastruktur darstellen, wie G. Calteux das jetzt von den Pilotdörfern zurecht behauptet.
Christnach, Useldingen, Burglinster, Esch-Sauer, Wellenstein, Lellingen, sowie in naher Zukunft Ehnen, Ahn, Lasauvage und Beckerich sind als Pilotdörfer, die insgesamt, zumindest im Dorfkern, erneuert wurden, heute Ortschaften, die neben den Touristenzentren à la Echternach und Vianden auf mittlerer Ebene einer gesicherten touristischen Zukunft entgegensehen. Diese Modelldörfer verdeutlichen, wie integrierter Denkmalschutz nicht nur einem Dorf zu seiner Identität (zurück)verhilft, die durch Neubauten zerstört zu werden drohte, weil ein falsches Verständnis von Wohnkomfort und Funktionalität die traditionelle Bauweise als verachtenswert erscheinen ließ. Hier wird auch deutlich, wie die kulturpolitisch begründete Erhaltung des architektonischen Patrimoniums zur Verbesserung der Lebensqualität beiträgt. So konnte der SSM u.a. bei der Straßenbauverwaltung durchsetzen, daß in solchen Dörfern auch Straßen von nur 5 oder 5,50 Meter Breite bestehen bleiben, statt daß alle auf 7 oder 8 oder 11 Meter und somit zu gefährlichen Rennbahnen verbreitert werden.
Letzten Endes steigert die Dorferneuerung auch die Attraktivität des Landlebens für neue Bewohner, so daß die Hoffnung nicht unberechtigt ist, daß die Landflucht gestoppt und das demographische Stadt-Land-Gefälle abgebaut werden kann. Georges Calteux wies in einer in Graz (Österreich) gehaltenen Rede darauf hin, daß zu einer globalen Dorferneuerungspolitik auch gehört, daß Klein- und Mittelbetriebe wieder im Dorf angesiedelt werden, und nicht nur am Rand der (Groß)städte, daß aber auch die europäische Landwirtschaftspolitik umdenken muß, um auch die Existenz kleinerer Bauernhöfe zu sichern. Die vom SSM betriebene Politik trägt ohne Zweifel zu einer Aufwertung des Dorfmilieus als überschaubarem Lebensraum bei und ist insofern ökologische Politik.
Staatliche Sünden
Der einzige, der sich heute noch am architektonischen Patrimonium versündigt, ist der Staat: er ließ den "Metzebau" in Eich beseitigen, das "Löschenhaus" in Echternach abreißen, den Stadtturn im "Ilöt Clairefontaine" einstürzen. Nachdem die "Charlys Gare" in Dommeldingen für 8 Millionen Franken zwecks Restauration aufgekauft worden war, ließ Bautenminister Boy Konen sie nach seiner Wahlschlappe 1984 in der Übergangsperiode zwischen Wahl und Regierungsneubildung kurzerhand in einer Nacht-und-Nebel-Bulldozer-Aktion den Erdboden gleichmachen. Bis heute wartet der Schreiner darauf, daß ihm das schon zugeschnittene Dachgebälk, das der SSM für das Bahnhofsgebäude auf Geheiß des Premier bestellt hatte, bezahlt wird.
Das Problem in all diesen Beispielen war, daß der SSM nicht rechtzeitig die betroffenen Gebäude als geschützte Denkmäler klassieren lassen konnte. Sie standen wohl auf den "Inventar", der Vorstufe zum "Denkmalschutz", aber solange wie die Prozedur nicht abgeschlossen ist, ist der SSM machtlos- und leider dauert das eine ganze Weile. Bei Bauwerken in Privatbesitz (z.B. "Metzebau" der ARBED, Villen an Bd. Joseph II, die einer Schweizer Bank gehören) arbeitet der SSM sowieso lieber auf eine gütliche Einigung hin, da sonst der Besitzer beim Staatsrat Berufung einlegen kann und der endgültigen Entscheidung kann er durch Abriß ganz einfach vorgreifen. Die Inventarisierung durch den SSM hat leider keine aufschiebende Wirkung. Davon hat die Straßenbauverwaltung schon öfters kaltblütig profitiert. Eine Gesetzesänderung drängt sich hier unbedingt auf.
Sind die Gebäude aber einmal "klassiert", stehen sie unter einem unbedingten Denkmalschutz und der
SSM kann in Einverständnis mit der Denkmalschutzkommission mehr oder weniger frei schalten und walten. (Zu bemerken bleibt allerdings, daß diese Kommission etwas schwerfällig ist, nicht schnell genug reagiert und vor allem die Notwendigkeit des Ensemble-Schutzes statt isolierter Denkmäler noch nicht recht erkannt hat.)
