Von der Naturentfremdung unserer Kinder und warum sie uns alle etwas angeht

Es wird wohl kaum jemanden überraschen: Kinder verbringen heutzutage deutlich weniger Zeit draußen in der Natur als noch vor 30 Jahren. Während 1990 in einer deutschen Studie noch fast drei Viertel der befragten Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren angaben, sich täglich im Freien aufzuhalten, waren es 2003 schon weniger als die Hälfte. Heute, erneut 20 Jahre später hat sich die Tendenz kaum verändert. Dementsprechend bleibt nicht aus, dass sich die Beziehung von Kindern und Jugendlichen zu dem, was draußen kreucht und fleucht, verändert hat.

Als gelernter Agraringenieur arbeite ich seit 30 Jahren als Naturpädagoge im Natur Mobil des Nationalmuseums für Naturgeschichte (natur musée). Beim Natur Mobil handelt es sich um ein rollendes Museum. Dieses dezentrale Angebot des Museums besucht mehrheitlich Grundschulen mit dem Ziel, besonders junge Menschen für Natur zu sensibilisieren. Die Workshops sind meist so aufgebaut, dass die Schulkinder Themen wie „Das Leben im Wald“, „Das Leben im Weiher“ oder „Das Leben im Boden“ draußen im jeweiligen Naturgebiet erfahren. Das Erlebte wird im Anschluss im mobilen Museum aufgearbeitet und vertieft. Das Natur Mobil dient so als eine Art „Außenantenne“ des Museums, bei dem die Themen, denen sich das Mutterhaus verschrieben hat, draußen im direkten Kontakt mit der Natur und ihren Bewohnern erlebt werden. 

Während die freien Nachmittage früher häufiger mit Herumstreunen in umliegenden Wiesen und Wäldern verbracht wurden, finden sie heute zunehmend in Betreuungsstrukturen statt.

Im Rahmen dieser Arbeit habe ich in den letzten drei Jahrzehnten viel Zeit mit jungen Menschen in der Natur verbracht. In dieser Zeit habe ich feststellen müssen, dass sich das Verhalten der Kinder gegenüber der Natur und den Tieren im Speziellen (in diesem Kontext sprechen wir von heimischen, wildlebenden Klein- und Großtieren) deutlich verändert hat. In der Tendenz sind Kinder zunehmend abgeneigter, Dinge in der Natur anzufassen. Aufrichtige Sorge, man könne sich „schmutzig“ machen oder gar krank werden, lässt die Kinder misstrauisch sein. Die Natur wird eher als fremd und unberechenbar empfunden. 

Ich möchte einige Beispiele aus meinem Alltag teilen, welche diese Entwicklung veranschaulichen sollen.

Der Workshop „Das Leben im Boden“ startet damit, dass sich alle in einen Kreis stellen und jedes Kind zum Einstieg eine Handvoll Blätter nehmen soll. Bei günstigem Wetter legen wir uns auf den Boden, um diesen zu erfühlen. Im Verlauf bilden die Kinder einen „menschlichen“ Tausendfüßer, bei dem sie in einer Art Polonäse ohne Schuhe und Strümpfe über den Waldboden laufen. Warum barfuß? Zum einen natürlich, weil ein Tausendfüßer selten mit Schuhen anzutreffen ist. Zum anderen, weil der Waldboden so sensorisch erlebt werden kann. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn beteiligte sich die ganze Klasse mit großer Begeisterung bei diesen Erfahrungen. Heute sind hingegen nur wenige Schüler gewillt mitzumachen. Reaktionen wie „Ich werde schmutzig!“, „Es stinkt!“, „Es ist eklig!“ oder „Ich habe Angst, dass ich gebissen werde!“ werden laut.  

Anderes Setting, ähnliche Reaktionen: Wenn im Frühjahr das Leben in den Weihern des Landes wieder erwacht, ist dies nicht selten unser Arbeitsplatz. Mit Marmeladenglas und Fangnetz ausgerüstet sollen die Kinder entdecken, welches neue Leben sich hier nach dem Winter zeigt. Unter anderem tummeln sich Libellenlarven, Käferlarven, Kaulquappen oder Molche im Netz der Kinder; dies oft unten im leicht stinkenden Schlick. Damit die Tiere besser beobachtet werden können, sollen sie vorsichtig mit den Händen aus dem Netz in die Gläser gebracht werden. Dies geschieht nicht selten erst nach Aufschreien wie: „Was?! Wir müssen das mit den bloßen Händen machen? Nein! Die beißen bestimmt!“. Mit beruhigenden Worten und viel gutem Zureden überwinden die meisten Kinder mit der Zeit ihre anfänglichen Ängste. Nicht selten sind nach einer Weile Amphibienarten wie Frosch oder Molch bei fast allen das neue Lieblingstier, welches selbstverständlich schon einen Namen bekommen hat und kaum mehr aus der Hand gegeben wird.  

