Von falschen Strategien und zweierlei Maß

Zu Jean Feyders Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?

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Zu Jean Feyders Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?

Das kürzlich erschienene Buch Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder? von Jean Feyder sollte Pflichtlektüre sein. Es verspricht nichts, was es nicht hält: Der Leser bekommt nicht nur Antworten auf die Frage, warum der Hunger „in seiner ganzen empörenden Banalität die wichtigste Todesursache auf unserem Planeten bleibt“. Alle sechs Sekunden verhungert ein Kind, und jeden Tag sterben 25 000 Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Jean Feyder besitzt vor allem das Talent und sicherlich das nötige (Insider-)Wissen, um die Komplexität der Problematik an den Tag zu legen. Deshalb ist das Buch, für Kenner, aber auch für all diejenigen, die sich schon immer gefragt haben, warum es immer noch Hunger und Unterernährung auf der Welt gibt, ein Muss. Darüber hinaus ist es erfrischend und erstaunlich, dass ein Botschafter und ständiger Vertreter Luxemburgs bei der UNO und der WTO in Genf seinen Diplomatenmantel ablegt und klare, offene, anklagende Worte schreibt.

Der Leser lernt, dass Entwicklung nicht nur die Angelegenheit der Entwicklungspolitik ist. Hunger und Unterernährung sind keine Fatalität und haben klare, identifizierbare Gründe, auch wenn diese oft maskiert und hinter ideologischen Vorhängen versteckt bleiben. In Mordshunger wird der Leser zum Beobachter einer Weltbühne und reist von Ghana nach Haiti, wo er Zeuge der Zerstörungskraft des Preisdumpings im Norden wird. So haben subventionierte amerikanische Reisexporte, subventioniertes europäisches Geflügelfleisch und Tomatenmark Millionen Menschen ihre Existenzbasis geraubt. Man kann nur mit Joseph Stiglitz übereinstimmen und von einer „krassen Heuchelei“ reden, wenn „die westlichen Länder behaupten den armen Ländern

zu helfen, sie aber dazu drängen Handelshemmnisse abzubauen, während sie gleichzeitig ihre eigenen Handelsschranken beibehielten. Diese Politik macht die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer“.

Die Zeitreise beginnt mit der Schuldenfalle Anfang der 1980er Jahre. Daraufhin die angebliche Kur, nach Naomi Klein „Schockstrategie“, der strukturellen Anpassungsprogramme. Haiti, eines der ärmsten und verletzlichsten Länder, wurde im Laufe dieser Liberalisierung der Wirtschaft und des Handels durch IWF und Weltbank zu dem marktoffensten Land der Welt! Die Zölle, u. a. der Agrarprodukte, wurden runtergefahren und sind nun in den Entwicklungsländern häufig niedriger als die der Industrieländer. Diese „falschen Strategien“ seien darauf zurückzuführen, dass im IWF gegenwärtig Marktideologen das Sagen hätten. Es gäbe also ein fundamentales Problem: Eine Institution, die zu dem Zweck gegründet wurde, gewisse Marktmängel zu beheben, sei zu deren Hauptverfechter geworden. Die strukturellen Anpassungsprogramme hätten somit einen wichtigen Beitrag zur Globalisierung der Armut geleistet.

Auch die nationale Souveränität wird durch den Rückgang der Staatseinnahmen infolge der Senkung der Zollsätze in Frage gestellt und mit ihr die Würde ganzer Völker. Einerseits wird Staatsinterventionismus von IWF & Co als Verzerrung abgetan, doch andererseits wird die Verzerrung der Agrarpreise auf den Weltmärkten – durch öffentlichen Interventionismus – akzeptiert. Die südlichen Staaten dürfen ihre Bauern nicht vor niedrigen Preisen schützen, wobei die westlichen Staaten es tun. Der Leser, der

Nathalie Oberweis

Der Leser wird sich immer mehr der grotesken Tatsache bewusst, dass Millionen Menschen das Recht auf Nahrung verweigert wird.

Jean Feyder: Mordshunger.
Wer profitiert vom Elend
der armen Länder?,
Berlin, Westend, 2010,
335 S., 26,20 €.

mittlerweile zum feinen Beobachter wurde, weiß,
dass die Gewinner dieser neoliberalen Weltwirt-
schaft mit zweierlei Maß transnationale Unterneh-
men sind.