Da er selbst (bzw. der großherzogliche Hof) Besitzer ist, konnte der Staat über den SSM denn auch dran gehen, bestimmte geschützte Baulichkeiten, insbesondere Burgen und Kirchen völlig zu restaurieren oder gar wiederaufzubauen. Die zeitweilige Konzentration der Ausgaben auf einige Burgneuausfauten hat zwar zu Kritik Anlaß gegeben, ist aber nur vorübergehender Natur. Außer Vianden, Fels und Bourscheid wird keine Burg wieder voll aufgebaut; wohl müssen aber die bestehenden Ruinen konsolidiert werden, damit sie nicht völlig verfallen. Das Beispiel Vianden zeigt, daß solche Investitionen (hier: 120 Mio. Franken) übrigens absolut rentabel sind. Mehr als 220 000 Besucher im Jahr bringen dort 10-12 Mio. Franken Einnahmen, abgesehen von der Vermietung einzelner Säle für private Veranstaltungen. Dies erlaubt nicht nur die Schaffung von 6 Arbeitsplätzen, sondern auch die Eigenfinanzierung aller zukünftigen Restaurations- und Forschungsarbeiten, abgesehen von den positiven Folgen für die Tourismusbranche in Vianden und Umgebung.
Das Ziel einer Umnutzung, die die Kosten der Erneuerung wieder einspielt, wird noch in anderen Fällen vom SSM verfolgt. So hat der Staat mehrere Bauernhöfe aufgekauft, sie instandgesetzt und sie der Dorfgemeinschaft (meistens den "Syndicat d’Initiatives") zurückgegeben, um sie als Ferienwohnungen zu vermieten. In Echternach stellt die Gemeindeverwaltung zum selben Zweck einen mittelalterlichen Stadtturn zur Verfügung. Diese neue Art von Tourismus (nach dem deutschen Modell "Ferien auf dem Bauernhof") soll eine Lücke schließen helfen zwischen Camping- und Hoteltourismus.
Die von G. Calteux immer wieder betonten positiven Auswirkungen der Renovierungen und des Denkmalschutzes auf den Tourismus lassen sich zur Zeit noch nicht in Zahlen ausdrücken. Was die vorteilhaften Folgen für das krisengeschüttelte Handwerk anbelangt – das 2. Argument von G. Calteux, um neue Kreditforderungen zu begründen, – so hat die schon erwähnte Studie von SSM und Handwerkerkammer konkrete Zahlen auf den Tisch gelegt. Für 1985 rechnet man wie schon erwähnt mit 57 Arbeitsplätzen, die durch private Restaurationsaufträge (nur für Fassadenerneuerung!) erhalten werden können. Hinzu kommen 87 bzw. 61 Arbeitsplätze deren Existenz durch Renovierungsarbeiten im Auftrag der Gemeinden bzw. des Staates gesichert werden. Wenn insgesamt 134 Millionen Franken Zuschüsse bewilligt werden, so fließen 66 Millionen F. als Steuern wieder in die Staatskaszurück. Mit einem Umsatz von 276 Mio. F. ist der Sektor interessant genug geworden, daß die Handwerkerkammer Spezialkurse organisieren will, wo die (Kunst-)handwerker die alten Techniken wieder lernen können. Das werden sicher nicht nur die Hausbesitzer begrüßen, die sich vor allem zu Anfang über Auflagen des SSM beklagten, ohne daß der beauftragte Handwerker die dazu notwendige Technik kannte. Solche Kurse werden außerdem zum Erhalt manueller Traditionen beitragen, die ebenfalls zum kulturellen Erbe einer Nation gehören.
Wenn auch bei allen Projekten die Besinnung
auf das historische Erbe neben solchen wirt-
schaftlichen Faktoren als Begründung für die
Restaurationspolitik beschworen wird, so kommt
der Historiker aber nicht umhin, einen Mangel an
Rücksicht auf die Wünsche der historischen For-
schung bzw. der sog. historischen Hilfswissen-
schaften festzustellen. Gerade bei staatseigenen
Gebäuden dürfte es doch keine Gründe geben, um
nicht vor der Restauration zuerst den Archäolo-
gen ans Werk zu lassen, um eine wissenschaftliche
Bestandsaufnahme des vorliegenden Befundes si-
cherzustellen. Meines Wissens hat der SSM nur
im Falle Vianden eigene Forschungsarbeit gelei-
stet, die übrigens zu sensationellen Resultaten
geführt hat: so scheint die Burg an einem Ort
gebaut zu sein, wo schon ein karolingischer
Palast stand, und der schon zur Römerzeit besie-
delt war (1). Diese archäologische Grabung durch
Jeannot Metzler und Johny Zimmer, deren wissen-
schaftliche Publikation auch nicht von staatli-
cher Seite gefördert wird, mußte anscheinend
z.T. gegen die Skepsis des vorigen Kulturmini-
sters durchgesetzt werden. Und Georges Calteux
gab offen zu, daß er wissenschaftliche Forschung
nicht zu den Aufgaben des SSM zählt, zumindest
nicht bei einem Mitarbeiterstab von nur 6 Mann.