Begegnungen mit großen Säugetieren wie Wildschweinen, Rehen, Hirschen oder Füchsen sind auf unseren Waldentdeckungstouren in der Gruppe brabbelnder Kinder sehr selten. Im Natur Mobil treffen die Kinder diese in Form von ausgestopften Präparaten. Da sie als didaktisches Material dienen und aus diesem Grund unbehandelt und so frei von Schadstoffen sind, können sie berührt und gestreichelt werden. Reaktionen wie „Kann ich das Tier mit nach Hause nehmen?“ oder „Wieviel kostet es? Ich möchte auch so eins!“zeugen von der anhaltenden Begeisterung und Faszination für diese Tierarten.

Der Autor in Aktion im Natur Mobil © Contentbox

Kinder und Jugendliche sind heute weniger naturverbunden als frühere Generationen. Der Bewegungsradius ist meist auf das elterliche Wohnumfeld beschränkt. Für freies Spiel mit eigenen Entdeckungen und Erfahrungen in der Natur gibt es wenig Raum. Während die freien Nachmittage früher häufiger mit Herumstreunen in umliegenden Wiesen und Wäldern verbracht wurden, finden sie heute zunehmend in Betreuungsstrukturen statt. Wohl sind auch dort Ausflüge ins Grüne möglich. Allerdings sieht der reelle Alltag nicht selten wenig grün aus. Auch elterliche Ängste, steigender digitaler Medienkonsum oder Freizeitstress mit verschiedensten Hobbies stehen den Möglichkeiten zur Naturerfahrung gegenüber. Somit haben viele Kinder weniger Gelegenheit, Natur zu erleben und Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum kennenzulernen.

Diese Entwicklung hin zu zunehmender Naturentfremdung ist äußerst bedenklich. Das sage ich nicht, weil ich meine Arbeit draußen liebe, sondern das zeigen etliche Forschungsergebnisse. Naturerfahrungen sind tatsächlich sehr bedeutend für die Befriedigung emotionaler, aber auch kognitiver Bedürfnisse junger Menschen. Die Nähe zu Pflanzen und Tieren ist ex­trem wertvoll für die Entwicklung emotionaler Bindungsfähigkeit, Empathie und Kreativität.

Nicht nur auf die Kinder kann sich diese Entfremdung negativ auswirken. Auch Themen wie Umweltschutz können an Greifbarkeit verlieren, wenn das Bewusstsein für die Natur und ihre Bewohner abnimmt. Denke man an Goethes Zitat „Man sieht nur, was man weiß“. Dieses lässt sich auf viele Bereiche anwenden. Abgewandelt: Man hat nur ein Bewusstsein für die Dinge, die man kennt. Wenn Heranwachsende sich also zunehmend von der Natur entfremden und für vieles buchstäblich blind werden, dann steht es um viele Arten schlecht. Denn weiter abgewandelt, könnte man auch sagen: Man schützt nur, was man kennt. 

Aus diesen Gründen steht die Naturerfahrung im Mittelpunkt der Arbeit im Natur Mobil. Vor 30 Jahren spielte neben der eigentlichen Naturerfahrung die Vermittlung von Faktenwissen eine deutlich größere Rolle. Da die Kinder bei unseren Ausflügen in die Natur oft von den vielen neuen Eindrücken teilweise so überfordert und verunsichert sind, sind sie für die Aufnahme von Wissen nicht offen. Demnach geht es heute vielmehr darum, Naturerfahrungen zu ermöglichen, die Freude machen, Neugier wecken und die Basis für mehr Naturverbundenheit schaffen. 

Die Sensibilisierungsarbeit des Natur Mobil ist somit nach 30 Jahren aktueller und wichtiger denn je. Die faktenbasierte Aufklärung über Bedeutung und Nutzen von Fauna und Flora allein nimmt den Kindern nicht die negativen Gefühle in Bezug auf die Natur. Das Wichtigste ist, dass die Kinder mit dem Tier in Berührung kommen. Dieses emotionale Erleben in der unmittelbaren Begegnung mit einem Tier wirkt Scheu, Ekel und Angst am schnellsten und am nachhaltigsten entgegen. So entsteht eine emotionale Bindung zur Umwelt sowie die Basis für den achtsamen Umgang mit dieser. 

Die Kinder von heute sind weiterhin für die Natur und speziell für wildlebende Tiere zu begeistern. Durch bewusste Naturerfahrungen und ein bisschen mehr Mut zum „Schmutzigwerden“ können wir mit unserer Arbeit helfen, Kindern wieder einen vertrauten Zugang zur Natur zu ermöglichen.


„Zentral […] ist nicht die Aneignung von Wissen über die Natur,
sondern die am eigenen Leib gemachte Erfahrung in und mit der Natur.“

Dr. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie


Stéphane Risch ist gelernter Agraringenieur und seit 30 Jahren Leiter des Natur Mobils am Nationalmuseum für Naturgeschichte Luxemburg (natur musée).

 

 

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