„Was ist die Großregion SaarLorLux?“

Rezension zu Christian Wille (Hg.) (2015): Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen in Grenzregionen. Das Beispiel der Großregion SaarLorLux. Wirtschaft — Politik — Alltag — Kultur, Bielefeld: transcript

Die Großregion Saar-Lor-Lux-Rheinland-Pfalz-Wallonie-
Französische und Deutschsprachige Gemeinschaft
Belgiens ist eine der größten Grenzregionen
Europas. Untersuchungen zeigen, dass sich grenzüberschreitende
Verflechtungen nur auf einen Teil
der Großregion konzentrieren und sich viele Bewohner
der Existenz der Großregion nicht bewusst sind
bzw. sich kaum mit ihr identifizieren. Die grenzüberschreitende
Lebenswirklichkeit der Bewohner
und die politische Konstruktion der Großregion
scheinen auseinanderzuklaffen.
Im kürzlich erschienenen interdisziplinären Sammelband
Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen
in Grenzregionen. Das Beispiel der Großregion
SaarLorLux beschäftigen sich 19 Autoren mit dieser
Thematik und suchen Antworten auf die Frage „Was
ist die Großregion SaarLorLux?“ (S. 311). Die Wissenschaftler
aus Luxemburg, Lothringen und dem
Saarland haben sich – bis auf zwei Ausnahmen – bereits
2014 im Rahmen der Ringvorlesung Die Großregion
SaarLorLux: Lebenswirklichkeit oder politische
Konstruktion? mit der Thematik auseinandergesetzt.
Die Publikation des Sammelbandes wurde, wie der
Vortragszyklus, von der Universität Luxemburg und
der Universität der Großregion organisatorisch und
finanziell unterstützt. Bei den Autoren handelt es
sich um Sozial- und Kulturwissenschaftler, sie sind
ausgewiesene Experten auf ihrem Forschungsgebiet.
Die 16 Beiträge sind zum Teil auf Französisch, zum
Teil auf Deutsch verfasst. Der in fünf Themenblöcke
unterteilte Hauptteil wird von einer Einleitung und
einer Schlussbetrachtung umrahmt.
Rezension zu Christian Wille (Hg.) (2015): Lebenswirklichkeiten und politische
Konstruktionen in Grenzregionen. Das Beispiel der Großregion SaarLorLux.
Wirtschaft – Politik – Alltag – Kultur, Bielefeld: transcript
Ein vielfältiger und interdisziplinärer
Überblick
Der Herausgeber Christian Wille nähert sich in der
Einleitung den zwei im Titel genannten Schlüsselbegriffen
„Lebenswirklichkeiten“ und „politische Konstruktionen“
an. Er versteht grenzüberschreitende
Räume als „zu nationalen Grenzen quer liegende
Räume“ (S. X), die sozial konstruiert werden. Dies
geschieht sowohl durch politische intentionale Konstruktionen
(Top-down-Prozesse) als auch durch in
der Lebenswirklichkeit und im Alltag der Akteure
verwurzelte Aneignungen (Bottom-up-Prozesse).
Diese Überlegungen beziehen sich auf Grenzregionen
allgemein und damit den Haupttitel der Publikation.
Die weiteren Ausführungen beschäftigen
sich mit dem im Untertitel genannten Beispiel und
damit, wie soziale Prozesse „die Großregion Saar-
LorLux immer wieder aufs Neue hervor[bringen]“
(S. XI).
Im Themenblock „Wirtschaft und grenzüberschreitender
Arbeitsmarkt“ (Beiträge von Malte Helfer, H.
Peter Dörrenbächer und Rachid Belkacem/Isabelle
Pigeron-Piroth) wird deutlich, dass wirtschaftliche
Verflechtungen zu den wichtigsten grenzüberschreitenden
Lebenswirklichkeiten zählen. Die v. a. im
Kernraum der Großregion schon lange bestehenden
Ines Funk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachrichtung
Geographie der Universität des Saarlandes. Ihre Forschungsschwerpunkte
sind die grenzüberschreitende Patientenmobilität und die
grenzüberschreitende Berufsausbildung in der Großregion.
