Von der Säkularisierung zum Pluralismus
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Dossier
Von der Säkularisierung zum Pluralismus
Am Sonntag, den 25. Mai begibt sich der Staatschef an den Schaulustigen vorbei in die Kathedrale, umgeben von seiner Familie und Personenschützern. Als etwas weiter vorne die kirchlichen Würdenträger das Ave Maria anstimmen wird dem zufälligen Beobachter erst klar, dass es sich um die Schlussprozession der Oktave handelt. Hinter der großherzoglichen Familie taucht eine kleine Delegation des Stadtrates und der Chamber auf. Auch wenn die Prozession Vertreter des „offiziellen“ Luxemburgs umfasst (Feuerwehr, Fanfare, Zwangsrekrutierte usw.), so schauen sich doch deutlich mehr Menschen das Spektakel an, als sich welche daran beteiligen.
Damit gibt die Schlussprozession Aufschluss über die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft einerseits sowie Kirche und religiöser Praxis andererseits. Die Schlussprozession und das Tedeum sind Beispiele für die weiterhin enge Verschränkung zwischen dem „offiziellen“ Luxemburg und der katholischen Kirche als Institution. Zwar soll dieses Jahr erstmals eine zivile, nicht-religiöse Feier neben dem Tedeum stattfinden, doch außerhalb der Hauptstadt wird der Nationalfeiertag wohl weiterhin größtenteils mit einer religiösen Feier begangen werden.
Säkularisierung bleibt ambivalent
Die Gesellschaft entfernt sich dagegen immer stärker von den institutionalisierten
Religionsgemeinschaften. Etwa 44 % der Luxemburger Bevölkerung fühlen sich einer Religionsgemeinschaft nahe. Doch nur eine Minderheit besucht regelmäßig
Die Luxemburger Gesellschaft hat teil an einer europaweiten Entwicklung, die sich in der griffigen Formel „believing without belonging“ spiegelt.
Gottesdienste, die Hälfte der Bevölkerung kommt mit der Kirche nur anlässlich von Hochzeiten, Taufen oder Begräbnissen in Berührung (siehe S. 19 und 28). Trotzdem definierten sich 2011 in einer Studie weiterhin 57 % als religiös. Die Luxemburger Gesellschaft hat damit teil an einer europaweiten Entwicklung, welche die Religionssoziologin Grace Davie auf die griffige Formel „believing without belonging“ bringt. Ebenso heben der Soziologe José Casanova (Interview S. 21) und Lucie Waltzer die Entinstitutionalisierung und zeitgleiche Individualisierung der religiösen Praxis und der Glaubensinhalte hervor. Religiös sein, heißt demnach immer öfter, sich sein religiöses Weltbild sozusagen individuell zusammenzubasteln. Diese Entwicklungen untersucht Lucie Waltzer (ab S. 24) mit Blick auf die Muslime in Luxemburg, sie sind jedoch kennzeichnend für unsere postmoderne Gesellschaft (und damit auch für Katholiken).
Säkularisierung als einen stetigen Bedeutungsverlust der Religion zu verstehen, greift also zu kurz. Zwar trifft diese Diagnose zum Teil für Europa zu, doch ist dies global gesehen nicht unbedingt der Fall. José Casanova erläutert zudem, dass Säkularisierung darüber hinaus die Ausdifferenzierung der religiösen und säkularen Sphären bezeichnet und die Denkströmung begreift, Religion müsse privat gelebt werden. Doch auch diese beiden Deutungsweisen sind ambivalenter als es auf den ersten Blick scheint.
Die religiöse und die säkulare Sphäre teilen sich einen sozialen Raum, wo eine eindeutige Trennlinie kaum zu finden ist, so Michel Pauly. Selbst wenn die Trennung beider Sphären fortschreitet, werden Religionen weiterhin in der Öffentlichkeit, z. B. in Form von historischen Bauten oder gesellschaftlichem Engagement, präsent sein und sich nicht gänzlich in den privaten Raum verbannen lassen. Niemand kann zudem steuern, welche Bedeutung diesen Bauten zugeschrieben wird, ob sie wie für Ingo Hanke Symbole der Transzendenz sind oder als reine Anhäufung von Steinen betrachtet werden. Für Michel Pauly hingegen zeigen sich religiöse Ideale im Engagement gläubiger Bürger in der Gesellschaft. Die Emanzipierung der Kirche vom Staate kann in dieser Perspektive als Notwendigkeit für dieses Engagement gesehen werden – ohne Rücksicht auf die Interessen der Regierenden.
