Was bleibt von der Einzigartigkeit des Menschen?
Ein Überblick über den Forschungsstand
Tierschutz und artgerechte Tierhaltung sind in letzter Zeit aufgrund diverser Zwischenfälle wieder in aller Munde. Immer wieder regen wir uns über grausame Berichte zu Tierquälerei auf und doch kauen wir weiter auf unserem Steak herum. Diese Schizophrenie in unserem Verhalten gegenüber den „nichtmenschlichen Tieren“ (im übrigen Text als „Tier“ bezeichnet) spiegelt unsere inkonsistente und inkonsequente Moral im Bezug auf das Tier wider.
Wir sind zu 99% mit den Schimpansen und Bonobos verwandt und stammen nicht, wie lange vermutet, von den Affen ab. Wir sind also auch Tiere, und doch fühlen wir uns den nichtmenschlichen Tieren dermaßen überlegen, dass wir Beweise ihres Schmerzempfindens, ihrer Intelligenz usw. fordern, um sie zu respektieren. Wie der Astronom Carl Sagan schon feststellte, ist „das Nichtvorhandensein von Beweisen, kein Beweis für Nichtvorhandensein“.
Die Ethologin Dawkins beschrieb schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Versuchsreihe über die Auswirkungen von Zigarettenrauch. Hamster verklebten die Löcher mit der Luftzufuhr, um dem stetigen Luftstrom zu entgehen, den sie zweifelsohne als extrem unangenehm empfanden. Damit schnitten sie sich jedoch auch die einzige Luftzufuhr ab und erstickten. Tiere zeigen uns also vor allem mit ihrem Verhalten ihre Gefühle und Interessen. Jedes Tier ist an seine Umwelt und Lebensbedingungen angepasst und besitzt die nötigen Fähigkeiten, um darin zu leben, auch wenn sich vieles unserer Vorstellungskraft entzieht. Niemand kann die Welt so wahrnehmen, wie sie wirklich ist, da wir immer nur eine Außenansicht gewinnen, eine Innenansicht in die Gedanken- und Gefühlswelt bleibt uns, durch unsere kognitive Begrenztheit, prinzipiell verwehrt.
Ich möchte nachfolgend einen Einblick in die bisherigen Erkenntnisse über die Fähigkeiten der Tiere und die Bereiche unseres Lebens geben, die mit dem Wohl der Tiere regelmäßig kollidieren.
Stand der Forschung
Bedingt durch die gleichen physiologischen Grundvoraussetzungen empfinden sehr viele Tiere Schmerz wie wir und höchstwahrscheinlich empfinden alle Tiere Kerngefühle wie beispielsweise Angst. Jedoch sind interspeziell wie auch interindividuell die mentalen wie kognitiven Fähigkeiten quantitativ unterschiedlich ausgebildet, Menschen eingeschlossen.
Die im Folgenden aufgeführten Kriterien zur Abgrenzung des Menschen zum Tier mussten im Laufe der Zeit immer wieder verworfen und überdacht werden.
Nutzung und Herstellung von Werkzeug
Schon lange ist bekannt, dass z.B. Krähen Werkzeuge benutzen. 2009 dokumentierten Finn Julian et al., dass diese Fähigkeiten auch Wirbellosen zukommt. Es wurde beobachtet, dass Kraken Kokosnussschalen sammeln, um sich Schutzhütten zu bauen. Kraken gelten als äußerst intelligent und lernfähig.
Sprache
Vermutlich ist die menschliche Sprache das wichtigste Kulturgut unserer Spezies und wir denken, dass wir einmalig sind, weil wir uns mithilfe von Sprache verständigen. Dabei wird vergessen, dass Sprache lediglich die menschliche Wirklichkeit abbildet (und auch das nur mangelhaft), aber niemals die Realität selbst. Die Grenzen meiner Sprache (…) die Grenzen meiner Welt. Die Ethologin Marian Stamp Dawkins konnte nachweisen, dass die Grüne Meerkatze sogar über verschiedene Vokabeln für verschiedene Feinde, wie Adler, Leopard oder Schlange, verfügt. Menschenaffen können die Taubstummensprache lernen und sogar die Bedeutung der Wörter verstehen, was den sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes im Alter von 9 bis 24 Monaten entspricht. Zudem können sie neue Wortkombinationen bilden. Der Bonoboaffe „Kanzi“ beherrscht sogar das Computerspiel „PacMan“ und das Gorillaweibchen „Koko“ diskutierte mit ihrer Ausbilderin über den Tod1. Der erste in Freiland gewonnene Beweis für Ansätze einer echten Sprache bei Tieren konnte vor kurzem in Japan erbracht werden. Das Experiment bewies, dass Kohlmeisen fähig sind, einen Satzbau mit grammatikalischen Regeln zu verwenden. Fledermäuse und Orcas haben sogar unter- schiedliche Dialekte und können den Dialekt einer anderen Gruppe annehmen. 2016 veröffentliche das Max-Planck- Institut für Evolutionsbiologie einen
Artikel, der eine kontextabhängige Unterhaltung im Rahmen des Soziallebens von Mäuseweibchen dokumentierte. Eine kulturelle Weitergabe von bestimmten Rufen konnte bei Raben belegt werden. Wenn wir über Sprache sprechen, müssen wir auch über die Fähigkeit zum vocal learning sprechen, die eine absolute Voraussetzung zur Entwicklung einer Sprache ist. Kann man keine neuen Signale in sein Repertoire aufnehmen, so kann man auch nicht sprechen. Der asiatische Elefant „Koshik“, der Belugawal „Noc“ und der Seehund „Hoover“ zeigten, dass im Tierreich nicht nur Papageien und Große Tümmler diese Fähigkeit besitzen2.
