Von der Nachhaltigkeit zum Null-Wachstum

Einleitung ins Dossier

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Vor einem Jahr veröffentlichte forum unter dem Titel „État des lieux“ eine Ausgabe zur Situation des Großherzogtums unter der Perspektive der Nachhaltigkeit (forum Nr. 293, Januar/Februar 2010). In 14 Kapiteln wurde unter Rückgriff auf die Bestandsanalyse des Plan national pour un développement durable eine Art Gesamtbilanz über den Zustand des Landes gezogen, wobei jedes Kapitel in einem anderen Bereich die Wachstumsfalle illustrierte, in der sich das Land mittlerweile befindet. Das vorliegende Heft schließt an diese Diskussion an: es stellt die Fragen nach den Grenzen des Wachstums innerhalb unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Die Texte auf den kommenden Seiten zeigen nüchtern auf, in welch unmögliche Lage wir uns manövriert haben und was uns erwartet, wenn wir in diesem Rhythmus versuchen weiterzumachen.

Die Frage ist nicht neu und auch nicht originell. Als im Jahre 1972 die jungen Forscher Dennis und Donella Meadow vom MIT im Auftrag der Denkfabrik Club of Rome ihren Bericht über die „Grenzen des Wachstums“ publizierten, in dem sie die durch exponentielles Wachstum entstehenden katastrophalen Folgen auf Mensch und Umwelt beschrieben, wurden ihre Thesen heftig kritisiert und als Panikmache abgestempelt. Wachstum und im Besonderen wirtschaftliches Wachstum gilt auch heute noch allgemein als Voraussetzung für die Schaffung von Wohlstand und den Erhalt unseres Sozialwesens – und das, obwohl dieses Wachstum Begleitschäden verursacht, die

apokalyptische Ausmaße annehmen und die Ungleichgewichte zwischen Nord und Süd und innerhalb der Nationen noch verschärfen. Der Glaube an die positiven Folgen des Wachstums hat sich trotzdem so tief in unsere Gesellschaft eingebrannt, dass sich kaum jemand vorstellen kann (und will), dass wir es eines Tages fertig bringen müssten, in einem Land zu leben ohne Wirtschaftswachstumsmodell.

Während sich Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Politik gerade mühsam mit dem Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ anfreunden, rückt als eigentliches Ziel der geordnete Rückzug ins Blickfeld.

Und doch ist dies die Perspektive. Das 30-Jahre-Upgrade des Berichtes aus dem Jahr 2004 bestätigte und konkretisierte die Resultate von 1972 und führte dazu, dass Wissenschaftler, Soziologen und sogar Politiker anfangen über eventuelle Grenzen unseres heutigen Wirtschaftens laut nach zu denken. Wenn statistisch gesehen, jeder Luxemburger heute einen ökologischen Fußabdruck hat, der (auf die Weltbevölkerung hochgerechnet) den Zugriff auf die Ressourcen von 6 Planeten voraussetzt, so bedeutet ein Wachstum von „nur“ 1 Prozent, dass „der Luxemburger“ in 70 Jahren 12 Planeten benötigt – und bei einem Wachstum von gewünschten 3,5 % in 100 Jahren 31 mal 6 Planeten, d.h. 186 Planeten benötigen würde. Dieses offensichtlich absurde Rechenspiel wird sich schon

innerhalb der jetzt lebenden Generation als unhaltbar erweisen.

Während sich also Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Politik gerade mühsam mit dem Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ anfreunden, rückt als eigentliches Ziel der geordnete Rückzug ins Blickfeld. Insbesondere in Frankreich wird die Idee der décroissance leidenschaftlich diskutiert. In Deutschland spricht man bescheidener von Null-Wachstum. Doch gemeinsam ist die Suche nach einem Modell, dass in einem schönen Spruch von Gandhi zusammengefasst werden könnte: „Lebe einfach, damit andere einfach nur leben können.“ Die folgenden Beiträge von Jean Lamesch, Harald Welzer, Blanche Weber, Katy Fox und Nathalie Oberweis beschreiben das Problem, das uns aufgegeben ist, und zeigen die eine oder andere Perspektive auf, wie die Menschheit sich durch eine Wiederaneignung der Welt und der insbesondere der Wirtschaft retten könnte. Mit dem Unternehmer Gary Kneip haben wir über die Zwänge gesprochen, die hinter der Wachstumslogik der Wirtschaft stehen und mit Félix Braz haben wir exemplarisch einem Politiker der Grünen das Wort gegeben, um uns eine Alternative zur klassischen Wachstumsstrategie aufzuzeigen. Sein Beitrag zeigt sehr schön, wie vorsichtig die Politik mit dem Thema umgeht … ♦

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