Ines Funk
Zu einer
wirklichen
Integration
kommt es
allerdings selten,
Grenzen in den
Köpfen bestehen
weiter.
Großregion November 2015 13
Grenzpendler-, Liefer- und Absatzbeziehungen gehen
auf die Verschiedenartigkeit und Komplementarität
der Mitgliedsregionen der Großregion zurück.
Die wirtschaftliche und strukturelle Heterogenität
der Großregion bringt allerdings auch Hemmnisse
und Gefahren mit sich; sie ist damit gleichzeitig Potenzial
und Herausforderung. Die grenzüberschreitenden
Beziehungen bedeuten nicht unbedingt für
alle betroffenen Akteure eine Win-win-Situation.
Aus dieser ambivalenten Bedeutung der Grenzlage
ergeben sich viele Ansatzpunkte für grenzüberschreitende
Kooperationen und Institutionen – und damit
politische Konstruktionen.
Der Themenblock „Governance und grenzüberschreitende
Zusammenarbeit“ (Beiträge von Franz
Clément, Estelle Evrard/Christian Schulz und Antje
Schönwald) widmet sich solchen politischen Konstruktionen,
wie z. B. der schrittweisen „sehr zaghaften“
(S. 102) Institutionalisierung der Großregion
oder dem Konzept der polyzentrischen grenzüberschreitenden
Metropolregion. Diese politischen
Konstruktionen geben einerseits Bedingungen für
grenzüberschreitende Verflechtungen vor. Andererseits
sind sie die Reaktion auf grenzüberschreitende
Ströme, d. h. auf die Lebenswirklichkeiten. Eine
großregionale Identität existiert bei vielen an Kooperationen
beteiligten Akteuren nur in begrenztem
Umfang, Eigeninteressen spielen eine wichtige Rolle
bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.
Im Mittelpunkt des Themenblocks „Grenzüberschreitende
Alltagspraktiken und Identitäten“
(Beiträge von Christian Wille, Gundula Scholz
und Elisabeth Boesen/Gregor Schnuer) stehen die
Bewohner der Großregion. Für sie sind konkrete
Vorteile, die aus der Unterschiedlichkeit der Mitgliedsregionen
hervorgehen, z. B. Preisgefälle oder
verschiedenartige Angebotspaletten, meist der Anlass
für das Aufsuchen der Nachbarregionen. Für einen
Teil der Bewohner, bei bestimmten Aktivitäten
und in bestimmten Teilräumen ist die Großregion
eindeutig eine Lebenswirklichkeit. Zu einer wirklichen
Integration kommt es allerdings selten, Grenzen
in den Köpfen bestehen weiter.
Der Themenblock „Medienpraktiken und grenzüberschreitende
Medienöffentlichkeiten“ (Beiträge
von Elena Kreutzer und Vincent Goulet/Christoph
Vatter) zeigt die Probleme der großen Heterogenität
der Großregion auf. Die Verschiedenartigkeit der
Mediensysteme, die unterschiedlichen journalistischen
Arbeitsweisen und die Sprachbarriere stellen
Hemmnisse für grenzüberschreitende Medienpraktiken
dar. Bis auf einige Leuchtturmprojekte und engagierte
Einzelakteure ist eine grenzüberschreitende
Medienöffentlichkeit „mehr Illusion als Lebenswirklichkeit“
(S. 225).
Der Themenblock „Kunst und grenzüberschreitende
Kulturpolitik“ (Beiträge von Monika Sonntag,
Gaëlle Crenn und Eva Mendgen) thematisiert sowohl
Top-down-Projekte, wie Luxemburg und die
Großregion – Europäische Kulturhauptstadt 2007,
als auch Verflechtungen, die auf individuellen Netzwerken
von Kulturakteuren beruhen. Für einige
Kulturakteure ist die Großregion Lebenswirklichkeit
und selbstverständlich, während die Bewohner
in kulturellen Angeboten nur begrenzt einen Anlass
zum Besuch der Nachbarregionen sehen. Eigeninteressen
und Verständigungsprobleme erschweren
auch in diesem „weichen“ Kooperationsfeld die
Zusammenarbeit.