Auch wenn nicht alle Tiere die Fähigkeit zur echten Sprache besitzen, so „gibt es eine Kommunikation, sobald die erhaltene Information das Verhalten des Rezipienten bestimmt“3.
Mentale Fähigkeiten
Das Ausmaß tierischer Intelligenz wurde bislang dramatisch unterschätzt, v.a. außerhalb der Gruppe der Primaten. Dawkin zeigte bereits 1996 die Fähigkeit von Ratten, in Grundzügen zu zählen, und jene von Graupapageien nicht nur zu zählen, sondern darüber hinaus abstrahieren zu können4. 2007 wurde bekannt, dass Rhesusaffen genauso gut Kopfrechnen können wie Studenten5. Metakognition (Das Denken/Wissen über das eigene Wissen/Denken) ist eine wichtige Fähigkeit, um risikoabhängige Entscheidungen treffen zu können. Dieses vorausschauende Denken ist ein Kriterium für echte Intelligenz. Alle Großen Menschenaffen, Delfine, Rhesusaffen, Kapuzineräffchen, Tauben und sogar Bienen wurden hierauf erfolgreich getestet2. Dr. Pepperbergs Graupapagei Alex6 erfüllte ein wichtiges Kriterium für begriffliches Denken, indem er einzelne Gegenstände nicht nur benennen, sondern diese zudem bestimmten Eigenschaften zuordnen konnte, beispielsweise der Farbe Rot.
Bewusstsein
Menschliches Bewusstsein beruht vor allem auf den Eigenschaften des thalamocorticalen Komplexes, welchen wir mit anderen Säugetieren gemeinsam haben. Die Voraussetzung für Selbstbewusstsein ist Bewusstsein, d.h. das Vermögen zwischen „Ich“ und „Anderen“ unterscheiden zu können. Dieses physiologische Phänomen tritt beim Menschen erst zwischen dem 18ten und 24sten Monat auf. Ab diesem Zeitraum nimmt das Kind sein Spiegelbild als die Reflexion seiner selbst wahr. Den Spiegeltest bestehen humanoide Individuen, ebenso wie Elefanten, Delfine und sogar Elstern.
Empathie
Vor allem Fähigkeiten wie Empathie, Theory of Mind (Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen), Reziprozität (Gegenseitigkeit im sozialen Austausch) und Fairness werden dem Menschen zugeschrieben und werden gern als Alleinstellungsmerkmal behauptet. Die von G. Rizzolatti 2008 publizierte Entdeckung der Spiegelneurone (vermutlich Schlüsselrolle für Empathie und Mitleid) in der Großhirnrinde von Rhesusaffen war eine der großen wissenschaftlichen Sensationen des letzten Jahrzehnts. Viele scheinbar ausschließlich menschliche Eigenschaften bekamen hierdurch schlagartig eine biologisch begründbare Basis. Die Fähigkeit zur Empathie setzt zudem Selbsterkenntnis voraus. Sowohl Selbsterkenntnis als auch Theory of Mind haben alle Menschenaffen gemeinsam. Auch Katzen, Elefanten und Mäuse besitzen eine Theory of Mind und die Fähigkeit zur Empathie. Sogar echter Altruismus kann nicht nur dem Menschen zugeschrieben werden. Genügend Berichte handeln von Affen, Delfinen und Hunden, die unter Einsatz ihres Lebens andere Lebewesen (z.B. Menschen) retten.
Moral
Die Grundlage unserer Moral liegt in der Fähigkeit des Gehirns, moralische Entscheidungen treffen zu können. Kinder, die jünger als sieben Jahre sind, können moralische Entscheidungen noch nicht fällen, da das zuständige RTPJ-Areal im Gehirn noch nicht voll entwickelt ist. Der ursprüngliche Mechanismus von moralischem Verhalten ist Fairness. Um Ungerechtigkeit zu empfinden, sind verschiedene geistige Errungenschaften nötig: Ich muss wissen, dass es jemand anderes als mich überhaupt gibt. Es ist ein Verständnis für Quantitäten (Mengenlehre) und ein Gedächtnis nötig. Neben Menschenaffen wurden beispielsweise Hunde, Krähen, Raben und sogar Ratten erfolgreich auf Fairness, den Grundstein der Moral, getestet. Was macht uns jetzt einzigartig? Vielleicht das Broca-Zentrum, das bis jetzt nur im menschlichen Gehirn nachgewiesen werden konnte und zuständig ist für syntaktisch-grammatische Sprache? Allerdings besitzt der Mensch beispielsweise das Gehirnareal Cluster N (Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes) nicht. Da nahezu jeder Spezies ein Alleinstellungsmerkmal zukommt, wird es Zeit, uns von dem Wunsch einzigartig sein zu wollen, zu verabschieden.
1 Francine Patterson and Eugene Linden, The Education of Koko; Holt Rinehart & Winston,September 1981.
2 Karsten Brensing, Das Mysterium der Tiere, Was sie denken, was sie fühlen, Berlin, Aufbau Verlag, 2017.
3 Joëlle Proust, Les animaux, pensent-ils?; Bayard, Paris 2003.
4 Sabine Tischler, So ähnlich und doch so fremd. Neurophilosophische Überlegungen zum moralischen Status nichtmenschlicher Tiere in der menschlichen Gesellschaf, Passau 2010.
5 Jessica F. Cantlon and Elizabeth M. Brannon, Basic Math in Monkeys and College Students, 2007.
6 www.alexfoundation.org
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