Jean Feyder stellt fest, dass die internationale Ge-
meinschaft erst dann auf die Ernährungskrise rea-
gierte, als die städtische Bevölkerung davon betroffen
war und diese ihrem Ärger durch Demonstrationen
Luft machte. Er empört sich, dass die ländlichen
Bewohner, die leise hungerten, jahrzehntelang von
den politischen Strategien vernachlässigt wurden.
Diese Kluft zwischen Stadt und Land vertiefe und
beschleunige den Teufelskreis der Armut, da durch
die Vernachlässigung der Landwirtschaft Millionen
Landbewohner die Reihen der im Elend lebenden
Stadtrandbewohner füllen.

Der Autor fordert deshalb neue Strategien. Die Ent-
wicklungspolitik müsse überdacht werden. Men-
schenrechte, soziale Werte wie Gerechtigkeit und
Solidarität müssten in dessen Mittelpunkt rücken.
Der Staat müsse seine aktive Rolle zurückgewinnen.
Ein neues Gleichgewicht zwischen Staat und Markt
sei von Nöten. Jean Feyder plädiert dafür, dass die
westlichen Länder den armen Ländern das eingeste-
hen, was sie selbst bei sich zu Hause anwenden. Man
könne sich an der eigenen Geschichte inspirieren,
am Beispiel des Marshallplans, der es Europa er-
laubte, sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch star-
ken Protektionismus und Interventionismus wieder
aufzubauen. Kohärenz aber verlangt der Verfasser
auch zwischen den verschiedenen Politikbereichen.
Man dürfe nicht mit der einen Hand nehmen und
mit der anderen geben.

In diesem Sinne dezentralisiert der ehemalige Di-
rektor für Entwicklungszusammenarbeit beim Au-
ßenministerium in Luxemburg Entwicklung und
den Kampf gegen den Hunger. Wenn man dieses
Buch zuschlägt, zweifelt man an der zentralen Rolle
der Entwicklungspolitik. Sie scheint nur noch ein
Instrument zu sein. Viele andere wichtige Akteure
müssen ihre Strategien einer Entwicklungsperspek-

tive neu gestalten. Auch die Strategie der Jahrtausend-
entwicklungsziele müsse verbessert werden, denn
auch sie stelle die Rahmenbedingungen – den globalen
wirtschaftlichen Kontext –, in denen sie vernetzt ist,
nicht in Frage.

Der Autor bietet aber auch konkrete Alternativen.
So werden sensible Themen wie der Zugang zu Bo-
den und die Landreform angesprochen. Eine Agrar-
reform alleine aber ändert die internationalen struk-
turellen Verflechtungen nicht. Mordshunger blickt
auch auf die von der Kolonialzeit geerbte, auf Ex-
port ausgerichtete Landwirtschaft zurück. Deshalb
ist auch eines der wichtigsten Stichwörter dieses
Buches „Souveränität“. Diese wird von Jean Feyder
für die Millionen Bauern verlangt, die im Rahmen
der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, Export-
güter produzieren anstatt sich selbst mit Nahrungs-
mittel zu versorgen. Selbstversorgung würde die Ver-
letzlichkeit dieser Länder mindern – aber ist diese
Form von Unabhängigkeit überhaupt erwünscht?
Der Leser wird sich immer mehr der grotesken Tat-
sache bewusst, dass Millionen Menschen das Recht
auf Nahrung verweigert wird. Es erscheint schon fast
surreal, dass die Ernährung ganzer Bevölkerungen
der Willkür der Märkte ausgesetzt ist und dass diese
Tatsache quasi als eine Naturgegebenheit hingenom-
men wird. Deshalb sei, so Jean Feyder, die Regu-
lierung der Märkte und vor allem der Agrarmärkte eine
Dringlichkeit.

Der Leser fragt sich aber, ob das Politik-, Finanz-
und Wirtschafts-Establishment diese Notwendigkeit
überhaupt erkennt. Genauso wie der Hunger wie-
derkehrt und der Teufelskreis der Armut sich weiter
ausbreitet, genauso versagen die Verantwortlichen,
wenn sich ihnen die Möglichkeit bietet, grundsätzli-
chere Reformen statt nur Kunstgriffen zu unterneh-
men. Deshalb appelliert Jean Feyder an eine verant-
wortliche Bürgerschaft. Mangels politischem Willen
ist zivilgesellschaftliches Engagement notwendiger
denn je. Dazu spornt Jean Feyders Mordshunger den
Leser auf jeden Fall an. ♦

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