Birte Nienaber zieht aus den sehr vielfältigen Beiträgen
das Fazit, dass grenzüberschreitende Lebenswirklichkeiten
in der Großregion sehr subjektiv sind
und v. a. in Grenznähe bestehen. Die politischen
Konstruktionen werden dadurch beeinflusst, dass
der politische Wille zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit
nicht bei allen Akteuren gleich groß
ist. Politische Konstruktionen und Lebenswirklichkeit
stehen in Wechselwirkung zueinander und tragen
gleichermaßen zur Konstruktion der Großregion
bei. „Die Großregion SaarLorLux ist schließlich
v. a. eine (sozial) konstruierte, dynamische und stets
kontextbezogene ’Wirklichkeit’ multipler Grenzziehungen“
(S. 313).
14 forum 356 Großregion
Die Großregion als komplexe, dynamische und
subjektive Konstruktion
Die wichtigste Erkenntnis des Bandes ist, das es
die eine Großregion nicht gibt. Schon die im Titel
des Sammelbandes verwendeten Pluralformen
der Schlüsselbegriffe sind ein Plädoyer für die Berücksichtigung
unterschiedlicher Perspektiven. Auf
dem Papier sind die Grenzen der Großregion zwar
eindeutig, mit Leben gefüllt wird sie jedoch durch
Akteure, die sehr subjektive Vorstellungen von der
Großregion haben und damit sehr unterschiedliche
Abgrenzungen vornehmen. Auch die Autoren
der Einzelbeiträge beziehen sich in Abhängigkeit
von ihrer Forschungsfrage auf ganz unterschiedliche
Großregionen. Die Publikation reiht sich damit in
die vielen Diskussionsbeiträge zum Zuschnitt der
Großregion ein, sie zeigt viele verschiedene Großregionen
auf.
Wer die Lebenswirklichkeiten und politischen Konstruktionen
der Großregion verstehen will, muss
also – wie im Sammelband geschehen – sehr viele
Aspekte und Perspektiven einbeziehen sowie unterschiedliche
Herangehensweisen wählen. Die vielen
Querverweise zwischen den Beiträgen zeigen die
zahlreichen Verbindungen zwischen den behandelten
Themen auf. Der Beitrag von Antje Schönwald
hätte z.B. ebenso gut im Themenblock „Grenzüberschreitende
Alltagspraktiken und Identitäten“ verortet
werden können.
Alle Beiträge verdeutlichen das zwischen den zwei
Schlüsselbegriffen „Lebenswirklichkeiten“ und „politische
Konstruktionen“ bestehende Abhängigkeits- und
Spannungsverhältnis. Die politischen Konstruktionen
bilden einerseits Voraussetzungen für Verflechtungen,
andererseits können oder wollen sie der dynamischen
Entwicklung dieser teilweise nicht folgen.
Die Stärke der Publikation liegt in ihrem interdisziplinären
Ansatz und ihrer Themenvielfalt, die es
ermöglichen, Querverbindungen herzustellen. Der
Sammelband vereinigt klassische Themen der Großregion,
wie z. B. die Grenzpendlerverflechtungen,
mit sehr speziellen Fragestellungen, wie z. B. den
grenzüberschreitenden Verbindungen zwischen Kris
tallglasmachern. Die Publikation bietet einen vielfältigen
Einblick in aktuelle Forschungsergebnisse.
Einen tieferen Einstieg in die Untersuchungen und
in die Themen kann ein Sammelband, der so viele
Zugänge zu einer Fragestellung präsentiert, nicht
bieten. Allen Lesern, die detailliertere Erläuterungen
vermissen, seien die ausführlicheren Publikationen
der Autoren, wie z. B. die den Artikeln teilweise zugrunde
liegenden Dissertationen, empfohlen. Um
der Dynamik und Komplexität der Großregion gerecht
zu werden, kann die Publikation als work in
progress begriffen werden. Ergänzungen um neue
Blickwinkel können immer wieder vorgenommen
werden, vielleicht auch aus rheinland-pfälzischer
und wallonischer Sicht, um sich der Frage „Was ist
die Großregion?“ weiter anzunähern. u
(© Christian Wille)

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