Pluralismus als Herausforderung des Staates
Ausgelöst durch die Migrationsströme sind moderne Demokratien heute aufgefordert, unterschiedlichen Weltanschauungen ihren Platz zu geben, also Pluralismus zu gewährleisten. Die Aufgabe von modernen Staaten ist es, J. Casanova zufolge, dabei eine „Tyranne der Mehrheit“ zu verhindern, d. h. Staaten sollten auch die laizistische Weltsicht nicht gegenüber anderen privilegieren.
Während in Belgien bereits die Verfassung von 1831 die Freiheit der Kulte festschrieb und damit das Ende der Staatskirche einläutete, blieben die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Luxemburg enger aber auch unklarer, erklärt Caroline Sägesser (S. 32). Das hat auch Konsequenzen für den Umgang mit Pluralismus: Belgien erkannte bereits 1974 den islamischen Kult an, in Luxemburg steht bis heute eine solche Konvention aus.
Bei einer Diskussion an der Universität Luxemburg (am 26. Mai) stellten sich
im Hinblick auf die Gewährleistung des Rechtes auf Religionsfreiheit für Jean-Luc Thill, Philosophielehrer am Lycée Aline Mayrisch, und Daniel Bogener, Moraltheologe aus Fribourg, zwei Fragen: Wie weit muss die Neutralität des Staates gehen? Wie kann es dem Staat gelingen, gesellschaftlichen Pluralismus zuzulassen?
Pluralismus unterrichten
Während für die einen der Pluralismus durch einen Werteunterricht gewährleistet ist, ist er es für andere, wenn möglichst viele Optionen wählbar sind. Die neue Regierung geht derzeit pragmatisch voran, vielleicht weil sie es vermeiden will, wie in Belgien (S. 34) an einigen Schulen bis zu neun unterschiedliche Kurse anbieten zu müssen.
Wichtiger scheint jedoch, dass Pluralismus ein wichtiger Lehrinhalt des wie auch immer gestalteten Unterrichts ist. Für Christian Meyers ist es wichtig, den Schülern Pluralismus zu vermitteln, nicht nur den der Religionen, sondern auch den der Identitäten. Methodisch könnte sich
der Werteunterricht an der des „Philosophierens mit Kindern“ orientieren, wobei der Lehrer über die Hebammenkunst den Kindern altersgerechtes Wissen hervorruft und sie beim selbständigen Denken begleitet. Das widerspricht nicht unbedingt den Anliegen des bisherigen Religions- und Ethikkurses. Und so betont auch Bildungsminister Claude Meisch im Interview (S. 38), dass bei der Gestaltung des Werteunterrichts vor allem die Gemeinsamkeiten des Religions- und des Ethikunterrichtes im Blickfeld stehen.
In der Luxemburger Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche sowie den Werteunterricht fehlt oft die differenzierte Sicht auf die gelebte Religiosität. Gerne wird mit absoluten Begriffen und Feindbildern hantiert („der Katholik“, „der Atheist/Laizist“), die der komplexen gesellschaftlichen Realität nicht gerecht werden. Vielleicht hilft die Besinnung auf die vielen Grautöne, die vermeintlich tiefen ideologischen Gräben in der politischen Debatte zu überwinden.
Stephanie Majerus / Laurent Schmit
Proximité avec une communauté de foi
44%
Des personnes se disent liées à une communauté de foi / communauté religieuse
Source : TNS Ires, Le fait religieux au Luxembourg en 2013, Sondage auprès de la population résidente du Luxembourg du 21 au 27 novembre 2013 (commandé par l’Église catholique du Luxembourg)
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