Die Zusammenarbeit mit dem Grabungsdienst des
Staatsmuseums scheint aber auch nicht bestens
geregelt zu sein. Später wird es allerdings mei-
stens zu spät sein. Im mit viel Aufwand gefeier-
ten Wiederaufbau des Hauses Raville durch die
Bank UCL (rue de la Reine, Luxembourg) wurde die
Chance verpaßt, den Zusammenhang von Stadtmauer,
Stadtturn und späteren Privatanbauten zu erfor-
schen. Im Falle "11öt Clairefontaine", wo der
Staat seine Verantwortung einem privaten Promotor
übertragen hat, fiel nicht nur wie bekannt einer
der wenigen verbliebenen Stadtürme der sog. 2.
Ringmauer zusammen, sondern es wurde auch die
weltweit einmalige Gelegenheit verpaßt, den In-
halt eines aus dem 11. Jh. stammenden Stadtgra-
bens Schicht für Schicht zu untersuchen, und sei
es nur um auf Grund von Fäkalienüberresten die
Ernährungsweise der damaligen Stadtbewohner zu
studieren.
Für die Zukunft bleibt noch ein dicker Brocken,
dessen Lösung noch offen steht: die Erhaltung
der industriellen Architektur. Vorhin wurde schon
das Thema an Hand der Gerbereien, Molkereien,
Mühlen, u.ä. aus dem vorindustriellen Zeitalter
angeschnitten. Doch die Notwendigkeit, auch Zeugen
aus der Zeit der Großindustrie im 19.-20 Jh. zu
erhalten, wird täglich dringender, wenn man weiß,
daß die ARBED ihre "Division anti-crise" z.T.
mit dem Abriß alter Werksanlagen beschäftigt.
Wenn die Burgen als Zeugen der Ausbeutung der
Bauern im Mittelalter erhalten bleiben, meinte
vor kurzem Kulturminister Robert Krieps, dann
werde es heute Zeit, die Zeugen der Ausbeutung
der Arbeiter im 19. Jh. zu bewahren. Neben dem
Rümelinger Minenmuseum, dessen Erfolg nicht zu
bezweifeln ist, wäre der Erhalt eines Hochofens
und eines Stahlwerkes in situ sicher wünschens-
wert. Bilder allein vermögen den nachfolgenden
Generationen nie die unverwechselbare Atmosphäre
einer "Schmelz" wiederzugeben, und die Computer-
gesteuerten Schaltzentralen heutiger ARBED-Werke
sicher auch nicht. Die jüngsten Budget- und Lage-
der-Nation-Debatten im Parlament haben erfreuli-
cherweise gezeigt, daß sowohl der Kulturminister
als auch mehrere Südabgeordnete bereit sind, die-
sen Weg einzuschlagen. Er wird nicht billig sein.
Und Georges Calteux mit seinen 5 Mitarbeitern
(die eher kunsthistorisch als technikgeschicht-
lich ausgebildet sind) wird beim besten Willen
diese neue Aufgabe nicht auch noch leisten können.
Die Geschichtswissenschaft ist per definitionem
eine kritische Wissenschaft. Historikern ist die-
se Einstellung oft ins Blut übergegangen. Wenn
obiger Beitrag kritische Bemerkungen enthält, so
sollen diese aber nicht darüberhinwegsehen lassen,
daß in Sachen Erhaltung des architektonischen
Patrimoniums der SSM in den paar Jahren, seit er
besteht, Großes geleistet hat. Seine wichtigste
Leistung scheint uns auf dem Gebiet der Bewußt-
seinsbildung zu liegen: der Sinn für die Erhal-
tung wertvoller Bausubstanz ist bis tief in die
Volksschichten hinein gedrungen. Wünschenswert
bleibt noch, daß einerseits die Verantwortlichen
im Staat denselben Respekt entwickeln und die
steingewordene Vergangenheit nicht mehr zerstören,
daß andererseits die wissenschaftliche Vorarbeit
bei privaten wie öffentlichen Restaurationsarbei-
ten verbessert wird.
(1) Vgl. Jeannot METZLER und Johny ZIMMER, Récen-
tés recherches archéologiques au château de
Vianden, in: Château Gaillard XII (1985), pp.
115-125.
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